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Start des Satelliten-TV: Fernsehen für die Völkerverständigung

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Start des Satelliten-TV Fernsehen für die Völkerverständigung

Aus dem Weltraum in die Wohnzimmer: 1962 schossen die USA den ersten TV-Satelliten ins All. "Telstar" machte erstmals Live-Übertragungen über den Atlantik möglich. Die Welt war begeistert von den Bildern aus Übersee, dann setzten die USA ihre Revolution außer Gefecht - durch ein brisantes Versehen.

Die technische Revolution sollte in wenigen Sekunden beginnen. Walter Cronkite starrte angestrengt auf drei schwarze Bildschirme. Eigentlich müsste jetzt etwas passieren. Signale eingehen. Doch Cronkite sah nichts. Und wurde nervös.

Cronkite, einer der bekanntesten Nachrichtensprecher der USA, sollte an diesem 23. Juli 1962 Fernsehgeschichte schreiben. Seine Aufgabe war es, die erste Fernsehsendung zu moderieren, die live aus den USA per Satellit nach Europa übertragen wurde. Bis dahin lagen die beiden Kontinente, was ihre TV-Programme anging, Lichtjahre auseinander. Sie konnten nicht sehen, was der jeweils andere sah. Jetzt sollten die Alte und die Neue Welt auf einmal per Lichtgeschwindigkeit miteinander verbunden werden!

Es war die Vision von einer TV-Brücke über den Atlantik. Washington, London, Paris, Berlin - sie alle würden näher zusammenrücken. Dafür hatte die Nasa zwei Wochen zuvor "Telstar", den ersten Fernsehsatelliten der Welt, ins All geschossen. Drei gewaltige Bodenfunkstationen waren in jahrelanger Arbeit in den USA, Frankreich und England aus dem Boden gestampft worden. Ihre tonnenschweren Riesenantennen sollten die Funksignale des "Telstar"-Satelliten aus dem All empfangen oder selbst Signale senden können. Eine bahnbrechende Entwicklung - und ein großer Propaganda-Erfolg im Kalten Krieg, fünf Jahre nach dem "Sputnik"-Schock. Zumindest, wenn alles gut ginge.

"Bitte einmal den Eiffelturm neben die Freiheitsstatue!"

Cronkite hingegen befürchtete, dass das Ganze in einer elektronischen Blamage münden könnte. Doch dann tat sich was. Ein Techniker meldete, dass die französische Funkstelle in der kleinen bretonischen Gemeinde Pleumeur-Bodou bereit sei. Offenbar hatte sie Kontakt mit "Telstar". Aus Pleumeur-Bodou und einer ähnlichen Station im britischen Cornwall sollten die Bilder in ganz Europa verbreitet werden - über die Eurovision, einem Verbund nationaler Rundfunkorganisationen.

Es fehlte nur noch ein gelungener Bildtest. Aufgeregt rief Cronkite: "Eurovision? Eurovision, wir werden nun die Freiheitsstatue im Hafen von New York auf die linke Seite unseres Monitors nehmen. Würdet ihr bitte euren Eiffelturm aus Paris daneben stellen?"

Ein paar Sekunden Pause. Endlich antwortete ein BBC-Sprecher aus Brüssel: "Hallo Walter Cronkite, hallo Vereinigte Staaten. Auf meinen Bildschirm hier in Brüssel sind beide (Bilder) klar zu erkennen." Dann ließ er jegliche journalistische Distanz fallen und rief euphorisch: "So, go America, go! Go America, go!" Die Sendung konnte beginnen. Und geschätzte 200 Millionen Zuschauer in ganz Europa schauten gebannt zu.

Schwimmende Funktürme

Für sie grenzte es an ein Wunder, dass sie plötzlich bewegte Bilder aus den fernen USA empfangen konnten. Zwar konnten Europa und Amerika schon lange Telegramme austauschen und Ferngespräche führen. Doch wegen der Erdkrümmung galt die Übertragung von Kurzwellen, auf die das Fernsehen technisch angewiesen war, als nahezu unmöglich. Der Atlantik, schon vor Jahrzehnten von Charles Lindbergh bezwungen, schien für die TV-Kommunikation unüberwindlich.

