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Vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg Wie Syphilis den Lauf der Geschichte veränderte

Die sexuell übertragbare "Franzosenkrankheit" befiel seit dem Mittelalter Männer wie Frauen, Reiche wie Arme. Auch Könige und Päpste steckten sich an - oft mit weitreichenden Folgen.
aus SPIEGEL Geschichte Edition 2/2020
Sittengemälde: Illustrationen aus einer Ausgabe von Casanovas Memoiren zeigen Ausschweifungen im 18. Jahrhundert.

Sittengemälde: Illustrationen aus einer Ausgabe von Casanovas Memoiren zeigen Ausschweifungen im 18. Jahrhundert.

Foto: AKG

Aber ganz abscheulich ist's auf dem Wege der Liebe
Schlangen zu fürchten und Gift unter den Rosen der Lust,
Wenn im schönsten Moment der sich gebenden Freude
Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Dieser Text stammt aus SPIEGEL Edition Geschichte 2/2020 und erschien zuerst in DER SPIEGEL 40/1985.

Der Mann hatte das Gesicht des Fauns, den Körper eines Krüppels und einen Kopf von seltener Hohlheit – er konnte weder lesen noch schreiben, geschweige denn rechnen. Nur eines, das beherrschte er gar meisterlich: "Er fickete", so ein Chronist, "wie zehn Teuffel in eins." Er war ein Kretin, gewiss, aber einer von Gottes Gnaden: Als Karl VIII. von Frankreich regierte er, der "weniger einem Menschen als einem Monstrum glich", 15 Jahre lang.

Als er 1498 im Alter von 28 Jahren starb, hatte der geile Trottel auf dem Thron politisch nichts bewirkt, von seinem Hof waren weder kulturelle noch geistige Impulse ausgegangen. Seine gesamte Lebensleistung bestand darin, viele Tausend Frauen, Mägdelein wie Metzen, beglückt zu haben. Dennoch sollte dieser tumbe Lüstling die politischen Geschicke Europas, seine kulturelle wie gesellschaftliche Entwicklung mehr beeinflussen als viele der hervorragendsten Staatsmänner, Feldherrn und Philosophen.

Im Herbst 1493 verfiel der jugendliche Monarch auf den Gedanken, die ihm vom Hause Anjou überkommenen Erbansprüche auf das Königreich Neapel mit Waffengewalt geltend zu machen. Kaum war der Winterschnee geschmolzen, setzte der König von Lyon aus ein 30.000 Mann starkes Söldnerheer in Marsch; mit dabei waren neben vielen Spaniern und Franzosen zahlreiche Niederländer, Schweizer und Deutsche sowie ein 500 Rock starker Dirnenhaufen, angeführt von einigen Hurenweibeln.

Als Karl VIII. ein Jahr später wieder nach Lyon zurückkehrte, hatte seine zuchtlose Soldateska der Welt eine Krankheit beschert, die wie keine andere über mehr als vier Jahrhunderte hinweg Angst und Schrecken verbreiten sollte.

Nicht der Aussatz, nicht der Schwarze Tod, auch nicht die Pocken oder die mörderische Krankheit des englischen Schweißes, die Apokalyptischen Reitern gleich immer wieder über große Teile Europas dahinrasten, haben ein so lähmendes Entsetzen bei der Menschheit hervorgerufen wie der "monstrosus morbus", das monströse Leiden der Lust: die Syphilis.

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