Der lange Weg einer jungen Aborigine-Frau Verschleppt, vorgeführt – aber nicht vergessen

Von Australien über die USA nach Deutschland: Sussy Dakaro wurde als »exotische Wilde« im Zirkus und in Zoos präsentiert, bis sie mit 17 Jahren in Wuppertal starb. Kommen ihre Überreste zurück in ihre Heimat?
Von Elias Dehnen
Sussy Dakaro, ihr wahrer Name ist nicht überliefert, wurde als Mädchen aus Australien entführt und starb bereits im Alter von 17 Jahren

Sussy Dakaro, ihr wahrer Name ist nicht überliefert, wurde als Mädchen aus Australien entführt und starb bereits im Alter von 17 Jahren

Foto:

privat

»Ihre Geschichte muss erzählt werden«, sagt Destiny Devow sanft und bestimmt. »Und nicht nur das. Wenn möglich, muss sie in ihre Heimat zurück.« Ihr Bruder Dion nickt in die Kamera: »Was ihr angetan wurde, ist grausam. Aber wir könnten der Geschichte eine positive Wendung geben.«

Die Geschwister sprechen von Sussy Dakaro, einer Vorfahrin. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie von der australischen Inselgruppe Palm Island verschleppt und später als »exotische Wilde« in europäischen Zoos vorgeführt. Sussys Leidensweg endete 1885 in Wuppertal, wo sie starb und bestattet wurde.

Was dort viele Jahre später diskutiert wird, hat inzwischen auch das Auswärtige Amt und die australische Regierung erreicht: Sind Sussys menschliche Überreste nach so langer Zeit unter der Erde erhalten? Und was passiert mit einer kolonialen Büste von Sussy, aufbewahrt in einem Dresdner Museum? Die einjährige Recherche führt zu einer Einladung an ihre Nachfahren: Eine Delegation soll nach Deutschland reisen und Antworten finden.

Mitte 2021 nimmt der SPIEGEL Kontakt mit den Geschwistern Devow auf, deren Großmutter wie Sussy auf Palm Island lebte, und schildert ihnen die Verbindung zu Wuppertal. Destiny und Dion Devow sind australische First Nations und vertreten den Ältestenrat ihres Volkes, der Manbarra im Norden von Queensland. Destiny repräsentiert auf staatlicher Ebene Aborigines, um Landrechte einzufordern; Dion ist Gründer eines bekannten Modelabels, das indigene Designs verwendet.

»Unsere Vorfahren wurden als Zirkusfreaks vorgeführt«

Zahlreiche Zoom-Meetings zeigen, wie schmerzhaft Sussys Geschichte für die beiden ist: »Ihr Schicksal macht das Unrecht greifbarer, was uns First Nations angetan wurde«, sagt Dion Devow. Australien arbeite nur zögerlich seine koloniale Vergangenheit auf: »Bis Ende der Sechzigerjahre hatten wir keinerlei Rechte, keine Staatsbürgerschaft, wir wurden nicht einmal als Menschen anerkannt – dadurch konnten unsere Vorfahren weggebracht und als Zirkusfreaks vorgeführt werden.«

»Unsere Kinder wurden verschleppt, Straflager eingerichtet und ganze Communitys ausgerottet«, ergänzt seine Schwester. »Wir geben dem heutigen Australien dafür nicht die Schuld, aber wir wollen Respekt im Sinne von Anerkennung für das, was passiert ist.« Erst 2008 habe ein Heilungsprozess eingesetzt, als Premierminister Kevin Rudd sich offiziell bei den First Nations entschuldigte. Dennoch wirkten die kolonialen Verbrechen bis heute nach: »Es kommt immer noch vor, dass australische Behörden Aborigine-Familien ihre Kinder wegnehmen und in Heime stecken«, so Dion Devow. »Es heißt dann, ihre Erziehung sei nicht angemessen.«

Vor rund 140 Jahren in der britischen Kolonie Queensland: Der selbst ernannte Menschenjäger Robert A. Cunningham verschleppt 1883 neun Aborigines von der australischen Inselgruppe Palm Island und dem benachbarten Hinchinbrook Island. Unter ihnen sind ein 14-jähriges Mädchen und ihr älterer Partner, die später Sussy und Tambo genannt werden.

