Rockerin Suzi Quatro "Harte Kerle haben Respekt vor mir"

Schwarze Lederkluft und ruppiger Gesang: Suzi Quatro, Rock-Queen der Siebziger, fegt seit gut 50 Jahren über die Bühnen. Hier spricht sie über Macho-Musiker, absichtslosen Sexappeal und ein Beinahe-Treffen mit Elvis.

Frans Schellekens/ Redferns/ Getty Images

Ein Interview von


Zur Person
  • Christian Charisius/ DPA
    Suzi Quatro wurde am 3. Juni 1950 in Detroit (Michigan) geboren. Sie hat italienische und ungarische Vorfahren. In den Sechzigern gründete sie mit ihren Schwestern die Rockband Pleasure Seekers, später startete die Sängerin und Bassistin von England aus ihre Karriere. Mit Hits wie "Can The Can", "48 Crash", "If You Can't Give Me Love" oder "Stumblin' In" (mit Chris Norman) wurde Quatro zur weiblichen Rockikone. Außerdem spielte sie in TV-Serien wie "Happy Days" und Musicals. Suzi Quatro ist seit 1993 mit dem Deutschen Rainer Haas verheiratet, hat zwei Kinder aus erster Ehe und lebt in Essex und Hamburg.

einestages: Suzi, Sie wurden als eine der ersten Frauen im Rock'n'Roll als Musikerin berühmt. Wie kamen Sie ausgerechnet zum Bass?

Quatro: Der Bass kam zu mir, ich hatte keine Wahl (lacht). Zuvor hatte ich Klavier und Schlagzeug gelernt. Dann gründete ich mit meinen beiden älteren Schwestern und zwei anderen Mädchen die Band Pleasure Seekers. Bei einer Telefonkonferenz schrie jede in den Hörer: Ich will dies spielen, ich will das spielen. Ich kam als Jüngste gar nicht zu Wort. Am Ende blieb nur der Bass. Aber ich verliebte mich auf Anhieb in das Instrument. Mir war zu einer Zillion Prozent klar, dass ich geboren wurde, um Bass zu spielen.

einestages: Waren Sie damals auch schon Sängerin?

Quatro: Ich war Leadsängerin der Gruppe und sang jeden Song. Hey, ich war die Show! Ich denke, ich bin dafür geboren. Wir änderten dann den Bandnamen in Cradle und nahmen unsere jüngere Schwester Nancy auf. Ich trat vom Mikro zurück, ließ sie singen und konzentrierte mich auf den Bass.

einestages: Wie kam es zur Solokarriere?

Quatro: Um 1970 wurde ich entdeckt. Vom berühmten Mickie Most aus England, der schon in den frühen Sechzigerjahren mit Jeff Beck und Jimmy Page gearbeitet hatte, er entdeckte The Animals mit Eric Burdon und Herman's Hermits. Mickie suchte eine Art Nachfolgerin der gerade verstorbenen Janis Joplin. Er war damals in Detroit mit Jeff Beck im Studio, kam zu einer Show unserer Band und nahm mich danach zur Seite: "Suzi, du bist ein Star, komm mit mir nach London."

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Musikerin Suzi Quatro: 1,52 Meter Energie - die Lady in Black

einestages: Und Sie gingen einfach mit?

Quatro: Ja, es war für mich an der Zeit, auch wenn meine Schwestern nicht glücklich darüber waren. Kurz zuvor hatte ich bereits einen Soloplattenvertrag von Elektra Records angeboten bekommen und abgelehnt. Jetzt versprach Mickie, mich zum Star zu machen. Da konnte ich nicht noch einmal nein sagen. Es war ein Zeichen. Die Chance musste ich nutzen.

einestages: Mit "Can the Can", "48 Crash" und "Devil Gate Drive" gelangen Ihnen in den Siebzigerjahren große Hits. Ist Suzi Quatro eigentlich ein Künstlername?

Quatro: In meinem Pass steht Susan Kay Quatro. Mein echter Name, kein Fake. Mein Großvater war einst von Italien nach Amerika ausgewandert. Er hieß Michele Quatrocchio. Bei der Emigration auf Ellis Island war den Beamten der Name wohl zu kompliziert, also wurde er flugs zu Quatro gekürzt. Fortan hieß er Michael Quatro - ähnlich wie bei "Der Pate", aus Vito Andolini wurde da Vito Corleone, nach seinem Heimatort auf Sizilien.

einestages: Verraten Sie uns, wie Sie sich als junge Frau in der Männerdomäne Rock'n'Roll durchgesetzt haben?

