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06. September 2013, 09:22 Uhr

Vergessene "Star Wars"-Kulissen

Weltraumruinen im Wüstensand

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Plötzlich in Luke Skywalkers Haus: 2010 entdeckte die Künstlerin Rä di Martino im Internet seltsame Bauwerke in der Wüste Tunesiens. Sie brach auf zu einer Entdeckungsreise durch Nordafrika - und fand dort Science-Fiction-Städte, verwaiste Comic-Sphinxen und einen Horrorfilm-Spielplatz.

Einen lebensfeindlicheren Drehort hätte er sich kaum aussuchen können: Ausgedorrter Wüstenboden, so weit das Auge reicht. Gluthitze von 40 Grad Celsius, die Menschen an ihre Grenzen treibt und selbst Maschinen zusammenbrechen lässt. Ausgerechnet in der kargen Wüstenlandschaft Tunesiens begann US-Regisseur George Lucas am 22. März 1976 mit den Dreharbeiten für sein neues Filmprojekt: "Star Wars".

Daran, dass aus den Strapazen unter der Sonne Nordafrikas ein Jahr später eines der einflussreichsten Werke der Filmgeschichte hervorgehen würde, wagte damals niemand auch nur im Traum zu glauben. Weder die schwitzenden Schauspieler und Filmcrew-Mitglieder, die sich immer wieder fragten, warum sie sich diese Quälerei antaten, noch Regisseur Lucas selbst, der schon nach wenigen Tagen einem Nervenzusammenbruch nahe war.

Das höllische Klima hatte jedoch auch sein Gutes: Es verlieh nicht nur dem Wüstenplaneten Tatooine im Film Authentizität - Trockenheit und Sonne konservierten auch die extra für den "Star Wars"-Dreh aus Holz und Putz errichteten Bauten, zum Teil bis heute. Noch immer pilgern abenteuerlustige "Star Wars"-Fans nach Tunesien, um die in der Einöde von Schatt al-Dscherid nahe Nefta und in der Wüste nordwestlich von Tozeur zurückgelassenen Kulissen des Science-Fiction-Epos zu besichtigen.

In Luke Skywalkers Fußstapfen

Die italienische Künstlerin Rä di Martino konnte eigentlich nie viel mit dem Kult um die Weltraumsaga anfangen. Als Kind habe sie die Filme zwar gesehen, doch "als Fan würde ich mich nicht bezeichnen". Dennoch war sie fasziniert, als sie 2010 auf Google Earth zufällig auf die Filmset-Ruinen stieß. Die Idee für eine Fotoserie, die sich spielerisch mit dem Thema Reisefotografie beschäftigen sollte, war geboren. Kurz darauf saß sie im Flugzeug nach Tunesien.

Was sie dort vorfand, war zunächst - rein gar nichts. "Ich hatte Schwierigkeiten, den genauen Ort ausfindig zu machen, an dem sich die Überreste von Luke Skywalkers Zuhause befinden sollten", sagt sie. Die Gegend war vollkommen verlassen. Es war niemand zurückgeblieben, den sie um Hilfe bitten konnte. "Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen, was hier äußerst selten vorkommt", erinnert sich di Martino. Auf dem nassen Grund der Salzwüste kam sie mit ihrem Wagen nur noch mühsam vorwärts.

Am Ende fand sie dennoch, was sie gesucht hatte: Am Horizont erschien plötzlich der Umriss einer Hütte mit rundem Dach - ein kleines Iglu mitten im Nirgendwo. "Star Wars"-Fans kennen die Szene, in der Luke Skywalker aus eben diesem Iglu - dem Eingang zur Farm seines Onkels - hinaustritt und in Gedanken versunken auf die zwei untergehenden Sonnen seines Heimatplaneten blickt, während er von einer Zukunft als Sternenpilot träumt. Und Tausende Kinder rund um die Welt träumten diesen Traum mit ihm, als der Film 1977 in die Kinos kam.

Rä di Martino stand nun an genau diesem Ort. Jenem Schauplatz aus einer weit entfernten Galaxie, den sie aus ihrer Kindheit noch immer in Erinnerung hatte. Obwohl beinahe 35 Jahre vergangen waren, befand sich das Gebäude in einem erstaunlich guten Zustand. "Ich hatte das Gefühl, etwas wiedergefunden zu haben, das lange verloren gewesen war", sagt di Martino. "Die Stille und die Leere der Wüste verleihen jedem Objekt eine gewisse Kraft. Aber wenn es auch noch Teil einer Geschichte wie 'Star Wars' war, fühlt es sich ungemein aufregend an, wenn man es plötzlich vor sich sieht."

Horrorfilm-Kulisse als Spielplatz

Inspiriert von ihrem Erlebnis machte sich di Martino auf die Suche nach weiteren verwaisten Filmsets in Afrika. In der Nähe von Tozeur fotografierte sie die halb verfallenen Häuser von Mos Espa - einem weiteren fiktiven Ort aus "Star Wars". Die Kulissen der Stadt waren 1997 für das Prequel "Episode I: Die dunkle Bedrohung" errichtet worden und gehören zu den wenigen Sets des Films, die nicht am Computer entstanden sind. "Ein Bettler, der in den Ruinen saß, hatte sich ein weißes Laken übergeworfen und eine Taucherbrille aufgesetzt, um sich einen Sci-Fi-Look zu geben", erinnert sich di Martino.

Und nicht nur das Science-Fiction-Genre hat Spuren in der Wüste Nordafrikas hinterlassen. In Marokko stieß di Martino auf eine Tankstelle, die sich auf den zweiten Blick als Attrappe entpuppte. Es handelte sich um das verwaiste Filmset von "The Hills Have Eyes", einem Horrorfilm aus dem Jahre 2006. Das heißt - völlig verwaist war das Bauwerk doch nicht: Zwei kleine Kinder hatten die Horrorkulisse als Spielplatz für sich entdeckt.

Als sie kurz darauf der 50 Kilometer weiter östlich gelegenen Stadt Ouarzazate einen Besuch abstattete, fand sich di Martino an einem ganz besonderen Ort wieder: den am Stadtrand unter freiem Himmel errichteten Atlas Studios. Dort waren bereits Filme wie "Lawrence von Arabien", Ridley Scotts "Gladiator" und "Die letzte Versuchung Christi" von Martin Scorsese entstanden. Und auch die Macher der aktuellen US-Fernsehserie "Game Of Thrones" schätzen den Drehort. Viele ausrangierte Kulissen stehen heute noch dicht an dicht auf dem weitläufigen Gelände und laden Touristen dazu ein, durch die Filmgeschichte zu stolpern.

"Es ist interessant", sagt di Martino, "wenn der reale Verfall dieser Kulissen mit den Filmbildern kollidiert, die wir in unseren Köpfen herumtragen." Kuratoren und Galeristen scheinen das ähnlich zu sehen: So wurden di Martinos Arbeiten bisher unter anderem im renommierten Tate Modern Museum in London gezeigt. "Viele Besucher meiner Ausstellungen halten die Fotos zunächst für gewöhnliche Wüstenaufnahmen", sagt die Künstlerin. "Wenn sie dann genauer hinsehen und ein Detail aus einem Film wiedererkennen, haben sie auf einmal dieses überraschte Lächeln im Gesicht. Das gefällt mir."

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