Cunningham hatte nach »lebenden Kuriositäten« für die Shows des Zirkusunternehmers P.T. Barnum gesucht, dem Hollywood mit »The Greatest Showman« 2017 eine fragwürdige Hommage widmete.

»Greatest Show on Earth«: Plakat für den Zirkus von Barnum & Bailey

»Greatest Show on Earth«: Plakat für den Zirkus von Barnum & Bailey

Foto: JT Vintage / ZUMA Wire / IMAGO

In den USA wird die Truppe Teil von Barnums Zirkustournee »Ethnological Congress of Strange Tribes«. Cunningham zufolge war Sussy lebensfroh und wurde von ihren Leidensgenossen so sehr geliebt, dass er nicht wisse, ob er die Shows weiterführen könne, würde sie eines Tages sterben. Doch über den Charakter der jungen Frau sind nur Fremdbeschreibungen bekannt.

Shows mit den »letzten Kannibalen«

Angekündigt werden Sussy und ihre Gefährten als »die letzten Kannibalen«. Damit sie noch exotischer aussehen, bekommen die Männer Knochen ins Gesicht gebohrt. Als Kunstfiguren westlicher Kolonialfantasien treten sie so in über 130 Städten in den USA und Kanada auf, bevor Sussys Partner Tambo und ein weiterer Gefährte an einer Krankheit sterben. Cunningham, als skrupellos bekannt, lässt Tambos Leichnam mumifizieren, um ihn an ein Kuriositätenmuseum zu verkaufen.

1993 wird Tambos Körper im Keller eines Bestattungsinstituts in Cleveland (Ohio) wiederentdeckt. Der Fund macht Schlagzeilen, im Jahr darauf bringt Australiens Regierung den Leichnam zurück nach Palm Island, wo er in einer traditionellen Rauchzeremonie beigesetzt wird. Zugleich rekonstruiert die australische Anthropologin Roslyn Poignant die Fährte der verschleppten Aborigines-Gruppe für ihr Lebenswerk »Professional Savages: Captive Lives and Western Spectacle«. Die Spurensuche wird sie in den folgenden sieben Jahren auch nach Deutschland führen.

Knapp ein Jahrhundert zuvor organisiert Cunningham 1884 eine große Europatournee. Sussy und ihre Gefährten tanzen, werfen Bumerangs und erhalten pro Auftritt eine kleine Gage. Zwischen den Shows in Varietés und Zoos, auf Jahrmärkten und Messen müssen sie immer wieder pseudowissenschaftliche Untersuchungen erdulden. So fertigt man im Berliner Castan-Atelier Gips-Büsten von ihnen an. Vermessungen dieser Art sollen die damals verbreitete Rassenideologie stützen, der zufolge Aborigines angeblich auf der untersten Entwicklungsstufe der Menschheit stehen.

Die Recherche hält eine Überraschung bereit: Die sieben lebensgroßen Büsten, davon vier aus Sussys und drei aus einer anderen Aborigine-Gruppe Cunninghams, sind noch gut erhalten und befinden sich in der Sammlung des Museums für Völkerkunde in Dresden. Birgit Scheps-Bretschneider ist dort zuständig für Provenienzforschung und begleitete 2019 eine Reihe von Repatriierungen nach Australien. Sie sagt: »In jedem Abbild steckt ein bisschen Seele. Man wird darüber sprechen müssen, was mit den Büsten passiert.«

Die Büsten sind verblüffend realistisch

Scheps-Bretschneider nimmt am nächsten Zoom-Meeting mit den Devow-Geschwistern teil und bietet an, ihnen Fotos der bemalten Büste von Sussy zu zeigen. »Das ist nicht leicht zu verdauen«, warnt sie.

»Es war fast so, als hätte man Sussy selbst angeblickt«, erinnert sich Dion Devow. »Die Büste war realistischer gefertigt als erwartet. Auch wenn man bedenkt, unter welchen schrecklichen Umständen sie gemacht wurde, hat die Büste unserer Ahnin eine Präsenz und einen Körper gegeben.« Seine Schwester sagt: »Es war tieftraurig, hat uns aber eine Verbindung zu Sussy geschenkt. Danach spürte ich umso mehr, dass sie heimkehren muss.«