Quatro: Ich bin mit 1,52 m sicher nicht die Größte, wohl aber die tougheste. Auf dieses Gender-Ding gebe ich nichts und sehe mich nicht als weiblichen Musiker, sondern als Musiker. Punkt. Und ich habe sehr früh erfahren, dass du zurückbekommst, was du gibst und ausstrahlst. Ich bin eine ernsthafte Musikerin, kompetent und zuversichtlich, stehe für: No Bullshit! Damit bin ich immer gut gefahren, die härtesten Kerle haben Respekt vor mir. Machos merken, dass sie sich mit mir besser nicht anlegen.

einestages: Sie haben auch nie übertrieben mit dem Thema Sexappeal gespielt.

Quatro: Ist es nicht lustig, dass es trotzdem geklappt hat mit der Karriere? Ich wollte nie Pin-up-Girl oder Sexsymbol sein. Das hat nicht ganz geklappt, für manche Fans bin ich wohl doch so was. Aber das ist vielleicht das Geheimnis meines Sexappeals: dass er nicht gewollt ist, nicht in your face, wie wir Amis sagen. Ich versuche nicht verzweifelt, sexy zu sein.

einestages: Ihr neues Album trägt den Titel "No Control" - keine Kontrolle. Was wollen Sie damit sagen?

Quatro: Zum ersten Mal in meiner gesamten Karriere hatte ich die totale Kontrolle über ein Album, die Songs und die Produktion. Das war früher nicht möglich, immer hatten Produzenten das letzte Wort. Und das beschreibe ich mit dem Titel.

einestages: Sie kamen 1950 in der Autostadt Detroit zur Welt. Ihr Vater Arthur machte ebenfalls Musik...

Quatro: ...aber nur abends. Tagsüber arbeitete er bei General Motors und verdiente Geld.

einestages: Haben Sie Ihre Leidenschaft für Musik von ihm?

Quatro: Ja. Schon als Kind habe ich ihm gern beim Proben zugesehen. Er hat mir früh beigebracht, dass Musiker ein ernsthafter Beruf ist und man dem Publikum gegenüber verpflichtet ist Leistung zu bringen, denn es hat Eintritt gezahlt. Das habe ich mir zu Herzen genommen.

einestages: Hat Sie Ihre Mutter Helen auch unterstützt?

Quatro: Hat sie. Sie war eine sehr katholische Mutter, oft ziemlich streng, aber voller Liebe. Sie hat die Welt in schwarz und weiß, gut und böse eingeteilt. Sie war mein moralischer Kompass, einer der wunderbarsten Menschen, denen man begegnen kann.

einestages: Wo wuchsen Sie auf?

Quatro: In Grosse Pointe, einem guten Viertel von Detroit mit netten Häusern und gepflegten Vorgärten. Wir gehörten dort zur gehobenen Mittelklasse, definitiv nicht zu den reichen Familien, viele meiner Freunde waren wohlhabender. Mein Vater wollte, dass meine vier Geschwister und ich in einem ordentlichen Umfeld großwerden. Wir mussten alles miteinander teilen und aufeinander aufpassen. Man war nie allein, das war gut, aber auch ein Grund, warum ich heute meine Freiheit genieße.

einestages: Gab es in Ihrer Kindheit ein einschneidendes Erlebnis?

Quatro: 1956, mit sechs Jahren, sah ich Elvis Presley zum ersten Mal im Fernsehen. In der Ed Sullivan Show sang er "Don't Be Cruel". Ich war sofort verknallt. Mein Vater fand ihn abstoßend und schaltete den Fernseher ab. Aber zu spät: In diesem Moment war ich schon vom Rock'n'Roll infiziert und wusste, dass ich so was auch mal machen will.

einestages: Hat Ihr Vater seine Meinung über Elvis noch geändert?

Quatro: Ein Jahr später. Da kam er von der Arbeit nach Hause, zog wie immer seine Schuhe aus und legte eine Single auf, die er mitgebracht hatte. Es war "Love Me Tender", er sagte zu mir: "Okay, goddamn it, der Junge kann wirklich singen" (lacht).

einestages: Knapp 20 Jahre später wäre es fast zu einem Treffen mit dem "King" gekommen. Was war da los?

Quatro: Ich hatte eine Version von Elvis' Hit "All Shook Up" aufgenommen und war auf Tour in Memphis, seiner Heimatstadt, als plötzlich in meinem Hotelzimmer das Telefon klingelte. Es war Elvis' Management: "Mr. Presley möchte Sie gern sprechen." Ich wäre fast gestorben. Mein Herz schlug wie wild. Dann kam er an den Apparat und lud mich nach Graceland ein. Und was machte ich? Sagte ihm ab, sagte, ich sei beschäftigt. Ist das zu glauben? Heute denke ich, dass ich damals einfach noch nicht bereit war, mein Idol zu treffen.

einestages: Sein früher Tod hat Sie sicher sehr getroffen.

