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27. Juni 2019, 15:19 Uhr

50 Jahre "Stonewall"-Unruhen

"Wir wollten einfach nur leben dürfen"

Aufgezeichnet von , New York

Eine Polizeirazzia in der New Yorker Schwulenbar Stonewall Inn führte 1969 zum Aufstand, die Szene lernte sich zu wehren. Barbara Police und Joe Negrelli waren dabei und erinnern sich an den Beginn der LGBTQ-Bewegung.

Die Bar Stonewall Inn an der Christopher Street in New York war 1969 ein beliebter Treffpunkt für Schwule, Lesben und Transsexuelle. Die waren Razzien zwar gewohnt. Doch als die Cops in der Nacht zum 28. Juni 1969 kamen, schlugen sie zurück. Bis zu tausend Menschen lieferten sich mit der Polizei tagelange Straßenschlachten. Barbara Police, 70, und Joe Negrelli, 68, waren in jenen schicksalhaften Sommernächten mit dabei.

WIE ES VORHER WAR

Joe Negrelli: Ich kam 1957 nach New York. Wir wohnten in Little Italy, das war sehr tolerant. Trotzdem hatten Homosexuelle keine Rechte. Wir wurden als Perverslinge angesehen. Wenn man offen schwul war, hatte man erhebliche Probleme.

Barbara Police: Ich bin im West Village geboren und aufgewachsen. Dort war ich immer schon von Schwulen umgeben. Schon als Teenager hatte ich schwule und lesbische Freunde. Meine Eltern waren Sozialisten, meine Großeltern Linksliberale, denen war das egal. Bei mir zu Hause war das nie ein Problem. Das Problem war draußen.

Negrelli: Es herrschte große Unterdrückung. Man konnte verhaftet werden, wenn man weniger als drei geschlechtsspezifische Kleidungsstücke trug. Es gab Aversionstherapie, Schockbehandlungen und Lobotomien, um einen von der Homosexualität zu "heilen".

Police: Die Polizisten des 6. Bezirks waren einem immer hinterher. Die schienen immer zu wissen, wo wir waren. Sie belästigten auch Frauen. Meine arme Freundin Pauline war wie ein kleiner Mann, die Cops belästigten sie dauernd. Man wusste nicht, ob man befummelt oder vergewaltigt werden würde.

DAS STONEWALL INN

Negrelli: Christopher Street war ein Codewort. Es gab in der Gegend viele schwule Bars. Wenn man Christopher Street sagte, wussten die Leute Bescheid.

Police: Sie wussten immer, wer schwul war, wenn jemand sagte: "Oh, ich gehe zur Christopher Street." Alle Gays marschierten da auf und ab.

Negrelli: Das Stonewall Inn war eine totale Absteige. Mir ist nicht ganz klar, warum die Leute es so mochten. Das war nichts für die feine Gesellschaft. Aber es war eine der wenigen Bars, die genug Platz zum Tanzen hatte.

Police: Das Stonewall war in meiner Nachbarschaft. Meine Freundin Rose und ich trafen uns dort mit unseren Freunden. Da verkehrten auch viele Transvestiten, Drag Queens, obdachlose Kids, Schwarze, Latinos. Es war neutrales Territorium für alle, wie die Schweiz. Jeder konnte sich amüsieren, alle kamen miteinander aus.

Negrelli: Schwule durften sich sonst ja nicht mit anderen Schwulen treffen. Nicht mal zum Kaffeetrinken. Aber Orte wie das Stonewall, da konnte man sein, wie man war. Es war eine Befreiung. Als hätte jemand den Vorhang aufgezogen, und man konnte das Licht sehen.

Police: Es war wie ein zweites Zuhause.

Negrelli: Ein Paradies.

DER AUFSTAND

Negrelli: Der 28. Juni 1968 war sehr schwül. Gegen halb zwei nachts war ich im Stonewall. Damals konnte man in Bars rauchen, und ich brauchte frische Luft und ging raus in den Sheridan Square, einen kleinen Park gegenüber. Das nächste, an das ich mich erinnere: Plötzlich tauchten Polizeiwagen auf.

Police: In der Nacht war es sehr heiß. Meine Mutter sagte: Barb, warum gehst du nicht runter und holst ein Eis?

Negrelli: Die Cops zerrten die Leute aus dem Stonewall, prüften ihre Ausweise, und wenn man nicht die richtige Kleidung anhatte, wurde man verhaftet. So ging das alles los.

Police: Als ich auf die Straße kam, war da viel Aufregung, Glas zersplitterte, dann rannten plötzlich Leute auf mich zu.

Negrelli: Ein Polizist riss einem Transvestiten die Perücke vom Kopf, und der Transvestit beschloss, warum auch immer, dem Polizisten ins Gesicht zu hauen. Sofort kamen mehrere andere Polizisten, schlugen diesen Transvestiten zusammen und warfen ihn in den Wagen.

