Strandbad Wannsee Plantschen für das Vaterland

Nirgendwo ist Urlaub schöner als zu Hause, das wissen die Berliner seit 1907: Im diesem Sommer wurde das Strandbad Wannsee eröffnet - und von den Besuchern gestürmt. Baden war viel mehr als Wasser auf der Haut. Das ist noch heute so: Tangas und Tattoos gehören zum guten Ton.

Henning Schröder

Von Florian Harms


Die Berliner lieben Superlative, und so rühmen sie sich, das "größte Binnenstrandbad Europas" vor ihrer Haustür zu haben. Selbst wenn dieser Superlativ nur so super klingt wie eine Berliner Weiße mit Schuss schmeckt. Kaum heizt die Sonne der deutschen Hauptstadt ein, pilgern Tausende von Sommerfrischlern ins Strandbad Wannsee auf der Suche nach Abkühlung, Entspannung und Urlaubsromantikersatz. Oder um ihre neuesten Tätowierungen dem Rest der Menschheit vorzuführen. Der Rest der Menschheit aalt sich auf seinem XXL-Badetuch, schimpft mit den Kindern, die schon wieder in den Sand gepinkelt haben, statt dafür ins Wasser zu gehen, oder schaut den Mädchen in ihren Tangas hinterher.

So ist das am Wannsee, und eigentlich war es nie anders. Na ja, fast wenigstens. Denn als das Strandbad vor rund 100 Jahren, am 8. Mai 1907, zum ersten Mal seine Pforten öffnete, galten strenge Bekleidungsvorschriften. Von wegen Tanga - und FKK gleich gar nicht. Zu einer der dichtestbesiedelten Metropolen der Welt ausgewuchert, lechzte Berlin um die Jahrhundertwende nach Orten, an denen sich die malochende Arbeiterschaft am Wochenende erholen konnte. In Mietskasernen hausierten die Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum; im Bezirk Friedrichshain hatte nur jede zehnte Wohnung ein Bad. Als sei das nicht schon schlimm genug, verboten die preußischen Behörden ihren Untertanen, in Flüssen und Seen zu baden: Halbnackte Schwimmer und Plantscher widersprachen der Moral. Polizisten mit Pickelhauben überwachten die Einhaltung des Verbots.

220.000 Menschen ohne Klo

Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Als die Proteste ebenso zunahmen wie die Zuwiderhandlungen und die Gendarmerie sich außer Stande sah, all die Gesetzesbrecher aus all den Gewässern zu ziehen, gab die prüde Obrigkeit klein bei: Im November 1906 entschied die Königliche Regierung, Abteilung für direkte Steuern, Domänen und Forsten, am Wannsee eine 200 Meter lange Uferstrecke als öffentliche Badestelle freizugeben.

Das war der Dammbruch. Als im Mai des Folgejahres die erste Saison eröffnet wurde, stürmten Tausende von Berlinern das Freibad. Am vierten Sonntag waren es 220.000 Menschen. An einem einzigen Tag. Sie störten sich weder an dem Verkehrschaos und den Müllbergen, die derartige Massen anrichten, noch an den fehlenden Toiletten. Man wusste sich zu helfen.

Das Freibad war eine Sensation. In der zweiten Saison musste der Betreiber einen Zaun um den Strand errichten, um die Badenden vor den Blicken von Schaulustigen zu schützen. Halbnackte Männer und Frauen - zwar feinsäuberlich in drei Abschnitte für Familien, Männlein und Weiblein separiert, aber eben doch gefährlich nah beieinander: Das war im biederen Preußen etwas Unerhörtes.

Kein Wunder, dass die neue Freizügigkeit unter Moralaposteln für Empörung sorgte, so dass die Behörden sich veranlasst sahen, in einer detaillierten "Polizeiverordnung betreffend das Freibad Wannsee" vom 24 Juli 1909, abgedruckt in zahlreichen Berliner Zeitungen, genaue Vorschriften für den Sprung ins kühle Nass zu erlassen. In Paragraph 6 heißt es dort reichlich gestelzt: "Die zulässige Badekleidung ist für Personen männlichen Geschlechts mindestens eine die Oberschenkel zur Hälfte bedeckende nicht dreieckige Badehose, für Personen weiblichen Geschlechts ein Badeanzug, der Schultern, Brust, Leib und die Beine etwa bis zum Kniegelenk bedeckt. Die Benutzung des Freibades ohne bzw. in unzulässiger Bekleidung ist verboten." Neu gegründete Freibadvereine wie der "Club der fidelen Sonnenbrüder" und die "Wannseaten" wachten über die Einhaltung des Kleiderkodexes.

