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Ermordung des Leningrader Parteichefs: Stalins "Großer Terror"

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Stalins "Säuberungen" "Wir erschießen zu wenig"

Tod und Terror: Im Dezember 1934 erschoss ein Attentäter den Leningrader KP-Chef Sergej Kirow. Danach entfachte Sowjetdiktator Josef Stalin eine gnadenlose Massenmord-Kampagne.

Leonid Nikolajew konnte sein Glück kaum fassen. Anstandslos ließ ihn der Wachposten am Eingang des Leningrader Smolny-Instituts passieren. Dabei hätte der Wächter allen Grund gehabt, den jungen Mann mit dem sanften Gesicht zu durchsuchen. Heimlich schmuggelte Nikolajew einen Revolver in das Gebäude.

Langsam stieg er an diesem 1. Dezember 1934 gegen 16 Uhr die Stufen in den dritten Stock hinauf. Das Smolny-Institut, eine ehemalige Schule für Adelstöchter, war für die Sowjetunion ein besonderer Ort. In seinen Räumen hatte Lenin 1917 die Oktoberrevolution geplant, seither befand sich hier die regionale Zentrale der Kommunistischen Partei.

In der dritten Etage angelangt, wartete Nikolajew. Seine Geduld sollte belohnt werden. Gegen 16.30 Uhr eilte ein Mann an ihm vorbei: etwas kleingeraten, aber mit einem massiven Kopf und energischer Miene. Nikolajew ging dem Mann hinterher, zog seine Waffe und schoss ihm von hinten in den Kopf. Das Opfer hieß Sergej Mironowitsch Kirow und war Chef der Kommunistischen Partei in Leningrad.

Sekunden später stürzten Mitarbeiter aus den anliegenden Büros. Wachen hatten den Mörder bereits überwältigt. "Kirow, Mironitsch", sprach ein Freund den Erschossenen an, um festzustellen, ob er noch lebte. Schließlich trugen die Versammelten den Körper zu einem Konferenztisch. Mehrere Ärzte versuchten Kirow wiederzubeleben - vergeblich.

"Müssen wir eben nachhelfen"

"Alle mit dem Gesicht zur Wand! Hände an die Hosennaht", schallte es bald durch die Gänge der Leningrader Parteizentrale. Mit vorgehaltenem Revolver geleitete Genrich Jagoda, der Vorsitzende des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD), Josef Stalin in das Gebäude. Der sowjetische Diktator war vom Moskauer Kreml an den Tatort geeilt, um den Mord zu untersuchen. Stalin war wegen des Attentats in äußerst gereizter Stimmung. Gleich nachdem er in Leningrad aus dem Zug gestiegen war, schlug er einen ranghohen Leningrader NKWD-Mann mit der Faust ins Gesicht.

Schlimmer erging es Leonid Nikolajew. "Wenn er nicht redet, müssen wir eben nachhelfen", forderte Stalin. Er wollte die Namen der Anstifter zum Mord an Kirow hören. Berichte, dass Nikolajew ein verbitterter Einzeltäter war, der Kirow wegen seiner Entlassung aus dem Institut für Parteigeschichte ermordet hatte, ignorierte Stalin. "Mir ist längst klar, dass in Leningrad eine wohlorganisierte konterrevolutionäre Terrorbande ihr Unwesen treibt", behauptete der Diktator. Damit trat er auch Gerüchten entgegen, er selbst habe seinen potenziellen Nebenbuhler Kirow beseitigen lassen.

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Angehörige der angeblichen "Terrorbanden" sollten nun aufgrund einer rasch aufgesetzten Verordnung "beschleunigt" abgeurteilt werden. Der NKWD erhielt den Befehl, die Todesurteile "unmittelbar nach Urteilsverkündung zu vollstrecken". 1935 erweiterte Stalin seine tödliche Anordnung noch. Jetzt konnten seine Schergen Kinder ab zwölf Jahren erschießen. Die NKWD-Leute wateten förmlich im Blut: Rund 6500 Menschen richteten sie allein im Dezember 1934 hin, darunter auch Leonid Nikolajew.

"Moralische" Verantwortung

Abgesehen hatte es Stalin vor allem auf die ehemaligen Mitglieder des Politbüros Grigori Sinowjew und Lew Kamenew. Beide hatten vergeblich versucht, Stalins Aufstieg zur absoluten Macht zu verhindern. In seiner Funktion als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion besetzte Stalin jedoch alle wichtigen Positionen in der Partei mit seinen Männern. Der NKWD verhaftete Sinowjew und Kamenew Mitte Dezember 1934. Da Sinowjew keine Mittäterschaft am Tode Kirows nachgewiesen werden konnte, zwang ihn Stalin, die "moralische" Verantwortung zu übernehmen.

In einer Atmosphäre der Angst strickten Stalin und seine Handlanger immer neue Verschwörungstheorien. Ein "Leningrader Zentrum" hatte angeblich Kirow auf dem Gewissen, dazu kam ein umstürzlerisches "Moskauer Zentrum". Gefahr drohte angeblich von "Linksabweichlern" wie Sinowjew und Kamenew, und später von "Rechtsabweichlern" wie dem kommunistischen Theoretiker Nikolai Bucharin. Auch der ins Exil gezwungene ehemalige Organisator der Roten Armee, Leo Trotzki, und dessen Anhänger spukten Stalin als Bedrohung im Kopf herum.

