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Terry Fox: Ein Kanadischer Nationalheld

Foto: Corbis

Prothesenläufer Terry Fox Auf einem Bein durch Kanada

Weder Sturm noch eine Amputation konnten ihn von seinem Vorhaben abhalten: Im April 1980 startete der Kanadier Terry Fox einen "Marathon der Hoffnung" über 7000 Kilometer. Mit seinem Lauf wurde er zum Nationalhelden.

Am Abend bevor man ihm sein rechtes Bein amputierte, schmiedete der 18-jährige Terry Fox einen Plan: Er würde als erster Prothesenträger der Welt durch Kanada laufen. Mehr als 7000 Kilometer, von der Atlantikküste bis zum Pazifik. Fox' Eltern hielten die Idee für Wunschdenken eines krebskranken jungen Mannes. Drei Jahre später startete ihr Sohn seinen Lauf, der ihn zum Nationalhelden machen sollte.

Das Meerwasser vor dem Küstenstädtchen St. John's in Neufundland war kühl, als Fox am 12. April 1980 sein künstliches Bein hineintauchte. Er trug kurze Hosen, damit die anwesenden Fotografen die Fiberglas-Stahl-Prothese besser sehen konnten. Außerdem ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift "Marathon der Hoffnung". "Ich wollte das Unmögliche versuchen und zeigen, dass es getan werden kann", sagte Fox den Journalisten. "Beweisen, dass ich nicht behindert oder gehandicapt bin." Dann lief der Lockenschopf los.

Der kleine Basketballheld

Terrance Stanley Fox stammte aus einer Familie von Anpackern. Seine Eltern, ein Eisenbahner und eine gelernte Friseurin, brachten ihren vier Kindern früh bei, dass man zu Ende führen müsse, was man angefangen habe. Dieses Mantra begleitete den 1958 in Winnipeg geborenen Terry von seiner Jugend an. Schon mit zehn Jahren arbeitete er als Beerenpflücker rund um seine Heimatstadt Port Coquitlam, um das Taschengeld aufzubessern.

Fox' Leidenschaft war der Sport. Trotz seiner geringen Körpergröße erkämpfte er sich in der Highschool einen Platz im Basketball-Team. Er spielte Rugby und Fußball, wurde gemeinsam mit seinem Schulfreund Doug Alward zum Athleten des Jahres gekürt. Später schrieb er sich an der Simon-Frasier-Universität in Vancouver ein, um Bewegungswissenschaften zu studieren. Dann begannen die Schmerzen im rechten Bein.

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Anfangs glaubte der 18-Jährige noch, dass die Leiden vom Autounfall stammen würden, den er im November 1976 verursacht hatte. Damals war er aus Unachtsamkeit mit seinem Wagen in einen Pick-up gefahren. Totalschaden für das Auto, er selbst hatte nur einige Schrammen davongetragen. Als Fox im März 1977 vor lauter Schmerzen nicht mehr stehen konnte, brachten ihn seine Eltern in eine Spezialklinik. Die Diagnose: Osteogenes Sarkom, ein bösartiger Tumor, der die Knochenmasse zerstört.

"Noch nicht bereit zu gehen"

Der Arzt versuchte, der Familie Mut zu machen: Durch eine Amputation und eine mehr als einjährige Chemotherapie könne man den Krebs besiegen. Die Überlebenschance betrüge 50 bis 70 Prozent. Ein paar Jahre zuvor hätte sie noch bei 15 Prozent gelegen. Terrys knappe Antwort: "Ich bin noch nicht bereit zu gehen."

Nur eine Woche nach der Diagnose nahmen Ärzte Fox' Bein ab, 16 Zentimeter über dem rechten Knie. In der Zeitschrift "Runner's World", die ihm sein ehemaliger Basketball-Trainer am Abend vor der OP mitgebracht hatte, las er von einem New Yorker, der mit nur einem Bein den Stadt-Marathon gelaufen war. Fox beschloss, einen eigenen "Marathon der Hoffnung" zu starten, um Menschen Mut zu machen.

Während der 16-monatigen Chemotherapie fielen seine Haare aus, der muskulöse Körper wurde schmächtiger. Doch das Schlimmste waren die Leiden seiner Mitpatienten auf der Krebsstation: Er erlebte, wie Ärzte kleinen Kindern erklären mussten, dass sie nur eine zehnprozentige Überlebenschance hätten. Er hörte Schreie in der Nacht. Als Fox die Klinik hinter sich ließ, dachte er unentwegt an die zwei Drittel der Patienten, die das Gebäude nicht mehr lebend verlassen würden. Sein Lauf, das schwor er sich, sollte einem gesellschaftlichen Zweck dienen: Er wollte Geld sammeln, um die Krebsforschung voranzutreiben.

Jeden Tag ein Marathon

Zwei Jahre nach seiner Amputation begann Terry mit dem Lauftraining. Zuerst in der Nacht, damit ihn niemand bei seinen Versuchen beobachten konnte. Weil er sein gesundes Bein stark belastete, fielen ihm die Zehennägel aus. Außerdem fing der rechte Beinstumpf immer wieder zu bluten an und bildete Blasen. Doch Fox ignorierte die Schmerzen. Er hatte eine Mission.

