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Starfotograf Greg Gorman

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Greg Gorman

Starfotograf Greg Gorman "Tom Waits schrie: Zur Hölle, nein, ich trag den Smoking nicht!"

Warhol, Bowie, Jackson: Ex-Hippie Greg Gorman porträtierte die großen Sänger und Filmstars. Hier verrät der Fotograf, warum er eine hübsche Assistentin feuern und Tom Waits mit viel Blut ködern musste.
Ein Interview von Alex Gernandt

SPIEGEL: Herr Gorman, in der Ausstellung "The Outsiders" zeigen Sie starke Porträts von Iggy Pop, Tom Waits, Elton John, Frank Zappa, die als Enfants terribles geltenWaren die Stars wirklich schwierig im Umgang?

Gorman: Nein, großartig. Der Bühnenmensch unterscheidet sich oft extrem vom Privatmenschen. Zappa und ich etwa waren sehr gut befreundet. Frank war brillant, kein Alkoholiker, kein Drogist. Er war abseits der Bühne überhaupt kein wilder Typ. Er liebte klassische Musik, was man von ihm eher nicht erwarten würde. Er versuchte immer wieder, mir, dem Jazz-Liebhaber, diese Musik näherzubringen. Ein begnadeter Musiker und toller Mensch.

SPIEGEL: Galt das auch für David Bowie?

Gorman: Wir verstanden uns auf Anhieb und arbeiteten mehr als zehn Jahre zusammen. Er war angenehm bodenständig, stilvoll, mit Sinn für Humor. Ich habe für die Cover seiner Alben, darunter "Let's Dance", fotografiert. Eines Tages rief mich Bowie an, er suche einen Job für die Freundin eines Freundes. Dieser Freund war Iggy Pop. Also engagierte ich die junge Frau als Assistentin. Bei einer Fotosession mit dem Schauspieler Timothy Hutton für den Film "Ordinary People" merkte ich, dass sie ihm während der Fotosession immer wieder schöne Augen machte und heftig mit ihm flirtete. Sie machte das bei fast jedem Shooting. Ein Albtraum. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, ich wollte ja Bowie und Iggy Pop einen Gefallen tun. Irgendwann musste ich mich von ihr trennen, weil sie für zu viel Unruhe am Set sorgte.

SPIEGEL: Wie haben Sie es geschafft, den eigenwilligen Tom Waits in einem Smoking abzulichten?

Gorman: Ich bekam den Auftrag, das Cover für Toms Album "Heartattack And Vine" zu fotografieren. Er lebte damals im Tropicana Motel in West Hollywood und stand mir drei Tage zur Verfügung. Ich habe Waits morgens um acht abgeholt, dann haben wir in meinem Fotostudio zehn bis zwölf Stunden gearbeitet. Einmal habe ich ihn erst gegen Mitternacht wieder nach Hause gebracht. 

SPIEGEL: So viel Nähe ist heute eher ungewöhnlich...

Gorman: Es war herrlich! Ich hatte nur einen Assistenten, keine Visagistin, da waren keine PR-Manager. Am dritten Tag schaute der Art Direktor der Plattenfirma vorbei. Er meinte: "Greg, wir hätten gern ein Foto von Tom in einem Smoking." - "Könnt ihr vergessen", antwortete ich, "Tom wird nie so ein Ding tragen." Es wurde verlangt, dass ich ihn darum bitte. Da schrie Tom: "Zur Hölle, nein, ich werde keinen Smoking tragen. Wenn mich jemand darin sieht, werde ich erschossen." Da machte es bei mir Klick, die Idee: Sein Smoking sollte blutverschmiert sein. Dazu eine Kippe, eine Kanone und ein heißes Girl im Hintergrund.

SPIEGEL: Damit konnten Sie ihn locken?

Gorman: Waits war begeistert: "Starkes Motiv!" Leider ließ die Plattenfirma danach für 3000 Dollar all das Blut vom Coverfoto wegretuschieren. Am Ende sah es entsprechend langweilig aus. In meiner Ausstellung zeige ich das Originalmotiv.

SPIEGEL: Sogar Andy Warhol, der als extrem medienscheu galt, stand für Sie Modell.

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Gorman: Das war 1986, ein Jahr vor seinem Tod. Warhol und seinem Magazin "Interview" habe ich meine Karriere zu verdanken. Das Magazin war sehr einflussreich, alle Fotografen, Autoren und Agenturen lasen es und so sahen sie meine Fotos. Allein 20 Interview-Cover hatte ich seit 1983 geschossen.

SPIEGEL: Was war Anlass für das Warhol-Bild?

Gorman: Ich sollte eine Anzeigenkampagne für einen Brillenhersteller aus Hollywood machen. Als Modelle wählte ich unterschiedlichste Charaktere, mal einen Star, mal eine Dragqueen, Schriftsteller, Musiker oder ganz normale Leute. Der Slogan lautete: "Jedes Gesicht ist wie ein Kunstwerk - es verdient einen großartigen Rahmen". Warhol rief mich an und fragte, leicht stotternd, weil es ihm merklich unangenehm war, ob er für die Kampagne Modell stehen könne. Ich war begeistert. Das Foto, Andy mit Sonnenbrille, wurde wahrscheinlich mein ikonischstes Motiv und die Anzeigen in Warhols Magazin gedruckt.

SPIEGEL: So eine Karriere lässt sich kaum planen. Wie sind Sie der Fotograf der Weltstars geworden?

