Tanzen wie 1920 Die Entdeckung des Hinternwackelns

Zu Beginn der Zwanzigerjahre ging ein Ruck durch Musik und Nachtleben: Getanzt wurde nun wild, schnell und expressiv wie nie, unter vollem Körpereinsatz. Nicht jedem gefielen diese Tabubrüche.
X-Bein und Seitwärts-Kick: Sechs junge Frauen demonstrieren hier 1926 ihre Charleston-Fähigkeiten

X-Bein und Seitwärts-Kick: Sechs junge Frauen demonstrieren hier 1926 ihre Charleston-Fähigkeiten

Foto: General Photographic Agency/ Hulton Archive/ Getty Images

Vor: eins, zwei! Zurück: drei vier... - Paar- und Gesellschaftstänze europäischer Prägung basieren auf ziemlich streng ritualisierten Bewegungsmustern. Auch wo sich im Idealfall zu jedem gegebenen Zeitpunkt Hände und Arme, Beine und Nase befinden sollten, war und ist in den meisten Tänzen streng reglementiert.

Bis zum Beginn der Zwanzigerjahre gab es keine nennenswerten Abweichungen von diesem Prinzip. Wenn Gesellschaften tanzten, dann womöglich mal mehr, mal weniger gut, im Grunde aber alle gleich.

Daran hatten auch die lateinamerikanischen Tänze wie der Tango nichts ändern können, die etwa von der Jahrhundertwende an zunehmend populär wurden. Sie machten zwar hispanische und afroamerikanische Einflüsse in Musik und Tanz spürbar und wurden als entsprechend neu empfunden. Doch was da zunächst vor allem aus Südamerika kommend auf Nordamerikas und Europas Tanzflächen landete, basierte noch immer auf streng definierten Schrittfolgen und Körperhaltungen. Das war zwar in einem gewissen Maße exotisch, aber nicht wirklich fremd.

Fast zeitgleich aber begannen sich lockerere Zeiten anzukündigen. In den 1910er Jahren wurden zunächst in den USA Tänze populär, die sich an abgemilderten Formen afroamerikanischer Musik festmachten: Ragtime, aus dem sich bald der weit experimentierfreudigere Jazz entwickeln sollte, war die Popmusik der Zeit - und Foxtrott die zügige, leicht tanzbare Bewegung dazu. Als dann circa 1918 Tänzer entdeckten, dass man die schrilleren Töne von Blechblasinstrumenten und Saxophonen ausdrucksstark mit Schulterbewegungen und Schütteln unterstreichen konnte, kam freiere Tanzfreude auf - und der Shimmy war geboren.

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Ihren Anfang namen Shimmy und Charleston, Black Bottom, Lindy Hop und all die Tänze, die man heute mit Jazz und den Zwanzigerjahren verbindet, also nicht als Revolution, sondern Evolution auf der Tanzfläche. Jeder Tanz testete die Grenzen des körperlich Möglichen weiter aus. War der Shimmy noch für jedermann tanzbar, verlangte der Lindy Hop am Ende der Entwicklung fast artistische Fertigkeiten, körperliche Fitness und enorme Ausdauer. Auf dem Weg dorthin lernten die Tänzer nun Winken und Treten, Drehen und Wirbeln, Ziehen und Stoßen, Gestikulieren und Werfen des Partners.

Jazz und Charleston: Die Geburt des "Pop"

Parallel zur Musik, die vom Mainstream kam und im Jazz wilder und komplexer wurde, entwickelte sich auch der moderne Tanz zu einer Tätigkeit, die vor allem eine Nische der Gesellschaft ansprach - die fitten Jungen. Aus Jazz und Charleston entstand so Anfang der Zwanzigerjahre das, was wir heute Pop nennen würden - eine identitätsstiftende, vor allem Jugendliche ansprechende Feier- und Populärkultur.

So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben.

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Es war beispiellos energiegeladen und frei. Wie alle Gesellschaftstänze waren zwar auch die Grundschritte des Shimmy und später die des ursprünglich für die Showbühne entwickelten Charleston klar definiert. Von Anfang an erhoben die neuen Tänze aber die Abweichung und Erweiterung durch neue Bewegungsmuster zum Ideal.

Die Namen der Standardschritte wurden gern allegorisch und dadurch quasi selbsterklärend vergeben. Ein "Coochie" stand für Hinternwackeln, ein "Shuffle" verlangte Schieberei, "Turkey Trot" und "Lindy Hop" beschrieben Lauf- und Hüpfbewegungen und ein "Fall off the Log" ("Sturz vom Baumstamm") gleich einen ganzen, um Balance bemühten Bewegungsablauf. Was alle Tänze vom Charleston bis zum Lindy Hop auszeichnete: eine bis dahin ungekannte Variantenbreite an einbaubaren Bewegungen.

Die Tänze des Jazz forderten die Tänzer dazu auf, sich Freiräume zu erarbeiten. Mann wie Frau bewegten sich nicht nur miteinander, sondern auch allein - der Paartanz gab nun Raum für eingestreute Soli. "Figuren" wurden wichtig und steigerten sich Tanz um Tanz, bis sie im Lindy Hop zu "Aerials" wurden - Luftfiguren, bei denen sich die Partner werfen konnten.

