Der Fall Bocho Wie in der DDR ein Hilfsschlosser zum angeblichen US-Superspion wurde

Ein aus dem Westen geflohener Hilfsschlosser, Jörg Bocho, wird in der DDR zum US-Superspion und schleust mit Mini-U-Booten Agenten in den Ostblock. Oder war alles ganz anders? Die Geschichte eines absurden Betrugs.

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Jörg Bocho musste einsehen, dass es eine dumme Idee war, kurz vor dem Mauerbau 1961 als Bundeswehrsoldat in die DDR zu fliehen. Erfüllung boten ihm weder die Arbeit als Hilfsschlosser im VEB Leipziger Gummiwaren noch der Zuverdienst als Kellner im "Felsenkeller". Zurück konnte er aber auch nicht, als Deserteur drohte ihm Gefängnis.

Bocho, eine stattliche Erscheinung mit wachen Augen, hatte eine neue Idee. Sie war nicht besser: Er fertigte und verteilte heimlich Flugblätter gegen die DDR, weil er annahm, dass sich solche politischen Aktivitäten später in einem Prozess in der Bundesrepublik strafmildernd auswirken würden.

Jörg Bocho
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Jörg Bocho

Womit der junge Mann - 1940 in Leipzig geboren, aber in West-Berlin aufgewachsen - nicht rechnete: dass ihn die Staatssicherheit schnappen würde. Nach einem Schusswechsel, bei dem Bocho in Wolgast auf einem Baum sitzend mit einer russischen Pistole in die Luft feuerte und ein Stasi-Mann ihm daraufhin ins Bein, wurde er 1966 verhaftet.

Sieben Jahre später brachte eine spektakuläre Forschungsarbeit drei Doktoranden an der Potsdamer Stasi-Hochschule das Prädikat "magna cum laude" ein ("sehr gut"). Die gemeinsame Dissertation handelte von einem Agentenring, der von der Bundesrepublik aus Mitarbeiter westlicher Geheimdienste in die DDR einschleuste, sogenannte "Agenten mit spezieller Auftragsstruktur". Diese AsA drangen demnach mit Klein-U-Booten über die Küstengewässer ein, um unter anderem Raketen-Abschussvorrichtungen zu installieren - eine bis dahin völlig unbekannte Form "verdeckter Kriegsführung".

Krasse Karriere: Vom Aushilfskellner zum Superspion

Hauptinformationsquelle war Jörg Bocho, verurteilt vom Obersten Gericht der DDR zu 15 Jahren Haft wegen Spionage und staatsgefährdender Gewalt. In der Urteilsbegründung hieß es 1969:

"Der amerikanische Geheimdienst NSA hat auftragsgemäß gut ausgebildete, bewaffnete, technisch vortrefflich ausgerüstete und im antikommunistischen Sinne erzogene Angehörige der US-Streitkräfte zu speziellen Kommandounternehmen in die DDR geschickt, mit dem Ziel, zu spionieren, zu provozieren, Agenten zu schleusen und konkrete Maßnahmen der Aggressionsvorbereitung zu treffen. Dieser Verbrechen ist der Angeklagte, der Oberleutnant des USA-Geheimdienstes NSA, Bocho überführt."

Ein Hilfsschlosser und Aushilfskellner wird in kurzer Zeit zum hochqualifizierten US-Spezialagenten - eine ganz und gar erstaunliche Karriere. Vernehmer und Richter jedenfalls sahen in ihm einen Kronzeugen für DDR-feindliche Aktivitäten, und gleich drei Stasi-Offiziere banden ihre Doktorarbeit an Bochos Aussagen.

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Jörg Bocho: Der erfundene Superspion

Wie der einfache fahnenflüchtige Soldat derart glaubwürdig erscheinen konnte, hat Buchautor Joachim H. Rudek recherchiert und gut 90 Aktenbände mit Vernehmungsprotokollen und Gutachten ausgewertet. So entdeckte er den wohl absurdesten (Selbst-)Betrug in der Geschichte der Staatssicherheit.

