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19. Juni 2019, 14:33 Uhr

Stray-Cats-Musiker Brian Setzer

"Tattoos nur da, wo kein Richter sie sieht"

Ein Interview von

Seit vier Jahrzehnten ist er mit seiner Band Stray Cats eine Kultfigur der Rockabilly-Szene: Brian Setzer, 60, über Pompadour-Frisuren und frühen Rock'n'Roll, Tätowiertipps vom Vater - und "eight years no beers".

einestages: Mister Setzer, im April feierten Sie einen runden Geburtstag. Wie rockt es sich mit 60?

Setzer: Sehr gut. Ich fühle mich großartig, bin gesund, gut drauf und freue mich, wieder auf Tour zu sein.

einestages: Nach langer Pause haben Sie sich wieder mit Ihren Stray-Cats-Kollegen zusammengetan und das neue Rockabilly-Album "40" am Start.

Setzer: Pünktlich zum Bandjubiläum. Wir haben die Platte vorigen Herbst in den Blackbird Studios in Nashville eingespielt. Nashville ist ja schon lange die Musikmetropole in den USA, die Stimmung deutlich relaxter als in L.A., Chicago oder New York. Und wenn du auf die Schnelle eine Vintagegitarre oder ein altes Mikro für deine Aufnahmen brauchst, kein Problem, das haben die da alles sofort.

einestages: In Nashville leben Sie aber nicht mehr?

Setzer: Nein, ich wohne schon seit geraumer Zeit in Minnesota, am Arsch der Welt auf einem riesigen Grundstück, 400.000 Quadratmeter, mit meiner Frau, meinen Gitarren, Motorrädern und Hunden. Ich bin ein echter Cowboy geworden und brauche einfach Platz und frische Luft (lacht).

einestages: Wie haben Sie's geschafft, die Band nach all den Jahren wieder zusammenzubringen?

Setzer: Manchmal geht es einfacher, als man glaubt. Jim und ich haben telefoniert, er kam darauf, dass wir 1979 in New York zusammengekommen sind. Und Lee erinnerte sich gleich lebhaft an unser erstes Konzert. Das hat mich inspiriert, also habe ich begonnen, Songs zu schreiben. Bevor wir ins Studio gingen, standen wir zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne. Das fühlte sich vom ersten Moment an sehr vertraut an. Das Publikum war begeistert und wir auch.

einestages: Warum haben sich die Stray Cats so oft getrennt?

Setzer: Es ist wie in einer Ehe: Jeder will irgendwann mal was anderes ausprobieren. Zu Beginn unserer Karriere lebten wir alle zusammen in einem Apartment. Als wir älter wurden, haben wir Familien gegründet, eigene Interessen entwickelt und wohnten als Band natürlich nicht mehr unter einem Dach. Slim Jim spielte mit Lemmy von Motörhead bei Head Cat, Lee machte Soloplatten, wurde Radio-DJ und spielte im Broadwaymusical "Million Dollar Quartet". Und ich gründete das Brian Setzer Orchestra, das es jetzt auch bald 30 Jahre gibt. Daher kam es immer wieder zu Trennungen.

einestages: Was macht die Magie des Rockabilly aus und noch heute für jüngere Fans interessant?

Setzer: Rockabilly-Sound weckt Urinstinkte, es war die allererste Rock'n'Roll-Bewegung. Rockabilly-Mädels sehen toll aus, die Autos sind cool. Es ist ein Lifestyle, ein Gefühl von Freiheit, mehr als Musik und Optik. Der Trend stirbt einfach nicht. Ich begegne heute 14-, 15-Jährigen, die so sein wollen wie ich, mit Pompadour-Frisur, Tattoos und all dem Zeug.

einestages: Erinnern Sie sich an Ihr erstes Tattoo?

Setzer: Klar. Ich habe mir einen streunenden Kater auf den Oberarm stechen lassen, eine "Stray Cat". Das Motiv hatte ich zuvor auf eine Papierserviette skizziert. Ich war 17 und gerade mit der Highschool fertig. In Massapequa, meiner Heimatstadt in Long Island, gab es kein Tattoostudio. Tätowierungen waren noch lange nicht hip. Ich musste für die Katze nach Manhattan.

einestages: Hat Ihr Vater Ihnen tatsächlich Tattoo-Tipps gegeben?

Setzer: Mein Dad, von Beruf Bauarbeiter, war selbst tätowiert und hatte nichts dagegen, meinte aber: "Junge, pass auf, dass du dich nur an Stellen tätowieren lässt, an denen kein Richter es sehen kann, nicht an Hals und Händen. Solltest du jemals verhaftet werden, hast du mit Tattoos vor Gericht keine Chance. Da giltst du sofort als Krimineller." Ob er aus Erfahrung sprach? (lacht). Er hat's mir nicht verraten. Bei meinem Vater habe ich zum ersten Mal Rock'n'Roll gehört, Platten wie "Honey Don't" von Carl Perkins oder "At San Quentin" von Johnny Cash. Meine Mum war Elvis-Fan. Als ich klein war, habe ich immer wieder diese Scheiben aufgelegt, aber noch gar nicht richtig verstanden, wie gut sie waren.

einestages: Klingt nach harmonischem Familienleben. Trotzdem sind Sie früh ausgezogen.

