Fotostrecke

1967/68: Die Revolte - Studenten in Aufruhr

Foto: ullstein bild

Studentenrevolte 1967/68 "Das war wie im Rausch, dafür brauchte man kein LSD"

Am Anfang war ein Liebessommer, dann kam das ruppige 1968: ein Jahr mit Demos, Krawallen und Brandanschlägen. Was passierte in Deutschland? Eine Doku von SPIEGEL Geschichte lässt Zeitzeugen berichten, wie sich ihr Leben veränderte.
Von Kathrin Seelmann-Eggebert

Wolfgang Kraushaar kann es nicht abwarten, sein Abitur zu machen. Er geht auf die König-Heinrich-Schule in Fritzlar in Nordhessen. Ihn lockt die Großstadt. Bis zum Sommer 1968 kannte er Bilder von Studenten, die auf der Straße protestieren, nur aus dem Fernsehen. Doch dann, zu Beginn des Sommersemesters, ist es soweit: Mit 20 Jahren zieht er nach Frankfurt am Main, mitten hinein in die Studentenszene der Bundesrepublik.

Er studiert Philosophie und lernt bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, Vertretern der als "Kritische Theorie" bezeichneten Denkrichtung, auch unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt. In den Vorlesungen trifft Kraushaar auf Gleichgesinnte. Sie setzen sich mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auseinander, wollen dagegen demonstrieren. Kraushaars Protest richtet sich gegen das verstaubte Hochschulwesen, die große Koalition, den Vietnamkrieg und die fehlende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Er habe alles aus eigener Anschauung erleben wollen, sagt er heute, 50 Jahre später. "Es gab mindestens drei Demonstrationen pro Woche, auf denen man gewesen sein musste. Das war wie im Rausch, dafür brauchte man kein LSD", schwärmt der 69-Jährige mit strahlenden Augen. Er erinnert sich noch genau, wie er in Frankfurt am Main zum ersten Mal das Büro des Asta betrat, des Allgemeinen Studentenausschusses, Keimzelle der Studentenproteste: "Diese Bewegung war geöffnet wie zwei große Flügeltüren. Jeder wurde mit offenen Armen aufgenommen."

Fotostrecke

1967/68: Die Revolte - Studenten in Aufruhr

Foto: ullstein bild

Diese Zeit, über die der Politikwissenschaftler spricht, der heute die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur leitet, gilt als zentraler Wendepunkt der modernen Gesellschaft. Dabei hat das Jahr zuvor, 1967, die Welt wohl mehr verändert als alles, was dann folgte. Von 1967 aber redet heute kaum noch jemand.

Wer an gesellschaftliche Umbrüche denkt, zitiert stets den großen Bruder, das Jahr 1968. Das Wirken der Achtundsechziger füllt ganze Bücherregale. Warf man 1968 Pflastersteine aufs Establishment, dachte man 1967 noch im Yogi-Sitz über eine bessere Welt nach und genoss dabei das Leben unter Gleichgesinnten.

"Leute, die aussehen wie Tarzan, rumlaufen wie Jane - und riechen wie Cheeta"

Im Januar 1967 fand im Golden Gate Park in San Francisco das "Human Be-In" statt. Viele junge Menschen, die sich dort versammelten, suchten nach einem alternativen Lebensmodell. Sie prägten den Begriff "Hippie", abgeleitet von "Hip", wie "angesagt".

Diese Zusammenkunft und der folgende Liebessommer waren in vielerlei Hinsicht einzigartig. Die Bewegung schaffte es, Leute aus diversen Gegenkulturen friedlich zu vereinen. Bürgerrechtler, Feministinnen, Studenten, Künstler und Musiker waren dabei, dazu Avantgarde und Freaks von überall her. Es ging um Themen, die heute noch relevant sind: Individuum contra Kollektiv, Geschlechterrollen, globale Verantwortung, Meinungsfreiheit, Umweltschutz.

Video: 1968 - Die Revolte der Jugend

SPIEGEL ONLINE
Foto: SPIEGEL TV

Die Dokumentation "1968 - Die Revolte der Jugend" läuft am Montag, 19. März 2018, um 21:00 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Für den späteren US-Präsidenten Ronald Reagan hingegen, damals Gouverneur von Kalifornien, waren Hippies nur "Leute, die aussehen wie Tarzan, rumlaufen wie Jane - und riechen wie Cheeta".

