Fotostrecke

Marathon-Geschichten: So weit die Füße tragen

Foto: ANE Edition / IMAGO

Metropolen-Marathon Als die Städter laufen lernten

Hamburg und Berlin, New York, London und Tokio: Dieses Großereignis leistet sich fast jede Weltstadt – längst ist Marathon zugleich Extrem- wie Breitensport. Es begann alles ganz klein, vor 125 Jahren in Athen und Boston.

Als Spyridon »Spyros« Louis am 10. April 1896 ins Athener Panathinaiko-Stadion einlief, hielt es die 40.000 Zuschauer nicht auf den Sitzen. Sogar der griechische Prinz Georg und der spätere König Konstantin ließen sich von der Begeisterung anstecken und liefen die letzte Runde bis zum Ziel an der Seite des jungen Soldaten. Die Menge tobte.

Wenige Wochen zuvor hatte Louis, 23, noch nicht geahnt, dass er eine so ruhmreiche wie kurze Karriere als Langstreckenläufer machen würde – er lief einmal und nie wieder. Mit der heute noch respektablen Zeit von 2 Stunden und 58 Minuten für die 40 Kilometer von Marathon bis Athen holte er sich den ersten olympischen Sieg im Marathonlauf, wenn auch keine Goldmedaille, denn die gab es 1896 noch nicht.

Sein Erfolgsrezept: ausreichende Flüssigkeitszufuhr (angeblich neben Wein auch Weinbrand) und kleine Kalorieneinnahmen (Schafskäse). Hilfreich war auch, dass er die gesamte Strecke wirklich lief und sich nicht etwa dabei erwischen ließ, Teilstrecken per Kutsche zu fahren – wie sein deshalb disqualifizierter Konkurrent Spyridon Belokas.

Dass ein Grieche diesen härtesten Wettbewerb der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit gewinnen würde, kam nicht überraschend: 13 der 17 Läufer waren Hellenen, sie belegten am Ende sieben der ersten acht Plätze. Immerhin waren sie aber waschechte Amateure. Der Soldat Louis war seinem Vorgesetzten als zäher Läufer aufgefallen und zum Marathon abkommandiert worden.

Den Lauf hatte man nur für die Olympischen Spiele erfunden – eine so romantische wie werbeträchtige Idee, die das Sportereignis mit angeblicher Historie aufwerten sollte. »Marathon« erinnerte an den mythisch-legendären Lauf des Pheidippides, der angeblich 2200 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Wie Louis war auch dieser antike Läufer Soldat und soll der Stadt Athen die Nachricht vom Sieg über die Perser gebracht haben.

Eine PR-Aktion wird zur Initialzündung

Der geschichtssatte PR-Stunt war ein voller Erfolg: Die Welt hatte eine neue Sportart entdeckt, die die Massen begeisterte. Zu den Zeugen zählte John Graham, Manager und Trainer des ersten US-Olympiateams und Mitglied der Boston Athletic Association (BAA). Nach seiner Rückkehr berichtete Graham vom ersten Marathon-Wettbewerb. Seine Idee: Wie wäre es, so einen Marathon als Stadtlauf zu organisieren? 40 Kilometer kreuz und quer durch eine Großstadt: Das bedeutete jede Menge Zuschauer ohne viel Aufwand!

Klingt gut, fanden die Funktionäre, und Graham machte sich mit Hilfe des Geschäftsmanns Herbert H. Holton an die Organisation. Am 19. April 1897 war es so weit: 18 Männer starteten zum ersten Stadtmarathon und begründeten damit eine Tradition, von der niemand ahnen konnte, dass sie einmal zum globalen Trend werden sollte – wenn auch sehr viel später.

Krumme Distanz: Wieso eigentlich 42,195 Kilometer?

In den frühen Marathonjahren variierte die Strecke zwischen 40 und 42 Kilometer. Die heute üblichen 42,195 Kilometer wurden erstmals 1908 bei den Olympischen Spielen in London gelaufen und sind seit 1924 die offizielle Distanz.

Wieso ein so krummes Maß? Darum rankt sich eine schöne Legende: Zahlreichen Quellen zufolge wünschte sich 1908 Kronprinzessin Victoria Alexandra Alice Mary, 11, den Marathonstart von ihrem Kinderzimmer aus zu beobachten. Daraufhin habe man die Startlinie an einen passenden Punkt im Garten von Schloss Windsor gelegt – Mary, eine Tante der späteren Queen Elisabeth II., war schließlich die einzige Tochter des englischen Königspaares.

