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Sylvester Stallone: Ein Mann boxt sich durch

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Sylvester Stallone "Es zählt bloß, wie viel man einstecken kann"

Kino? Nein, das ist das Leben! Kaum ein Star ist je so leidenschaftlich mit seiner Rolle verschmolzen wie Sylvester Stallone mit dem Boxer "Rocky". Eine Würdigung zum Start von "Creed - Rocky's Legacy".

Rechte Gerade, linke Gerade, wehrlos steckt der Boxer schwere Schläge ein. Er kann sich kaum auf den Beinen halten, dann ein gewaltiger Treffer - Rocky Balboa sinkt zu Boden. Sein Körper ist zerschunden, die Augen zugeschwollen. Der Ringrichter zählt ihn an, sein Gegner Apollo Creed hebt bereits die Arme zum Triumph. Doch mühsam kommt Rocky wieder auf die Beine.

Das Publikum sieht den Kampf des Jahrhunderts: Rocky Balboa, ein Niemand, ein Nichts aus den Slums von Philadelphia, stellt sich dem amtierenden Weltmeister im Schwergewicht. Trotzdem ist der Herausforderer im Vorteil: Er will gar nicht gewinnen, er will nur durchhalten. 15 lange, schmerzerfüllte Runden. Keiner kann den anderen bezwingen, bis der Gong die Männer erlöst - Rocky Balboa ist über die volle Distanz gegangen.

Das Boxer-Epos "Rocky" mit diesem titanischen Duell als Höhepunkt wurde 1976 zum Überraschungserfolg an den Kinokassen. In der Hauptrolle: der zuvor unbekannte Sylvester Stallone. Der genau wie seine Filmfigur aus der Gosse stammte.

Knapp hundert Dollar besaß Stallone vor "Rocky". Er hauste in einem abrissreifen Apartment, fuhr mit dem Bus, weil sein Auto hinüber war, und musste sogar seinen geliebten Hund Butkus verkaufen. Während er vom Beruf Schauspieler träumte, mistete Stallone Löwenkäfige im Central Park Zoo seiner Geburtsstadt New York aus und war Kinoplatzanweiser.

Als Darsteller brachte Stallone schlechte Voraussetzungen mit. Als er am 6. Juli 1946 zur Welt kam, fügte ihm die Geburtszange auf seiner linken Gesichtshälfte einen Nervenschaden zu. Stallone leidet seitdem unter einem Sprachfehler, als Junge erfuhr er wenig Zuneigung. "Du bist nicht als Leuchte auf die Welt gekommen, also solltest du besser deinen Körper entwickeln", empfahl ihm sein Vater Frank.

Schreiben für die Mülltonne

Ein unnötiger Ratschlag. Der schmächtige Junge stemmte Gewichte, seit er den Muskelmann Steve Reeves in "Die unglaublichen Abenteuer des Herkules" sah. Während Stallones Muskeln wuchsen, blieb sein Sozialverhalten zunächst unterentwickelt. Wegen seines Sprachfehlers und des ungewöhnlichen Vornamens von seinen Klassenkameraden verspottet, entwickelte er sich zum Problemschüler, der von zwölf Schulen flog. Erst als Stallone zwei Jahre an einem Schweizer College Schauspiel studierte, fand er seine Berufung.

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Sylvester Stallone: Ein Mann boxt sich durch

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Engagieren wollte ihn allerdings kaum jemand. In New York ging er bei großen und kleinen Casting-Agenturen Klinken putzen. Im Film "Bananas" von 1971 durfte Stallone als kleiner Gangster Woody Allen drangsalieren, in "Das Nervenbündel" von 1975 fiel er dem neurotischen Jack Lemmon zum Opfer.

"Damals kapierte ich, dass ich es niemals im Schauspielfach schaffen würde", sagte Stallone in einem "CBS"-Interview. "Ich musste eine andere Nische finden. Alles, was ich tat, war schreiben, schreiben, schreiben." Er verbarrikadierte sich und verfasste Drehbücher. Am Ende waren es 30, davon 29 Müll - aber eines war genial.

Es handelt von dem italienischstämmigen Boxer Rocky Balboa aus den Problemvierteln Philadelphias - ohne Bildung, ohne Geld, ohne Chance, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Ein Mann von der Straße, der mit seinen Schildkröten spricht und als Mafia-Geldeintreiber zu gutmütig ist, seinen Opfern befehlsgemäß die Daumen zu verbiegen.