Gorman: Im "Summer of Love" 1968 war ich 19, sah aus wie ein Hippie, und liebte Rock'n'Roll. Eines Tages lieh ich mir die Kamera eines Freundes aus und ging zum Konzert von Jimi Hendrix. Dort machte ich die ersten Konzertfotos meines Lebens. Am nächsten Tag habe ich sie entwickelt. Die Bilder waren unscharf, ich hatte im Konzert einfach zu viel Dope geraucht. Aber als ich die Fotos in den Händen hielt, war ich fasziniert. Von da an hat mich das Thema Fotografie nie mehr losgelassen. 

SPIEGEL: Sie haben in Kansas City studiert, mit Schwerpunkt Fotojournalismus. Doch wieder half der Zufall...

Gorman: Nebenbei hatte ich für eine ziemlich radikale Zeitung namens "Reconstruction" gearbeitet. Ich habe für sie damals ein Highschool-Konzert der Gruppe The Byrds fotografiert und stand plötzlich in deren Garderobe. So lernte ich Sänger Roger McGuinn, Drummer Gene Parsons und die anderen aus der Band kennen. Gene fragte, was ich so mache. Ich erzählte ihm, dass ich bald nach Kalifornien ziehen würde, um Profifotograf zu werden. Da gab er mir tatsächlich seine Telefonnummer und meinte, ich solle mich melden.

SPIEGEL: Hielt er Wort?

Gorman: Kaum war ich nach L.A. gezogen lud er mich zu sich nach Hause zum Dinner ein. Wir rauchten Dope. Als ich wieder zu Hause war, rief mein Vater an. Er hatte soeben erfahren, dass der Mörder von Sharon Tate gefasst worden war - ein "fucking Hippie". Weil ich lange Haare hatte, war ich für meinen Vater auch ein "fucking Hippie". Er sagte allen Ernstes: "Schneid dir die Haare und verbrenn deine komischen Klamotten!" Wegen meiner Matte wollte er mit mir nicht allzu viel zu tun haben. Die Byrds gingen dann auf eine dreimonatige Europatour und Gene überließ mir sein Haus. Bis heute bin ich mit ihm befreundet.

SPIEGEL: In den ersten Jahren Ihrer Karriere haben Sie viel für die Filmbranche fotografiert, etwa am Set von "Scarface" mit Al Pacino.

Gorman: Das war 1982, ein tolles Erlebnis. Ich war als freier Fotograf engagiert und machte meine Fotos zwischen den Filmszenen. Außerdem hatte ich ein kleines Fotostudio aufgebaut, in denen ich die Hauptdarsteller ablichtete. Das musste blitzschnell gehen, weil jede Sekunde eines Schauspielers am Set richtig teuer war. Bei Pacino hatte mich der Publizist der Filmfirma vorgewarnt: "Der ist schwierig, fotografier ihn lieber aus der Distanz mit langer Linse. Wenn es Ärger gibt, fliegst du vom Set."

SPIEGEL: Was passierte?

Gorman: Wir kamen bestens klar. Ich behandelte ihn respektvoll und menschlich, also ganz normal. Die Wahrheit ist doch: Kein Star ist wichtiger als der Klempner, der deine Toilette repariert. Ich fotografierte Al als Gangster "Scarface" mit Maschinengewehr, am Schreibtisch mit einer Ladung Kokain im Gesicht und zusammen mit Michelle Pfeiffer. Einmal hatte ich Pacino vor der Linse, als er wieder zum Dreh gebeten wurde. Aber er meinte: "Nein, ich mache jetzt erst noch Fotos mit Greg. Er hat den ganzen Morgen gewartet." Fand ich sehr cool von ihm.

SPIEGEL: Wie Elton John engagieren Sie sich stark im Kampf gegen Aids. Hat Sie das persönlich zusammengebracht?

Gorman: Ja, auch. Elton und ich sind seit über 40 Jahren befreundet. Ich habe ihn unzählige Male fotografiert. Er ist ein begeisterter Sammler von Kunstfotografie. Elton hat viele meiner Bilder gekauft, besonders male nudes, Aktfotografien.

SPIEGEL: Wir haben nur über Männer geredet. Welche Erfahrungen haben Sie mit Filmdiven gemacht?

Gorman: Sophia Loren war meine Heldin, neben Brigitte Bardot und Gina Lollobrigida. Ich habe sie in Rom fotografiert. Sie fuhr mit ihrem eigenen Wagen zum Shooting, machte ihre Haare und das Make-up selbst. Beim Lunch sagte sie: "Weißt du, Greg, ich bin gar nicht 60, ich bin dreimal 20."

SPIEGEL: Gibt es Persönlichkeiten, die Sie gern noch in Ihrem Portfolio gehabt hätten?

Gorman: Klar. Einen Staatsmann wie Michail Gorbatschow oder eben Brigitte Bardot. Für die schwärmte ich schon als kleiner Junge, als sie in Filmen wie "Und immer lockt das Weib" auftrat. Damals war ich sieben und habe mich heimlich ins Kino geschlichen. Irgendwann habe ich versucht, mit ihr in Kontakt zu treten. Ich wünschte mir zwei Wochen Zeit mit ihr für ein Fotobuchprojekt. Ich hätte sie gern unter der Dusche fotografiert, beim Einkauf auf dem Markt, in alltäglichen Situationen. Gunter Sachs, ihr Ex-Mann, der ebenfalls Fotograf war, versuchte zu vermitteln. Aber: keine Chance.