Wie so vieles in der olympischen Geschichte war auch das wohl eine werbewirksame Legende. Den Rennstart im Schlossgarten hatte das Veranstalterkomitee bereits 1907 aus weit profaneren Gründen beantragt: Man wollte sich den Pöbel vom Leib halten und den Startschuss zum exklusiven Event für Honoratioren machen. Das Königshaus stimmte erst kurz vor den Spielen zu. Es soll aber tatsächlich Prinzessin Mary gewesen sein, die das Signal zur Startfreigabe an den Olympier Lord Desborough übermittelte, der es dann an die Funktionäre weitergab. Der folgende Startschuss war der Urknall zur Einführung der 42,195 Kilometer.

Schon dieser erste Stadtmarathon wurde, gemessen an den Maßstäben der Zeit, zum Riesen-Event: Alle Bostoner Zeitungen und zahlreiche weitere aus dem ganzen Land entsandten Reporter, die »Massen« von Zuschauern bezeugten. Ihre Zahl ließ sich kaum erfassen, denn das Publikum sorgte nicht allein entlang der Laufstrecke für Stimmung. Viele folgten den Läufern auch, zu Fuß und auf Pferden, mit Kutschen und Elektroautos, die damals weit populärer und verbreiteter waren als Benziner.

Vom Zieleinlauf des Siegers John J. McDermott wurde berichtet, dass die Ordnungskräfte Mühe hatten, den ganzen Verkehr fernzuhalten – zumal man die Route keineswegs völlig abgesperrt hatte. Läufer und Tross bahnten sich über weite Strecken ihren Weg durch den ganz normalen Verkehr von Boston. Das Rennen endete im Irvington Street Oval, eine wohl rund 200 Meter durchmessende Außensportanlage; wie genau sie aussah und wo genau sie lag, ist nicht überliefert. Wenige Jahre später wurde sie offenbar überbaut.

Die Welt beginnt zu rennen

Nicht allein in Boston weckte schon der erste, olympische Wettlauf eine »Marathon Mania«. Auch in anderen Ländern probierte man es nach der olympischen Erfahrung mit Langstreckenläufen. So kam es in Leipzig schon am 5. September 1897 zur Deutschlandpremiere: 18 Starter (acht weitere hatten vor dem Start gekniffen) wagten das »Distanzlaufen über 40 km«.

»Zahlreich« sei das Publikum gewesen, berichteten die »Leipziger Neuesten Nachrichten« darüber. Die Menschen hätten sich das »in Leipzig noch nicht dagewesene Schauspiel« angesehen und die 13 Läufer, die es bis ins Ziel schafften, »lebhaft begrüßt«. Im Folgejahr hieß die Veranstaltung bereits Marathon – die neue Laufdistanz war auf dem Weg vom Kuriosum zur etablierten Sportart.

Als Chicago 1905 dem Vorbild von Boston folgte und den ersten eigenen Marathon veranstaltete, säumten schon gut 100.000 Menschen die Straßen, um »die härtesten aller Sportler« (»New York Times«) in Aktion zu erleben. Ab 1911 sammelten nicht nur Kinder die Fotokarten der Marathonhelden, die den Zigarettenpackungen der Mecca Cigarette Company beilagen – die Ironie darin entdeckte damals noch niemand.

Doch bis aus der Attraktion Marathon ein wirkliches Sport-Spektakel wurde, auf das sich auch Hobbysportler über Monate vorbereiteten, sollte es noch lange dauern. Denn in den ersten Jahrzehnten gehörte die Rennstrecke allein den Athleten, die extreme Langstrecke galt als Rennen für eine läuferische Elite. Da war noch keine Breitensportbewegung, die aus dem durchaus populären Event auch »Pop« hätte machen können.

Fotostrecke

Marathon-Geschichten: So weit die Füße tragen

Foto: ANE Edition / IMAGO

So wuchs das Feld der Starter zwar Jahr um Jahr, aber zunächst sehr langsam. 1906 starteten in Boston erstmals mehr als 100 Wettbewerber, drei Jahre später 182, dann verlor der Lauf wieder an Popularität. Schuld daran war keineswegs der Erste Weltkrieg, denn schon zuvor rannten nur 82 Männer durch Boston – es waren schlicht harte Zeiten.

Ganz ähnlich das Bild in den Zwischenkriegsjahren: 48 Starter anno 1919 waren der Tiefpunkt, danach stiegen die Teilnehmerzahlen rasant, um dann mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 einzubrechen und auf niedrigem Niveau zu verharren. Erst 1955 erreichte der Marathon wieder Aktivenzahlen wie vor 1938. Von da an ging es langsam, aber stetig aufwärts, bis Boston 1967 stolze 741 Läufer meldete.