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Es war diese Körperlichkeit, die viele Zeitgenossen schon in den ersten Ansätzen wahrnahmen und als skandalös empfanden. "Das Tanzen des Shimmy ist verboten" steht über der Tanzfläche in einem Harald-Lloyd-Sketch (siehe Video oben). Da schieben Foxtrott-Tänzer regelkonform züchtig über das Parkett - und Lloyd wird hinausgeworfen, weil der Saalordner seine Schulterzuckungen für Shimmy-Bewegungen hält. Man merke: Vor 1920 gehörte sich Zucken nicht!

Ganz anders das Bild wenige Jahre später. Mit dem Charleston kam Bewegung in die Gliedmaßen. Der Charleston teilt den Körper des Tänzers quasi in zwei Teile. Die Beine, die zahlreiche Tritt- und wirbelnde Drehbewegungen ausführen, tun dies durchaus nach einem strengen Protokoll: Nur wenn beide Tänzer ihre Beinbewegungen synchron ausführen, können sie bei allem dem Getrete und Gewirbel schmerzfrei miteinander tanzen. Was oben passiert, steht dabei auf einem anderen Blatt: Charleston kontrastiert im Solo seine schnellen Kicks gern mit ausladenden Armbewegungen und gegenläufig kreisenden Gesten - unten Inferno, oben heitere Eleganz, so das Ideal.

Der Black Bottom, der dem Charleston als populärster Tanz Mitte der Zwanziger kurzzeitig Konkurrenz zu machen begann, entdeckte neben Tritten und der gestenreichen Hand dann noch den Hintern. Sein auffälligstes, namengebendes Merkmal sind Beckenbewegungen, bei denen die demonstrative Exponierung des Hinterteils die Hauptrolle spielt. Anders als den Charleston konnte man den Black Bottom nicht nur allein tanzen - er war sogar vornehmlich dazu gedacht. Erst die später entstandene Paarversion reduzierte ihn von der raumgreifenden Turnübung zu einem vergleichsweise gebremsten Paar-Gehoppel mit deutlich akzentuierten Stampfeinlagen.

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Männer und Frauen, die nur für sich allein tanzten? Paare, die im Duett hoppelten und dabei alberne, körperlich herausfordernde Übungen vollführten? Das war unerhört und gewagt, vor allem aber wirklich neu!

Die Erfindung des Lindy Hop, der gegen 1928 aus dem populären Jazztanz Breakaway entwickelt wurde, markierte das Extrem dieser Entwicklung. Er geht wahrscheinlich auf Figuren aus verschiedenen afroamerikanischen Straßentänzen zurück. Ganz ähnlich wie in den frühen Siebzigerjahren mit dem Breakdance entwickelten Jugendliche auf den Straßen der Zwanzigerjahre besonders artistische Tanznummern: Je spektakulärer die Wirbler und Würfe, desto freigiebiger spendeten die Passanten.

Der Lindy Hop sollte zum letzten und spektakulärsten der wilden Zwanzigerjahre-Tänze werden. Hüpfbewegungen waren das Grundcharakteristikum des Tanzes und noch relativ leicht zu lernen. Wer beim Hop aber glänzen wollte, musste mehr bieten: Da wurde gehebelt und gehoben, gewirbelt und geworfen. Männer rutschten spreizbeinig auf Knien ihren Angetanzten hinterher - das war Jazz und Swing auf Steroiden und locker 20 Bewegungen pro Minute schneller als alles, was man sonst so tanzen konnte.

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Der Übergang zum kraftbetonten, hoch energetischen Jive war da bereits zu sehen, aus dem sich wiederum der Rockn' Roll entwickeln sollte - Evolutionen einer tänzerischen Befreiung, die aus dem gesitteten gesellschaftlichen Ritual ein höchst körperliches "sich Ausleben" machten. Anfang der Dreißigerjahre war das jedoch noch Zukunftsmusik und -tanz, denn mit dem Ende der Zwanzigerjahre war es erst einmal vorbei mit den wilden Tänzen.

Woran das lag? Nicht an Weltwirtschaftskrisen, aufziehenden Diktaturen oder drohend nahenden Kriegen. Der Grund war weit profaner, wie so oft in den Zeitläuften der Popkultur: Anfang der Dreißigerjahre fiel in der Damenmode der Saum wieder und pendelte sich deutlich unterhalb des Knies eng geschnitten ein. Wild tanzen konnte man so nicht mehr. Die Rockmode wurde zur Bremse auf der Tanzfläche, in der Musik spielte nun Glen Miller "Shoo-shoo": Schieben war angesagt, nicht mehr Werfen. Der Rock'n'Roll musste warten, bis die Röcke wieder kürzer wurden.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 1/2020
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DER SPIEGEL

Die 20er Jahre: Zwischen Exzess und Krise – wie ähnlich sich damals und heute sind

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