Zurück ins Jahr 1885: Am 15. Juni erreicht Sussy mit ihrer Gruppe den Ort Sonnborn im heutigen Wuppertal. Von den ursprünglich neun Aborigines leben nur noch fünf. Der »Tägliche Anzeiger für Berg und Mark« kündigt sie als »Truppe der Australneg* und Menschenfresser« an und berichtet kurz darauf über die erste Aufführung: »Es waren gestern nur vier dieser Wilden zu sehen, da das fünfte Exemplar, eine N*prinzessin, sich ein leichtes Unwohlsein zugezogen hat.«

Gemeint ist Sussy. Während Ärzte sie pflegen, beschreibt die »Elberfelder Zeitung« am 19. Juni 1885 einen Vorfall:

»Die ›Kannibalen‹ aus dem Zoo wurden auf dem Heimweg nach Sonnborn, wo sie untergebracht sind, von mehr als hundert Schaulustigen nicht nur umzingelt, sondern geradezu attackiert, wobei man ihnen fast die Kleider vom Leib riss. Einem Polizisten fiel nichts Besseres ein, als den ›Wilden‹ Unruhestifterei zu unterstellen. Wir fragen uns, wie die Anklage lauten wird, denn die Australier waren europäisch gekleidet und können allenfalls durch ihre Hautfarbe den Aufruhr verursacht haben, so dass ihnen höchstens die dunkle Haut zur Last gelegt werden kann.«

Am 23. Juni 1885 stirbt Sussy Dakaro mit erst 17 Jahren an Tuberkulose. Wegen der Infektionsgefahr durch eine Hitzewelle wird sie schon am folgenden Abend begraben. Ihre Gefährten meiden die Sonnborner Friedhofszeremonie, weil ihnen eine rituelle Bestattung des Leichnams verwehrt bleibt. Nach dem Tod der jungen Frau strömen in den folgenden Tagen neugierige Menschenmassen in den Zoo, um die Aborigines zu sehen.

Im Jahr 2000 sucht Anthropologin Roslyn Poignant den Wuppertaler Zoo auf, sammelt Hinweise zu Sussys Schicksal und findet schließlich zum Sonnborner Friedhof. Die heute bereits verstorbene Forscherin kontaktiert die evangelische Gemeinde und erhält Archivzugang. Im Sterberegister findet sie einen Eintrag über Sussys Tod 1885 mit den Ziffern »4, 11-6«: die exakte Begräbnisstelle. Die Parzelle liegt brach und ist unbelegt.

Sind noch Überreste erhalten?

Sussys Geschichte droht wieder in Vergessenheit zu geraten, bis 2015 Cesare Lazaros Borgia vom Solinger Stadtarchiv auf ihren 130. Todestag aufmerksam wird und mit dem Wuppertaler Journalisten Manfred Görgens spricht. Sie durchforsten Zeitungsartikel von 1885 und stehen schließlich an der Parzelle, wo Sussy begraben liegt.

Gedenkstein für Sussy Dakaro: »Verschleppt, um die Schaulust zu stillen«

Gedenkstein für Sussy Dakaro: »Verschleppt, um die Schaulust zu stillen«

Foto: Elias Dehnen / DER SPIEGEL

»Wir diskutierten, ob eine Rückführung machbar wäre«, erzählt Görgens. Doch nach Einschätzung der Friedhofsverwaltung wäre nach 130 Jahren nichts mehr auffindbar. Borgia schlägt stattdessen einen Gedenkstein vor, der durch Spenden eines Bürgervereins und des Wuppertaler Zoos finanziert und 2017 feierlich am Bestattungsort enthüllt wird, begleitet von Didgeridoomusik.

Aber ist es wirklich abwegig, dass noch menschliche Überreste von Sussy erhalten sind? Die Frage führt zur Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Aus der Sammlung des Anatomie-Instituts wurden im April 2019 die Gebeine von fünf indigenen Australiern in ihre Heimat rückgeführt, darunter die Gebeine eines gewissen »Bob« – einer aus der Cunningham-Truppe, wie das Institut bestätigt. Seine Gebeine seien dem Institut 1970 aus Chemnitz geschenkt worden, die genauen Umstände sind der Leitung rätselhaft.