An abenteuerlichen Plänen hatte es nicht gemangelt. So hatten Techniker ausgerechnet, dass eine Kette aus 50 mit Funktürmen ausgestatteten Schiffen die Fernsehdaten über den Atlantik senden könnte - von Schiff zu Schiff. Doch die Idee der schwimmenden Relaisstationen war nicht finanzierbar.

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Also blickte man ins All. 1960 schickte die Nasa den Ballonsatelliten "Echo" in die Höhe. Seine metallische Außenhaut konnte Funkwellen nur reflektieren, aber nicht selber senden. Dennoch gelang die Übertragung eines Fotos von Indiana nach Texas. Als kurz danach der Prototyp eines Nachrichtensatelliten einen Schallplattensong aus den USA nach England übertrug, brachen beide Seiten des Atlantiks in Begeisterungsstürme aus. Würden die Menschen die Olympischen Spiele 1964 in Tokio überall auf der Welt live verfolgen können?

18 Minuten Disco im All

Experten träumten von einem "Postamt am Himmel", Unternehmen witterten das große Geschäft. Denn die Nachfrage an transatlantischen Ferngesprächen und Telegrammen war in den letzten Jahren explodiert, die Kapazität der Funkkanäle und Unterseekabel reichte kaum noch aus. Schließlich investierte der Kommunikationsriese American Telephone and Telegraph Company (AT&T) rund 30 Millionen US-Dollar in die Entwicklung des "Telstar"-Satelliten. Eine bis dahin einmalige Zusammenarbeit zwischen Staat und Industrie, denn den Satelliten schoss die Nasa ins All.

Seit dem 10. Juli 1962 raste nun die neue Hoffnung der USA mit 28.000 Stundenkilometern um die Erde. Der künstliche Planet hatte einen Durchmesser von 88 Zentimetern, wog nur rund 77 Kilo und ähnelte mit seinen 3600 Solarzellen einer Discokugel. Doch hinter der glitzernden Fassade verbarg sich eine Menge wissenschaftliches Know-how. Selten war so viel Technik auf so engem Raum verbaut worden. 15.000 elektronische Bauelemente, darunter 1000 Transistoren, steckten in der Superkugel - und dennoch gab es ein großes Problem: Da der Satellit die Erde nicht parallel zu ihrer Umdrehung umrundete, war eine Übertragung von TV-Bildern nur für maximal 18 Minuten möglich. Nach diesem Zeitfenster würde der Satellit für etwa zweieinhalb Stunden außerhalb der Funk-Reichweite von Europa und den USA sein.

Ein europäischer Straßenfeger

Die Euphorie dämpfte das nicht. Der 23. Juli 1962, der Tag der historischen transatlantischen TV-Show, wurde zum ersten paneuropäischen Straßenfeger. Millionen Bürger versammelten sich mit Freunden zu Hause oder in Kneipen vor den Bildschirmen, Jahrzehnte vor Public Viewing bei Fußball-Weltmeisterschaften.

Als Erstes sahen sie das Gesicht von Walter Cronkite, die Freiheitsstatue, die Skyline von Manhattan, die Golden Gate Bridge in San Fransisco. Dann folgte ein Baseballspiel zwischen Chicago und Philadelphia. "Schickt allen Baseball-Fans in Europa einen dicken Gruß!", rief der Stadionsprecher. Und Tausende jubelten.