Ins Wasser wie ins Gewehrfeuer

Doch schon bald ließ sich die schiere Masse der Müßiggänger nicht mehr vollständig kontrollieren. Immer häufiger sah man am Wannseestrand immer mehr Haut, und in den Zeitungen waren Kommentare zu lesen wie jener, den Jürgen Dettbarn-Reggentin in seinem launigen Büchlein über das Strandbad Wannsee zitiert:* Im Sommer 1908 machte sich das Berliner Tageblatt über die schwarz-weiß-rote Einheitsbadehose lustig, die "neben sehr viel Edlem und Schönen, unsere ganze Misere enthält, (weil) sie an den Sinn für Uniformen erinnert, den selbst Wasser nicht austilgen kann. Das Freibad hat nun seinen 'Zweck' und seine tiefere innere Bedeutung - es dient nicht allein dem Vergnügen und der Reinlichkeit, sondern größeren Idealen. Man badet für den Verein, fürs Vaterland, als Staatsbürger und als Untertan. Und man geht mit seiner dreifarbigen Badehose so pflichtgetreu ins Wasser wie ein Grenadier ins Feuer."

Genauso war es. Im Jahr 1912 vergnügte sich bereits eine halbe Million Menschen im Strandbad Wannsee, das nach und nach immer größer ausgebaut wurde. Binnen weniger Jahre hatte sich die öffentliche Meinung zum Freibaden radikal gewandelt. Die Obrigkeit drehte rasch ihr Fähnlein nach dem Winde und propagierte von nun an den Vorteil des Badens für die Erhöhung der Wehrkraft.

Nazi-Terror gegen linke Badegäste

Nach dem Ersten Weltkrieg, in den freizügigen zwanziger Jahren, stürzten sich die meisten Männer längst mit freiem Oberkörper ins Wasser, und die Damen kombinierten ihre modisch geschnittenen Badeanzüge höchstens deshalb mit einem neckischen Kopftüchlein, um das Werk ihres Friseurs zu schonen. Anfang der dreißiger Jahre fluteten jährlich mehr als eine Million Gäste das Strandbad, dessen Kapazität trotz eines hypermodernen Ausbaus durch die Architekten Martin Wagner und Richard Ermisch nun restlos erschöpft war: Das Sonnendeck mit Duschkabinen, der Wandelgang mit Manikürsalon und vor allem der von der Ostsee angekarrte Sandstrand glichen einem Ameisenhaufen.

Aber noch etwas anderes veränderte das Klima im Strandbad: Immer häufiger sah man junge Männer, die ihre politischen Ansichten offen zur Schau trugen, etwa per Abzeichen auf der Badehose; immer öfter arteten Streitereien zwischen Nazis und Kommunisten in Schlägereien aus. Nach der Machtergreifung Hitlers im März 1933 wurden zahlreiche SPD-Mitglieder der Freibadvereine verhaftet.

Freizeitspaß und Terror

Hermann Clajus, Direktor des Strandbads und engagierter Antifaschist, nahm sich angesichts seiner bevorstehenden Entlassung in seinem Arbeitszimmer das Leben. Das Kommando an Wasser und Strand übernahmen nun stramme Nazis; Spähtrupps der NS-Wohlfahrt fahndeten nach jüdischen Badegästen und verjagten sie. Im Dezember 1938 wurde Juden der Besuch von Hallen- und Freibädern offiziell verboten. Andere durften weiter plantschen: Noch im Kriegsjahr 1942 kamen fast 850.000 Tagesurlauber ins Strandbad. Im Januar desselben Jahres wurde auf der anderen Seite der Havel, in der Wannsee-Villa, der Völkermord an den Juden beschlossen. So nah lagen Freizeitspaß und Terror beieinander.

Nach dem Krieg waren die geringen Bombenschäden am Strandbad rasch repariert, in den sechziger Jahren erlangte das Strandbad durch Conny Froboess' Gassenhauer "Pack die Badehose ein..." sogar bundesweiten Ruhm. Obwohl nun immer mehr Sonnenhungrige einen Urlaub in Spanien oder Italien vorzogen, büßte "Berlins Badewanne" ihre Attraktivität kaum ein: Im von der Mauer eingeschlossenen Westberlin war es eine der wenigen schnell erreichbaren Freizeitinseln.

Heute kommen jährlich noch rund 200.000 Badegäste. So viele waren es zwar früher an einem einzigen Tag, aber dafür ist das Strandbad nach jahrelangen Verzögerungen soeben von Grund auf saniert worden. Tattoo-Fetischisten und Tanga-Trägerinnen mag es beglücken - und der Rest der Menschheit ist sicher auch nicht unerfreut.

* Jürgen Dettbarn-Reggentin: "Strandbad Wannsee. Badegeschichten aus achtzig Jahren". Nishen Verlag, Berlin 1987.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 25.07.2007



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