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Terror am 11. September 2001: Bilder einer verwundeten Stadt

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Frank Schwere

9/11-Fotos in New York »Es sah aus wie ein zerlaufener Schokoladenkuchen mit einer weißen Zuckerschicht«

Nach dem Terroranschlag 2001 dokumentierte der deutsche Fotograf Frank Schwere am Ground Zero das Unfassbare. Seine monumentalen Bilder zeigen rauchende Ruinen, Teppiche aus Staub, die Suche nach Überlebenden.
Ein Interview von Günter Scheinpflug

SPIEGEL: Herr Schwere, wo waren Sie zur Zeit des Anschlags?

Schwere: Zu Hause in Brooklyn beim Frühstück. Aus dem Fenster sah ich am Horizont eine riesige Rauchwolke, als stünde eine Fabrik in Flammen. Zwei, drei Minuten nach der zweiten Attacke bin ich aufs Dach gestiegen und habe die Szenerie mit meiner Video- und Fotokamera dokumentiert. Beide Türme brannten, so einen Zufall gibt es nicht, das musste ein Anschlag sein. Hätte ich da schon gewusst, dass zwei Flugzeuge hineingeflogen sind, wäre ich sofort hingefahren. Aber das war gar nicht mehr möglich, sämtliche Tunnel und Brücken nach Manhattan wurden geschlossen.

SPIEGEL: Wann sind Sie losgezogen, um Fotos zu machen?

Schwere: Erst am frühen Morgen des 13. September wurde die nördliche Hälfte Manhattans wieder geöffnet. Ich habe mich gleich auf den Weg gemacht und hatte vorher mit der Foto-Direktorin des »New York Times Magazine« darüber gesprochen, ob man mit einem Sonderausweis da reinkommt. Unmöglich, sagte sie, ich müsse es auf eigene Faust versuchen. Durch die erste Sperre gelangte ich mit dem Hinweis, dass ich Fotojournalist bin. Weiter Richtung Süden durften nur Leute, die dort wohnten – ich auch, weil drei Blöcke weiter die Fotoagentur war, für die ich damals arbeitete. Bei der dritten Absperrung aber half mir auch mein internationaler Presseausweis nichts.

SPIEGEL: Gab es dort Andrang, Medienrummel?

Schwere: Nein, auch kein Chaos. Manche Leute versuchten, die Polizisten zu überzeugen, dass sie da reinmüssten, um zum Beispiel nach Freunden zu suchen.

SPIEGEL: Und Sie?

Schwere: Zuerst bin ich auf einem Parkplatz über den Zaun geklettert und erreichte die letzte Sperrzone mit Medienleuten, die mit einem speziellen New Yorker Ausweis hineingekommen waren – jedoch so weit weg, dass man überhaupt nichts sehen konnte, sehr enttäuschend für einen Fotografen.

SPIEGEL: Sie ließen nicht locker.

»Um Ground Zero herum war es wie in einer Geisterstadt, wie in Pompeji.«

Schwere: In einem Park hinter Büschen bin ich nochmals über einen Zaun geklettert, vier Blöcke vom Ground Zero. Außer den Helfern und der Feuerwehr kam da niemand mehr rein. Wie ich hörte, hat man Fotografen, die es trotzdem versuchten, verhaftet, Kameras und Filmmaterial abgenommen. Das ist mir zum Glück nicht passiert. Ich wurde nur zweimal ermahnt, das Gelände zu verlassen.

SPIEGEL: Bis dahin hatten Sie bereits einige Fotos geschossen.

Bus in WTC-Nähe: Der weiße Staub bedeckte alles

Bus in WTC-Nähe: Der weiße Staub bedeckte alles

Schwere: Am eindrucksvollsten waren für mich erst mal die menschenleeren Straßen in Downtown. Und dass es absolut keine Farben mehr gab. Alles war bedeckt mit weißem Staub, man konnte nicht mehr durch die Fensterscheiben der Häuser schauen. Um Ground Zero herum war es wie in einer Geisterstadt, wie in Pompeji. Durch die Straßen lief ich wie auf einem Teppich, so dick war der Staub. Auch die Luft war voller Staub, der in sämtliche Poren drang und seltsam schmeckte. Alles roch nach pulverisiertem Beton, verbranntem Papier, Metall und geschmolzenem Plastik. Ausgebrannte Autos standen überall, die Türen zu Geschäften, Bars und Restaurants waren offen, Gardinen wehten aus zerbrochenen Schaufenstern. Wirklich gespenstisch.

SPIEGEL: Was sahen Sie, als Sie doch vor den Trümmern des World Trade Centers standen?