Auch viele Bürger Westdeutschlands konnten sich nicht mit den Zielen und den Protestformen identifizieren. Das Deutschland der Sechzigerjahre war spießig und prüde bis in die Gardinenspitzen der Einfamilienhäuser in den Vororten und betrachtete die neue Protestkultur argwöhnisch, etwa als Studenten 1968 auf Deutschlands Straßen riefen: "Unter den Talaren Muff von tausend Jahren!" In Berlin, Frankfurt, München und vielen anderen Universitätsstädten machten sie ihrem Unmut Luft. Die Atmosphäre im Land verschlechterte sich.

Alles war verdächtig - inklusive der neuen Lebensform der Kommunen, wie die 1967 in Berlin gegründete Kommune 1. Sie propagierte eine Abkehr von der traditionellen Kleinfamilie. Die Hauptakteure dieser Wohngemeinschaft: Rainer Langhans, Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann.

Manche entschlossen sich zum Leben als Aussteiger

Später stieß das Fotomodell und damalige It-Girl Uschi Obermaier dazu. Langhans und Obermaier wurden das Pop-Paar der Kommune und zierten unzählige Titelblätter. Mit ihren Spaß-Demonstrationen wurden die Kommunarden zum Bürgerschreck der West-Berliner. Die Kommune bestand nicht einmal drei Jahre, aber sie polarisierte eine ganze Generation und wurde zum Vorbild für viele Jugendliche. Unzählige Liebesbriefe, Fanpost und Autogrammwünsche liegen noch heute, fein archiviert, im Hamburger Institut für Sozialforschung.

Im Aufbruchsjahr 1967 gab es aber auch politische Rückschläge. Am 2. Juni erschoss die Polizei in Berlin bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien den 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg, viele andere wurden niedergeknüppelt. Der Sechstagekrieg erschütterte den Nahen Osten, in den USA kam es zu schwersten Rassenunruhen mit vielen Toten. Am 9. Oktober wurde in Bolivien Che Guevara umgebracht.

Und kurz bevor das blumige 1967 richtig zu Ende ging, stand schon das ruppige 1968 vor der Tür: Ende November musste die Berliner Kommune 1 wegen Landfriedensbruchs vor Gericht erscheinen; eine Demonstration zugunsten der Bewegten wurde von der Polizei mit Reitern und Wasserwerfern gestoppt. Viele entzogen sich dem Zwang und dem Druck der Gesellschaft ganz und kehrten Deutschland den Rücken. Sie zog es nach Ibiza oder Indien, und sie lebten ein Leben als Aussteiger, teilweise bis heute.

In Deutschland verwandelte sich die friedliebende Hippie-Ideologie in etwas anderes: Anfang Februar 1968 tagte in Berlin der Internationale Vietnam-Kongress, 12.000 Vietnam-Kriegsgegner demonstrierten in der West-Berliner Innenstadt. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke kam es am Osterwochenende zu den schwersten Krawallen seit der Weimarer Republik. In Filialen des Springer-Konzerns wurden Fenster eingeworfen; Flugblätter forderten: "Enteignet Springer".

Zunehmend radikal

Nach Brandanschlägen auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt wurden im April Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein verhaftet, wegen Verdachts der Brandstiftung. Wegen der Radikalisierung der Studenten sei sie zum Eingreifen gezwungen, behauptete die Regierung - und am 30. Mai 1968 erließ der Bundestag die sogenannten Notstandsgesetze.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bewegung sympathisierten auch andere Teile der Bevölkerung mit einem Anliegen der Studenten und beteiligten sich an den Protesten: 70.000 Demonstranten kamen am 11. Mai 1968 zu einem Sternmarsch auf Bonn gegen die Notstandsgesetze zusammen.


SPIEGEL Geschichte widmet sich in zwei Teilen der Jugendrevolte dieser Jahre. Mit Archivmaterial und Zeitzeugen versuchen die Dokumentationen, die Zeit lebendig werden zu lassen. Bei einem Besuch auf Ibiza werden Alt-Hippies in ihrem Alltag beobachtet, der wie eine Zeitreise wirkt. Mit Historikern versucht die Dokumentation, den Fragen nachzugehen: Was war damals los in Deutschland? Was wollte die Jugend erreichen, was ist geblieben? Wie radikal sind einige Lebensläufe geendet, und was hat die RAF mit 1968 zu tun?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.