Quatro: Am 16. August 1977 war ich bei einem Casting für die TV-Serie "Happy Days" in Hollywood und wartete im Hotel auf die Entscheidung. Just in dem Moment, als der Anruf kam und ich die Zusage für 15 Episoden erhielt, flimmerte die News von Elvis' Tod über den Bildschirm. Ich war todtraurig, Elvis war Teil meines Lebens. Später schrieb ich ihm zu Ehren den Song "Singing With Angels", den ich mit seinem Gitarristen James Burton und den Jordanaires, seinen Chorsängern, performte. Der Text ist eine Aneinanderreihung seiner berühmtesten Songtitel.

einestages: Presley soll Sie einst auch zu Ihrem Lederoutfit inspiriert haben, richtig?

Quatro: Klar. Mein schwarzer Overall war eine Hommage an das coole Lederoutfit, das er 1968 bei seinem grandiosen Comeback-TV-Special trug. Und ich ließ das Teil von Nudie schneidern, Elvis' berühmtem Designer. Mein Produzent Mickie Most war strikt dagegen, dass ich damit auftrete.

einestages: Warum denn? Zu maskulin?

Quatro: Er fand's altmodisch, es war ja die Zeit des bunten, schrillen Glam-Rock. Aber ich setzte mich durch. Mit Glam hatte ich nie was am Hut, auch wenn ich oft in eine Schublade mit T. Rex, Sweet und Slade gesteckt wurde. Ich trug damals nicht mal Make-up, die Glam-Jungs schon.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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No Control

Label:
Steamhammer (Spv)
Preis:
EUR 10,82

einestages: Sie wurden zur Rock-Ikone, zum Vorbild für weibliche Rocker wie Joan Jett und die Runaways.

Quatro: Joan war mein größter Fan. Sie kam oft zu meinen Konzerten in Los Angeles oder wartete am Hotel auf mich, mit jeder Menge Fotos und LPs, die ich signieren sollte. Als ich später hörte, dass sie auch eine Band, eben die Runaways, gegründet hatte, fand ich das cool.

einestages: Heute wird man in Reality-Shows entdeckt oder über YouTube-Videos berühmt. Sie mussten einen anderen Weg gehen.

Quatro: Den harten Weg, wie das früher eben üblich war. Hunderte kleine Gigs, Tausende Meilen auf staubigen Highways und oft ein Scheißfraß in der Garderobe. Aber das hat mich nicht umgebracht. Ich bin immer noch da.

Tourdaten Suzi Quatro 2019
    24.04. Berlin + 30.04. Schopfheim + 06.05. Hamburg + 11.05. Bremen + 12.05. Neuruppin + 14.05. Rostock + 15.05. Hannover + 29.05. Munich + 30.05. Frankfurt
    Mehr Informationen und Termine gibt es hier.
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Hartmut Jakob, 06.05.2019
1. Bis heute Gänsehaut, wenn ich ihre Stimme höre ;)
Und die Mitteilung, das sie nie Sex Symbol sein wollte, kommt für mich leider um Jahrzehnte zu spät, denn ich war in den 70ern nun mal mitten in der Pubertät. Auch wenn ich mich selber nicht als "harten Kerl" sehe, so hatte auch ich doch immer Respekt vor ihr. Möglich das meine Vorliebe bis heute für das "Ungeschminkte" auch auf Suzi Quatro zurückzuführen ist.
Hartmut Jakob, 06.05.2019
2. Noch heute Gänsehaut bei ihrer Musik
Ihr Wunsch, kein Sex Symbol sein zu wollen, wurde damals von mir mitten in der Pubertät allerdings missachtet. ;) Aber Respekt habe ich immer vor ihr und ihrer Leistung gehabt, auch ohne ein übertrieben harter Kerl zu sein. Vielleicht ist sie auch die natürliche Ursache dafür, das ich bis heute auf Schminke bei mir und anderen gut verzichten kann, auch wenn das natürlich jeder selber wissen muss. Hoffe und wünsche, das sie und wir alle noch viel Spass an ihrer Musik haben werden.
Dieter Koll, 06.05.2019
3. die Frau ist echt cool......
und sie hat Recht....sie musste den harten Weg gehen und ist noch immer da. Wer dagegen kennt denn noch die zig Superstars/Supertalente/X-Factor/Voice of irgendwas Gewinner?
Annaluisa Dorsten, 07.05.2019
4. Ja, ja
selbst die härtesten Jungs verstopften sich die Ohren vor dem Gekreische.
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