Sturmflut 1962 »Aufstehen, aufstehen, wir saufen ab!«

Besonders hart traf es die Menschen im armen Hamburger Süden: Als der Orkan »Vincinette« vor 60 Jahren über Norddeutschland fegte, hinterließ er Tod und Verwüstung. Bilder einer Jahrhundertkatastrophe.
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Die Macht des Meeres: Bei der Sturmflut vor 60 Jahren brach ein Deich nach dem anderen. Hier zu sehen: der linke Schwingedeich in Stade westlich von Hamburg. Insgesamt zerstörten die Wassermassen rund 60 Deiche – und das, obwohl die verheerende »Hollandflut« von 1953 mit mehr als 1800 Toten allein in den Niederlanden gezeigt hatte, wie lebensnotwendig es war, die Schutzdämme rasch zu erneuern und zu erhöhen.

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Dem Tod entronnen: Bundeswehrsoldaten und zivile Helfer, aber auch Nato-Kräfte retten die Hamburger Bevölkerung aus dem Überschwemmungsgebiet. Es ist vor allem der Tatkraft Tausender Freiwilliger und Militärs zu verdanken, dass bei der Sturmflut in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 nicht noch viel mehr Menschen starben. Insgesamt kamen 340 Personen um, davon 315 allein in Hamburg: Die Hansestadt war auf diese Katastrophe schlicht nicht vorbereitet.

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Der Schuss vor dem Desaster: Der Hafenmeister von Stade, einer Stadt westlich von Hamburg, warnt mit Sturmkanonen vor der Flut. Kurz darauf wurden die Geschütze von den Wassermassen in die Schwinge gespült.

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Land unter: Die gurgelnden Fluten zerstörten Häuser, entwurzelten Bäume, schoben Autos wie Spielzeug ineinander. Auslöser war der Orkan »Vincinette« (die »Siegreiche«). Zwei Tage lang fegte das Sturmtief mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde über Norddeutschland hinweg und drückte gigantische Wassermassen in Elbe und Weser hinein.

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Eine Stadt versinkt: Diese sowie die folgenden beiden Aufnahmen gehören zu den wenigen in Farbe entstandenen Bilddokumenten der Flutkatastrophe. Geschossen hat sie der Hamburger Fotograf Erich Andres. Rund ein Fünftel des Hamburger Stadtgebiets stand unter Wasser.

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Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? An Warnungen hatte es nicht gemangelt. So kündigte das Hamburger Seewetteramt am 16. Februar frühzeitig einen Orkan an. Und auch das Deutsche Hydrographische Institut warnte vor einer »sehr schweren« nächtlichen Sturmflut an der gesamten Nordseeküste. Das Problem: Die Katastrophenmeldungen erreichten zwar die Behörden, nicht jedoch die Bevölkerung. »Die 80.000 Hamburger in den Überschwemmungsgebieten sind gar nicht oder viel zu spät vor der Flut gewarnt worden«, so das »Hamburger Abendblatt«.

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Tausende Kadaver: Reglos treibt eine Kuh in den Fluten. Die norddeutschen Bauern verloren bei der großen Flut einen Großteil ihres Viehs – Schätzungen zufolge verendeten 50.000 Tiere.

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»Hesselbach« sticht Flutwarnung: Als ein Mitarbeiter des Hydrographischen Instituts am Abend des 16. Februar panisch das Fernsehen anrief, erreichte er laut einem SPIEGEL-Bericht zunächst niemanden. Der Experte bat dann um eine Katastrophenwarnung, aber man wollte die laufende Sendung nicht unterbrechen. So schauten die Menschen gebannt »Die Familie Hesselbach« (Staffel zwei, Folge drei, »Telefonitis«), statt sich gegen die Flut zu wappnen. Um 22.15 Uhr gab die »Tagesschau« schließlich eine Alarmmeldung durch (mit einer auf 3,50 Meter korrigierten Wasserstandsvorhersage) – nur waren zu dieser Zeit viele Menschen längst unterwegs ins Bett.

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Schlafend in die Tragödie: Mit Sirenen, Warnschüssen und Kirchenglocken versuchten Polizei und Rettungsmannschaften, die Hamburger zu warnen, doch der Sturm verwehte vielerorts den Schall. Um die Menschen aus ihren Betten zu bekommen, wummerten die Beamten an Türen und Fenster. So wurde die Hamburgerin Ursel Pinkepank gegen 3.30 Uhr durch lautes Klopfen an ihr Schlafzimmerfenster wach. Von draußen rief jemand: »Aufstehen, aufstehen, wir saufen ab!«, wie die Zeitzeugin 2012 dem »Hamburger Abendblatt« erzählte.

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Keine Chance für die Ärmsten: Auch 16 Jahre nach Kriegsende lebten vor allem ehemalige Ausgebombte sowie Flüchtlinge aus den Ostgebieten in Behelfsheimen und Laubenkolonien – die einfachen Hütten wurden von der Flut fortgeschwemmt wie Streichholzschachteln (Foto). Stundenlang harrten die Bewohner auf den Dächern ihrer zerstörten Häuschen aus, krallten sich an Bäumen, Schornsteinen und Fensterrahmen fest. Manche konnten gerettet werden, andere ertranken qualvoll im eisigen, schmutzig braunen Wasser.

