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Straßburg, deutscheste Stadt Frankreichs: Paläste wie Pickelhauben

Foto: PATRICK HERTZOG/ AFP

Straßburg, deutscheste Stadt Frankreichs Paläste wie Pickelhauben

1871 wurde Elsass-Lothringen deutsch - und Straßburg mit wilhelminischer Protzarchitektur überzogen. Für die einst verhasste "Neustadt" hofft die Metropole jetzt auf eine Auszeichnung.

"Eure Exzellenz ziehe sofort eine Bilanz der Schäden in Straßburg und gebe mittels einer besänftigenden Proklamation bekannt, dass die Gebäude wiederhergestellt würden, aber ohne dabei besondere Verpflichtungen einzugehen." Am 29. September 1870 schickte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck diese Depesche an den frisch bestallten Generalgouverneur des Elsass.

Am Tag zuvor hatte der Kommandant der französischen Streitkräfte in Straßburg kapituliert: Vorausgegangen war eine blutige Belagerung, doch die 17.000 Soldaten waren der deutschen Übermacht - 40.000 Mann und moderne Artillerie - nicht gewachsen. Während der Kanonade gingen 202.112 Geschosse auf Straßburg nieder, zerstörten die Kathedrale, die Bibliothek und rissen Breschen in die mittelalterlichen Befestigungen.

Der von Bismarck verheißene Wiederaufbau begann freilich erst nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges: Im Spiegelsaal von Versailles wurde am 18. Januar 1871 das Deutsche Reich proklamiert, Frankreich musste weite Regionen im Osten an Deutschland abtreten - und Straßburg, bis ins 17. Jahrhundert hinein dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zugehörig, wurde Hauptstadt des neuen Reichslandes Elsass-Lothringen.

In der Folge wurde die Kapitale völlig umgekrempelt: Auf Befehl des Generalstabs wurde die Fläche der Stadt verdreifacht. Jenseits des historischen Kerns entstand ein Glacis mit vorgeschobenen Verteidigungsanlagen, die künftig den Schutz der strategisch wichtigen Festung sicherstellen sollten. Parallel begannen die Planungen für die Neustadt: eine gewaltige zivile Erweiterung nordöstlich der Großen Insel.

Die Ewigkeit dauert 44 Jahre an

"Die Deutschen dachten, sie würden für immer hierbleiben", sagt Vizebürgermeister Alain Fontanel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "sie bauten für die Ewigkeit." Die jedoch nur 44 Jahre andauerte: Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte die Region nach Frankreich zurück, im Zweiten Weltkrieg wurde die Region erneut Opfer der deutschen Besatzung.

"Es gibt noch Straßburger Bürger, die während ihres Lebens dreimal ihre Nationalität wechselten", so Fontanel. "Seit der Befreiung vom Nazi-Regime 1945 gehört die Region wieder zur Republik - doch die Elsässer hatten lange Mühe, den urbanen Nachlass der Deutschen als historisches Erbe zu würdigen."

Denn der Wiederaufbau nach dem Krieg von 1870/71 war nicht bloß ein urbanes Projekt einschließlich der Ansiedlung von Industrie und der Anbindung an die Infrastruktur jenseits des Rheins. Mit der Gründung des neuen Verwaltungsstandorts verfolgte das Reich vor allem eine "Politik durch Bauen", so Bauhistoriker Klaus Nohlen: Mit der architektonischen Runderneuerung sollte Straßburg zum Wahrzeichen zeitgemäßer Stadtplanung werden, mehr noch, zum "Manifest deutscher Modernität".

"Das Beste, was Deutschland besitzt"

Zwei Architekten wurden mit der Gestaltung beauftragt, der Straßburger Stadtarchitekt Jean-Geoffroy Conrath und der Berliner Gustav Orth. Den Zuschlag bekam, nach Prüfung durch ein deutsches Expertengremium, der Elsässer. Die Realisierung des aufwendigen Plans dauerte mehr als 20 Jahre. "Das Beste, was Deutschland besitzt", notierte der Dichter Theodor Fontane 1871, "ist für Elsass-Lothringen gerade gut genug."

Kern von Conraths Entwurf war eine Monumentalallee in der Achse zwischen den Bauten der Universität und dem Kaiserplatz. Dort wurden die Repräsentativbauten des Reiches symmetrisch platziert, Bibliothek und Justizministerium etwa - und im Zentrum die Residenz von Kaiser Wilhelm II., der den Koloss 1889 einweihte: eine imposante Bastion mit den Attributen der imperialen Herrschaft. Sitz der neuen Macht, Symbol für die Verankerung des Reiches.