Den größten Umbruch brachten die Frauen

Dass sich die Zahlen ab 1968 vervielfachen sollten, verdankte der Marathon auch dem »Skandal«, dass Frauen sich die Teilnahme ertrotzten. Roberta Gibb lief von 1966 bis 1968 einfach heimlich mit und sorgte für viel Hallo. Katherine Switzer ging noch weiter: Sie kürzte bei der Anmeldung ihren Vornamen zu »K.V.« und »vergaß«, auf ihr Geschlecht hinzuweisen.

Die Bilder, wie ein Funktionär 1967 so zornig wie vergeblich versuchten, sie während des Laufes von der Strecke zu rempeln und ihr die Startnummer 261 wegzuschnappen, gingen um die Welt und machten den Marathon zum Politikum. Fortan war es ein Gebot der Emanzipation, auch Frauen die Langstrecke laufen zu lassen.

1971 erlaubte der amerikanische Amateursportverband ihnen offiziell die Teilnahme – und der Marathon mutierte zum Massensport. Frauen stellten schon nach wenigen Jahren 30 bis 40 Prozent der Teilnehmenden.

Die Liberalisierung passte zum Zeitgeist der frühen Siebzigerjahre. Die in Deutschland »Trimm Dich fit!« genannte Freizeitsport-Welle versetzte die Gesellschaften des Westens in Bewegung. Menschen begannen, für den Sport ihren Lebensstil umzustellen, vom Tagesablauf bis zur Ernährung.

Wie steil das Leistungsniveau des Breitensports stieg, zeigte sich nirgendwo deutlicher als im Marathon. Bei den großen Stadtmarathons konkurrierten nun Athleten mit ambitionierten Hobbyläufern. Das Gros verstand die Sache aber olympisch: Dabeisein war alles – und bald auch schrill kostümiert oder im Rollstuhl (in Boston schon ab 1975).

New York City Marathon 2019: Sportveranstaltung als Volksfest

New York City Marathon 2019: Sportveranstaltung als Volksfest

Foto: Lucas Jackson / REUTERS

Die »Qual« des Marathons wurde zum gefeierten Pop-Event. Das macht diesen Sport einzigartig: Bei den großen Stadtmarathons wurden und werden einerseits Rekordzeiten erlaufen (in Boston bereits 1947 ein erster Weltrekord). Andererseits bewegen die Events aber auch Massen von Freizeitläufern, die Stadtmarathons immer stärker zum Mittelpunkt des Breitensports machten.

Teilnahmeticket per Lostrommel

Schon 1970 führte die BAA darum Qualifizierungszeiten ein, um das Niveau zu halten. Was die Freizeitsportler kaum bremste: 1996 schafften 38.708 Läufer die Qualifikation und teils auch kostümiert respektable Zeiten. Die Veranstalter wurden regelrecht überrannt. In Boston begrenzten sie die Größe des Feldes ab 2003 zeitweilig auf 20.000 LäuferInnen. Und nicht nur dort lief es darauf hinaus, dass Freizeitsportler die Startfreigabe per Losverfahren gewinnen mussten.

Seit 2006 sind es vor allem die großen Stadtmarathons, die darüber entscheiden, wer sich »Weltmeisterin« oder »Weltmeister« nennen darf. Von Frühling bis Herbst geht die Saison und führt die Laufbegeisterten um den ganzen Erdball. Marathon ist längst Teil der urbanen Kultur, markiert in den Austragungsstädten oft zugleich den sportlichen Höhepunkt des Jahres und das größte Volksfest.

In besonderem Maße gilt das für die »World Marathon Majors«-Rennen, in denen man über die Platzierung WM-Punkte sammeln kann. Dazu zählen die Läufe in Tokio, Boston, London, Berlin, Chicago und New York sowie Läufe bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele, wenn diese stattfinden.

Selbst Terror konnte die Begeisterung für den Stadtmarathon nicht brechen. Am 15. April 2013 erlebte der Boston Marathon seine dunkelste Stunde, als zwei junge, fanatische Islamisten Bomben unter den Zuschauern im Zielbereich platzierten – drei Menschen starben, mehr als 260 wurden teils schwer verletzt.

Im Folgejahr feierten rund 500.000 Zuschauer die 35.671 SportlerInnen, die den Marathon von Boston liefen. Es waren mehr als je zuvor.