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13. März 2012, 10:09 Uhr

Statussymbole der Kindheit

Mein Rad, mein Schuh, mein Tuschkasten

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Haus? Auto? Yacht? Langweilig! Als Kinder hatten wir ganz andere Statussymbole. Turnschuhe zum Aufpumpen, blinkende Roboter und knallbunte Armbanduhren entschieden auf dem Schulhof, wer cool war und wer nicht. 16 Erwachsene erinnern sich, womit sie damals angaben - und was ihnen am bittersten fehlte.

Es hört einfach nie auf. Ein Wunsch keimt auf, zerplatzt oder wird wahr - und sofort durch den nächsten Wunsch ersetzt. Es ist der ewige Kreislauf des Konsums, der uns Erwachsene ewig im Kreis laufen lässt: Shoppen, um uns vom Arbeitsstress freizukaufen. Arbeiten, um shoppen zu können. Und dabei immer mithalten, immer "in" sein. Dazugehören kann ganz schön stressig sein.

Das sind die Momente, in denen man sich gern an die Kindheit erinnert. An die Zeiten, in denen man noch nicht zur Begrüßung "mein Haus, mein Auto, mein Boot" aufsagte - sondern einfach mit den anderen in der Sandkiste buddeln ging. Aber war damals wirklich alles besser? Wann genau fing der ganze Irrsinn an? War es der Pelikan-Tuschkasten, mit dem es sich so viel besser malte? Das BMX-Rad aus dem Kinofilm? Oder doch die Turnschuhe, für die einen plötzlich auf dem Schulhof alle bewunderten? Eine Spurensuche.

Kettenreaktion

Wenn ich mir je etwas in meinem Leben gewünscht hatte, dann war es dieser Wagen: Feuerrot, flach, blitzschnell - und mit einer echten Handbremse, die die echten Gummiräder beim Anziehen echte Bremsstreifen auf der Straße ziehen ließ. Svenjas Wagen. Es war 1983, ich gerade mal sechs Jahre alt und am Boden zerstört: Meine Freundin Svenja hatte zum Geburtstag ein Kettcar bekommen, ein glänzendes Geschoss, in dem sie die Sackgasse vor ihrem Haus auf und ab düste. Das heißt, natürlich durften auch wir Geburtstagsgäste Probe fahren. Jeder genau eine Runde. Schließlich sollte es nicht kaputtgehen. Immerhin: Es reichte gerade, um einen Vorgeschmack davon zu bekommen, wie frei man sich fühlte, wenn man fast lautlos über den Asphalt flog. Und um vor Neid fast zu platzen.

Natürlich machte ich meinen Eltern die Hölle heiß, dass ich unbedingt auch so einen roten Flitzer brauchte. Aber sie blieben hart: Das Kettcar sollte ich nie bekommen.

Dabei wusste ich schon genau, was ich damit gemacht hätte: Wie ein Besessener wäre ich herumgefahren, die Straße auf und ab, immer schneller. Eines Tages hätte ich dann damit ganz beiläufig bei Svenja geklingelt. Ob sie vielleicht Lust auf ein kleines Rennen hätte? Natürlich hätte sie mich nur von hinten gesehen. Und falls sie mich nach ihrer Niederlage gefragt hätte, ob wir noch einmal fahren wollen - jeder mit dem Kettcar des anderen - hätte ich dankend abgelehnt. Schließlich sollte meins nicht kaputtgehen.

Gerade weil ich es nie bekommen habe, hat dieses Kettcar mir zum ersten Mal gezeigt, wie fremd einem Dinge Menschen machen können - selbst die, die einem nahestehen. Natürlich hätte ich das mit sechs nie so bezeichnet. Svenja und ich hatten einfach das Gleiche gewollt. Sie hatte es bekommen, ich nicht. Aber plötzlich fand ich Svenja gar nicht mehr so nett wie früher, und mit ihr zu spielen machte auch nicht mehr so viel Spaß.

Schneeberge im Kinderzimmer

Wenn ich mir je in meinem Leben etwas gewünscht hatte, war es dieses waffenstarrende Robotermonstrum auf Stelzen: Der imperiale AT-AT Walker aus "Das Imperium schlägt zurück". In diesen gigantischen, vierbeinigen Truppentransportern stapften im Film die bösen Truppen des Imperiums über den Eisplaneten Hoth, um Rebellen zu jagen. Es war kurz vor Weihnachten 1984, ich war sieben, und in meinem Kinderzimmer stolperte man überall über kleine "Star Wars"-Figuren, die winzige Laserpistolen in der Hand hielten. Aber keiner von ihnen hatte einen angemessenen fahrbaren Untersatz: Kein "X-Flügel-Jäger", in dem Luke Skywalker durch das Zimmer flog, kein "Tie-Fighter", in dem der finstere Darth Vader ihn verfolgte. Und vor allem weit und breit kein AT-AT-Walker, der batteriebetrieben mit echten Laserpistolengeräuschen aus dem Film durch das Zimmer stapfte.

