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Super-Mario-Chaos: Als Mario und Luigi in die Röhre guckten

Foto: Buena Vista Pictures/ interTOPICS/ LMK Media/ ddp images

Film-Fiasko "Super Mario Bros." Zwei Klempner und ihr Griff ins Klo

Chaos am Set, acht Drehbücher, betrunkene Stars: Die Videospiel-Verfilmung zu "Super Mario" ist legendär vermurkst - ein Flop mit Kultstatus. Mit einer VHS-Kassette als Zufallsfund wollen zwei Fans den Film 26 Jahre später noch retten.

Der ganze Irrsinn war fast überstanden, da traute Samantha Mathis ihren Augen nicht. Mit den Kollegen Bob Hoskins und John Leguizamo war die aufstrebende Schauspielerin auf Promo-Tour in Japan, für dieses Monstrum namens "Super Mario Bros.", in das sie weiß Gott wie hineingeraten war. Beim Ausflug in ein buddhistisches Kloster begannen die Mönche plötzlich, für den Erfolg zu beten. "Wir sahen uns an und dachten: ein Sakrileg", erzählte Mathis später der Zeitung "Guardian". "Die Mönche sollten nicht für diesen verrückten Film beten."

In dem Moment ahnte Mathis, die später in Filmen wie "American Psycho" mitwirkte, dass sie Teil der vielleicht verkorkstesten Filmproduktion Hollywoods war. Noch wenige Monate zuvor hatte sie die Rolle von Prinzessin Daisy in der Verfilmung der Super-Mario-Spiele als Riesenchance gesehen.

Zurück ins Jahr 1985: Ein pummeliger, pixeliger, schnauzbärtiger Klempner erobert die Wohnzimmer im Sturm. Mit ihm springen Kinder rund um den Globus im Nintendo-Videospiel "Super Mario Bros." durch quietschbunte 2D-Level, der Markt für Heimkonsolen wächst und wächst. Mehrere Fortsetzungen erhält das Spiel schon in den Achtzigerjahren - eine Verfilmung wagt niemand. Bis Roland Joffé kommt.

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Super-Mario-Chaos: Als Mario und Luigi in die Röhre guckten

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Joffé ist 1991 ein gefeierter, oscarnominierter Regisseur. Nun sucht er nach einem ersten Projekt als Filmproduzent - und findet es im beliebtesten Videospiel der Welt. Vielleicht liegt es an Joffés Hartnäckigkeit, vielleicht an den teuren Teegeschenken, die er den Nintendo-Bossen regelmäßig schickt, jedenfalls kann er sie überzeugen. Seine Idee ist gewagt: eine erwachsene Version des Mario-Spiels, düster, kantig. "Ich werde kein herzallerliebstes Geschichtchen erzählen", verspricht Joffé bei einem seiner zahlreichen Besuche in der Chefetage.

Umgetopft in ein dystopisches Dinohattan

Mit dem Zuschlag für die begehrten Rechte stürmt er in die Produktion. Ein erstes Drehbuch schreibt Barry Morrow, oscarprämiert fürs "Rain Man"-Script. Es wird abgelehnt. Genau wie das zweite. Parallel läuft das Casting. Danny DeVito, Tom Hanks und Arnold Schwarzenegger für die Hauptrollen - alle drei sagen ab. Das dritte Drehbuch ist jedoch so stark, dass echte Hochkaräter zusagen: Bob Hoskins als Mario, John Leguizamo als Luigi, Dennis Hopper als Bowser, Fiona Shaw als dessen Geliebte.

Regie führen sollen Rocky Morton und Annabel Jankel. Das Ehepaar hat Musikvideos gedreht, Werbung und die eigentümliche britische Serie "Max Headroom", in der ein Reporter nach einem tödlichen Unfall zu einer digitalisierten Computerkopie seiner selbst wird. In Hollywood sind die beiden nahezu namenlos, aber Joffé gefällt ihr avantgardistischer Umgang mit Computeranimationen.

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In einer leerstehenden Zementfabrik in North Carolina beginnt der Kulissenbau, unter der Verantwortung von David L. Snyder, der bereits am Set von "Blade Runner" gearbeitet hat. Das entsprechend aufwendige Set ist schon im Anfangsstadium so teuer, dass Joffé neue Geldgeber suchen muss. Er findet sie bei Disney.

Deren Abgesandten entgleist allerdings die Mimik, als sie sehen, was Joffé aus dem Videospiel für Kinder gemacht hat: Die zuckersüße Geschichte der beiden Klempnerbrüder und ihres Widersachers Bowser wurde ins dystopische Dinohattan transportiert, eine an "Blade Runner" erinnernden Version Manhattans. In einem Paralleluniversum haben Dinosaurier überlebt und sich zu Humanoiden entwickelt, nun wollen sie die Erdlinge unterjochen.

Für Kinder oder Erwachsene, was denn jetzt?

Die sonderbaren Dino-Menschen tragen Fetischkleidung, in neonbeleuchteten Klubs tanzen Stripper. Auf Propagandapostern an den Wänden hält Dennis Hopper eine Kettensäge, Autos wie aus "Mad Max" kacheln über die Straßen, Bars servieren Blut-Cocktails. Mit "Super Mario" hat das wenig zu tun. Dinohattan ist nun ein postapokalyptisches Steampunk-Sodom-und-Gomorrha.

"Hier beginnt das Problem", sagt Ryan Hoss lakonisch. Der Mittdreißiger aus North Carolina führt mit seinem Freund Steven Applebaum das Super Mario Bros. The Movie Archive, eine Art Digitalmuseum. Seit er den Film als Kind sah, ist er fasziniert von der Andersartigkeit und Düsternis, auch von den mysteriösen Unzulänglichkeiten und Brüchen. Hoss und Applebaum sammeln alles, was sie zum Mario-Film finden können, Drehbücher, Requisiten, Storyboards. Ihre Archivseite smbmovie.com  zieht seit 2007 eine erstaunliche Fangemeinde an.