Ergänzt wurde die Gründerzeitarchitektur durch den Bau neuer Durchgangsstraßen und Stadtviertel. Nach der Annexion wurde der Zuzug deutscher Immigranten gefördert: Zwischen 1870 und 1915 stieg die Bevölkerungszahl von 80.000 auf 180.000 Menschen. Mehr als 17 Millionen Reichsmark wurden in den Bauboom investiert, allerdings auf Kosten der Straßburger Bürger - sie mussten die Summe über zehn Jahre als Reparation abstottern.

Vier Ginkgo-Bäume aus Japan

Für die Beamten aus dem Reich und die Großbürger wurden rund um den Kaiserpalast anspruchsvolle Mehrfamilienhäuser hochgezogen: kleine Vorgärten, hohe Decken, Gasbeleuchtung. Die Fassaden vereinten alles, was damals in Mode war - neugotische Elemente, Anleihen bei Renaissance, Klassik, Jugendstil.

Das Projekt war seinerzeit Vorläufer der modernen Stadtplanung: Weite Boulevards verbanden das neue Zentrum mit den Achsen der Altstadt, breite Alleen schafften Raum für Militärparaden oder bildeten Orte gemütlichen Flanierens. Auch an städtischem Grün wurde nicht gespart, vor dem Kaiserpalast wurden vier Ginkgo-Bäume gepflanzt: ein Geschenk des japanischen Tenno an den deutschen Kaiser.

Straßburg bekam zudem eine zentrale Wasser- und Abwasserversorgung; für die Hygiene der arbeitenden Massen wurde in einem luxuriösen Jugendstilbau ein öffentliches Bad installiert. Kaufhäuser, Schulneubauten, Parks und der botanische Garten sollten Lebensqualität versprechen; für die Verbreitung der - wohlgemerkt deutschen - Kultur bekam die Stadt einen Theaterneubau.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Anschluss Straßburgs an das Deutsche Reich zumindest äußerlich gelungen: Die Stadt präsentierte sich, so Viviane Claude, Architektin und Urbanistik-Professorin, als "Vitrine der Germanisierung".

Wie in Mainz oder Wiesbaden

Fast eineinhalb Jahrhunderte später sind die Spuren dieser architektonischen Annexion noch überall in Straßburg greifbar. Der Reichsadler und Insignien der Kaiserzeit wurden längst aus dem Sandstein geschlagen, das Reiterstandbild Wilhelm II. geschleift - doch die steinernen Zeugnisse überdauerten. Der Kaiserpalast heißt heute Palais du Rhin, dennoch bleibt es ein massiver Koloss, vier Geschosse hoch und überhöht von einer Kuppel - wie eine preußische Pickelhaube.

Gegenüber liegt der Park mit dem Gefallenendenkmal, in den angrenzenden Straßen das Ambiente eines gutsituierten deutschen Stadtviertels. "Wäre da nicht die Trikolore auf der Turmspitze", so Vizebürgermeister Fontanel, "könnte man sich auch in Mainz oder Wiesbaden wähnen."

Lange war diese Hinterlassenschaft als Hypothek verpönt. Die Okkupation durch das Nazi-Regime, das im Elsass mit besonderer Brutalität wütete, steigerte noch die Ablehnung gegen die wilhelminische Protzarchitektur - die Bauten hatten den bitteren Beigeschmack des Besatzungsregimes. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Stimmen, die den Abriss des Kaiserpalastes forderten - zumal hier, ab 1940 die Kommandantur der Gauleitung untergebracht war.

Schwieriges deutsches Erbe

Eine emotionsfreie Debatte über Pflege, Erhalt oder Rekonstruktion der Bauten war beinahe unmöglich. "Es bedurfte viel Zeit und Abstand, bis sich in unserer Stadt die Einsicht durchsetzte, dass wir uns auch zum deutschen Teil unserer Geschichte bekennen können", erklärt Fontanel, im Rat zuständig für Kultur.

Er ist der Meinung, dass zu den schützenswerten Wahrzeichen der Stadt nicht nur der mittelalterliche Kern mit dem Straßburger Münster, den malerischen Gassen und Fachwerkhäusern gehört, sondern auch die Neustadt, die Ville Allemande. Fontanel: "Tatsächlich zählt dieses urbane Ensemble zu den vollständigsten Zeugnissen deutscher Monumentalarchitektur des späten 19. Jahrhunderts."

Daher bewirbt sich der Rat der Stadt jetzt um die Aufnahme der Neustadt in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Vizebürgermeister Fontanel, der sich gute Chancen ausrechnet, sieht eine Aufnahme vor allem als Abschluss für eine Vergangenheitsbewältigung: "Die Zukunft fußt auf beiden Teilen dieser deutsch-französischen Geschichte und die Frage nach der Identität verortet sich nicht mehr in der Nationalität. Wir Straßburger sind Elsässer - und Europäer."