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WestBam: Partymann, geh du voran

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Techno-DJ WestBam "Rock'n'Roll war mir zu viel Arbeit"

Von Münster nach Berlin und plötzlich Popstar - Maximilian Lenz alias WestBam gilt als Rave-Philosoph. Hier spricht er über frühen Punk und die Kommerzhölle, die Duisburger Loveparade und das Altern als eiserner Partymann.
Zur Person
Foto: imago/ Sven Simon

Westbam wurde am 4. März 1965 als Maximilian Lenz in Münster geboren. Seine Eltern erzogen ihn und seine Geschwister antiautoritär, Vater Otto war Kunstpädagoge. In seiner Jugend spielte Max zunächst Bass in einer Punkband. Seinen Künstlernamen Westfalia Bambaataa leitete er vom New Yorker HipHop-DJ Afrika Bambaataa ab und hatte ab Mitte der Achtziger Erfolg als Techno-DJ, Produzent ("Beatbox Rocker"), Labelgründer ("Low Spirit"), Veranstalter ("Mayday") und Mitbegründer der Loveparade. Auf seiner neuen Platte "Risky Sets" arbeitet WestBam mit Hip-Hop-Größen wie Kendrick Lamar und Drake zusammen. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Berlin und auf Mallorca.

einestages: Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen, antiautoritär erzogen. Muss herrlich für ein Kind sein, oder?

WestBam: Bedingt. Die Idee des antiautoritären Erziehens ist natürlich absurd, denn ohne Autorität kann es keine Erziehung geben. Die Einschulung war für mich ein Kulturschock. Zu Hause gab es keine Regeln, in der Schule schon. Manche Mitschüler guckten mich an, als käme ich vom Mond: Was'n das für ein Freak? Zu Hause hieß es, der Max ist ein kleiner "Zärgerbolz", der ärgert und provoziert gern. Habe ich mir bis heute bewahrt.

einestages: Musikalisch begonnen haben Sie Ende der Siebzigerjahre als Bassist in einer Punkband.

WestBam: Die hieß Anormal Null, und ich nannte mich Frank Xerox, in Anlehnung an die Kopiererfirma, weil ich nebenbei das kopierte Punk-Fanzine "Schwarz Rot Gold" rausbrachte. Elektronische Musik habe ich im Grunde angefangen, weil ich nie Bock hatte, stundenlang Gitarre zu üben. Rock'n'Roll ist einfach zu viel Arbeit.

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WestBam: Partymann, geh du voran

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einestages: Am Münsteraner Pascal-Gymnasium trafen Sie Klaus Jankuhn.

WestBam: Ja, 1982 bei einer Projektgruppe für elektronische Musik. Ich habe alles in Turntables und Equipment investiert und mit Klaus als "Cowboy Temple" für 75 Mark mein erstes Demo gemacht. "17 (This is not a Boris Becker Song)" war der erste Song, weil Boris damals Wimbledon gewonnen hatte. Uns war klar, dass unsere Musik zu avantgardistisch ist für große Plattenfirmen, so kam uns früh der Gedanke, ein eigenes Indie-Label zu gründen - "Low Spirit", das Wort bedeutet so viel wie niedergeschlagen. Mit der Musik wollten wir das Gegenteil bewirken: High-Energy-Partyfeeling. Der Gegensatz gefiel mir.

einestages: Vom beschaulichen Münster zog es Sie Mitte der Achtziger ins wilde West-Berlin. Ihr Sehnsuchtsort?

WestBam: Definitiv. 1980, mit 15, war ich erstmals nach Berlin getrampt, magisch angezogen von Songs wie "Kebabträume in der Mauerstadt" von DAF. In Münster liefen zwei Punks rum, in Berlin schien es ganze Stadtteile voller Punks zu geben (lacht). Klubs wie Linientreu, Dschungel und Metropol faszinierten mich. Berlin war das Mekka. Mein guter Freund William Röttger war zuvor von Münster dahin gezogen, nach dem Abi bin ich nachgekommen, wir haben eine WG gegründet. William war Lebenskünstler und veranstaltete Konzerte mit DAF und Einstürzende Neubauten.

einestages: Er prägte einen Satz, aus dem Sie einen Song gemacht haben: "No more fucking Rock and Roll". Hassen Sie Rock?