»Koloniale Zerrbilder wirken bis heute nach«

Direktorin Heike Kielstein hört zum ersten Mal von Sussys Geschichte und ihrer Verbindung zu Bob: »Als Anatomieprofessorin kann ich sagen, dass man mit größter Wahrscheinlichkeit noch etwas von ihr finden wird. Vor allem Zähne und Schädeldecken sind oft nach vielen Jahren noch gut erhalten.« Bei Repatriierungen, die sie begleitet habe, sei es für Aborigine-Delegationen eher nebensächlich gewesen, wie vollständig oder intakt die Gebeine waren: »Und sei es noch so ein Mini-Knochen – es geht um den Akt der Wiedergabe, der für Nachfahren oft höchst sensibel ist.«

Beim Friedhof in Wuppertal-Sonnborn ist man weiterhin skeptisch, ob noch menschliche Überreste zu finden sind, zumal an Sussys Grabstelle 1920 eine weitere Sargbestattung erfolgte. Verwaltungsleiter Ingo Schellenberg möchte aber »Bodenuntersuchungen auf jeden Fall ermöglichen«: »Die gesamte Grabfläche müsste geöffnet und das Erdmaterial zwei Meter tief ausgesiebt werden, um Knochenreste zu finden. Ob diese Sussy oder der Bestattung von 1920 zuzuordnen sind, wäre dann noch zu klären.«

Möglich wäre auch, den Boden mit modernen Ultraschallgeräten nach Gebeinen abzusuchen – oder eine »symbolische Umbettung«, indem eine Erdprobe aus der Grabstätte nach Australien überführt wird.

2020 formiert sich in Wuppertal die Initiative »Power of Color«, die sich für eine postkoloniale Erinnerungskultur einsetzt, und organisiert zu Sussys 135. Todestag eine Gedenkveranstaltung vor dem Wuppertaler Zoo. »Ihr Schicksal führt uns vor Augen, dass koloniale Zerrbilder von damals bis heute nachwirken«, sagt Helin-Jasmin Kilagöz von der Gruppe. »Mit einigen Zoobesuchern kamen wir ins Gespräch, die waren wirklich berührt. Andere wollten nichts davon wissen: ›Das ist so lange her, was betrifft mich das?‹«

Auch Helge Lindh, Wuppertals SPD-Abgeordneter im Bundestag, nimmt an der Aktion teil. Durch »Power of Color« sei er auf Sussys Geschichte aufmerksam geworden: »Meine grundsätzliche Haltung ist: Give up control. Die Rückgabe von Gebeinen darf nicht zur Diskussion stehen, wenn es so gewollt ist. Die Nachfahren geben vor, was pietätvoll ist. Wir haben damals rassistisch agiert und dürfen das bei der Aufarbeitung nicht wiederholen.«

Ein Besuch in Wuppertal bahnt sich an

Mitte 2021 stellt der SPIEGEL dem Bundestagsabgeordneten die Devow-Geschwister vor. Vertreter der Täter- und Ursprungsgesellschaft, Wuppertal und Manbarra People verbindet jetzt Sussys Schicksal. Die Treffen sind respektvoll, mal wird gelacht, mal fließen Tränen.

Mit seinen Kontakten zum Auswärtigen Amt nimmt Lindh fortan eine Schlüsselposition im Repatriierungsprozess ein. Im Dezember 2021 lädt er die Devow-Geschwister ein, mit einer Delegation nach Wuppertal zu reisen. Scheps-Bretschneider vom Dresdner Museum, die den Devow-Geschwistern alle sieben Büsten zur Rückgabe angeboten hat, schließt sich der Einladung an.

Vor Ort soll sich die Delegation ein Bild machen können, ob sie offiziell eine Repatriierung anfragen möchte – und was mit den Büsten geschehen soll. Um den Besuch zu ermöglichen, spricht Lindh beim Außenministerium vor und erhält positive Signale. Unterdessen sagt die australische Regierung den Devow-Geschwistern Unterstützung zu. Den Antrag ans Auswärtige Amt wird voraussichtlich die Evangelische Gemeinde in Wuppertal-Sonnborn stellen. Helge Lindh ist optimistisch: »Ich sehe keine Kraft, die blockierend wirken könnte.«

»Wir werden sehr behutsam vorgehen«, betonen Destiny und Dion Devow, »das letzte Wort muss unser Ältestenrat haben. Sie sind die Wächter der Geschichten, sie haben das Wissen über unser Land, über unsere Kultur und unsere Ahnen.«

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Sussy wieder in ihre Heimat zurückkehren kann. Sie würde neben ihrem Partner Tambo auf Palm Island bestattet werden – »und vielleicht endlich zur Ruhe kommen«, sagt Destiny Devow.