Wechsel nach Washington, live zur Pressekonferenz von John F. Kennedy. Dass nun Nachrichten "von beiden Seiten der Welt" gezeigt werden können, sagte der Präsident pathetisch, sei eine "wesentliche Voraussetzung für Frieden"; die beschleunigte Kommunikation werde "die Sicherheit aller Menschen erhöhen". Und natürlich nutzte Kennedy die große Bühne für eine Spitze gegen Moskau. Atomwaffentests seien eine Bedrohung für die Menschheit, und die Sowjetunion habe die Welt durch ihre letzte Testserie unsicherer gemacht.

Rentiere aus Schweden, Stahlarbeiter aus Deutschland

Nach der Weltpolitik schnell zurück zur Unterhaltung. "Glory, Glory, Hallelujah", gesungen von einem 350-köpfigen Mormonen-Chor, Bilder von den Niagara-Fällen, Cape Canaveral, die berühmten, in Fels gemeißelten Präsidentenköpfe am Mount Rushmore. Es war, als ob sich ein Land mit einem PR-Film um die Olympischen Spiele bewerbe.

Europa antwortete knapp drei Stunden später mit einem ähnlichen Reigen an nationalen Ikonen. Jetzt saßen die Amerikaner gespannt vor ihren TV-Geräten. Sie sahen den Louvre, den Big Ben, ein britisches Luftkissenboot, die Spanische Reitschule in Wien, ja sogar eine alte Bibel aus dem kommunistischen Jugoslawien. Schweden zeigte Rentiere, die Bundesrepublik Stahlarbeiter aus dem Ruhrgebiet, Italien eine Opernaufführung.

Die Begeisterung danach war riesig. "Telstar"-Betreiber AT&T träumte schon von einer Kette aus 50 Satelliten, die eine ununterbrochene Übertragung möglich gemacht hätte. Und einige Politiker hofften, die Menschen auf der ganzen Welt von den Segnungen der amerikanischen Kultur und ihrer Werte überzeugen zu können.

Der verstrahlte Satellit

Doch dann, im November 1962, der Schock: "Telstar" gehorchte nicht mehr. Ignorierte permanent Signale. Dabei sollte der Satellit mindestens zwei Jahre in Betrieb bleiben. Auch Präsident Kennedy dürfte das Aus der umjubelten Technikrevolution peinlich gewesen sein. Denn seine Kritik an den sowjetischen Atomwaffentests, wurde nun zum Bumerang.

Nach und nach wurde bekannt, dass die USA am 9. Juli 1962, einen Tag vor dem Start von "Telstar", einen Atomtest unternommen hatten - im All. Für die Operation "Dominic", der bis dahin größten Atomwaffentestserie der USA, war unter dem Codenamen "Starfish Prime" in 400 Kilometern Höhe eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft von 1,5 Megatonnen gezündet worden. Ein Schuss ins Blaue. Niemand wusste, wie sich Strahlung im Weltraum verbreitet und was sie dort anrichten würde.

Wenig später gab es Klarheit: Satellitensterben im All. Erst fiel ein britischer Wissenschaftssatellit aus, dann ein Forschungssatellit der Navy. Schließlich erwischte es "Telstar". Elektrisch geladene Teilchen legten ihre Transistoren lahm, die Sensoren funktionierten aber noch - und maßen eine hundertfach erhöhte Strahlung.

Vergessener Star

Zwar gelang es den Programmierern noch einmal, "Telstar" in Gang zu setzen, doch im Februar 1963 fiel der Satellit endgültig aus. Zu der Zeit war er allerdings ohnehin bereits überholt, Forscher bastelten längst an neuartigen Nachrichtensatelliten. "Syncom" sollte sich mit derselben Geschwindigkeit bewegen, wie sich die Erde dreht - und damit Funklöcher vermeiden. Nur drei solcher Satelliten in großer Höhe könnten ausreichen, Daten in fast jeden Winkel der Erde zu übertragen.

Das Experiment funktionierte, das Prinzip setzte sich durch. "Telstar" geriet in Vergessenheit - und flog dennoch weiter. Erst in 200 Jahren wird der einstige Star im All in die Erdatmosphäre eintreten und verglühen.

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