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Rettung in letzter Sekunde: Ein Helfer mit einem evakuierten Baby. In Hamburg nahm man das drohende Sturmtief auch deshalb nicht so ernst, weil es bereits seit Wochen gestürmt hatte – zunächst ohne gravierende Folgen. Gegen Mitternacht schwappte das Wasser erstmals über die Deiche in Moorfleet, Moorburg, Finkenwerder und Wilhelmsburg.

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Grauenvolle Schicksale: Von diesem Bauernhaus in Moorburg bei Hamburg war nach der Katastrophe nur noch die Hälfte übrig. Eine der schlimmsten Tragödien ereignete sich in Waltershof im westlichen Teil des Hamburger Hafens. Das Ehepaar Bennewitz, das auf einer Parzelle in einem Holzhäuschen lebte, verlor fünf seiner sieben Kinder in der Nacht der Sturmflut. »Die Kinder wateten zuerst bis zum Bauch durch die Strömung«, sagte Ernst Bennewitz am 19. Februar 1962 der »Bild«-Zeitung. »Mehrere Autos, vollgepackt mit Fernsehern, Bettzeug und Kisten, fuhren an uns vorbei. Die Kinder schrien. Ich stellte mich den Autos in den Weg, aber keins hielt an.«

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Geborgene Flutopfer und erschöpfte Helfer: Straßenszene in Wilhelmsburg. Die nach und nach von Tauchern aufgespürten Toten wurden in der Eisbahn im Park Planten un Blomen aufgebahrt – die Freizeitattraktion diente im Februar 1962 als Leichenhalle.

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Versunkener Friedhof: Da die Kraftwerke überflutet wurden, gab es in der Katastrophennacht ab etwa 1.30 Uhr keinen Strom mehr; die Hansestadt lag im Dunkeln. Zudem war in den betroffenen Gebieten auch das Telefon ausgefallen. Um 3.07 Uhr erreichte das Wasser mit 5,70 Meter über NN seinen Höchststand.

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Land unter: So sah es entlang der Elbe von oben aus. »Die Sintflut, seit Anbeginn Schreckensvision der Menschen, schien angebrochen«, schrieb der SPIEGEL 1962.

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Mann der Stunde: Am 17. Februar um 6.40 Uhr traf der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt (Foto, l.) im Präsidium ein und übernahm die Leitung der Rettungsarbeiten. Sein rasches und entschiedenes Handeln bewahrte Hamburg vor einem noch schlimmeren Schicksal. Unter anderem forderte Schmidt zusätzliche Hilfe bei der Bundeswehr an.

Foto: Blumenberg / dpa
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Auf der Suche nach den Habseligkeiten: Am schlimmsten traf es den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, Europas größte Flussinsel. Eingeschlossen von zwei Flussarmen der Elbe, lief Wilhelmsburg »wie eine Badewanne voll«, so der SPIEGEL 1962.

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Lebensretter in den Fluten: Mühsam kämpft sich dieser Bundeswehr-LkW durch die Wassermassen. Durch die Flut verloren rund 70.000 Menschen ihr Zuhause, in Hamburg wurden etwa 20.000 obdachlos.

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Von der Wucht des Wassers zusammengeschoben: Polizeisenator Schmidt erarbeitete sich das Image des Machers und ging als Retter der Hansestadt in die Geschichte ein – ein Mythos, an dem der Historiker Helmut Stubbe da Luz rüttelt. Seinen Recherchen zufolge sollte Schmidts Rolle während der Sturmflut nicht überhöht werden: »Vieles ist stark übertrieben, manche Angaben sind erfunden«, sagte Stubbe da Luz 2020 dem SPIEGEL . Schmidt habe den Katastropheneinsatzstab erfolgreich geleitet, »nicht weniger, aber auch nicht mehr«. Obwohl Schmidt selbst an seiner Legende mitgestrickt hatte, verwahrte er sich später bisweilen dagegen.

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Vereint im Schmerz: Der damalige Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann (SPD) beim Besuch eines Evakuiertenlagers auf der Veddel in Hamburg. Anders als Schmidt war Nevermann während der Flut nicht vor Ort, sondern zur Kur im österreichischen Bad Hofgastein.

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Plötzlich obdachlos: Evakuierte Kinder in einem Strohnachtlager der Hamburger Pestalozzi-Schule. Vier Wochen lang dauerte es, bis sich die Wassermassen komplett aus dem Überschwemmungsgebiet zurückgezogen hatten.

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Schneise der Verwüstung: In Hamburg waren die weitaus meisten Todesopfer zu beklagen, doch die Sturmflut wütete auch in Niedersachsen (Foto), Schleswig-Holstein und Bremen. Allerdings wurde außerhalb Hamburgs zumeist frühzeitig energisch gewarnt und evakuiert. So alarmierte etwa die Stadt Cuxhaven ihre Bürger über den Rundfunk: »Deichbruchgefahr! Sofort die oberen Stockwerke aufsuchen!«

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Herabgestürzte Wohnhäuser auf Sylt: Auch auf der Nordseeinsel richtete die Sturmflutkatastrophe große Schäden an. Besonders stark wurden die insgesamt rund 540 Kilometer langen Deiche an der Westküste vor der Nordsee zerstört.

