Fotostrecke

Punk-Buch: Heute ein Punk

Foto: Tim Hackemack

Szene-Fotos Was aus frühen deutschen Punks wurde

Punk begann als Jugendkultur. Fotograf Tim Hackemack hat 77 gealterte Punk-Pioniere porträtiert und gefragt: Was ist geblieben von ihrer früheren Haltung - mehr als Tattoos, Iros, Erinnerungen?
  • Erich - ein halber Straßenköter

Erich (rechts) 1985

Erich (rechts) 1985

Foto: Mike Froidl

Wo er aufwuchs, reichte ein Nietengürtel oft für eine Verhaftung, sagt Erich, 60, Punk aus München: "Hier wehte von Staatsseite ein anderer Wind als sonst wo. In anderen Städten war es wesentlich leichter, Punk zu sein." Die Bürger hätten immer brav die Straßenseite gewechselt.

Mit Punk kam Erich erstmals Mitte der Siebzigerjahre in Paris in Berührung. "The Clash" oder die "Sex Pistols" waren ihm zu weich, er entdeckte Hardcore-Bands wie "Discharge" oder "Black Flag". Anfang der Achtzigerjahre gründete er die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD) - eher "eine Art Realsatire", dennoch: "Sie ist immer noch die einzige Partei, die für mich relevant ist. Dumm und glücklich halt."

Erich ist und bleibt Punk: Auf irgendwen hören oder irgendwelche Erwartungen erfüllen? Niemals. "Keiner hat mir was zu sagen, ich merke selber, wenn ich was verkehrt mache, oder merke im Nachhinein, dass etwas nicht richtig war." Nachdem er unter anderem Beleuchter beim Film und Geschäftsführer der Bierfirma "Pogorausch" war, arbeitet er seit sieben Jahren ausschließlich als Hundetrainer. Er bildet Jungtiere aus, bis zur Begleithundeprüfung. Erich hat sieben Hunde und betreut zusätzlich noch Problemhunde aus dem Tierschutz.

Erich heute

Erich heute

Foto: Tim Hackemack

Der Job liegt ihm im Blut, "eine sinnvolle Beschäftigung ohne Vorgesetzte und aufgesetzte Regeln". Der 60-Jährige kümmert sich auch um die Sozialisierung verhaltensauffälliger Hunde. "Je schlimmer sie sind, desto mehr gehe ich in der Arbeit auf", sagt er. "Ich bin ja selber ein halber Straßenköter."

  • Myriam - kein Mädchen-Mädchen

Myriam (Mitte) damals

Myriam (Mitte) damals

Foto: Privat

Sie durfte weder Fußball noch American Football spielen. Cheerleader wäre in Ordnung gewesen. Wollte sie aber nicht. "Ich war halt nicht so ein Mädchen-Mädchen", sagt Myriam, 49. "Punkrock war etwas, wo ich sein konnte, was ich wollte. Laute Musik und gegen Nazis - das war genau meins."

Knapp 100 Punks gab es damals in Hildesheim, mitgesoffen hat Myriam selten. Die Polizei hat ihr unwissentlich oft das Selters ausgekippt. "Ich hatte immer mehr Bock, was Produktives zu machen, als mich abzuschießen", sagt sie. Einen Tag nach dem Abi zog Myriam 1986 nach Berlin, studierte Politologie und reiste mit Brigaden nach Nicaragua, wo sie unter anderem zerstörte Kindergärten wiederaufbaute.

Heute ist sie Konzertbookerin, arbeitet seit Anfang der Neunzigerjahre fest im Berliner Klub SO36. Besonders wichtig war ihr immer ein breites Spektrum: "Von Miriam Makeba über Marianne Rosenberg bis zu türkischen Bands, Punkrock, Ska, HipHop und Hardcore ist alles willkommen." 2001 bekam sie Zwillinge, war alleinerziehende Mutter, Bookerin und Studentin. Nach dem Abschluss in Erziehungswissenschaften und der Einschulung ihrer Kinder machte sie noch eine Ausbildung zur Lebenskundelehrerin.

