Staatsmann Churchill Zyniker in der Downing Street

Hitler-Besieger Winston Churchill wird heute als romantische Lichtgestalt verehrt. Dabei interessierte den Realpolitiker nur eines: das britische Empire. Der Premier wechselte Freund und Feind je nach Weltlage - aus dem ehemaligen Kommunistenhasser wurde sogar Stalins Verbündeter.


Um zu erklären, wie Winston Churchill die Welt sah, muss man die Geschichte mit den drei Streichhölzern erzählen. Sie trug sich 1943 in Teheran zu, als dort die "Großen Drei" der Anti-Hitler-Koalition zusammentrafen: der Kreml-Diktator Josef Stalin, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und eben Churchill, damals britischer Premierminister.

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Heft 33/2010
Wie Winston Churchill die Nazis stoppte

Es ließ sich bereits absehen, dass Stalin nach dem Sieg über das "Dritte Reich" einen Teil Polens seiner Sowjetunion einverleiben wollte, und damit stand Churchill vor einem Dilemma. Schließlich war Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg gezogen, weil Hitler Polen überfallen hatte, und nun wollte ausgerechnet Churchills Verbündeter Stalin die territoriale Integrität Polens verletzen.

Aber da die Rote Armee nun einmal die Hauptlast der Kämpfe gegen die Wehrmacht trug, mochte der Premier den Wunsch nicht abschlagen und sann auf Kompensation für seine polnischen Schützlinge. Er nahm daher drei Streichhölzer und legte sie nebeneinander auf den Tisch; je eines für die Sowjetunion, Polen und Deutschland. Verrückte er die Sowjetunion zu einer Seite (nach Westen), schob er die zwei anderen Hölzer vor sich her. "Das amüsierte Stalin, und in dieser Stimmung gingen wir einstweilen auseinander", erinnerte sich später der Brite an seine anschauliche Demonstration der Westverschiebung Polens, aus der die heutigen Grenzen Deutschlands und Polens hervorgegangen sind.

Politik am Reißbrett: Staaten verschieben, Grenzen neu ziehen und dann die Menschen umsiedeln, denn natürlich mussten die Polen aus jenen Gebieten verschwinden, die an die Sowjetunion kamen. Und die Deutschen in Ostpreußen, Pommern oder Schlesien hatten zu weichen, weil diese Teile Ostdeutschlands an Polen fielen. Heute würde man so etwas ethnische Säuberungen nennen, und es zählt zu den großen PR-Coups Churchills, dass er Zeitgenossen wie der Nachwelt den Eindruck vermittelte, er sei ein Romantiker. Mitnichten.

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Churchill, Winston S.
Der Zweite Weltkrieg

Verlag:
FISCHER Taschenbuch
Seiten:
1136
Preis:
25,00 €

Schließlich hat er doch selber überdeutlich ausgesprochen, was ihn umtrieb: "Das Britische Empire ist für mich das A und O. Was für das Empire gut ist, ist auch für mich gut; was für das Empire schlecht ist, ist auch für mich schlecht."

An dieses Bekenntnis hielt sich der etwas beleibte Brite mit dem Großen-Jungen-Gesicht Zeit seines Lebens, was bei seiner Herkunft und seinem Lebensweg nicht verwundert. Der 1874 geborene Monarchist stammte aus einer der bedeutendsten Familien Großbritanniens; ihr gehörte und gehört das prächtige Blenheim Palace bei Oxford, das zu den größten Schlossanlagen Großbritanniens zählt. Als junger Offizier war Churchill in Indien und dem Sudan im Einsatz; die Welt des Empires war seine Welt.

"Gegen unsere gesamte Geschichte"

In praktische Politik umgesetzt bedeutete die Regel des "Empire first": Großbritannien musste verhindern, dass eine Macht den europäischen Kontinent dominierte. Das hätten die Briten schließlich seit Jahrhunderten getan, schrieb Churchill einem Freund. Alles andere wäre "gegen unsere gesamte Geschichte" – auch gegen die Tradition der eigenen Familie: Churchills berühmtester Vorfahre war der erste Herzog von Marlborough, der als britischer Heerführer einst verhindert hatte, dass die Franzosen das europäische Festland beherrschten.