Police: Alle kamen angerannt: Jeremia und Jerry und José und Bubbles. José trug eine blonde Perücke, das werde ich nie vergessen. Andere warfen mit Mülltonnen, weil sie sonst nichts hatten, um sich gegen die Schlagstöcke der Polizei zu schützen.

Negrelli: Irgendjemand warf eine Bierflasche, die auf der Straße zersplitterte. Dieser kleine italienische Polizist, der Kommandeur der Razzia, forderte den Flaschenwerfer auf, sich zu zeigen, um verhaftet zu werden, aber wir alle riefen nur "Oooh!". Dann warf jemand noch eine Flasche, und jemand eine Mülltonne. Das war noch nie passiert.

Police: Mein Vater kam und sagte, hol deine Freunde rein, das wird eine schlimme Nacht. Also sammelte ich so viele ein, wie ich konnte, und meine Mutter baute in der Küche eine kleine Krankenstation auf. Gott segne meine Mutter und meinen Vater! Sie waren großartig in dieser Nacht.

Negrelli: Die Polizei zog sich schockiert ins Stonewall zurück. Irgendwer brach ein Fenster ein, es gab ein kleines, harmloses Feuer. So begann der Aufstand, innerhalb von 15 Minuten. Gegen 6 Uhr morgens ging ich nach Hause, aber am Sonntag kam ich zurück.

Police: Viele unserer Nachbarn unterstützten uns. Das Viertel begann zu erkennen, was los war.

Negrelli: Die Nachricht verbreitete sich. Mitglieder der anderen Protestgruppen jener Zeit kamen uns zur Hilfe, die Anarchisten, die Antikriegsbewegung, die Frauenbewegung. Eine Gruppe Frauen, sie waren nicht homosexuell, brachte uns selbstgebackene Kekse zum Sheridan Square. Sie wussten, dass die Polizei im Unrecht war, und wollten uns wissen lassen, dass wir Unterstützung hatten. Erst am 2. oder 3. Juli hörten die Unruhen auf. Es ist sehr schwer, dauernd zu protestieren.

DIE BEWEGUNG

Police: Es wurde viel diskutiert, wie es weitergeht.

Negrelli: Wir trafen uns in der Washington Square Methodist Church, um eine Koalition zu gründen. So entstand die Gay Liberation Front.

Police: Gott sei Dank fürs Stonewall. Wer weiß, wo wir heute wären. Die meisten Leute haben keine Ahnung, was in dieser Nacht tatsächlich passiert ist. Wir gingen Tag und Nacht auf die Straße und kämpften um unser Leben. Die Kids heute kümmern sich nur um ihre Handys und ihr Make-up. Sie haben nicht mehr den Pep, den unsere Generation hatte. Wir hörten nie auf zu kämpfen. Das Stonewall war, wo alles begann.

Negrelli: Die Uhr ließ sich nicht zurückdrehen. Wir wollten einfach nur in Ruhe gelassen werden, leben dürfen, überleben dürfen. Das ist alles. An Rechte wie die gleichgeschlechtliche Ehe dachten wir damals noch nicht.

Police: Meine Partnerin Pat ist letztes Jahr gestorben. Ich verlor meine Welt, 43 Jahre mit ihr. Als die gleichgeschlechtliche Ehe legal wurde, waren wir die ersten, die dabei waren, weil wir uns im Alter gesetzlich schützen wollten. Wir fuhren nach Connecticut und haben geheiratet. Für uns war das eine große Erleichterung.

UND HEUTE?

Negrelli: Der heutigen Generation möchte ich sagen: Seid authentisch. Erkenne deine Wahrheit und lebe diese Wahrheit, was auch immer sie ist. Wenn du was tun willst, tu es. Sei so gut, wie du kannst. Wenn du glücklich sein willst, mach dich selbst glücklich. Warte nicht auf andere.

Police: Sei dir selbst treu, lass dir keine Etiketten anheften. Respektiere dich und andere. Habe keine Angst, du selbst zu sein. Sage, was du denkst.

Negrelli: Am 50. World-Pride-Jubiläumsmarsch auf der Fifth Avenue werde ich dieses Jahr mit SAGE teilnehmen (der ältesten US-Organisation für LGBT-Senioren). SAGE hat mir sowohl emotional als auch körperlich geholfen, als ich älter wurde.

Police: Ich bin wie jedes Jahr oben auf dem SAGE-Bus dabei. Ich stehe vorn und winke, steige für ein paar Minuten aus und laufe ein bisschen, und dann steige ich wieder in den Bus.

Zum Gedenken an den Aufstand gab es 1970 in New York die erste Demonstration der Schwulen- und Lesbenbewegung. Daraus wurde eine internationale Tradition; in Deutschland wird der Christopher Street Day (CSD) in Berlin, Köln und vielen anderen Städten stets im Sommer gefeiert. 2 016 erklärte der damalige Präsident Barack Obama das Stonewall Inn zum US-Nationaldenkmal. Zum 50. Jubiläumsmarsch über die Fifth Avenue werden am Sonntag mehrere Millionen Menschen erwartet.

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