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Vergessener Held Stanislaw Petrow: Der Mann, der die Welt rettete

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Sowjet-Offizier Petrow ist tot Der Mann, der die Welt rettete

1983 schrammte die Welt knapp am Atomkrieg vorbei - doch ein sowjetischer Oberst meldete einen US-Raketenangriff korrekt als Fehlalarm. Wie nun bekannt wurde, ist Stanislaw Petrow im Alter von 77 Jahren gestorben.

"Wir sind klüger als die Computer. Wir haben sie geschaffen", dachte der sowjetische Oberst im Herbst 1983. Er misstraute den Riesenrechnern, mit denen er arbeitete und die in der Nacht vom 25. auf den 26. September anzeigten, dass sich US-Raketen nähern. Stanislaw Petrow traf eine einsame Entscheidung: Falscher Alarm, meldete er - und verhinderte so wahrscheinlich ein nukleares Inferno.

Nun ist Stanislaw Petrow gestorben, und zwar schon am 19. Mai 2017 in seiner Wohnung in Frjasino, 20 Kilometer nordöstlich von Moskau, wie sein Sohn Dmitri am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP bestätigte. Zuvor hatte bereits Karl Schumacher, Bestattungsunternehmer aus Oberhausen, auf Petrows Tod hingewiesen und die Ruhrgebietszeitung "WAZ" darüber berichtet. Schumacher, der sich selbst als "Bürger, der manchmal aktiv ist", beschreibt, kannte den ehemaligen sowjetischen Offizier persönlich; er war 1999 nach Moskau gereist und hatte Petrow im selben Jahr nach Oberhausen eingeladen.

In jener Nacht im Herbst 1983 war Stanislaw Petrow der diensthabende Verantwortliche in einem Luftüberwachungszentrum nahe Moskau, als der Computer den Abschuss von fünf US-Raketen Richtung Sowjetunion anzeigte. Er meldete seinen Vorgesetzten damals einen Fehlalarm. "Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg", sagte er zur Begründung.

"Sicher war ich mir nicht"

Dass die sowjetischen Computer den Angriff durch amerikanische Atomraketen anzeigten, kam laut späteren Untersuchungen sowjetischer Spezialisten zustande, weil Reflexionen von Sonnenstrahlen in Wolken von den Frühwarnsystemen als Energieentladungen bei einem Raketenstart eingestuft worden waren.

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Petrow selbst glaubte an einen falschen Alarm, weil nach seiner Einschätzung nicht nur fünf Raketen an einem US-Angriff beteiligt gewesen wären: Ein nuklearer Angriff würde mit der Vernichtungskraft von Hunderten Raketen gleichzeitig erfolgen, so hatte er es gelernt. "Nur: Sicher war ich mir in dem Moment natürlich nicht", erinnerte sich Petrow vor sieben Jahren im Gespräch mit einestages.

Bei seiner Entscheidung, wohl eine der wichtigsten des Jahrhunderts, stand Petrow unter beträchtlichem Druck, denn die Folgen waren in ihrer Tragweite kaum vorstellbar. Binnen wenigen Minuten verhinderte er vermutlich einen sowjetischen Gegenangriff mit Interkontinentalraketen, mitten in der Zeit des Kalten Kriegs, in einer Phase des Wettrüstens von Nato und Warschauer Pakt. Beide Seiten waren bis an die Zähne bewaffnet, die Sowjetunion vor allem mit Raketen vom Typ SS-20, während im Westen erbittert über die "Nachrüstung" mit Pershing II und Cruise Missiles gestritten wurde.

Er habe lediglich seine Arbeit gut gemacht, sagt Petrow

Was am 25. und 26. September 1983 passierte, unterlag zunächst der militärischen Geheimhaltung und wurde erst mit zehnjähriger Verspätung publik - durch einen Beitrag in der Wochenzeitschrift "Sowertschenno Sekretno" ("Höchste Geheimstufe") nach dem Untergang der Sowjetunion. Die Zeitschrift "Kommersant Wlast" griff die Geschichte 1998 nochmals auf.

Weltweite Schlagzeilen folgten, dazu etliche Auszeichnungen. So erhielt Petrow einige Jahre später den World Citizen Award, 2012 den Deutschen Medienpreis sowie 2013 in der Semperoper den Dresdner Friedenspreis. Gefeiert wurde er als "The Man Who Saved the World" - so lautete auch 2014 der Titel eines preisgekrönten dänischen Dokumentarfilms.

Sein Vater habe die damalige Entscheidung auch zu Hause verheimlicht, sagte Dimitri Petrow: "Er kam völlig erschöpft nach Hause, hat uns aber nichts erzählt." Einige Monate später wurde Stanislaw Petrow in der Sowjetunion ohne nähere Begründung für "Verdienste um das Vaterland in den Streitkräften" ausgezeichnet.

Für die nachträgliche Verehrung im Ausland zeigte der ehemalige Sowjetoffizier kein sonderliches Verständnis. Nach den Schilderungen seines Sohnes blieb er bei der Überzeugung, er habe "lediglich seine Arbeit gut gemacht".

Nachdem Petrow in den Ruhestand gegangen und seine Frau Raissa 1997 gestorben war, lebte er verarmt und zurückgezogen in Frjasino, einem Vorort von Moskau. Am 7. September 2017 rief Karl Schumacher aus Oberhausen "wie jedes Jahr an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren" - und Dimitri Petrow informierte ihn erst am Telefon, dann per E-Mail  über den Tod des Vaters.

Mit Material von AFP
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