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Gescheiterte Filmprojekte: Ein Kultfilm, ein Klassiker - ein Flop

Foto: Dino De Laurentiis Company/ ddp images

"Der Moment, in dem Disney mitmischt, ist der Moment, in dem alles schiefgeht", erklärt Hoss im einestages-Gespräch. Denn Disney will einen Kinderfilm, alle anderen wollen einen für Erwachsene. Auf Drängen des Studios wird das Script zehn Tage lang überarbeitet, um es familienfreundlicher zu gestalten. Kohärent ist das Ergebnis nicht. "Prinzipiell ist dieser Film zwei Filme", so Hoss, "einer für Kinder, einer für Erwachsene." Im Tauziehen um die Deutungshoheit verändert sich die Geschichte fortlaufend.

Oft werden die Szenen mitten im Dreh umgekrempelt. "Das Skript war schon fünf- oder sechsmal umgeschrieben, als ich hier ankam", sagt ein frustrierter Hopper 1992 der "Chicago Tribune". "Es kümmert mich nicht mehr sonderlich." Hoskins sagt der "Los Angeles Times" in einem vernichtenden Artikel über die Zustände am Set: "Der Trick ist, das alles nicht ernst zu nehmen." Stolze acht Drehbücher hat Hoss auf seiner Webseite versammelt. Das finale Ergebnis ist ein Mischmasch daraus.

"Was zum Henker passiert hier?"

So viel Chaos ernüchtert alle. Die neuen Drehbuchentwürfe passen nicht zu den bereits fertigen Kulissen, die Story ist stellenweise sinnfrei oder schlicht albern, Gräben tun sich auf zwischen den Schauspielern und dem unerfahrenen Regieteam. Der ohnehin als schwierig bekannte Hopper hat Wutausbrüche, Mathis spricht von einem "generellen Gefühl von 'Was zum Henker passiert hier?'".

Hoskins und Leguizamo beginnen, zwischen den Szenen Whiskey zu trinken, unter Alkoholeinfluss bricht sich Hoskins die Hand. Die Nebendarsteller Fisher Stevens und Richard Edson verbringen die meiste Zeit Gras rauchend in ihren nahen Strandhäusern. Die Dreharbeiten ziehen sich, zwecks Kostendeckung sind nun zwei weitere Produktionsfirmen mit an Bord.

Zum Ende hin ordnen die neuen Mitproduzenten umfangreiche Zusatzdrehs an - die Regisseure Morton und Jankel müssen draußen bleiben. "Ich wurde sogar aus dem Schneideraum ausgesperrt", erinnert sich Morton. "Ich musste die Gewerkschaft einschalten." Der Schaden ist aber irreparabel, in Hollywood raunt man von einem Desaster.

Was der Film für Ryan Hoss nicht ist - zumindest theoretisch: "Man kann sehen, was die Macher vorhatten." Auch deswegen habe der Film Kultstatus erlangt und sei zudem als erste Videospielverfilmung Pop-Kulturgut. Ähnlich beschreibt es Produzent Joffé 2014 im "Wired"-Interview: "Auf seine eigene, seltsame Weise ist er ein interessantes Artefakt, das seinen Platz hat."

"Ein scheiß Albtraum"

Zumal der Film vielleicht noch nicht verloren ist, denn Hoss hat, so sagt er, "den Heiligen Gral gefunden". Auf der immerwährenden Suche nach Film-Devotionalien ist er im Mai per Internetauktion auf eine Kiste aus dem Besitz von Joffés früherem Studio gestoßen. "Super Mario Brothers - Cut Footage" steht auf einer Videokassette, mit Filzstift geschrieben.

Für Hoss eine Sensation: "Die Kassette enthält sämtliche Szenen, die im Zuge der ständigen Änderungen wieder herausgeschnitten werden mussten", sagt er. "Wir wollen die VHS jetzt digitalisieren und die Szenen so zurück in den Film schneiden, dass die neue Version näher an der ursprünglichen Vision der Regisseure ist."

Man merkt ihm die Aufregung an, wenn er über seinen Zufallsfund spricht. Endlich kann er dem Objekt seiner Leidenschaft eigenhändig jene Größe verschaffen, die er seit Langem darin sieht. Probleme gebe es freilich mit der Qualität, VHS eben. Aber das lasse sich lösen. Auch sei noch zu erörtern, welche Szenen und Drehbuchversionen zusammenpassten - der Film ist eben ein großer Flickenteppich.

Ende Mai 1993 kam "Super Mario Bros." in die amerikanischen, am 22. Juli in die deutschen Kinos, spielte von den damals gigantischen 48 Millionen Dollar Produktionskosten nicht mal die Hälfte ein und erhielt vernichtende Kritiken. Die Regisseure machten nie wieder einen Film in Hollywood. "Wir wurden wie Leprakranke behandelt", sagte Morton dem "Guardian". Hauptdarsteller Bob Hoskins antwortete 2007 auf die Frage nach seinem schlimmsten Projekt: "Super Mario. Ein scheiß Albtraum. Scheiß Idioten."

Der von Hoss "reparierte" Film soll im Idealfall als Blu-Ray-Version erscheinen, eher ein Langzeitprojekt: Viele Szenen sind roh und ohne Special-Effects-Nachbereitung. "Wir sind in Kontakt mit Chris Woods, dem Verantwortlichen für die visuellen Effekte der damaligen Produktion, der uns helfen und die Szenen nachbearbeiten kann", so Hoss. Vielleicht können japanische Mönche mit Extraschichten diesmal einen Erfolg herbeibeten.

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