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Südseetrend Tiki: Kult, Kitsch, Kunstpalmen

Foto: Aladdin Color Inc/ Getty Images

Südseekult Tiki Paradies mit Plastikpalmen

Kitsch, Cocktails und Hula-Mädchen mit Blumenketten: Vor 60 Jahren waren Amerikaner ganz verrückt nach Tiki, dem knallbunten Exotiktrend. Aus Bars wurden Erlebnistempel - bis die süße Illusion platzte.

Stumm blickten riesige Steinköpfe in die Ferne, Flammen züngelten aus ihren Schädeln. Weit in den Nachthimmel ragte das geschwungene Tempeldach, an der Spitze ein Pelikanskelett als Vorbote eines guten Fischfangs. Im Inneren fand ein ganzes Dorf Platz. Palmen wuchsen in die Höhe, Bambushütten zwischen Bächen und Wasserfällen erleuchtete der Schein kleiner Laternen und das Feuer aus Mund und Augen des Moai.

Dieser steinerne Riese wachte über die Tempelbesucher. Ihre Stimmen drangen gedämpft aus den Hütten, mischten sich mit den Rufen der Tropenvögel und exotischer Musik. Ein Gong eröffnete dröhnend das Ritual: Eine Frau in Bastrock und mit Blumenketten durchschritt den Tempel, in den Händen eine flammende Schale. Vor dem Auserwählten sank sie auf die Knie und reichte ihm feierlich den Trank.

Den "Mystery Drink" - 10 Dollar die Schale, Strohhalme für Mittrinker inklusive.

Das Kahiki: Polynesisches Understatement

Das Kahiki: Polynesisches Understatement

Foto: Sven Kirsten/ TASCHEN

Das Kahiki in Columbus, Ohio, war ein Prachtexemplar der frühen Eventgastronomie. In den Sechzigerjahren, so schildert es Sven Kirsten in seinem Buch "Tiki Pop", zählte es zu den Wallfahrtsstätten einer Massenbewegung. Unter dem Titel "Tiki" wurden Südseedeko, polynesische Küche und Hochprozentiges mit Papierschirmchen enorm populär in den USA. Mit der Echtheit des Kulturimports nahm man es nicht so genau. Schließlich brachte den Hype ein kalifornischer Strandgammler, der weder ein Strandgammler war noch Kalifornier.

Ernest Beaumont Gantt, Texaner, war 1931 nach Los Angeles gekommen. Der Mittzwanziger mit schwindendem Haar pflegte ein dandyhaftes Auftreten, rauchte Zigarren und liebte die Südsee. Er hatte den Südpazifik bereist und dabei Andenken gehortet. Nun vermietete Gantt sie in Hollywood an Filmstudios, für die beliebten Filme in tropischen Inselszenarien.

Die perfekte Welle

Gantt war überaus umtriebig: Mal jobbte er in Chinarestaurants, mal schmuggelte er zur Zeit der Prohibition Rum in die USA. In Hollywood freundete er sich mit Stars wie Marlene Dietrich und David Niven an und ergatterte so Jobs als Berater bei Dreharbeiten in der Südsee.

Schließlich stattete Gantt eine leerstehende Schneiderei in Hollywood mit allem Südseekitsch aus. 1934 eröffnete das polynesische Lokal Don the Beachcomber und versprühte mit seinen Bambusrohren, Fischernetzen, Korbmöbeln, Palmendächern und Fischzähnen ein Flair, das neugierige Kunden lockte.

Als "Gastgeber des Diplomaten und des Strandgutsammlers, des Prinzen und des Piraten" bezeichnete Gantt sich - und es kamen viele Stars wie Charlie Chaplin und Frank Sinatra; im "personal chopsticks"-Schrank des Restaurants bewahrten Ava Gardner und Fred Astaire ihre signierten Essstäbchen auf.

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Südseetrend Tiki: Kult, Kitsch, Kunstpalmen

Foto: Aladdin Color Inc/ Getty Images

Don the Beachcomber wurde zur Erfolgsmarke. Gantt ließ sogar seinen Namen ändern, in "Donn Beach". Seine Cocktailkreationen begeisterten die Gäste - darunter Klassiker wie der Zombie, von dem der Gastgeber werbewirksam behauptete, er sei zu stark, um pro Gast mehr als zwei auszuschenken. Schnell entstanden überall in den USA Don-the-Beachcomber-Filialen, ob in Chicago, Las Vegas oder Seattle.

Der Erfolg von Gantt alias Beach fußte darauf, dass er den Amerikanern etwas Vertrautes verkaufte und mit einem Hauch Exotik überzog, aufregend, aber nicht zu fremd. So erfand er angeblich polynesische Speisen wie die "Pu Pu Platte": ein Vorspeisenteller aus Meeresfrüchten, frittierten Wan Tan und uramerikanischen Chicken Wings und Spare Ribs.

Bald traten Nachahmer auf den Plan. So gründete Victor Bergeron 1936 in Oakland das Restaurant Trader Vic. Fleißig erfand auch er angeblich polynesische Spezialitäten und garnierte seine Drinks mit kleinen Papierschirmchen, deren Zweck unklar schien. Und auch er begründete eine schnell expandierende Restaurantkette.

Aus dem Paradies vertrieben

Das roch nach Ärger. Tatsächlich kam es zum Rechtsstreit, da Bergeron und Beach beide behaupteten, den Mai-Tai-Cocktail erfunden zu haben. Sie einigten sich außergerichtlich.

Dann aber wurden ihre Rivalität und der aufkeimende Südseebar-Trend jäh unterbrochen - als die Welt im Zweiten Weltkrieg versank.