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Hilflos gegen die Naturgewalt: Der auf 100 Meter Breite eingebrochene Deich in Uelvesbüll, 14 Kilometer südwestlich von Husum. »Kein Meter Deich an der Westküste blieb unbeschädigt«, berichtete das »Hamburger Abendblatt«.

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Enorme Hilfsbereitschaft: Feldküchen des Deutschen Roten Kreuzes auf dem Schwarzenbergplatz in Hamburg-Harburg. »Die Lehre von damals gilt auch heute und morgen: Solidarität macht stark«, schrieb der einstige SPD-Bundeskanzler und Hamburger Helmut Schmidt 2002 angesichts des 40. Jahrestags der Katastrophe.

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Pausenlos im Einsatz: Nach der Flutnacht kämpften in den betroffenen Gebieten Tausende Soldaten gegen die Wassermassen, in Hamburg eilten Pioniere und Grenadiere der 3. Panzerdivision zu Hilfe. Zudem packten englische, amerikanische, belgische, niederländische und französische Soldaten sowie der dänische Rettungsdienst Falck mit an. Unter den 340 Toten waren auch neun Bundeswehrsoldaten und fünf zivile Helfer.

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In der Vor-Handy-Ära: Kein Telefon, kein Radio, kein Licht, kein Strom – verzweifelt versuchten die Menschen, ihre Angehörigen in den besonders bedrohten Stadtgebieten zu erreichen.

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Unterwasser-Bahn: Das Wasser lief nicht nur in den Alten Elbtunnel, sondern auch in die Schächte der Bahn.

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Seuchengefahr: Wegen der zahlreichen verendeten Tiere und der vielen Ratten in der Stadt drohten lebensbedrohliche Krankheiten. Deshalb mussten die Viehkadaver möglichst schnell abtransportiert werden (Foto).

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Lebensrettender Piks: Zudem wurden Zehntausende Hamburger in aller Eile gegen Typhus geimpft.

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Anstehen für Trinkwasser: An zahlreichen Stellen in Hamburg war die Wasserversorgung zusammengebrochen. Die Stadt forderte die Bürger in den besonders betroffenen Gebieten auf, nur abgekochtes oder eigens ausgegebenes Wasser (Foto) zu trinken.

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Hilfe aus aller Welt: Viele Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut in der Flut – hier sucht ein Mann nach einer passenden Hose. Die Not der Hamburger bewegte die Menschen im In- und Ausland; Griechenland schickte kurzerhand Korinthen und Rosinen.

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Überwältigende Spendenbereitschaft: Junge Frauen sortieren in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes die Geldanweisungen, die an nur einem Tag für die Flutopfer eingingen. Hamburg erhielt rund 40 Millionen D-Mark an Hilfsgeldern.

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Pause von der Not: Wilhelmsburger Kinder auf dem Weg ins südfranzösische Fréjus. Damit sich die Kleinsten von dem Schrecken der Flut erholen konnten, wurden sie per Zug Richtung Süden verschickt.

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Was hat Hamburg daraus gelernt? Nach dem Debakel begann die Hansestadt zügig, die Deiche zu erhöhen und zu verbreitern, die Zuflüsse zur Elbe erhielten Sperrwerke und Schleusen. Aber auch die Krisenkommunikation wurde verbessert und die Zahl der Sirenen erhöht. Rundfunk und TV versicherten, in Zukunft rechtzeitig zu warnen. 1976 traf die nächste extreme Sturmflut die Stadt: Das Wasser übertraf noch die Pegelstände von 1962. Der Orkan »Cappella« forderte 82 Todesopfer in Europa, davon 17 in Deutschland – aber die Katastrophe von 1962 wiederholte sich in Hamburg nicht.

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Titelthema Flut: Die SPIEGEL-Redaktion zeigte sich fassungslos angesichts der Tragödie und rekonstruierte Ablauf und Versagen in dieser Ausgabe. »Eine moderne Weltstadt, 750 Quadratkilometer groß und musterhaft organisiert, eine Festung aus Menschen, Beton und Energie zeigte sich gegen ein 100 Kilometer entferntes Randmeer des Ozeans so anfällig wie ein Pfahldorf der Primitiven«, schrieb das Magazin damals.

Foto: DER SPIEGEL
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Trauerfeier auf dem Rathausmarkt: Neun Tage nach der Flut versammelten sich laut »Hamburger Abendblatt« rund 150.000 Menschen auf dem Rathausmarkt, um der Toten der Katastrophe zu gedenken. Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) hielt die Trauerrede: »Es ist tragisch, dass im Menschen durch die Fürsorge, mit der ihn die Zivilisation umgibt, das ursprüngliche Gefühl für Gefahren der Natur verloren geht, dass er schließlich die vereinbarten Warnzeichen nicht mehr versteht und zugrunde geht.«

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