Irgendwie gelang es mir vor Weihnachten, meinen Vater in einen Spielzeugladen zu locken. Als ich huldvoll die Packung des imposanten Walkers aus dem Regal zog und meinem Vater die unbestreitbaren Vorzüge des vierbeinigen Monstrums darlegte, sah ich mich schon unter dem Tannenbaum sitzen und es unter Freudentränen aus dem Geschenkpapier reißen. Mein Vater sah unterdessen das Preisschild: 240 D-Mark. Natürlich war kein AT-AT-Walker unterm Tannenbaum. Ich konnte es kaum fassen: Wie konnten meine Eltern nur ignorieren, wie dringend ich ihn brauchte - nur des schnöden Geldes wegen!

Dabei wusste ich schon genau, was ich damit gemacht hätte: Gleich am Tag nach Weihnachten hätte ich meine beiden besten Freunde, Daniel und Olli, eingeladen und mit ihnen mein Zimmer in die Schneewüste von Hoth verwandelt: Die Beine meines Schreibtischs wären zu Eissäulen einer gefrorenen Höhle geworden und die Falten meiner Bettdecke zu Schneebergen, die die Rebellen mühsam erklimmen müssten. Doch dann wäre es ihnen gelungen, den mächtigen AT-AT-Walker zu kapern - und in ihm hätten sie selbst die gewaltigsten Schneemassen plattgestampft.

Ich hatte eigentlich noch nie darüber nachgedacht, wie viel mein Vater verdiente. Das waren für mich abstrakte Zahlen, gemessen an dem bisschen Geld, das ich in die Finger bekam, unermesslich hoch. Aber plötzlich fragte ich mich: Sind wir eigentlich arm? Und was war mit meinen Klassenkameraden, die solche "Star Wars"-Raumschiffe hatten? Waren die reich? Ein klobiges Stück Plastik mit vier stampfenden Beinen hatte mir gezeigt, was Materialismus ist - und wie tief er schon mit sieben Jahren auch in mir steckte.

Das Licht am Ende des Ärmels

Wenn ich je in meinem Leben etwas gebraucht hatte, dann diese Uhr: Türkises Gehäuse, ziffernlos, psychedelisches Armband in jeder erdenklichen Neonfarbe. Eine Swatch, Modell "Rush For Heaven". Es war 1989, ich war zwölf, und die Fronten an meiner Internatsschule waren klar verteilt: Auf der einen Seite die Internatler, coole Großstadtkids, die angesagte Klamotten trugen, angesagte Musik hörten und generell wussten, was angesagt war. Auf der anderen Seite wir, die Schüler aus den umliegenden Dörfern. Die Uncoolen. Die Mädchen hatten natürlich nur Augen für die hippen Kerle vom Internat mit ihren Stüssy-Shirts, Homeboy-Hosen - und Swatch-Uhren.

Der Coolste von allen war Darius, sonnengebräunt und auf dem Pausenhof von einer Schar kichernder Mädels umgeben. Wir Jungs bewunderten ihn vor allem für seine Uhr - eine neonbunte Swatch voller japanischer Schriftzeichen, die förmlich aus seinem Ärmel zu leuchten schien, wenn er gerade nicht nach der Zeit schaute. Wollte ich je von den Internatlern respektiert werden, brauchte ich diese Uhr. Ich kratzte meine Ersparnisse zusammen und fuhr in die Stadt. Im Kaufhaus wühlte ich mich durch das ganze Swatch-Sortiment, bis ich endlich Darius' Modell fand: Die "Harajuku". Doch dann, direkt daneben, sah ich sie, überwuchert von pinken, mintgrünen und neongelben Bildern von Blumen, Boxern und Frauen: Die "Rush For Heaven". Mein Tor zum Himmel. Gegen diese Uhr war die von Darius quasi schwarzweiß!

Mit hochgekrempelten Ärmeln kam ich am nächsten Tag in die Schule. In der Pause schlenderte ich triumphierend zu Darius hinüber. Meine Uhr würde uns praktisch zu Swatch-Brüdern machen! Fröhlich grüßte ich, und tatsächlich sah er rüber, blickte kurz an mir herunter und blieb dann an meinem Handgelenk hängen. Ich fragte zögernd: "Cool, oder?" Darius blickte auf. Dann sagte er, kaum hörbar, genau ein Wort: "Schwuchtel!"

Ich weiß noch genau, wie ich mich kurz vor Pausenende an der Aufsicht vorbei schlich, um vor den anderen im Klassenzimmer zu sein. Hastig zog ich meine Federtasche heraus, band die Uhr ab und stopfte sie hinein. Ich brauchte sie nicht mehr.

einestages erinnert sich an die Statussymbole unserer Kindheit: Die Dinge, die die größten Sehnsüchte in uns weckten, jene, die wir mit stolzgeschwellter Brust auf dem Pausenhof vorführten - und jene, die in den bittersten Enttäuschungen endeten. Entdecken Sie in der Bildergalerie die Schatzkiste der Kindheit neu - randvoll gefüllt mit Kuscheltieren, Turnschuhen und Spielzeugrobotern, die uns einmal alles bedeuteten.

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