Bald danach war Polynesien wieder in: Aus dem Pazifikraum heimkehrende US-Soldaten erzählten nicht nur vom Schrecken des Krieges, sondern schwärmten auch von der Schönheit tropischer Strände. Mit seinem Buch "Tales of the South Pacific" gewann James Michener 1948 den Pulitzer-Preis, im Jahr darauf wurde die Musical-Adaption "South Pacific" zum Hit.

Tahiti, Samoa und die Osterinseln wurden für die Amerikaner zu Sehnsuchtsorten, wie in der Nachkriegszeit Italien für die Deutschen. Der norwegische Forscher Thor Heyerdahl hielt 1947 die Welt in Atem, als er auf seinem Balsaholzfloß "Kon-Tiki" von Peru bis Französisch-Polynesien segelte. Und bewies, dass die Inseln von Südamerika aus besiedelt worden sein konnten. Amerika und die ferne Südsee, sie schienen sich nah wie nie.

Tiki, der erste Mensch der Maori-Mythologie, wurde Teil der US-Popkultur, ob als Namenspate der Tiki-Subkultur oder in Form von Schnitzfiguren, die bald neben Ukulelen, Holzpaddeln und traditionell bemalten Tüchern Wohnzimmer zierten. Überall in den USA eröffneten Don-the-Beachcomber-Kopien. Donn Beach selbst war derweil nach Hawaii gezogen, ein geradezu prophetischer Schritt: 1959 wurde Hawaii 50. US-Bundesstaat, Exotik stand fortan noch höher im Kurs. In Waikiki schuf Beach eine neue Südseebar - mit Tropenregen-Simulator und sprechenden Vögeln.

Am Busen der Natur

Dick aufzutragen gehörte dazu. Die boomenden Tiki-Tempel geizten nicht mit Südseetapeten, neonbeleuchteten Kunstpalmen, Stroboskop-Gewittereffekten und von der Decke baumelnden Kugelfischen. Die überkandidelten "Tiki-Mugs", Schnitzfiguren ähnelnde Cocktailbecher, wurden zum Sammlerobjekt. Viele Tiki-Bars verkauften die Deko in eigenen Andenkenläden.

Bei Sammlern begehrt: Tiki-Becher

Bei Sammlern begehrt: Tiki-Becher

Foto: Sven Kirsten/ TASCHEN

Tiki war einfach drüber. Das verrieten die übertrieben geschwungenen Satteldächer von Großgastronomien wie dem Mai-Kai in Fort Lauderdale oder dem Kahiki den Gästen schon beim Einparken. Genau deshalb kamen sie ja.

Der Tiki-Subkultur vorwerfen konnte man weniger den Kitsch als ihren üppigen Sexismus: Die Bildwelten waren Herrenfantasien voller junger Frauen, die Gästen leichtbekleidet "Mystery Drinks" reichten oder oben ohne von Cocktailkarten lächelten. Im damals prüden Amerika brauchte es dafür den Deckmantel scheinbarer ethnologischer Authentizität: So natürlich und ursprünglich lebte man noch in der Südsee.

Die Vorstellung indigener Schönheiten im polygamen Inselparadies schmeckte manchem Zecher vorzüglich zum Shrunken Skull oder Malayan Mist. Das Mai-Kai stellte Kellnerinnen strikt nach Aussehen ein und verschickte zwecks Kundenbindung sogar "Mai-Kai-Mädchen des Monats"-Kalender an Gäste. Männermagazine und Filme wie "Nothing But Women" (1950) schürten zusätzlich den Mythos ausschließlich von liebeshungrigen Frauen bevölkerter Tropeninseln.

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Polynesische Kultur als Modelliermasse, das war die zweite Sünde des Tiki. Authentisch polynesisch waren die palmwedelgedeckten Dächer von Einkaufszentren so wenig wie all die Tiki-Aschenbecher, -Seifenstücke und -Ketchupflaschen oder die als "Exotica" vermarktete Easy-Listening-Musik von Künstlern wie Martin Denny. Es war die Cartoonversion einer Südseepostkartenidylle. Eine kulturelle Besitzergreifung, die sich um das reale Leben der Ureinwohner wenig scherte.

Aus der Traum

Die schöne Illusion hielt nicht ewig: Nach Eintritt der USA in den Vietnamkrieg erhob sich Ende der Sechzigerjahre eine mächtige Protestbewegung; das romantisierende Bild vieler Amerikaner vom Tropenleben verfinsterte sich. Die sorglose Aneignung fremder Kulturen begann, ihnen aufzustoßen.

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Kirsten, Sven

Tiki Pop. America imagines its own Polynesian Paradise: America Imagines Its Own Polynesian Paradise / L'amerique reve son paradis polynesien

Verlag: TASCHEN
Seitenzahl: 384
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Hinzu kam die Hippie-Subkultur mit ihrer radikalen sexuellen Befreiung - dagegen verlor die verschämte Erotik der Tiki-Bars ihren Reiz. Cocktailkarten mit Hula-Mädchen wirkten geradezu züchtig im Vergleich zu Woodstock. Und so verebbte die Tiki-Welle mit Beginn der Siebzigerjahre.

Einige große Tiki-Tempel blieben noch eine Weile. Wie das Kahiki in Columbus: Erst im Oktober 2000 rissen Bauarbeiter ein Loch in das gewaltige Dach mit dem stilisierten Pelikanskelett, ein Kran hob den Moai-Kamin heraus, der glühenden Auges über die Gäste gewacht hatte. Das Riesenrestaurant, das einst drei Michelin-Sterne gewonnen hatte - es wurde planiert und machte Platz für einen Drugstore.

Den Namen Kahiki findet man in den USA bis heute. In Kühlregalen der Supermärkte - auf Frühlingsrollen, vorfrittiert. Aber manches sollte man einfach nicht wieder aufwärmen.