Myriam (heute)

Myriam (heute)

Foto: Tim Hackemack

Seither spricht sie regelmäßig mit Grundschülern über Themen wie Selbstbestimmung, skeptisches Denken, Vielfalt, Konfliktlösung, Freundschaft, Geschlechterrollen, Rassismus, Solidarität oder Zivilcourage - "meine Version von Punkrock als Unterrichtsfach sozusagen".

  • Akoe - ein Punk in der Oper

Akoe (damals)

Akoe (damals)

Foto: Privat

"Ich war nur ein dummer Dorfpunk", sagt Akoe, 48, über seine Jugend in Augsburg. Ein Konzert der Hardcore-Band B.G.K. in den frühen Achtzigern änderte alles: "Holy Shit! Die waren dermaßen schnell und hart. Das war mein Ding." Akoe war fasziniert und fortan mit "Do-it-yourself-Punkbands" auf Tour. "Ich wurde quasi in besetzten Häusern sozialisiert.

Doch die "superlinke Sektiererei" ging ihm "auf den Sack". In einem besetzten Haus war in Kopfhöhe Stacheldraht gespannt, damit man nicht im Stehen pinkeln konnte: "Die wollten aus der Gesellschaft raus und schafften sich selbst ein überbordendes Regelwerk, unter dem man genauso ersticken konnte."

Heute ist Akoe all das nicht mehr so wichtig: "Wenn du ein gewisses Alter erreicht hast, definierst du dich nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer Szene oder einem Milieu. Dieser ganze Dogmatismus war doch meist bei den Leuten zu finden, die noch bei Mami wohnten und sich durch Abgrenzung eine eigene Identität schaffen wollten."

Akoe (heute)

Akoe (heute)

Foto: Tim Hackemack

Inzwischen arbeitet Akoe bei der Stuttgarter Oper als Orchesterwart. Es ist noch nicht lange her, da hat er mit Bekannten ein riesiges selbst produziertes Regenbogen-Banner mit dem Schriftzug "Vielfalt" über die halbe Opernhausfassade entrollt, zu einer Demo gegen sexuelle Vielfalt im Bildungsplan . Es hört nie auf, meint Akoe: "The Spirit goes on - auch wenn man alt wird."

  • Heute ein Punk - die Geschichten von einem Dutzend weiterer Punks finden Sie in der Fotostrecke. Getroffen und porträtiert hat sie der Fotograf Tim Hackemack. Hier erzählt er, wie es dazu kam:

Zur Person
Foto: Tim Hackemack

Tim Hackemack (Jahrgang 1979), aufgewachsen im ländlichen Westfalen, studierte Anglistik und Germanistik. Er hat Alben mit mehreren Bands veröffentlicht, war Konzertveranstalter, hat für Zeitschriften und Fanzines geschrieben und fotografiert. Seit 2012 arbeitet er als freier Fotograf und Journalist. Zum Punk brachte Hackemack 1992 das Album "Viva la Muerte" von Slime - "eine Bombe am strategisch richtigen Ort". Seine Homepage: www.hackemack.de 

einestages: Herr Hackemack, für "Yesterday's Kids" sind Sie 15.000 Kilometer durchs Land gefahren, um Punks der ersten Stunde zu treffen - die heute alle über 40 sind, viele deutlich älter. Brauchte es denn noch ein Buch über Punk?

Hackemack: Brauchen? Nein. Momentan werden die Läden tatsächlich überschwemmt mit Büchern von Leuten, die ihre alten Geschichten erzählen. Ich will deswegen niemanden angreifen, aber oft ist das eben einfach schwach, und es wiederholt sich alles. Campino reist für eine Arte-Doku ("London's Burning") nach London und trifft sich mit all den anderen alten Musikern, die dann erzählen, dass damals alles viel besser war. Ich brauche das nicht. Es kommen immer die gleichen Leute zu Wort. Die feiern sich für etwas ab, bei dem sie eigentlich nur so lange dabei waren, bis die Trendwelle weiterrollte. Als ich das Buch "Verschwende Deine Jugend" gelesen habe, hätte ich auf einige Seiten kotzen können. Viele der Protagonisten betreiben darin die reinste Selbstbeweihräucherung. Jeder war der Erste bei allem. Ich bin da sicherlich viel zu kritisch, aber meiner Meinung nach wollte Punk immer Mauern einreißen - und hier werden momentan zu viele Denkmäler errichtet.