In einem umfassenden Geständnis nannte Bocho seine Aufträge in der DDR. Demnach sollte er Informationen über Volksmarine und Luftstreitkräfte im Küstengebiet sammeln, die Zerstörung von Schiffen und Blockade von Hafenausfahrten planen, zudem Agenten mithilfe von Kleinst-U-Booten einschleusen.

Bocho behauptete, er habe eine umfassende Einzelkämpferausbildung erhalten. Trainiert wurde er nach eigenen Angaben als Kampfschwimmer an "maritimen Kleinkampfmitteln", also an Mini-U-Booten, Torpedo-Trägergeräten und Sprengbooten; ebenso für den Unterwasserkampf etwa mit Minen und Haftladungen. Zeitweise habe er die DDR verlassen, um an einer Gefechtsübung in der Türkei und einer Spezialausbildung in den USA teilzunehmen und sich einen Überblick über neueste Unterwasserfahrzeuge zu verschaffen.

Seine Zeichnungen machten Eindruck

Es klang abenteuerlich. Und genial. Seine Schilderungen im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen untermauerte Bocho mit Skizzen. Auf realistischen Karten vom Küstenverlauf markierte er seine Aktivitäten und zeichnete auch allerlei Klein-U-Boote, Waffen und anderes Gerät. Bocho ergänzte sie mit Angaben zu baulichen und technischen Details, zu Bedienung, Montage und Zusatzausrüstungen.

Buchautor Rudek, Jahrgang 1934, kennt sich mit der Materie aus. Er war selbst Marinetaucher, arbeitete in der zivilen und militärischen Seefahrt als Ingenieur, lehrte an der Hochschule für Seefahrt Warnemünde/Wustrow und publizierte zu U-Boot-Einsätzen im Zweiten Weltkrieg. Es sei beeindruckend, schreibt Rudek über die Bocho-Akten, "dass ein Mensch nach monatelanger Haft bei der Staatssicherheit solche Datenmengen gewissermaßen fehlerfrei abrufen kann - bis auf die Elektrodenbohrung der Brennstoffzelle hin genau".

So zeichnete Bocho etwa das Trägergerät "GN 3", laut Rudek ähnlich dem italienischen Zwei-Mann-Torpedo SCL "Maiale". Und Bochos Klein-U-Boot vom Typ "ORC 2-T/B-A" ähnele den von der deutschen Kriegsmarine entwickelten Mini-U-Booten "Schwertwal" und "Seeteufel".

Als Bochos spektakulärste Offenbarung stuft Rudek einen speziellen Taucheranzug ein: Den im Wasser gelösten Sauerstoff sollte ein Silikonfilm-Atemgerät nutzbar machen. Das Prinzip war bekannt; 1964 berichtete DER SPIEGEL über einen Wissenschaftler des Elektrokonzerns General Electric, der durch den Einsatz von Spezialfolien Sauerstoff direkt aus dem Wasser gewann. Die hauchdünnen, mehrschichtig angeordneten Folien aus Silikonkautschuk ahmten das Prinzip von Fischkiemen nach.

Ein Taucheranzug mit solchen "Kiemen aus Kautschuk" wäre eine revolutionäre Erfindung, schreibt Rudek. Nur: Die gab es nie. Wie es auch all die anderen von Bocho beschriebenen angeblichen Erfindungen des US-Geheimdienstes so nie gab.

Aber wie konnte sich Bocho all diese Dinge ausdenken und mit geografischen, physikalischen, technischen Details untermauern?

Konnte er nicht. Das MfS konnte.

Rudek fand in den Akten auch ein Dokument mit exakt dem Wortlaut, mit dem Bocho angeblich in der Vernehmung auf die Frage nach dem Arbeitsprinzip von Brennstoffzellen antwortete. Handschriftlich war darauf notiert: "Von Bocho erarbeitet. Eichel".