Anfang 1935 schlug der NKWD sogar im Kreml zu. Rund 110 Mitarbeiter, darunter Putzfrauen, Wachpersonal, Sekretäre und Bibliotheksangestellte, wurden als angebliche Verschwörer verhaftet. In harten Verhören gaben die Angeschuldigten Geständnisse zu Protokoll, die sie selbst oder Schergen des NKWD erfunden hatten. Der schlimmste Vorwurf waren Attentatspläne auf Stalin.

Wie im Kreml herrschte im ganzen Land ein Klima der Angst. Denunziationen waren an der Tagesordnung, Folter und Erschießungen die Folge. Wer nicht hingerichtet wurde, landete im Lager. "Nehmen Sie das Pack in die Mangel, bis es singt", wies Stalin die Folterknechte des NKWD an. Zusätzlich verhafteten seine Männer auch enge Familienangehörige, um die angeblichen Verschwörer zu Geständnissen zu bewegen. Derartige Methoden hatten Erfolg: Kamenew geißelte sich als "verächtlichen Verräter", andere bezeichneten sich als "Abschaum des Landes".

"Tod durch Erschießen"

Am 19. August 1936 begann der erste von drei großen Schauprozessen in Moskau, in denen Stalin seine Gegner vor aller Welt vernichten wollte. Andrej Wyschinski vertrat als Generalstaatsanwalt der Sowjetunion die Anklage. Von Wyschinski, einem ehemaligen Zellenkumpanen Stalins zur Zarenzeit, war keine Gnade zu erwarten. "Tod durch Erschießen", riet er dem Diktator in jedem Fall einer angeblichen Verschwörung. Über 300 Menschen beobachteten den Prozessverlauf. Neben Journalisten und ausländischen Diplomaten bildeten vor allem NKWD-Leute das Publikum. 16 Männer saßen auf der Anklagebank, darunter Kamenew und Sinowjew. Bewacht wurden sie von NKWD-Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.

Sechs Tage lang nickten die Beschuldigten alle Vorwürfe gegen sie ab. Handfeste Beweise für Attentatspläne oder den Mordauftrag an Kirow gab es nicht - der ganze Prozess basierte auf erzwungenen Geständnissen. "Ich fordere, diese tollwütigen Hunde zu erschießen, jeden Einzelnen von ihnen", geiferte Wyschinski am Ende des Prozesses als Rache für Kirows Tod. Am 25. August 1936 wurden Kamenew und Sinowjew im Keller des Moskauer Lubjanka-Gefängnisses erschossen.

"Auf die Vernichtung aller Feinde"

Zwei weitere große Schauprozesse, sowie ein Militärgerichtsverfahren, forderten 1937 und 1938 weitere Opfer. Die Vorwürfe waren in allen Anklagen lächerlich. Angeblich konspirierten die Angeklagten mit der deutschen Gestapo, dem britischen Geheimdienst oder anderen auswärtigen Mächten. Im sowjetischen Reich entfachte Stalin derweil den "Großen Terror" und ließ immer mehr Bevölkerungsteile drangsalieren.

Bauern und Arbeiter, Parteimitglieder und Funktionäre sowie Direktoren und Techniker gehörten wie Minderheiten zu den Opfern von Deportationen, Lagereinweisungen und Erschießungen. Der aserbaidschanische Parteiführer Mir Dschafar Bagirow radierte beispielsweise ganze Dörfer aus, "Verdächtige" ließ er in seinem eigenen Büro foltern. Überall witterten Stalin und seine Gefolgsleute Verrat und Sabotage. 1933 hatte Stalins Vertrauter Lasar Kaganowitsch geklagt: "Wir erschießen zu wenig."

Nun vergossen der Diktator und seine Helfer Blut in Strömen. Circa anderthalb Millionen Menschen fielen schätzungsweise allein sogenannten "Massenaktionen" zwischen August 1937 und November 1938 zum Opfer, etwa 700.000 wurden ermordet. Nur vier NKWD-Leute erschossen zwischen Sommer 1937 und Herbst 1938 in der Nähe von Moskaus etwa 20.000 Menschen.

Im November 1938 ließ Stalin den "Großen Terror" stoppen. Aus welchem Grund ist unbekannt. Ebenso lange rätseln Historiker, ob die Ermordung Kirows am 1. Dezember 1934 der wirkliche Anlass für Stalins "Säuberungen" war oder als ein Vorwand diente. Für den späteren Schwiegersohn Stalins, Juri Schdanow, war jedenfalls klar, dass "sich nach Kirows Tod alles von Grund auf änderte".

Für die Opfer zählte dagegen nur Stalins Mordlust. Sein Ziel prostete der sowjetische Diktator 1937 bei einem Umtrunk seinen Vertrauten zu: "Auf die Vernichtung aller Feinde, ihrer selbst, ihrer Sippe - bis zum Ende!"

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