Talkshows Mitten drin im Mitmach-Fernsehen

Berühmt für fünf Minuten: Wer ins Fernsehen kommt, hat es in der Mediengesellschaft wirklich geschafft. Auch Karl Wilhelm Meier bewarb sich um einen Talkshow-Auftritt - und war fasziniert vom seltsamen Innenleben des TV-Gewerbes.

obs

In Talkshows treffen Normalverbraucher professionelle Fernsehmacher, geredet wird öffentlich möglichst über ein intimes Thema. Das sichert Einschaltquoten. Und Normalverbraucher treten auch fast ohne Gage auf - einmal im Fernsehen zu sein ist schließlich Gage genug.

Meine Frau und ich sahen das nicht so. Als in der Zeitung Talkshow-Gäste gesucht wurden, meldeten wir uns. Unsere Hoffnung: Städtereise, Hotel und Geld, alles auf Kosten der Fernsehsender. Es hat dann einige Zeit gedauert, dann meldete sich eine Talkshow, die in Babelsberg aufgezeichnet wurde. "Zoff - Versöhnung im Bett", war das vielversprechende Thema. Was sollte und was wollte man darüber schon an die Öffentlichkeit bringen.

In Potsdam gab es ein gutes Hotel für uns. Nach ausführlicher Stadtbesichtigung fuhr ein Wagen für uns vor, ein Mercedes mit Logo des Senders. Schade, dass die Scheiben getönt waren. Im Studio folgte dann die allgemeine Einweisung durch einen Redakteur: "Die Gäste sind schlecht. Die Kleine aus der Lederszene musst du dir mal richtig vornehmen. Sonst haben wir überhaupt kein Action." Das entsprach nun überhaupt nicht meiner Vorstellung, mich mit einer jungen Frau über ihre sexuellen Vorlieben zu streiten. Wenn es ihr gefiel, dann war das doch schon in Ordnung.

Kurzarbeit in der Hormonfarbrik

Im Warteraum gab es dann das Honorar, noch vor dem Auftritt: 500 D-Mark für beide. Meine Frau meinte, dann könnten wir ja wieder gehen. Teilnehmer für Teilnehmer wurde auf die Bühne rausgeschickt. Bei den Meisten merkte man mehr oder weniger das Lampenfieber. Der erste Gast hielt sich verkrampft an seiner Stuhllehne fest. So kann das doch überhaupt keinen Spaß machen, dachte ich mir.

Dann musste ich im dunklen Gang Aufstellung nehmen und auf meinen Auftritt warten. Ob ich aufgeregt sei, wollte der Redakteur mehrfach wissen. Ich verneinte jedes Mal. Irgendwann winkte der andere Redakteur ab: "Du bist wohl so ein verkappter Profi."

Das Studio war voll. Die Scheinwerfer hinderten mich daran, Gesichter zu sehen. Ich konnte gar nicht aufgeregt sein, weil ich die Menschen nicht sah, die das alles über sich ergehen lassen mussten. Dann kam die Frage an meine Frau über Zoff und Versöhnung im Bett. Meine Frau kommentierte wie eine Fabrikbesitzerin: Nach jedem Zoff mache die Hormonfabrik eben erstmal Kurzarbeit. Ich sollte dann referieren, was denn in der ehelichen Beziehung Kurzarbeit auslöst. Mir fiel das Treppengeländer ein: Ich hatte es nach vielen Ermahnungen gestrichen, erwartete dickes Lob. Aber was war, als sie nach Hause kam? Es stinke abartig nach Farbe, hatte sie nur gesagt: "Du würdest wohl nie auf die Idee kommen, mal das Fenster auf zu machen!" Dann sattelten wir noch drauf und hatten entsprechende Lacher. In der Pause meinte die Moderatorin anerkennend: "Ihr wisst wirklich, was Show ist."

Glatt das Frühstück vergessen

Der Gast neben uns glaubte, wirklich eine Botschaft loswerden zu müssen. Eindrucksvoll erzählte er vom Zerbrechen seiner Beziehung und den Bestrebungen seiner Freundin, ihn wieder für sich zu gewinnen. Sogar nackt sei sie dafür an die Tür gekommen. Allerdings kam er mit seiner theatralischen Geschichte gegen unsere Döntjes nicht an. Das ärgerte ihn. Hier ginge es ja nicht darum, dass jemand seine Zahnpastatube falsch ausdrücke, meinte er. Nein - es ging um gar nichts, nur er hatte es nicht richtig verstanden.

Die Talkshow hatte zwei Arten von Gästen: Die einen, die die Redaktion für geeignet hielt, auf der Bühne zu sitzen. Und die spontanen Teilnehmer aus dem Publikum, die sich nach Aufforderung durch die Moderatorin dann zu Wort meldeten. Einer von ihnen war Herr Schulz, ein Rentner der auch mit uns im Hotel wohnte. Er war von den Show-Stars im Hotel so begeistert, dass er sogar vergaß, das Frühstück zu essen. Nach der Show gab es noch eine Flasche Sekt, dann machte sich die Moderatorin schon wieder auf, um die nächste Sendung aufzuzeichnen. Bei einigen Gästen lockerte der Schaumwein in bemerkenswerter Weise die Zunge - so locker hätten sie mal während der Show sein sollen.

Am nächsten Tag merkten wir doch den Unterschied zwischen den Fernsehprofis und uns Laien. Wir kamen uns kaputt und zerschlagen vor, freuten uns auf die Rückreise. Aber vielleicht strengt Fernsehen zu machen ja auch die TV-Leute mehr an, als sie sich anmerken lassen. Dann wäre der Unterschied zwischen Laien und Profis vor allem, dass Laien die Produktionskosten niedrig halten.



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