Der Hilfschlosser half beim Promovieren

Für Rudek wurde damit die Arbeitsweise klar: Erst besorgte Vernehmungsoffizier Hermann Eichel Unterlagen zum Thema Brennstoffzellen, dann tippte sie der Gefangene in seiner Zelle per Schreibmaschine ab; schon galt der Text als "von Bocho erarbeitet". Ein weiterer Vernehmer erhielt das Dokument, fertigte daraus das Befragungsprotokoll und unterschrieb es - noch vor der Vernehmung.

Stasi-Mitarbeiter selbst hatten also laut Rudek dem Häftling das Recherchematerial zur Verfügung gestellt, aus dem seine Antworten und Zeichnungen entstanden. Und so kam es, dass der Hilfsschlosser Bocho mitschrieb an der gemeinsamen Doktorarbeit dreier Stasi-Offiziere. Rudek: "Ohne die 99 Aktenbände des Jörg Bocho hätte es diese Dissertation nicht gegeben."

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11.12.2019, 03:02 Uhr
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Rudek Joachim H.
Der erfundene Superspion

Verlag:
edition berolina
Seiten:
288
Preis:
17,99 €

Das klärt allerdings noch nicht, warum Bocho sich als US-Agent ausgab und zu 15 Jahren Haft verurteilen ließ.

Seine Vernehmer gehörten zur Hauptabteilung IX/5 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unter Leitung von Herbert Pätzel, der als Mitautor der so sonderbar zusammenlaminierten Dissertation von der Zuarbeit des Häftlings profitierte. Rudek sieht in den Prozessunterlagen den Beweis, dass es einen Deal mit Bocho gab. Im Prinzip konnte ein enttarnter Spion darauf hoffen, im Zuge des Agentenaustausches zwischen West und Ost freizukommen. Der Haken: Bocho gehörte zu gar keinem Geheimdienst. Folglich wollte ihn auch niemand austauschen.

1976 konnte er schließlich ausreisen, das Gericht hatte den Rest der Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Über seinen Pakt mit dem MfS aber schwieg er bis zu seinem Tod 1997.

Bocho war fantasiebegabt und neigte zu Plänen, die nicht aufgingen. Autor Rudek legt nahe, dass er Teil eines größeren Plans wurde - dem von Oberstleutnant Pätzel.

"Krankhaftes Lügen"

Schon die ersten Verhöre zeigten, dass es sich bei Bocho um eine psychisch auffällige Person handelte. Er selbst hatte sich während der Voruntersuchung als Leutnant des US-Geheimdienstes bezeichnet. Genau deshalb sei er zu Pätzels Abteilung gekommen, schreibt Rudek. Man habe sein Potenzial erkannt - ein psychisch kranker Mensch, der sich durch immer neue und abenteuerlichere Geschichten selbst belastete. Pätzels Perspektive beschreibt Rudek so: "Einen Superspion der USA zu fangen und zu entlarven, das konnte der eigenen Kariere nur dienlich sein. Außerdem plante Pätzel eine Dissertation zu diesem Thema und brauchte einen geständigen Täter."

Rudek verweist auf das Krankheitsbild "Pseudologia phantastica". Beim krankhaften Lügen gehe es "den Betroffenen vor allem darum, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Auch auf die Gefahr hin, dadurch Nachteile zu erleiden. Das traf offensichtlich auch auf Jörg Bocho zu."

Dass der selbsternannte US-Spion doch noch freikam, verdankte er laut Rudek einem Mitgefangenen: Der Arzt und Arbeitsphysiologe Adolf-Henning Frucht hatte echte Verbindungen zu US-Geheimdienstlern. Im Gefängnis war auch er Bochos Erzählungen aufgesessen. "Im irrigen Glauben, bei Bocho handelte es sich tatsächlich um einen Superspion der Amerikaner, setzte er sich massiv für dessen Freilassung ein", fand Rudek heraus. "So kam Bocho auf die Freikaufliste der Bundesrepublik."

