1. Juni 1927, großer Moment für ein kleines Mädchen: Karin, 2, übergibt Blumen an Reichspräsident Paul von Hindenburg, 77

1. Juni 1927, großer Moment für ein kleines Mädchen: Karin, 2, übergibt Blumen an Reichspräsident Paul von Hindenburg, 77

Foto: Sylt Picture / ullstein bild

Ein Bild und seine Geschichte Das Blumenmädchen von Sylt

Seit 1927 verbindet eine Bahnstrecke Sylt mit dem Festland. Zur Eröffnung überreichte ein kleines Kind Reichspräsident Hindenburg einen Strauß Blumen. Heute ist Karin Lauritzen 97, dieser Moment veränderte ihr Leben.

Eigentlich wirkte es Ende des 19. Jahrhunderts wie eine Schnapsidee: einen Bahndamm zu errichten, elf Kilometer lang, mitten durch das Wattenmeer. Nie zuvor gab es so einen Versuch. Niemand wusste, wie man etwas baute, das der Wucht von Ebbe und Flut und auch Sturmfluten auf Dauer standhalten konnte.

Von ersten Planungen bis zur Umsetzung dauerte es Jahrzehnte, am Ende gelang das Bauwerk allen Widrigkeiten zum Trotz. Seit 95 Jahren verkehren Züge vom Festland nach Sylt und fahren über den Hindenburgdamm, benannt nach Paul von Hindenburg. Der damalige Reichspräsident eröffnete die Eisenbahnverbindung am 1. Juni 1927.

Von diesem großen Tag zeugt ein anrührendes Foto: Ein kleines Mädchen auf den Armen der Mutter überreicht Hindenburg einen Blumenstrauß am Fenster des ersten Zuges. Karin hieß das damals zweijährige Kind – heute ist Karin Lauritzen 97 Jahre alt, und das Leben des Blumenmädchens auf dem Bahnhof Morsum hat viel mit der Geschichte des Hindenburgdamms und der nordfriesischen Insel gemeinsam.

Karin Lauritzen, heute 97, wünscht dem Damm: »Dass er immer schön trocken bleibt«

Karin Lauritzen, heute 97, wünscht dem Damm: »Dass er immer schön trocken bleibt«

Foto: NDR / jumpmedientv

Die Direktverbindung zum Festland hat seit bald hundert Jahren den Tourismus sehr gefördert. Sylt zählt längst zu den Lieblingsurlaubsinseln der Deutschen. Zuletzt brachte das Neun-Euro-Ticket Schübe an neuen Gästen, ganze Hochzeitsgesellschaften reisen über den Damm und Punks ebenso, schließlich hatten sich schon Die Ärzte nach Wes-ter-laaaaaaand zurückgewünscht.

Aber Anfang des 20. Jahrhunderts haderten noch viele Sylter damit, wozu ein Eisenbahndamm gut sein soll. Schon damals kamen immer mehr Urlauber vor allem in das Seebad Westerland auf der Westseite. Sie genossen die Nordseeluft, flanierten am Strand und nächtigten in schicken Hotels und Pensionen.

Die An- und Abreise jedoch war wenig erholsam, die Überfahrt per Schiff beschwerlich, lang, tideabhängig. Und in den Wintermonaten zeitweise unmöglich, wenn Eisschollen den Weg versperrten.

Pastor Johler mochte alles, was neu war

Nach der Grenzverschiebung im Zuge des Versailler Friedens gehörte das Örtchen Tondern ab 1920 zu Dänemark. Von der Küste nahe Tondern verkehrten die Fähren nach Sylt, nun brauchten Touristen sowie Sylter Landwirte, die Waren exportierten, ein Visum. Es war höchste Eisenbahn für einen Damm.

Ein Zeitungsartikel über das verwegene Vorhaben im Wattenmeer lockte einige Jahre zuvor Pastor Hans Johler auf die Insel, den Vater des späteren Blumenmädchens. Zeitlebens trieb ihn die Neugierde, so erzählt der Enkelsohn Ekkehard Lauritzen, der die Familiengeschichte und auch die des Dammbaus ähnlich akribisch dokumentiert  wie einst schon sein Großvater.