Er wollte in sieben Monaten die 7000 Kilometer lange Strecke entlang des Trans-Canada Highways zurücklegen. Dafür, so berechnete er, müsste er täglich rund 42 Kilometer laufen - einen Marathon pro Tag. Als er der kanadischen Krebsorganisation von seiner Idee schrieb, stieß er auf wenig Begeisterung. Erst solle er Sponsoren finden, hieß es. Also machte sich Fox auf die Suche. Er fand eine Hotelkette, die ihn kostenlos übernachten ließ. Supermärkte boten Essenscoupons an, Adidas lieferte die Sportkleidung. Zudem erhielt er von Ford einen Van, in dem sein Schulfreund Doug Alward die Reise begleiten sollte, um ihn mit Wasser und Essen zu versorgen.

Obwohl Fox wie geplant am 12. April 1980 loslief, geriet er schon in den ersten Wochen mit seinem Zeitplan in Verzug. In Neufundland hatte er mit Windböen zu kämpfen und kam teilweise nur im Schritttempo voran. Zudem wussten die Einwohner in vielen Orten gar nichts von der Aktion und waren erstaunt, als sie den jungen Läufer mit der Prothese sahen. Dabei hatte Fox geplant, in jedem größeren Ort Spenden einzusammeln. Er ärgerte sich über die verpassten Chancen.

Kampf gegen Müdigkeit und Hitze

Seinen Missmut ließ er vor allem am Weggefährten Doug Alward aus. Immer häufiger kam es zum Streit, auch weil Alward seine Arbeit - eine Meile vorfahren, Terry mit Wasser versorgen, wieder eine Meile vorfahren - stupide fand. Als die Freunde gar nicht mehr miteinander sprachen, nahm Terrys jüngerer Bruder Darrell eine Auszeit von der Schule und begleitete die beiden auf ihrer Tour. So rannte Terry, bei Regen oder Schnee, 73 Tage am Stück. Erst in Montreal gönnte er sich einen Ruhetag.

Mit der Zeit verbesserte sich seine Stimmung, auch weil er längere Strecken zurücklegen konnte. Im Juni 1980 brachte er es auf 26 Meilen pro Tag, umgerechnet 42 Kilometer.

Als Fox die Grenze von Quebec in die Provinz Ontario überschritt, hatte sich sein Lauf in den Medien herumgesprochen. In Hawkesberry erwarteten ihn eine Blaskapelle und Fans mit bunten Luftballons. In Ottawa durfte er beim Spiel der Canadian Football League den Startball kicken, bevor er eine Audienz beim kanadischen Premierminister erhielt. Mit dem Ruhm stiegen auch die Spendeneinnahmen. Allein in Toronto sammelte Fox binnen eines Tages rund 100.000 Dollar. Der kanadische Hockey-Star Darryll Sittler lobte ihn öffentlich: "Ich habe mein Leben lang unter Sportlern verbracht, aber noch niemanden kennengelernt mit so einer Ausdauer und so einem Mut."

Was die Zeitungen verschwiegen, war Fox' Müdigkeit am Abend. Durch die vielen Pressetermine musste er seinen Lauf immer wieder unterbrechen, wurde per Van zum Interview gebracht und später an gleicher Stelle wieder abgesetzt. Außerdem machte ihm die Hochsommerhitze in Kanada zu schaffen. Am 142. Tag, kurz nachdem er die Stadt Thunder Bay passiert hatte, zwang ihn eine Hustenattacke in die Knie. Als er Alward bat, ihn ins Krankenhaus zu fahren, ahnte er bereits, dass dies sein letzter Marathontag gewesen war. Er hatte 5373 Kilometer zurückgelegt.

Größte Spendenaktion Kanadas

Einen Tag später, am 2. September, hielt Fox eine Pressekonferenz. Der Krebs hatte Metasthasen in seiner Lunge gebildet, sagte er. Deshalb könne er nicht mehr weiterlaufen. Den Reportern versicherte er: "Ich gebe nicht auf. Ich werde kämpfen." Die ersten Wochen in der Klinik trug er noch sein weißes Marathon-T-Shirt. Angebote von Fans, seinen Lauf für ihn zu Ende zu führen, lehnte er ab.

So tragisch der neuerliche Krebsausbruch war - er brachte Fox' Spendenaufruf den entscheidenden Schub. Eine Sammelaktion im kanadischen Fernsehen mit Elton John und Anne Murray brachte 10,5 Millionen Dollar ein. Bis Februar 1981 hatte der junge Kanadier die stolze Summe von 24,17 Millionen Dollar eingenommen - umgerechnet einen Dollar von jedem Kanadier. Er wurde ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen und erhielt als jüngster Bürger den Verdiensttitel "Companion of the Order of Canada".

Als Terry Fox am 28. Juni 1981 im Kreis seiner Familie starb, wurden im ganzen Land die Fahnen auf Halbmast gehisst. Kanada hatte einen Nationalhelden verloren. Im September des gleichen Jahres wurde erstmalig das Terry-Fox-Rennen ausgetragen. Mehr als 300.000 Läufer nahmen teil, sammelten rund 3,5 Millionen Dollar. Seit damals findet die Aktion Jahr für Jahr statt - immer am 12. April. Um den großen Traum des einbeinigen Marathonläufers zu ehren.

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