Für Pätzel, inzwischen zum Oberst befördert, lief es bald nicht mehr glatt.

Zweifel an der Geschichte von den "Agenten mit spezieller Auftragsstruktur" kamen Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, in der DDR zuständig für Devisenbeschaffung durch den Verkauf von Häftlingen. Ihm fiel auf, dass in der Bundesrepublik niemand diese Agenten als Tauschobjekte haben wollte - weil sie keinem Geheimdienst zuzuordnen waren.

Bei einer Stasi-internen Untersuchung flog Pätzel wegen seines erfundenen Agentenrings auf und wurde 1979 ins Archiv strafversetzt. 1999 musste er sich wegen gefälschter und erpresster Aussagen vor dem Berliner Landgericht verantworten. Bis zu seiner Absetzung waren auf Basis seiner haltlosen Agententheorie zahlreiche Unbeteiligte als vermeintliche Superspione verurteilt worden. Er selbst kam mit 22 Monaten Haft auf Bewährung davon.

Als ihm ein zweites Verfahren drohte, verschwand Pätzel und wurde per Haftbefehl gesucht. Er tauchte erst wieder auf, als seine Taten genau zehn Jahre nach der Wiedervereinigung verjährt waren, am 3. Oktober 2000. In einem Gespräch mit der Dokumentarfilmerin Heike Bittner hielt Pätzel noch 2009 daran fest, "dass wenigstens 95 Prozent der Dinge, die Bocho erzählte, Wahrheit sind".

insgesamt 4 Beiträge
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Joachim Peter, 20.11.2019
1.
Das erinnert mich irgendwie an die weniger spektakuläre Geschichte zur Zeit der ungarischen Grenzöffnung, als ein Mitropakellner diese nutzte, um sich kurz in Österreich umzusehen, worauf er jedoch zurückkehrte und verhaftet wurde. Daraufhin erfand er eine Geschichte, er sei mit einer Mentholzigarette betäubt und in den Westen entführt worden, die von der Stasi sofort aufgegriffen wurde und in jeder Ostzeitung erschien. Ein Einzelfall war sowas bei der Stasi also nicht, wenn auch sicher einer der absurdesten. Letztendlich zeigt aber auch die letzte Aussage des Stasioffiziers, wie sich ein Verfasser von fake-news so sehr in seine Lügengeschichte verstricken kann, dass er am Ende selbst so fest daran glaubt, dass er nicht mehr davon loskommt. In dieser Beziehung scheint er auch kein Einzelfall zu sein, bis zur Gegenwart.
Andreas Doetz, 20.11.2019
2. diese sogenannten Führungsoffiziere (Pätzel) waren doch Schwachköpfe
als ich meine Stasiakte gelesen habe war mir klar das da willkürliche und wage Auslegungen drin waren, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Die haben sich für sehr wichtig gehalten und sich auch so nach "oben" präsentiert. Sie haben damit für sich und ihre Familien den für DDR-Verhältnisse gehobenen Lebensstandart gesichert. Sie konnten Biographien beeinflussen und sogar vernichten. Der Name des Führungsoffiziers der IM's ist mir bekannt wie die Namen der IM's auch. Die IM's wurden wegen aufgeflogenen Devisenschmuggels erpressbar und auf mich angesetzt.
Günther Potschien, 20.11.2019
3. Mich erinnert das an das Buch
von Graham Green "Unser Mann in Havanna".
Andreas Göttsche, 21.11.2019
4. Bildzeitungs-
Niveau... Der Buchtitel "Jörg Bocho und der größte Betrug des MfS". Ja da frage ich mich woher man weiß das es der größte Betrug des MfS war. Aber schneller, weiter, tiefer, größer usw. verkauft sich besser
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