Ob eines der ersten Radios oder ein Motorrad, Hans Johler probierte alles aus, was neu war. Das unterschied den Pastor von den meisten Einheimischen – und sollte ihn und seine Familie später sogar von der Insel verdrängen. Doch davon ahnte Johler nichts, als er das Pfarramt der kleinen Gemeinde Morsum im Osten der Insel übernahm.

Ein Bild von einem Damm: Eine Dampflok, sturmumtost, auf dem Weg nach Sylt

Ein Bild von einem Damm: Eine Dampflok, sturmumtost, auf dem Weg nach Sylt

Foto: IMAGO / Arkivi

Der Erste Weltkrieg ließ die Vorbereitungen für das Bauwerk pausieren. Johler heiratete, der älteste Sohn wurde geboren. Und die Morsumer mieden den Kontakt, sie waren misstrauisch – weil die Pastorenfamilie vom Festland kam und auch wegen Johlers Faszination für das Bauprojekt.

Manche Einheimische hofften auf große Geschäfte. Viele aber sorgten sich: über die Menschen, die mit einer solchen Bahnstrecke auf ihre Insel kommen würden. Und um die Kinder der Landwirte, bis dahin wichtige Arbeitskräfte auf den Höfen; sie könnten wegen des Bahndamms aufs Festland ziehen und dort weiter zur Schule gehen.

Klar war: Sollte dieser Eisenbahndamm gelingen, würde er Sylt unwiderruflich verändern. Die skeptischen Insulaner vertrauten auf ihre raue Nordsee. Die würde den Damm schon noch verhindern. Und fast hätten sie damit recht behalten.

Die Gezeiten schienen unbesiegbar

Mehr als 1000 Arbeiter errichteten ab 1923 den Damm vom nordfriesischen Klanxbüll nach Morsum. Sie standen knöcheltief im Watt, trotzten Wind und Wasser und versuchten, mit Holzpfählen, Sand, Steinen und Kleie voranzukommen, Stück für Stück.

Es schien wie ein aussichtsloser Kampf gegen die Natur. Die Gezeiten wirkten unbesiegbar, bei jeder Flut nagten die zurückkehrenden Wassermassen am gerade fertigen Dammabschnitt. Bald riss eine einzelne Sturmflut die Arbeit von vier Monaten fort. Die Ingenieure und Arbeiter mussten neu ansetzen, mit Spundwänden, Spülfeldern und Schutzbauten.

Hans Johler war regelmäßiger Gast auf Europas größter Baustelle, ein begeisterter Beobachter. Und er merkte, dass die Arbeiter Beistand brauchen. So wurde er auch Dammbaupastor. Johler besuchte die Baracken, wo Arbeiter unter schwierigen Bedingungen wohnten, hielt dort Lesungen, gründete einen Chor. Er war der Seelsorger nach ihren langen Schichten im Watt und bestattete Dammbauer, die ihr Leben verloren.

Für viele Morsumer glich sein Einsatz fast einem Verrat. Als Pfarrer sollte Johler doch die Interessen der Einheimischen vertreten. Er aber wollte beide Seiten versöhnen. Es sollte ihm nicht mehr gelingen.

Moosröschen zum Festtag

Als ihre Tochter Karin Anfang 1925 geboren worden war, bestimmten Hans und Elwine Johler Ingenieure des Dammes zu ihren Taufpaten. Zufällig fand die Taufe auch noch an einem historischen Tag statt: am 26. April 1925, als Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde.

Zwei Jahre später hatte Hans Johler eine Idee: Der Damm stand kurz vor der Eröffnung, der Reichspräsident hatte sich angekündigt. Warum nicht Hindenburg fragen, ob er, wenn auch verspätet, Taufpate von Tochter Karin werden wolle? Schließlich war Johler der Dammbaupastor, und am 1. Juni würde die Jungfernfahrt über den Bahndamm und Morsum nach Westerland führen. Da wäre doch ein Stopp in Morsum möglich, Patenkind Karin könnte Blumen überreichen. Und vielleicht könnte Johler so den Morsumern zeigen, dass er mit seiner Damm-Euphorie gar nicht so daneben lag.

Pastor Johler setzte sich an die Schreibmaschine, schrieb einen Brief direkt nach Berlin und umging den offiziellen Weg über den Landrat. Überraschend lag schon sieben Tage darauf die Antwort im Briefkasten: Der Reichspräsident könne die Patenschaft übernehmen, auch wenn daraus keinerlei Verpflichtungen seinerseits entstehen würden. Zu einem Halt in Morsum und einer Blumenübergabe sei er bereit.