Setzer: Ich war 17, gerade frisch tätowiert und bereit, die Welt zu erobern (lacht) - mit Lee und Jim. Sie waren eigentlich Freunde meines Bruders Gary, der Jazzdrummer ist, etwas jünger als ich, und hingen immer bei uns zu Hause rum. Mir kam die Idee, eine Band zu gründen und Rockabillymusik zu spielen. Wir hatten keinen Plan, aber einen ähnlichen Musikgeschmack: Carl Perkins, Gene Vincent, Elvis, Chuck Berry, aber auch Punk von den Sex Pistols und Dead Boys.

einestages: Die Punkwelle war bereits abgeebbt, als die Stray Cats nach London zogen. Wie kam es dazu?

Setzer: Wir sind im Juni 1980 rüber. Eines Tages sah ich das Cover des "New Musical Express", einer coolen britischen Musikzeitschrift, die es bei uns nur als teuren Import gab. Der Typ auf dem Titel trug eine Pompadour-Frisur wie wir und war eindeutig auch ein Rockabilly. Heilige Scheiße, dachte ich, die Leute in England würden uns auch mögen! In London musste es eine Rockabilly-Szene geben.

einestages: Wie hielten Sie sich dort über Wasser?

Setzer: Anfangs nahm uns keiner ernst, wir waren drauf und dran, nach Hause zu fliegen. Doch dann spielten wir eine Show im Fulham Greyhound Club. The Pretenders waren im Publikum und auch The Clash, alle wollten uns live sehen. Von da an lief es. Unser Name verbreitete sich wie ein Lauffeuer. London war der Startpunkt unserer Karriere, wie zuvor für andere US-Künstler wie Jimi Hendrix und die Ramones. Pretenders-Bassist Pete Farndon wurde mein bester Freund und blieb es, bis er 1983 starb. Wir waren beide Motorradfreaks und sind oft gemeinsam ausgeritten.

einestages: Sie haben drei Grammys gewonnen, Millionen Platten verkauft. Wie sind Sie mit Ruhm und Reichtum umgegangen?

Setzer: Ich konnte das nicht genießen. Slim Jim kam mit dem Starrummel viel besser klar. Er liebte Partys. Mich hat das nie so interessiert. Um den plötzlichen Rummel besser zu verarbeiten, habe ich angefangen zu trinken - viel zu viel, am liebsten Whisky und Bier. Das war nicht gut. Aber letztlich ließ ich mich von diesem Rock'n'Roll-Ding nicht gefangen nehmen, ich habe das rettende Licht gesehen, gerade noch rechtzeitig. Jetzt bin ich seit acht Jahren trocken - eight years no beers.

einestages: 1987 haben Sie im Kinofilm "La Bamba" Ihr Idol gespielt, den jungen Rock'n'Roll-Star Eddie Cochran. Was hat Sie an ihm fasziniert?

Setzer: Er hatte all das, was ich wollte: diese Frisur, diese Gitarre. Als junger Typ sah ich ein Foto von Eddie, bevor ich überhaupt seine Musik gehört hatte. Es hat sofort klick gemacht. Ich wollte genau so aussehen wie er, einfach cool und gegen den Trend - in den Siebzigern trugen ja fast alle die Haare lang. Ich besorgte mir seine Platten, "C'mon Everybody", "Somethin' Else", "Summertime Blues". Dass er mit erst 21 Jahren bei einem Autounfall in England ums Leben kam, ist eine Tragödie. Er hätte so groß sein können wie Elvis.

einestages: Die Musik der Stray Cats ist eher altmodisch. Nutzen Sie digitale Technologie? Was halten Sie von modernen Streamingdiensten wie Spotify oder Deezer?

Setzer: Ich finde gut, dass es so was gibt. Als das Fernsehen erfunden wurde, dachte man, die Leute würden jetzt nicht mehr ins Kino gehen. War aber nicht so. Ich nutze gern alles. Ich liebe nach wie vor meine gute alte Plattensammlung, weil Vinylplatten einfach klasse klingen. Wenn ich was interessantes Neues entdecke, dann kaufe ich das auch schon mal online. Bei mir ist das so: Ich höre je nach Tageszeit verschiedene Musik. Wenn ich mich morgens rasiere, läuft Rockabillysound auf der Boombox. Schraube ich an meinem Truck rum, höre ich Outlaw-Country auf Sirius Satellite Radio, und abends lege ich gern Platten auf, sogar mal Bluegrass zum Relaxen. Ich spiele übrigens auch ganz gut Banjo.

einestages: Lange her, dass Sie Ihren Durchbruch in Deutschland beim Rockpalast-Open-Air 1983 hatten...

Setzer: Ich erinnere mich gut an dieses Amphitheater auf der Loreley, tolle Kulisse. Wir spielten Titel wie "Runaway Boys", "Rock This Town", "She's Sexy" und "Stray Cat Strut". Ich habe nur gute Erinnerungen an Deutschland und freue mich immer wiederzukommen. Bei meinem Lieblingsrestaurant Haxnbauer in München gibt's die weltbesten Schweinshaxen. Sogar meine Frau ist ganz verrückt danach. Nur Bier darf ich nicht mehr trinken. Aber ohne geht es mir eigentlich eh besser.

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