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The Cure: Heilsame Depressionen

Foto: HEINO KALIS/ REUTERS

The Cure So düster, so lustig, so alt

Mit ihrem ersten Hit "A Forest" gelang The Cure im März 1980 ihr Durchbruch, sie wurden damit zu Mitbegründern der Dark-Wave-Szene. Doch wer genau hinhört, entdeckt selbst in ihren düstersten Liedern vor allem eines - schrägen Humor.

Wenn man stark genug drückte, grub sich die Spitze des Kugelschreibers einen Millimeter tief hinein ins Holz. Ich ritzte einen kleinen Bogen und füllte ihn mit Tinte - C. Das war weniger Sachbeschädigung, sondern ein kreativer Beitrag zum Gesamtkunstwerk Schulbank: Der Tisch, an dem ich saß, war eine hölzerne Chronik der Musikkultur etlicher Schüler-Generationen. Man musste schon suchen, um noch Platz für eine frische Band-Huldigung zu finden.

Schon reichlich verblasst stand da Rolling Stones neben einem schmetterlingsverzierten Barclay James Harvest. Yes gab es in mehreren, bunten Varianten und natürlich weit frischer auch Stranglers, Clash und Sex Pistols. Aber inzwischen war es 1980, und ich fand, da fehlte noch was: The Cure.

Mich hatten schon Sound und Stimmung des 1979 erschienenen "10:15 Saturday Night" gepackt: Minimalistisch und dunkel und doch auch äußerst lustig. Der treibende, hypnotische Beat transportierte die im Song geschilderte Einsamkeitsszene perfekt. Und dann dieser Text!

Eine Befreiung

Das war kein Lied, das war eine Karikatur: "10 Uhr 15 Samstagnacht - der Wasserhahn tropft im Licht der Leuchtstoffröhre - und ich sitze im Küchen-Waschbecken - und der Hahn tropft, tropft, tropft, tropft, tropft…"

So cool und zugleich so weinerlich zu sein, das passte so genau zum Seelenschmerz eines 17-Jährigen, dass es zum Brüllen komisch war. Das war neu, weil es aufs Wesentliche reduziert war!

Meine Generation war musikalisch zwischen Tralala und Bombast großgeworden. Mama hörte Abba, wir hörten Glam-, Folk- und Jazzrock. Seichte Pop-Schlagerchen das eine, pompöser, überproduzierter Kram mit Gitarren- und Synthesizerteppichen und falsettig schreienden Männerchören das andere. UriahHeepLakeDeepPurpleWhitesnakeYesMudSweetSlade. EmersonlakeandPalmerAlanParson. Und obendrauf dann noch Saturday Night Fever. Die Mitt- bis Endsiebziger waren eine Zeit dicker Musik, dicker Gefühle, dicker Gesten, dicker Hosen. Hauptsache dick.

Dann ließen da Punk, Ska, Rap und Reggae zum Glück die Luft heraus. Es war eine Befreiung, die auch alle alten Rollenklischees hinwegfegte. Wir entdeckten die Ironie als Stilmittel, und Szenen und Subkulturen prägten Stile aus, die für Außenstehende nicht mehr direkt verständlich waren.

Dark Wave: Ironisches Spiel mit Horror-Klischees

Der Rocker in Leder und Kutte war wie der Disco-Boy in seiner knallengen Glitzerhose ein leicht verständliches Symbol des Machismo gewesen. Doch wofür stand es, blaue Haare, eine Ratte auf der Schulter und eine Sicherheitsnadel im Ohr zu haben? Oder eine Hippiemähne mit Ziegenbart zu tragen, dazu ein schwarzes Netzhemd zu Military-Hosen und darüber einen Daniel-Hechter-Wollmantel in Salz und Pfeffer? Mit den Achtzigern begann auch die Zeit der ausgeprägten Subkulturen. Die Öffentlichkeit begegnete vielen von ihnen völlig ratlos.

Am 28. März 1980 veröffentlichten The Cure "A Forest" und sorgten damit für eines der langlebigsten Missverständnisse der Musikgeschichte - und für das Entstehen einer neuen Subkultur: Mit The Cure begann die spielerische Dark Wave - eine düster-depressiv erscheinende Spielart des Post-Punk.

"A Forest" machte The Cure zu Stars und Dark Wave zum Trend: Düster wie nur was sang Robert Smith davon, wie er sich auf der Suche nach einem imaginären Mädchen in einem nächtlichen Wald verliert.