WestBam: Im Grunde meines Herzens bin ich sogar Rock'n'Roller. Aber ich habe große Freude daran, zu provozieren und Leute zu ärgern, daher der Track. Auf Festivals wie Lollapalooza merke ich, dass die Energie des Rock genau mein Ding ist. Die DJ-Revolution war ein Gegenentwurf. Aber auch eine Fortsetzung des Rock'n'Roll mit anderen Mitteln.

einestages: In Berlin waren Sie zunächst für Katholische Theologie eingeschrieben und machten dann Karriere als Techno-DJ.

WestBam: Ich hatte Vorbilder wie DJ Fetisch aus dem Zest Club, ein stylischer Typ mit Fans, die ihn umjubelten. Da wurde mir bewusst, dass ein DJ auch Popstar sein kann. DJ Norbert im Linientreu spielte coole Platten, die keiner kannte, Avantgarde-Pop und New Wave. Und das Metropol war eine Schwulendisco, da hat die Gay-Community nonstop auf einen Beat getanzt. Eine exotische Welt mit gutem Vibe und einem Sinn für Freiheit. Münster war dagegen tiefste Provinz.

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einestages: Sie wurden als "Philosoph der Dancekultur" bezeichnet. Wieso das?

WestBam: Mein Vater war Professor der Kunstpädagogik. Durch ihn habe ich ein Interesse für Philosophie mitbekommen und viel Schopenhauer gelesen, wobei er Heideggerianer war. Ich bin im Zeichen Fische geboren und ein reflektierender, mitfühlender Mensch. Schopenhauer hatte auch dieses Gefühl für das Leid dieser Welt. Ich denke, dass ich Gefühle gut lesen kann, was mir als DJ zugutekommt.

einestages: Warum treten Sie lieber in Osteuropa auf als in DJ-Hotspots wie Ibiza oder Las Vegas?

WestBam: Ich habe in Ibiza in jedem angesagten Laden aufgelegt, bei den Reichen und den Schönen. Für die bist du nichts als das Sahnehäubchen ihrer Party, die Prostituierte, die sich den Überfütterten zur Schau stellt. Ich spiele lieber für Leute, denen es offensichtlich nicht so gut geht. Die Partyfreude ist viel größer. Ich erinnere mich an Sankt Petersburg. Da habe ich 1990 in einer Wohnung aufgelegt für 30, 40 Leute. Acht Stunden haben die durchgetanzt. Wahnsinn.

einestages: Mit dem Cover-Hit "Somewhere over the Rainbow" machten Sie 1994 Marusha zum Techno-Popstar - da gab es heftige Kritik aus der Szene.

WestBam: Klar. Da sieht man, wie sich die Zeiten geändert haben: Wenn du heute nicht im Privatjet ankommst und nicht so groß bist wie David Guetta, wirst du belächelt. Früher nannte man das Ausverkauf, Erfolg war in der Szene verpönt. Dabei war das eine avantgardistische Leistung, denn Popstars hatte es im Techno bis dato nicht gegeben. Leute, die früher über die Loveparade schimpften, fahren heute zum Tomorrowland-Festival. Und das ist nun wirklich die Kommerzhölle, ein eisenhartes Geschäft, durchkalkuliert und börsennotiert. Da bin ich null neidisch. Ich hatte mehr Erfolg, als ich gebraucht hätte.

einestages: Bei DJs ist es wie bei Fußballprofis, sagten Sie mal - sie verdienen viel zu viel.

WestBam: So isses. Die DJs, die ich bewunderte, hatten ihr Handwerk an den Plattentellern gelernt und im Klub um die Ecke neun Stunden durchgespielt. Je berühmter und größer du wirst, desto läppischer wird die Tätigkeit vom Standpunkt der DJ-Kunst aus. Wenn du wie David Guetta 90 Minuten in Stadien auftrittst, muss das Set genau festgelegt sein, weil die Tracks mit den Licht- und Videoeffekten und der Pyrotechnik gekoppelt sind. Die Spontaneität geht komplett verloren. Der Star-DJ steht auf der Riesenbühne, drückt nur noch einen Knopf, dann läuft seine neueste Radiosingle. Das ist im Prinzip nichts anderes als einer, der auf der Kirmes beim Autoscooter Musik auflegt - nur viel größer.