Schwere: Vor mir lagen etwa fünf Stockwerke hoch die in der Hitze geschmolzenen Überreste des Gebäudes sieben. Es sah aus wie ein zerlaufener Schokoladenkuchen mit einer weißen Zuckerschicht. Wie ein Kriegsgemälde, das schockte mich. Und dahinter standen die gigantischen Ruinen der zusammengestürzten Türme. Zwischen den rauchenden Überresten kletterten unzählige Rettungshelfer herum. Sie versuchten, Überlebende zu finden.

SPIEGEL: Kam Ihnen nicht in den Sinn zu helfen?

Schwere: Ich wäre der 2001. Helfer gewesen. Mein Job ist es, Fotos zu machen.

SPIEGEL: Hatte das, was Sie sahen, für Sie eine fotografische Ästhetik?

Schwere: Nein, nicht in dem Sinne, dass eine Katastrophe hübsch anzusehen ist. Die veränderte Skyline hatte aber schon etwas Faszinierendes. Ich hatte das Gefühl, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Man kommt sich vor wie in einem Film, wie bei Steven Spielberg, und nimmt Szenen wahr, die man nicht für möglich hält. Bei mir vermischten sich Bilder aus Katastrophenfilmen mit der Realität. Wenn man da selbst mittendrin steht, wird einem schnell bewusst, was das alles bedeutet: dass sehr viele Menschen gestorben sein mussten.

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie einfach fotografiert?

Schwere: In den beiden Tagen zuvor hatte es ständig Bilder von Helfern, Feuerwehrleuten und Überlebenden gegeben. Auf den Ground Zero war ich also einigermaßen vorbereitet und wollte alles für die Nachwelt festhalten. Da kommt es auf den richtigen Blickwinkel an. Als ich das Foto machte, das später der SPIEGEL als Titelbild druckte, wusste ich: Das wird eine Ikone. Die Überreste des Südturms sahen aus wie eine Kathedrale. Die Aufnahme wirkt beinah biblisch, dazu ein leichter Schimmer der untergehenden Sonne.

»Die fallenden Körper hatte ich sehen können und verstand zunächst gar nicht, was da herunterfiel.«

SPIEGEL: Hatte Ihre Arbeit auch etwas Voyeuristisches?

Schwere: Nein, das denke ich nicht. Ich bin dorthin, um einen historischen Moment festzuhalten. Wenn Sie so wollen: für die ganze Menschheit und künftige Generationen. Dass die Fotos so eine Beachtung fanden, hat mich aber doch überrascht. Meine Bilder sind distanziert, sie zeigen nicht schreiende, verzweifelnde Menschen. Daher glaube ich nicht, dass man mir emotionale Ausbeutung vorwerfen kann. Das tat auch niemand. Ich bin Fotograf und fühlte mich genauso verpflichtet wie der Fotograf August Sander , der das zerbombte Nachkriegs-Köln dokumentiert hat. Heute sind das wichtige Aufnahmen für die Nachwelt.

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Terror am 11. September 2001: Bilder einer verwundeten Stadt

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Frank Schwere

SPIEGEL: Was zeichnet ein gutes Foto aus?

Schwere: Man muss von einer Aufnahme angezogen werden. Ich versuche, ruhige Bilder zu machen. Durch Stille kann man eine hohe Aufmerksamkeit erzielen.

SPIEGEL: Wie wurden Sie mit den Bildern in Ihrem Kopf fertig?

Schwere: Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich gesehen habe. Die Verzweiflung der Menschen, die nicht am lebendigen Leib verbrennen wollten und es vorzogen, in den Tod zu springen, das blieb mir lange im Sinn und hat meinen Puls in die Höhe getrieben. Die fallenden Körper hatte ich von meinem Dach aus sehen können, so weit entfernt, dass ich zunächst gar nicht verstand, was da herunterfiel. Erst in den Nachrichten habe ich es erfahren.

SPIEGEL: Hat sich Ihre Arbeit danach verändert?

Schwere: In gewisser Weise fügte sich 9/11 in mein fotografisches Interessengebiet. Schon als Student hatte ich stillgelegte Zechen mit der Großbildkamera fotografiert, menschenleere Ruinen und Landschaften dokumentiert. Und auch die bürgerkriegsähnlichen Konfrontationen von Demonstranten mit der Polizei bei Castor-Transporten. Nach 9/11 habe ich die von Hurricanes zerstörten Landschaften 2004 in Florida und 2005 in New Orleans fotografiert, danach in Großformaten die unendlichen Ruinenlandschaften in Detroit. Es geht mir darum zu zeigen, wie sich die Lebensräume in unserer Welt auf natürliche und auf menschengemachte Weise verändern.

SPIEGEL: Haben Sie stets auch im Hinterkopf, wie Sie vorgehen müssen, damit sich ein Foto gut verkaufen lässt?