Das war's. Es ließ jede Menge Raum für Interpretationen.

Was wir Teenager damals hörten: Eine dunkle Tanznummer über einen selbstmitleidigen Kasper, der im dunklen Wald vor lauter Bäumen das Mädel nicht sieht. Das Gefühl kannten wir nur zu gut: Selbstmitleid, lass Dich umarmen!

Viele Pädagogen, Kritiker und Kulturbewahrer hörten etwas anderes: eine Anleitung zur Depression, einen Soundtrack zum Selbstmord. Nur den Knall hörten sie nicht.

Das Missverständnis

The Cure, was übersetzt Kurieren und Heilung bedeutet, für krank zu halten, war und ist ein Missverständnis. Anders, als das Vorurteil behauptet, gibt es noch nicht einmal wirklich viele düstere Songs von ihnen.

Denn The Cure zelebrierten die jugendliche Welt-Trauer um ihrer selbst willen. Es war Stil, nicht Botschaft: "A Forest", erklärte Robert Smith einmal, sei der Versuch gewesen, etwas "wirklich Atmosphärisches" zu komponieren - ihm ging es nicht um Sinn und Inhalt, sondern um Stimmung. Ein anderes Mal sagte er, er habe einen "kindlichen Albtraum" verarbeiten wollen. Aber eigentlich sei "A Forest" ein Lied "über einen Wald".

Ach was, ehrlich? The Cure servierten ihre inszenierte Depression meist als "Comic Relief", mit einem hintergründigen Lacher. Man muss sich nur einmal ansehen, wie Düsterkeit à la Cure im Detail aussieht:

Im Video zum herrlich klaustrophobischen "Close To Me" liegt die Band dicht aufeinandergestapelt musizierend in einem alten Wohnzimmerschrank, der am Rande einer Klippe steht. Am Ende fällt dieser natürlich herunter und versinkt im Meer. Die Band spielt derweil so heiter weiter, wie Wasser und Melodie fröhlich plätschern. Surrealer geht es kaum, die ironische Brechung ist offensichtlich.

Ist das düster? Ach was: Düster ist Fun!

Im wunderschönen, für The Cure ungewöhnlich melodischen "Lullaby" ("Wiegenlied") singt Smith davon, wie er von einer Art Riesenspinne gefressen wird: "Denn es ist viel zu spät zu fliehen oder das Licht anzuknipsen, der Spinnenmann isst mich heute zum Abendbrot".

Das war ein wirklich kindlicher Albtraum. Also, ich hab' sehr gelacht.

Smith' Songs erinnern ein wenig an die Kinderbücher Roald Dahls, in denen auch schon einmal kinderfressende Riesen zu Sympathieträgern werden, wenn sie sich zur Diät entscheiden. Horror ist ohne jeden Schrecken, wenn er ironisch gebrochen wird.

Und sonst? Singt, quietscht und quengelt der traurige Clown Smith mit Vorliebe Liebeslieder, die zum poetischsten gehören, was die Musik der Achtziger hervorgebracht hat. Tief genossenes Beisammensein steht da neben Schilderungen nicht minder tief empfundener Verlassenheit. Es sind die klassischen Motive Liebesrausch und -kummer, serviert von einem Musiker, der aussieht, als hätte ihn ein delirierender Zehnjähriger geschminkt.

"Gestern hab ich solche Angst bekommen", barmt Smith in "In Between Days", "ich habe wie ein Kind gezittert. Gestern war ich fort von Dir, es hat mich innerlich gefroren."

So ist er, so ist The Cure: Ironisch und romantisch, spielt gern im und mit dem Dunklen. Doch wenn Schatzi aus der Tür geht, geht quasi die Welt unter. Auch im Küchen-Waschbecken sitzt Smith, weil seine Liebste nicht anruft und er nicht weiß, wo sie ist. Vielleicht im Wald? Und der Hahn tropft, tropft, tropft, tropft…

Was für ein lustiger Trauerkloß! Smith leiden zu sehen und zu hören, macht einfach Freude. Er weiß das ja auch, wie er im wohl untypischsten Lied von The Cure, dem jazzig-fröhlichen "The Love Cats", klarmacht. Er besingt darin, wie Verliebte nachts katzengleich durch die Welt streichen. Ein sinnliches Rollenspiel, eine Zelebrierung der eigenen, lustvollen Inszenierung ist das: "Wir sind auf so wundervolle, wundervolle, wundervolle, wundervolle Weise schön!", jubiliert er.

So richtig düster waren The Cure nie.

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