Plötzlich ein reicher Mann

Verliebt ist er heimlich in die mausgraue Adrian, die in einem im Tierladen arbeitet. Tristesse allerorten, bis die eine große Gelegenheit Rockys Welt erschüttert: Der Schwergewichtsweltmeister Apollo Creed sucht einen Gegner - und die Wahl fällt ausgerechnet auf den Verlierer aus Philadelphia.

Niedergeschrieben binnen vier Tagen, war die Story des kleinen Boxers mit der großen Würde heiß begehrt. Die Studios rissen sich darum. Stallone stellte allerdings eine Bedingung: Er selbst wollte Rocky spielen. Einen Nobody mit ein paar Nebenrollen, mit fülligem Gesicht und Sprachfehler, wollte allerdings niemand haben. Ein Studio bot Stallone am Ende 360.000 Dollar für das Drehbuch - er schlug aus. Rocky war mehr als die Rolle seines Lebens. Es war sein Leben.

Schließlich durfte er Rocky spielen - bei stark verringertem Honorar und Budget. Stallone musste sich seinen heruntergekommenen Wohnwagen teilen, darin war auch die Garderobe untergebracht. Umso besessener stürzte er sich in die Arbeit: Als Rocky drosch Stallone auf Rinderhälften im Kühlhaus ein und jagte die vielen Stufen zum Museum of Art in Philadelphia hinauf. Szenen, die Filmgeschichte schrieben.

So sah es 1976 auch das Kinopublikum. Über 100 Millionen Dollar spielte der Film alleine in den USA ein - und machte Stallone, der eine Gewinnbeteiligung ausgehandelt hatte, zum reichen Mann. Ein Jahr später saß er bei der Oscar-Verleihung. Jack Nicholson öffnete den Umschlag mit dem besten Film: "Rocky!" Zur triumphalen Hymne des Films nötigte Produzent Irwin Winkler den sichtlich schüchternen Stallone auf die Bühne - mit weit geöffnetem Hemd und Goldkettchen darunter. "An alle Rockys auf der Welt: Ich liebe euch!", bekannte Stallone.

Stallone selbstkritisch: "Ein sehr schlechter Film ohne Herz"

Genau wie sein Boxer hatte er es geschafft. Und machte genau wie Rocky weiter. Feierte Triumphe und musste Schläge einstecken. Stallones Film "F.I.S.T. - Ein Mann geht seinen Weg" floppte 1978. Ein Jahr später errang "Rocky" unter dem Jubel des Kinopublikums im zweiten Teil gegen Apollo Creed den Weltmeistertitel und büßte ihn 1982 in "Rocky III" wieder ein.

Auch mit dem Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Rambo-Darsteller Stallone ging es künstlerisch bergab. "Rocky IV" holte den Kalten Krieg 1985 theatralisch auf die Leinwand: der amerikanische Underdog gegen eine hochgezüchtete sowjetische Kampfmaschine - ein cineastisches Desaster.

Das absolute Tief erreichte Stallone fünf Jahre später mit "Rocky V". Lustlos inszeniert, kaum das Eintrittsgeld wert, wie er im Interview mit der "Welt am Sonntag" zugab: "Ein sehr schlechter Film ohne Herz."

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Am Boden fanden der Darsteller und der Boxer allerdings wieder einen Weg nach oben. "Du hast aufgehört, du selbst zu sein", sagt Rocky 2006 im sechsten Teil der Saga zu seinem Filmsohn. Allerdings scheint Stallone, der auch das Drehbuch schrieb, eher zu sich selbst zu sprechen: "Es kommt nicht drauf an, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weitermacht!"

In "Rocky VI" hat der Krebs Rockys große Liebe Adrian zerfressen, sein Sohn geht ihm aus dem Weg, das Alter zerrt an ihm. Geblieben ist ihm sein großes Herz. Und mit rund 60 Jahren auch noch pure Kraft, die bald sein neuer Gegner zu spüren bekommt. In Rockys Worten: "Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist!"

Wie 1976 verliert Rocky auch 2006 diesen Kampf. Und ist doch erneut Sieger.

Zehn Jahre später kehrt er nun in "Creed - Rocky's Legacy" zurück in den Ring - diesmal allerdings als Trainer.

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