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Punk-Buch: Heute ein Punk

Foto: Tim Hackemack

einestages: Was haben Sie anders gemacht?

Hackemack: Letztlich nicht so viel. Wichtig war mir, dass nur Leute porträtiert wurden, die damals Punks waren und es auch heute noch sind. Ich wollte in den Fotos und Interviews mehr über das Heute als über das Gestern sprechen. 77 bekannte und unbekannte Leute aus allen Ecken Deutschlands habe ich so ihre persönlichen Geschichten erzählen lassen. Dadurch bekommt man einen ganz guten Überblick über die Geschichte des deutschen Punk. Ob mir das gelungen ist, müssen andere entscheiden.

einestages: Warum ausschließlich die Leute, die heute noch Punks sind?

Hackemack: Das ist doch eine ganz andere Herausforderung. Mit 16 wohnst du bei Mama und Papa, die all deine Rechnungen bezahlen. Da ist es einfach, Punk zu sein, die Welt scheiße zu finden. Aber pack mal noch zwei Kinder, einen Job und ein Sozialleben dazu - Verantwortung. Da musst du schon was investieren, um an diesem ganzen ideellen Ding festzuhalten.

einestages: Auf alte Aufnahmen der Protagonisten haben Sie bewusst verzichtet. Wieso?

Hackemack: Heute ist Punk so vergangenheitsfixiert, mit unheimlich viel Nostalgie. Ich will zeigen, dass es weitergeht, dass es keine Jugendkultur, sondern eine Gegenkultur ist, die sich mit all den Jahren weiterentwickelt hat. Wer sich die Haare bunt färbt, ist nicht gleich Teil einer Subkultur. Heute rennt jeder Supermarkt-Verkäufer mit einem Iro rum, jeder Fußballer ist tätowiert. Das Alleinstellungsmerkmal, das Gefährliche, ist verschwunden. Das stört viele. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden Punks durch die Straßen gejagt. Heute sagen die Leute: "Oh, guck mal, der kleine Punker - süüüß!"

einestages: Ist Punk nicht längst tot?

Hackemack: Das, was die Leute früher als Punk empfunden haben, mag vielleicht tot sein. Dann erleben wir eben gerade die 22. Reinkarnation. Punk hat sich verändert. Heute gibt es riesige Festivals, alles ist professioneller geworden. Es gibt viele geduldete autonome und alternative Jugendzentren, die Geld vom Staat kriegen. Und dann treten dort Bands auf, die gegen den Staat protestieren. Im Ruhrgebiet machen unendlich viele Clubs Konzerte, in Berlin kannst du bestimmt jeden Tag auf ein Konzert gehen. Dieses Jahr haben wir in Münster eins für zwei Punkbands aus Südkorea veranstaltet. Punk ist noch überall lebendig und entwickelt sich weiter - in allen Ländern.

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Tim Hackemack

Yesterday's Kids

Verlag: Archiv der Jugendkulturen Verlag KG
Seitenzahl: 500
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einestages: Sind Sie heute ein Punk?

Hackemack: Punk ist Einstellungssache. Wenn man mich fragt: ja. Ich verfolge meine Ideen, gehe meinen eigenen Weg, ohne mich ständig anzupassen. Mir ist es wichtig, eine Gegenkultur zu schaffen und daran mitzuarbeiten. Als Vater, Ehemann und Berufstätiger kannst du dich aber natürlich nicht bei jeder Entscheidung fragen: Ist das jetzt Punk? Punk zwingt dich nicht irgendwo rein. Punk befreit dich.