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einestages: Als Loveparade-Mitbegründer waren Sie 2010 auch für Duisburg gebucht, es kam zum Unglück mit 21 Toten und über 500 Verletzten. Wie haben Sie das erlebt?

WestBam: Ich kam aus Mallorca und wollte in Duisburg meinen Loveparade-Abschied feiern, weil mir die letzte 2008 in Dortmund schon nicht so gut gefallen hatte. Ich merkte, dass ich den neuen Veranstaltern ein Dorn im Auge war, sie wollten aus der Loveparade ihr eigenes Ding machen. Ich war nur noch so was wie ein Maskottchen, darauf hatte ich keinen Bock. Gerade hatte ich die Platte "Don't look back in Anger" rausgebracht, ein Rückblick ohne Zorn. Auf dem Cover stehe ich in einem baufälligen Tunnel. Gespenstisch, wenn man weiß, was in Duisburg passiert ist. An dem Tag bekam ich plötzlich jede Menge SMS, mir dämmerte, dass eine Katastrophe passiert sein musste. Ich saß in Düsseldorf im Hotel, und ein Loveparade-Manager meinte, ich solle trotzdem nach Duisburg kommen und auftreten, das sei jetzt wichtig für die Sicherheit, hätte die Polizei gesagt. Ich bezweifelte das. Als ich hörte, dass vor Ort Menschen ums Leben gekommen waren, bin ich nicht gefahren.

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einestages: Ihr neues Werk heißt "The Risky Sets", mit Superstars wie Kendrick Lamar und Drake. Wussten Sie, dass zwei Drittel aller europäischen Tinder-Nutzer Drake als Lieblingssänger angeben?

WestBam: Nein, ist ja interessant (lacht). Ich war vor einiger Zeit mit meiner Familie in Los Angeles, zur Premiere des Films "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin", zum dem ich auch Musik beisteuerte. Im Autoradio lief unentwegt Drakes Megahit "Hotline Bling". So bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Den Kontakt hat Joe Young, ein befreundeter Rapper, klargemacht. Mein Manager hat ihm die Info gegeben, dass ich als einziger DJ, Künstler, Produzent und mit eigenem Label Top-10-Hits hatte. Man konnte ja nicht davon ausgehen, dass Drake, Kendrick Lamar oder Wiz Khalifa mich kennen. Meine Söhne, 14 und 17, konnte ich mit US-Rappern kaum beeindrucken, die hören deutschen Ghetto-Rap.

einestages: Auf dem Album singt Drake Zeilen wie "Tear down your walls, I want to get closer to your heart" - Ihre textliche Vorgabe?

WestBam: Nein. Drake bekam nur die Musik zugespielt und hat seinen Part in Atlanta im Studio aufgenommen. Persönlich getroffen haben wir uns nicht. Am Ende hat aber alles wunderbar geklappt, und Drake traf mit seinem Text den Nagel auf den Kopf: "Reißt die Mauern nieder" - passt perfekt zu 30 Jahren Mauerfall, wobei er den sicher nicht im Sinn hatte. Aber das zeichnet einen Weltstar aus, dass er intuitiv weiß, was ein Song braucht.

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einestages: Im Herbst jährt sich der Mauerfall. Wo waren Sie am 9. November 1989?

WestBam: Ich stand am Brandenburger Tor oben auf der Mauer, ein Kumpel hatte mir die Räuberleiter gemacht. Ein unbeschreibliches Gefühl. DJ-Kollege Eastbam aus Lettland war auch dabei. Mein "Low Spirit"-Partner Klaus dagegen blieb im Studio und mein Bruder Fabian, völlig genervt von dem Trubel, in unserer WG in Charlottenburg. Dort hatte ich die Pressekonferenz mit SED-Sekretär Günter Schabowski live im TV gesehen und dachte mir: "Was hat der gerade gesagt? 'Ab sofort, unverzüglich'!?" - und ich bin los Richtung Brandenburger Tor. Mein Bruder meinte: "Och nee, wir haben doch morgen einen Auftritt in München, ich muss noch Hemden bügeln!"

einestages: War Ihnen sofort klar, dass da etwas Historisches passierte?