Aus diesem Denken heraus kannte Churchill keine Freundschaften und auch nicht dauerhafte Feindschaften, sondern nur kühl erwogene Interessen. Im Laufe seiner mehr als ein halbes Jahrhundert dauernden Karriere wollte der Realpolitiker mal mit, mal gegen die Deutschen kämpfen, mal ging es mit, mal gegen die Sowjetunion.

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Winston Churchill: "Empire first"

Nach dem Ersten Weltkrieg galt zunächst die Devise: "Kill the Bolshie, kiss the Hun" ("Töte die Bolschewiken, küsse die Deutschen"). Churchill war damals ein aufstrebender junger Minister in London und schlug vor, mit den gerade besiegten Deutschen einen Kreuzzug gegen die Sowjetunion zu führen, wozu es dann nicht kam.

Churchill warnt früh vor Hitler

Natürlich verabscheute er das Abschlachten des Adels in der Russischen Revolution und schimpft Lenin und Genossen "Vampire, die ihren Opfern das Blut aussaugen" (Capet 2). Doch wie er später dem sowjetischen Botschafter in London anvertraut, war sein Motiv ein anderes: "1919 glaubte ich, Ihr Land stelle die größte Gefahr für das Empire dar, und war deshalb damals ein Gegner Ihres Landes."

Als gut anderthalb Jahrzehnte später Hitler auf Expansionskurs ging, argumentierte Churchill dann, er sei "jetzt der Ansicht, dass Deutschland die größte Gefahr für das Empire ist, darum bin ich jetzt ein Gegner Deutschlands...". Und darum sei er nun "zur Zusammenarbeit mit den Sowjets bereit".

Von der britischen Regierung, der er damals nicht angehörte, forderte Churchill schon in den dreißiger Jahren, sich dem "Dritten Reich" in den Weg zu stellen: "Stoppt es! Stoppt es jetzt!!!" 1940 wurde der einstige Kommunistenhasser Premier und streckte Stalin nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 sofort die Hand entgegen.

Ein Nachkriegsmachtblock aus USA und Großbritannien?

Aufnahmen von den großen Kriegskonferenzen in Teheran und Jalta zeigen Churchill und Stalin im trauten Gespräch, was nichts daran änderte, dass Churchill nur der alten Regel der Realpolitik folgte, wonach der Feind des Feindes ein Freund ist.

Insgeheim glaubte er, das britische Weltreich werde gemeinsam mit den USA am Ende des Krieges den mächtigsten Machtblock bilden, den die Menschheit je gesehen hat. Und die zerstörte Sowjetunion werde vom Westen abhängig sein: "Sie werden unsere Hilfe mehr benötigen als wir ihre."

Doch 1945 war das Empire so gut wie pleite, die Rote Armee stand an der Elbe und Churchill fürchtete, "die Woge der sowjetischen Herrschaft (werde) 200 Kilometer vorwärts geschwemmt".

Das Zweckbündnis zwischen Churchill und Stalin endete de facto mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945; wenige Tage später gab der Premier bezeichnenderweise seinen Generälen den streng geheimen Auftrag, die Option eines britisch-amerikanischen Krieges gegen die Sowjetunion durchzuspielen – mit der gerade besiegten Wehrmacht auf alliierter Seite. Kriegsbeginn: 1. Juli 1945.

Ein letzter, einsamer Versuch

Die Antwort auf die Frage, ob Churchill diese Idee ernsthaft verfolgt hätte, muss offen bleiben. Immerhin erhielt Feldmarschall Bernard Montgomery Order, die der Wehrmacht abgenommenen Waffen bereitzuhalten. Doch weder die Amerikaner noch die britischen Militärs wollten mitmachen. "Die Erfolgschancen sind minimal", notierte Armeechef Alan Brooke in seinem Tagebuch. Die Unterlagen zur "Operation Unthinkable" landeten im Archiv, und wurden erst vor wenigen Jahren freigegeben.

Churchill war beim Ende des Zweiten Weltkrieges 70 Jahre alt, und es fiel ihm erkennbar schwer, den Gedanken zu akzeptieren, dass sein geliebtes Empire den Zenit längst überschritten hatte.

