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Stalingrad 1942: Weihnachten in der Hölle

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Stalingrad 1942 Weihnachten in der Hölle

Kälte, Hunger, Kugelhagel: Den Tod vor Augen harrten an Weihnachten 1942 Tausende deutsche und sowjetische Soldaten in den Ruinen Stalingrads aus. Dieter Peeters, Horst Zank und Günter Koschorrek waren dabei.
Von Jens Ostrowski

24. Dezember 1942. An Weihnachten wollte Dieter Peeters längst zu Hause sein. In der Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende im Osten. Stattdessen kauert er Heiligabend im Bunker. 3000 Kilometer von der Heimat entfernt gibt es weder Festbraten noch Christbaum. Auch der Kerzenstummel auf dem Stahlhelm vor ihm verbreitet keine Feststimmung. Wie auch? Der 21-Jährige friert, er hat Hunger und Angst. Er ist in Stalingrad.

300.000 deutsche und verbündete Soldaten sitzen seit dem 19. November in der Falle. Eine Million Rotarmisten haben den Kessel um die Wolgametropole geschlossen, bringen seitdem Hitlers Eroberungskrieg zum Stillstand. Die Zeche für dessen Größenwahn zahlen die Soldaten der Sechsten Armee. Rund 1600 von ihnen sterben jeden Tag. Wer nicht in den Kämpfen fällt, krepiert durch Hunger, Kälte und Krankheit. Dieter Peeters (87) aus Düsseldorf, Horst Zank (88) aus Bonn und Günter Koschorrek (84) aus Iserlohn gehörten zu denen, die um ihr Leben kämpften. Noch 65 Jahre später erinnern sie sich genau daran.

"Für uns glich es einer Ohrfeige, dass der Gegner über derartige Kräfte verfügte. Die Propaganda blendete uns so sehr, dass wir glaubten, der Wehrmacht könne niemand in die Quere kommen. Wir hatten Frankreich in sechs Wochen zu Fall gebracht. Wie sollten uns da die Russen aufhalten?", erzählt Koschorrek. Damals war er 19.

"Sie fielen plötzlich tot um"

Es waren junge Leute wie er, die Hitler für seine Pläne verheizte. "Seit der Kesselschließung am 19. November wurde die Lage für uns Soldaten jeden Tag schlimmer. Es war kalt, es gab nichts zu Essen. Für ein kleines Stückchen Brot und im Vertrauen auf Rettung ließen wir uns immer wieder zum Einsatz bewegen", berichtet der damals 23-jährige Horst Zank.

Die Versorgung mit Lebensmitteln, Winterkleidung und Munition war nur noch aus der Luft möglich. 550 Tonnen täglich brauchte die Armee. Fünf mal mehr als die Luftwaffe einfliegen konnte. Abgeworfene Verpflegungsbomben wurden oft von denen geplündert, die sie fanden. Für viele andere blieb nichts übrig. Die meisten hungerten selbst an den Feiertagen: "Wir haben weder zu Weihnachten noch zu Silvester irgendetwas an Sonderzuteilungen erhalten. Seit der Einkesselung bin ich noch keinen einzigen Tag richtig satt geworden", schrieb Flaksoldat Harry Wolter aus Bassum seinen Eltern. Es war das Letzte, was sie von ihm hörten.

Dieter Peeters sah seine Freunde sterben: "Täglich verhungerten Soldaten. Sie fielen plötzlich tot um. Manche aßen sogar das Fleisch der Leichen." Er selbst kam dem Tod nur knapp davon. Bei einem Einsatz traf er mit seinen Kameraden auf russische Panzer. "Sie entdeckten uns, hielten direkt auf die vor mir liegende Gruppe zu. Die Panzer wälzten sich durch die offenen Deckungslöcher und zermalmten mit ihren Ketten die im Schnee liegenden Soldaten. Ich stellte mich tot, die Panzer entfernten sich."

Briefe an die Lieben daheim

Den russischen Kämpfern geht es kaum besser. Wer sich zurückzieht, wird erschossen, befiehlt Stalin. Und der Gegner kennt schon gar keine Rücksicht: "Wir liefen Tag und Nacht, waren erschöpft. In diesem Zustand stießen wir auf deutsche Panzer. Meine 42 Leute waren innerhalb einer halben Stunde tot", berichtete Rotarmist Gamlet Dolokjan in einem Feldpostbrief.

Kraft zum Leben schöpften viele Eingeschlossene aus dem letzten Kontakt zur Außenwelt. Feldpost stärkte die Moral, das wusste auch die Wehrmachtsführung. Briefe flogen Richtung Heimat, Verwundete blieben im Kessel.