WestBam: Ja. Und dass ich dabei sein muss. Ich war in meinem Leben auf einer Million Partys - das war die beste! Ich habe aktuell ein Angebot, bei "30 Jahre Mauerfall" am Brandenburger Tor aufzutreten. Das fühlt sich richtig staatstragend an, ich würde das gern machen. Bei allem Anarchismus, den ich als 15-Jähriger in mir trug, war ich immer auch Deutschland-Etatist. Der deutsche Staat, so wie ich ihn kennengelernt habe, ist gut. Verständnisvoll, geduldig, liberal. Ein Staat, der vielen Leuten eine Chance gibt. Auch mir.

einestages: Haben Sie als DJ ein Credo?

WestBam: Mein Credo lautet: "Record Art" ist das Komponieren von Stücken anhand vorhandener Platten, bestes Beispiel ist mein Referenzstück "Beatbox Rocker" mit diversen Samples und Zitaten. Dass das aber kein "Klauen" ist, ist in Zeiten von Urheberrechtsdebatten müßig zu erklären. Kunst bezieht sich in großen Teilen immer auf Kunst. Picasso hat mal gesagt, der einzige, von dem er nicht klauen möchte, ist er selbst. Aber von anderen: immer gern!

einestages: Techno wird oft mit Drogen in Verbindung gebracht. Auch bei Ihnen?

WestBam: Von Wolfgang Niedecken stammt der Satz: Meine liebste Droge ist eigenproduziertes Adrenalin. Kann ich nachvollziehen. Aber ich will nicht päpstlicher sein als der Papst. Ich war schon mit 13, 14 neugierig auf Drogen. Im Kino lief "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" mit Musik von David Bowie. Die Idee des Rausches fand ich gut. Ich habe als Teenie nie geraucht, denn das ist teuer, ungesund und nicht mit Rausch verbunden. Ich konnte dagegen immer verstehen, wenn Leute Haschisch, Kokain oder LSD nehmen wollten. Mit 18 habe ich zum ersten Mal gekokst, das Zeug hatte mir jemand in Münster angeboten, ganz oldschool mit Röhrchen und Spiegel. Die Wirkung ging gegen null, ich habe nichts gemerkt und wurde belehrt: Wenn das Gehirn noch nicht weiß, was passieren soll, passiert auch nichts. In den späten Achtzigern kam dann mit dem Acid-Sound das Ecstasy. Aber 70 Mark für eine Tablette? Als Westfale bin ich eher sparsam und habe mir dann doch lieber Adidas-Turnschuhe gekauft. Da hatte ich länger was davon.

einestages: Sprechen Sie mit Ihren Söhnen über Drogen?

WestBam: Schon. Kinder wollen ja besonders dann Drogen probieren, wenn die Eltern sagen: Drogen sind des Teufels! Wenn sich aber schon ihre Alten mit Pillen weggeschossen haben, ist das für Kids nicht besonders erstrebenswert. Ich will den Konsum nicht promoten. Aber der Glaube, dass man seinem Nachwuchs gegenüber ein Machtwort sprechen kann, wird überschätzt. Hätte das bei mir geklappt? Nee!

einestages: Sie sind jetzt 53. Wird Techno-DJing nicht langsam anstrengend?

WestBam: Geht noch (lacht). Ich arbeite heute effizienter und hänge nicht mehr stundenlang in den Klubs ab, bevor ich mein DJ-Set starte. Ich komme, checke die Lage, lege auf und gehe. Das junge Publikum siezt mich jetzt öfter mal, das ist neu. Aber als High-Energy-Persönlichkeit gehöre ich schon noch zu den eisernen Partymännern und feiere nach wie vor gern, wenn auch lange nicht mehr so exzessiv wie früher.

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