Er wurde abgewählt, kehrte dann 1951 noch einmal für eine kurze Zeit als Premierminister in die Downing Street 10 zurück und bot der Welt das Bild eines alternden Mannes, der zu mancher Volte bereit war, soweit sie britischer Weltgeltung zu dienen schien. Die letzte Initiative: Ein Gipfeltreffen mit Amerikanern und Sowjets sollte den Kalten Krieg beenden, in dem die Briten nur die Rolle eines amerikanischen Juniorpartners spielen konnten.

Schon die Amerikaner winkten müde ab.

Im April 1955 trat Churchill erschöpft zurück. Der Mann und seine Idee hatten sich überlebt.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Hans Schmidt, 17.08.2010
1.
http://www.elblichter.info/index.php?option=com_content&view=article&id=64:-sie-nennen-es-wahrheit&catid=34:artikel&Itemid=57
Volker Camphausen, 18.08.2010
2.
Interessant, wie milde man hier mit dem britischen Schlächter umgeht! Zyniker - so so. Wo ist die Erwähnung des Menschheitsverbrechens u. v. a. m. der Auslöschung der Dresdener Zivilisten, allein zu dem Zweck, Stalin zu beweisen, daß er durchaus zuzuschlsagen vermochte? Kriegswichtig war diese Greueltat nicht! Kein Wort darüber in dem Artikel! Peinlich! So selbstverleugnend erlangen wir nicht die Hochachtung der Welt, um die wir braven Nachkriegsdeutschen doch so sehr bemüht sind! Die Welt verachtet diese kriechenden Deutschen!
Johann-Georg Blomeyer, 18.08.2010
3.
Wer Churchill's Haltung gegenueber dem Wirken des wahren teuflischen Zerstoerer isoliert betrachtet, der befindet sich schon in der Reihe der Neonazis. Ich bemerke hier eine Tendenz in den deutschen Medien, die das Leiden der Zivilbevoelkerung von den Leiden trennt, welche die Agressoren verursacht haben. Ich moechte ja nicht boese fragen, welche PG-Funktionen die Altvorderen der Autoren Klaus Wiegrefe und Volker Camphausen ausgeuebt haben. So manche Haltung vererbt sich. Ich kann nur das Buch der juedischen Autorin Maggi Liddi-Grassi empfehlen, die einige Tatsachen ueber Churchill beschreibt, die natuerlich von unseren Deutschtuemlern verschwiegen werden: The Light that shone into the Dark Abyss. Ach, das ist ja ein englischer text, zu viel verlangt von unseren heutigen teutschen Autoren. Joerge11
Josef Schuh, 19.08.2010
4.
18.8.2010 Churchills entscheidendste Leistung für sein Land war, Amerika in den zweiten Weltkrieg gegen Deutschland zu ziehen und den Kriegsaugang zu alliiertenGunsten zu wenden. Nur die amerikanische Wirtschaftskraft hat mit dem Strom an Hilfslieferungen über Murmansk die Sowjetunion vor dem Untergang gerettet (Stalin zu Chruschtschow:"Hätten wir Deutschland eins zu eins entgegentreten müssen, hätten wir es nicht geschafft"), hat mit den Bombergeschwadern die deutsche Industrie gelähmt und hat die Invasion ermöglicht. Was Churchill dann noch vollbrachte, war sadistisch: Schon 1943die Forderung, daß Deutschland bedingungslos kapitulieren müsse, die Verkleinerung Deutschlands (mit Streichhölzern auf der Karte die Oder-Neißegrenze bestimmt), die Billigung der Vertreibung von 14 Millionen Deutschen (disentanglement = Entflechtung genannt) und die Brutalität gegen unsere Städte samt Bevölkerung aus der Luft. Ungewollt aber im Sinne Roosevelts hat er das Kolonialreich verloren. Die Aachener haben ihm unterwürfig den Karlspreis verliehen, obwohl er Aachen mit fünf weiteren Städten für den knapp unterbliebenen Milzbrandabwurf vorgesehen hatte. Natürlich hatte er privat auch eine erzählenswerte Seite, wie jeder. Churchill war für England ein Glück. Uns hat er zuviel Unglück gebracht.
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