Historiker über Himmler-Tagebücher "Einer der schlimmsten Massenmörder der Geschichte"

SS-Chef Himmler war Hitlers mächtigster Vollstrecker. Nun veröffentlicht ein Historikerteam seine Diensttagebücher aus den letzten Kriegsjahren. Matthias Uhl erklärt die Hintergründe zu dem Fund.
Ein Interview von Klaus Wiegrefe
Heinrich Himmler (1937): "Er trieb unerbittlich den Holocaust voran"

Heinrich Himmler (1937): "Er trieb unerbittlich den Holocaust voran"

Foto: Max Ehlert / DER SPIEGEL

Heinrich Himmler war ein Mann ohne Gnade. Bei einem Besuch hinter der Ostfront 1941 fiel ihm ein russischer Gefangener auf, weil dieser blonde Haare hatte. Folgender Dialog ist überliefert:

Himmler: "Sind Sie Jude?"
Gefangener: "Ja."
Himmler: "Sind Ihre beiden Eltern Juden?"
Gefangener: "Ja."
Himmler: "Haben Sie irgendwelche Vorfahren, die keine Juden waren?"
Gefangener: "Nein."
Himmler: "Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen."

Der Gefangene wurde erschossen.

So war Himmler, der Radikalste unter Hitlers Radikalen, ein unermüdlicher Antreiber des Todes, dessen Name auf ewig mit dem Holocaust verbunden bleibt. In einem russischen Archiv ist sein Dienstkalender aus den Jahren 1943 bis 1945 aufgetaucht. Michael Wildt, einer der führenden Holocaust-Experten Deutschlands, hat das Dokument für den SPIEGEL analysiert.

Aufgefunden hat den Kalender der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau. Gemeinsam mit Kollegen hat er ihn nun veröffentlicht.

SPIEGEL: Wo haben Sie den Dienstkalender gefunden?

Matthias Uhl: Im Archiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk, einer Großstadt südlich von Moskau. Das Archiv dort ist in einer ehemaligen Kaserne aus den Dreißigerjahren untergebracht. In einem Gebäude im zweiten Stock lagern die sogenannten deutschen "Trophäenakten", wie die Russen sie nennen. Darunter ein Bestand mit der Bezeichnung "Akten der Waffen-SS und Polizei" samt Himmlers Dienstkalender aus den letzten Kriegsjahren.

SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen?

Uhl: Das sind zwei dicke Mappen, da liegen die Blätter für jeden Tag drin, allerdings durcheinander.

SPIEGEL: Was sind das für Blätter?

Uhl: Himmlers Adjutant Werner Grothmann hat dem SS-Chef jeden Tag die anstehenden Termine aufgeschrieben.

SPIEGEL: Was ist daran interessant?

"Hitler sah in Himmler einen potenziellen Nachfolger"

Uhl: Himmler war einer der schlimmsten Massenmörder der Geschichte. Aus dem Kalender geht hervor, wie unerbittlich er den Holocaust vorantrieb. Er besuchte Vernichtungslager, inspizierte Gettos und beklagte sich darüber, dass das Morden nicht schnell genug gehe. Man muss den Kalender im Zusammenhang lesen mit Himmlers sonstiger Korrespondenz, also den täglichen Weisungen und Befehlen. Auch diese haben wir daher in unser Buch aufgenommen. Alles zusammen ergibt das Bild eines Mannes, den nur zwei Dinge wirklich interessierten: der Holocaust und der Ausbau seiner Macht. Hitler sah in ihm einen potenziellen Nachfolger.

SPIEGEL: Privates findet man also nicht im Kalender?

Uhl: Doch, er verzeichnet penibel die Besuche bei seiner Geliebten und den beiden gemeinsamen Kindern, die er häufiger als seine Ehefrau und die eheliche Tochter Gudrun sah.

SPIEGEL: Wie ist der Kalender nach Moskau gekommen?

Uhl: Die SS hatte das Schloss Wölfelsdorf im damals deutschen Niederschlesien, heute Polen, angemietet. Himmler hatte nach alliierten Luftangriffen auf Hamburg und Berlin 1943 befohlen, Dokumente auszulagern, damit sie nicht zerstört wurden. Der Dienstkalender kam wohl Anfang 1945 nach Wölfelsdorf und fiel im Mai der Roten Armee in die Hände.

SPIEGEL: Nur der Dienstkalender?

Uhl: Nein, die Russen haben allein von dort insgesamt mehr als 2600 Kisten mit Akten abtransportiert.

SPIEGEL: Was wollte der damalige Kremlchef Josef Stalin mit diesen Papiermengen?

Uhl: Die Sowjets suchten nach Material zur Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen. Und dann war es damals üblich, Archive als Beutegut zu betrachten. Da unterschied sich Stalin nicht von Hitler oder auch Napoleon. Kurioserweise nahm die Rote Armee in großem Stile auch Unterlagen mit, welche die Deutschen zuvor Franzosen und Polen geraubt hatten.

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Matthias Uhl, Martin Holler, Jean-Luc Leleu (Hrsg.)

Die Organisation des Terrors - Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945

Herausgeber: Piper
Seitenzahl: 1152
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SPIEGEL: Wie ging es weiter mit Himmlers Kalender?

Uhl: Die Beuteakten wurden beim sowjetischen Innenministerium gelagert. 1954 übernahm der Geheimdienst KGB die Unterlagen. Er hat sie nach Personen verschlagwortet, offenkundig auch, um belastende Unterlagen aus der Nazizeit für Kampagnen gegen westdeutsche Politiker zu nutzen.

SPIEGEL: Aber Himmler hatte sich 1945 das Leben genommen.

Uhl: Deswegen hat sich auch niemand für den Kalender interessiert. Ende der Fünfzigerjahre wurde er mit anderen Papieren dem sowjetischen Militär übergeben und landete in Podolsk. Dort blieb alles bis vor wenigen Jahren weggeschlossen.

"Es gab beim sowjetischen Militär eine Tradition der Geheimhaltung, die ins Absurde reichte"

SPIEGEL: Warum die Geheimniskrämerei?

Uhl: Es gab beim sowjetischen Militär eine Tradition der Geheimhaltung, die ins Absurde reichte. Ihre Folgen sind auch im heutigen Russland noch zu spüren. Zudem sprechen viele Archivare kein Deutsch und trauen sich nicht, Papiere herauszugeben, deren Inhalt sie nicht einschätzen können.

SPIEGEL: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 haben sich die russischen Archive doch zunächst geöffnet.

Uhl: Podolsk war für Ausländer immer unzugänglich. Umso bedeutender, dass die russische Seite heute mit dem Deutschen Historischen Institut Moskau kooperiert. Wir haben knapp 15.000 Beuteakten - überwiegend der Wehrmacht sowie aus Reichsministerien - gemeinsam mit dem russischen Verteidigungsministerium im Netz veröffentlicht. Eine ähnliche Menge soll noch publiziert werden. Irgendwann werden dann auch die Himmler-Dokumente dort zu finden sein.

SPIEGEL: Erwarten Sie weitere Funde zu Himmler?

Uhl: Wir suchen seine Diensttagebücher aus den Jahren 1939 und 1940. Auch wissen wir, dass Himmler zeitweise Besprechungsnotizen gefertigt hat. Gut möglich, dass da noch Neues auftaucht.

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