Und so geschah es am 1. Juni, einem trüben Mittwoch: Elwine Johler hob die zweijährige Karin im weißen, gehäkelten Kleid ans Fenster des Salonwagens, aus dem Hindenburg herausschaute. Daheim hatten Mutter und Tochter die Blumenübergabe wohl geübt: Das Mädchen sollte den Blumenstrauß nicht vorher fallen lassen und die kleinen Hände im richtigen Moment öffnen. Nichts sollte schiefgehen, wenn der Reichspräsident schon außerplanmäßig Halt in Morsum machte.

Sind so kleine Hände

Bei der Übergabe öffnete Karin einfach beide Hände ganz weit und verblieb einige Sekunden so. Das Foto davon schaffte es bis über den Atlantik in eine amerikanische Zeitung, wo Morsumer Auswanderer es etwas später entdeckten, Karins Mutter erkannten und den Ausriss ans Pfarrhaus schickten.

»Ein kleiner Strauß Moosröschen, meiner kleinen Kinderhand gemäß«, sagt Karin Lauritzen, geborene Johler, heute und lacht. Inzwischen ist sie 97 Jahre alt und kann sich an das Ereignis selbst nicht erinnern, dafür war sie zu klein. Doch aus den Erzählungen der Eltern und durch das berühmte Foto, das lange über ihrem Kinderbett hing, weiß Karin Lauritzen dennoch davon zu erzählen.

Der Reichspräsident ignorierte das Protokoll, winkte dem Dammbaupastor und sagte: »Gott schütze Sie für Ihr schweres Amt« – was dem Landrat gar nicht gefiel: Sollte der Pastor doch im Hintergrund bleiben. Und bei der Ankunft in Westerland wurde der Damm nach Hindenburg benannt.

Heute ist das Festhalten daran umstritten. Lange schon gibt es Diskussionen über den Namen: Hindenburg, Monarchist und Verbreiter der »Dolchstoßlegende« nach dem Ersten Weltkrieg, wurde Präsident der Weimarer Republik, gilt aber zugleich als einer ihrer Totengräber und als Steigbügelhalter für Adolf Hitler, dem er den Weg zur Macht freimachte . Als Hindenburg ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte, war es um die Demokratie geschehen.

»Vati hätte sich grandios gefreut«

Die Morsumer und die Pastorenfamilie, es blieb eine schwierige Beziehung. Ende 1927 verließen die Johlers die Insel, dafür hatten einige Insulaner gesorgt. Für Karin war es ein schwerer Abschied. Aber keiner für immer. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie wieder nach Sylt, heiratete einen Morsumer und lebte dort jahrzehntelang.

Heute wohnt Karin Lauritzen in Hamburg und kehrte 95 Jahre nach dem berühmten Foto noch einmal auf die Insel zurück, für eine bewegende Dokumentation (Donnerstag um 20.15 Uhr im NDR). Darin erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, die so eng mit der des Damms verknotet ist. Auch wenn ihre Stimme schwächer geworden ist und eine Schauspielerin ihre Sätze spricht, sind Karin Lauritzens Worte klar und stark.

Zur Filmpremiere auf Sylt versammelten sich am vergangenen Samstag 200 Menschen in einem Kinosaal in Westerland. Als sie erfuhren, dass auch das Blumenmädchen von damals gekommen war, standen alle Zuschauer auf und klatschten. Ein überwältigender Moment für Karin Lauritzen. Wunderschön sei es gewesen, die Bilder ihrer Eltern auf der großen Leinwand zu sehen: »Vati hätte sich grandios gefreut, dass heute noch nach all der Zeit ein Film über ihn gemacht wird«, sagt sie – ein spätes Denkmal.

Auch Karin Lauritzens letzte Reise soll irgendwann einmal über den Damm gehen und in Morsum enden. Das einst für unmöglich gehaltene Bauprojekt, es wird sie und ihre Familie wahrscheinlich weit überleben. Was wünscht das Blumenmädchen von einst dem Bahndamm von Sylt?

»Dass er immer schön trocken bleibt«, sagt Karin Lauritzen lachend. »Und nicht untergeht.«

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