13. September 2001: Am Ground Zero suchen Helfer nach Überlebenden

13. September 2001: Am Ground Zero suchen Helfer nach Überlebenden

Foto: Frank Schwere

Schwere: Nein, ich bin kein klassischer Fotojournalist und habe auch überhaupt keinen Draht zu Nachrichtenagenturen. Wenn ich fotografiere, denke ich erst mal nur an die Dokumentation und spiele bisweilen mit der Idee, einen Bildband zu veröffentlichen.

SPIEGEL: Was haben Sie bei Kollegen beobachtet? Gab es nach 9/11 einen neuen Trend in der Fotografie?

Schwere: Das glaube ich nicht. Eine gewisse Zeit lang aber haben sich in New York viele Fotografen mit 9/11 und den Folgen beschäftigt. Die Bilder fanden in der Kunstszene Beachtung. Ausdrucksvolle Aufnahmen von einem historischen Ereignis wie diesem vergleiche ich mit historischen Gemälden. Für Kunstsammler ist es legitim, solchen Werken einen gewissen Wert beizumessen. Meine Bilder wurden weltweit veröffentlicht, in Museen gezeigt und auch von privaten Sammlern erworben.

»Acht Tage nach dem Anschlag bin ich nach London geflogen. Das Flugzeug war ziemlich leer.«

SPIEGEL: Wie haben Sie die Zeit nach dem Anschlag erlebt?

Schwere: Die Stimmung war sehr angespannt. Wie wenn man nach einem starken Erdbeben, das viele Opfer gefordert hat, nicht weiß, ob es nun wirklich vorbei ist. New Yorks Bürgermeister Rudy Giuliani rief kurz nach dem Anschlag dazu auf, dem Terrorismus zu trotzen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Der Alltag kehrte recht schnell wieder ein. Aber die ständigen Nachrichten über diesen Terrorakt und die Opfer, die fehlenden Türme in Downtown, das temporäre Memorial am Union Square und die Luftraumüberwachung durch die Air Force – das bereitete uns allen ein mulmiges Gefühl. Trotzdem bin ich acht Tage nach dem Anschlag nach London geflogen. Das Flugzeug war ziemlich leer.

SPIEGEL: Wie hat sich das Leben in New York verändert?

Schwere: Diese liberale Stadt war nicht mehr so frei. An allen Ecken wurde kontrolliert, Polizisten konnten in der U-Bahn ohne Durchsuchungsbefehl Taschenkontrollen durchführen. Soldaten mit Maschinengewehren patrouillierten in allen wichtigen Subway-Stationen. Die meisten großen Bürogebäude führten Ausweiskontrollen ein. Man musste sich an der Rezeption als Besucher einschreiben und wurde in einem auf den Boden gemalten Kreis fotografiert oder gefilmt. Auch öffentlich zu fotografieren, wurde schwierig. Bei Bildern von Straßenszenen, Gebäuden und Plätzen kamen oft gleich Sicherheitsleute angerannt und versuchten, mich an meiner Arbeit zu hindern.

SPIEGEL: Haben Sie nach dem Anschlag Fremdenfeindlichkeit beobachtet?

Schwere: Sicher hat sich bei vielen Amerikanern die Sicht auf Muslime verändert. So wurden Reisende lediglich aufgrund ihres arabischen Namens an Flughäfen festgehalten. Mit dem Irak- und Afghanistankrieg prägte der Präsident das hetzerische Schlagwort von der »Achse des Bösen«, um Länder wie Nordkorea, Iran und den Irak der Unterstützung des Terrorismus zu beschuldigen. Die Kluft zwischen der westlichen Welt und den Muslimen ist damals enorm gewachsen.

SPIEGEL: Das Selbstwertgefühl der Amerikaner war mehr als angekratzt.

Schwere: Bis zum 11. September hielten sie sich immer für unverwundbar und unbesiegbar. Kriege hatte die »großartigste Nation« der Welt, wie sie sich selbst nannten, immer nur auf anderen Kontinenten geführt. Nun war sie plötzlich auf eigenem Boden angegriffen worden. Es kam zu krankhaften Waffenkäufen, und an Schulen häuften sich die Amokläufe.

SPIEGEL: Politisch kam einige Jahre später Obama, dann der Rechtsruck.

Schwere: Am Ende spielte die Angst, erneut attackiert zu werden, den Republikanern in die Hände. In ihren Wahlkämpfen schürten sie diese Furcht und spalteten die USA. Trotz Obamas »Yes, we can« gelang es den Demokraten nicht mehr, die Bevölkerung zu einen. Die Tea-Party-Bewegung entstand, Rechtspopulisten verunglimpften Obamas Politik als »kommunistisch«. Donald Trump konnte nur Präsident werden, weil nach 9/11 und der Bush-Politik ein großer Teil der Bevölkerung bereit war, diesem Despoten ins Amt zu verhelfen.

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