"Hast Du für die Kinder auch etwas Schönes für Weihnachten gekauft? Ich wünsche euch ein besinnliches Fest und hoffe, dass ich im nächsten Jahr wieder gemeinsam mit euch feiern kann", schrieb Wilhelm Rohde am 16. Dezember seiner Frau in Neheim-Hüsten. Wenige Tage später wurde der Vater von fünf Kindern als vermisst gemeldet.

Hoffnung im Kessel

"Ich bin so dankbar für jeden Gruß, den ich von euch bekomme, auch wenn sie jetzt allmählich sehr sorgenvoll werden. Es wäre wohl übertrieben zu sagen, dass dazu kein Grund vorhanden wäre ... Am Mittwoch gehe ich für sechs Tage auf Beobachtungsstelle. Von dort schreibe ich dann wieder", versprach Otger Kobold aus Kiel seiner Mutter. Von seinem Einsatz kehrte der 21-Jährige nicht mehr zurück.

Unterdessen keimte im Kessel kurz vor Weihnachten noch einmal Hoffnung. Mit 130 Panzern und 60.000 Soldaten marschierte die Panzergruppe Hoth Richtung Stalingrad. "Wir konnten schon Gefechtslärm hören und Leuchtkugeln sehen. Wir hofften, Weihnachten nicht mehr eingeschlossen zu sein. Dieser Gedanke ließ die schweren körperlichen und seelischen Belastungen leichter ertragen", sagt Horst Zank. Nur 48 Kilometer vor dem Kessel kam der Entsatzversuch ins Stocken. Am 23. Dezember schlugen ihn die Russen zurück. "Pünktlich zum Fest wurde unser Schicksal besiegelt", erzählt Peeters.

Wie er sehnten sich Heiligabend viele Soldaten nach geistlicher Nähe. Es gab Feldpfarrer in der Sechsten Armee. Einer von ihnen war Gustav Raab aus Viersen. Er reiste bis in die tiefe Nacht von Lazarett zu Lazarett, von Schützengraben zu Schützengraben, um für die verzweifelten Landser Christmetten und Predigten abzuhalten. "Die Freude und Dankbarkeit der Männer bleibt für mich allezeit unvergesslich. Sie haben geheult wie Kinder und mir zum Dank die Fäuste geschüttelt", schrieb er später in einem Feldpostbrief. Der katholische Geistliche sollte den Kessel nur für Stunden überleben. Noch am Tag der Gefangennahme musste er sterben - weil er als Priester die Moral hochhielt.

Keine Zeit für Weihnachtsstimmung

"Eines hatten wir am Weihnachtsabend alle gemeinsam: keine Geschenke, kein Lebenszeichen von Daheim, die Einsamkeit und Gefahr, die Entbehrungen und den ständigen Hunger", sagt Dieter Peeters. "Wir vermissten die weiß gedeckten Weihnachtstische, die Nüsse, roten Äpfel und das Spekulatiusgebäck. Mit Schneewasser kochten wir eine Pferdefleischsuppe, in die wir an diesem Abend sogar noch einige Erbsen geben konnten, die wir uns für Weihnachten aufgespart hatten. Wieder und wieder fragte ich mich, warum dieser schreckliche Krieg eigentlich noch geführt wurde? Ich wusste keine Antwort mehr."

Für den Offizier Horst Zank blieb wenige hundert Meter von der Front entfernt keine Zeit, in seinem Erdloch Weihnachtsstimmung zu erzwingen. "Wir haben zu den Russen herübergestarrt und gehofft, dass alles ruhig bleibt." An diesem Abschnitt kam es in der Weihnachtsnacht zu keinen Kämpfen. "Wir hatten den Tod dennoch sprichwörtlich vor Augen. Unsere gefallenen Kameraden lagen seit Tagen in der Nähe unseres Erdlochs. Wir konnten sie in dem gefrorenen Boden nicht bestatten. Ihre toten Augen blickten uns an. Es war das traurigste Weihnachten, das ich erleben musste."

Horst Zank und Dieter Peeters gingen Ende Januar, Anfang Februar in die Gefangenschaft. Günter Koschorrek konnte mit seiner Einheit kurz vor Weihnachten aus dem Kessel fliehen. Für ihn gingen die Schrecken des Krieges weiter, bevor auch er gefangen genommen wurde. Von den 250.000 Stalingrad-Soldaten sollten nur 6000 ihre Heimat wiedersehen.

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