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Filmereignis "The Matrix": Die blaue oder die rote Pille

Foto: Ronald Siemoneit/ Sygma/ Getty Images

20 Jahre "The Matrix" Ein Science-Fiction-Spektakel verändert die Filmwelt

Ein Verwirrspiel mit wechselnden Realitäten, monumentalen Actionszenen, bis dahin nie gesehenen Trickeffekten: 1999 kam "The Matrix" in die Kinos. Und setzte neue Maßstäbe.

Der 21. März 1999 war ein schlechter Tag für Filmfans. Am Abend lief in Los Angeles die Oscarverleihung. Unter den Kandidaten der Trophäe für den besten Film: Steven Spielbergs Weltkriegsepos "Der Soldat James Ryan" mit der fulminanten Anfangssequenz an den Stränden der Normandie. Und "Der schmale Grat" von Terrence Malick, ein philosophisch durchtränkter Film über die Schlacht um Guadalcanal 1942. Einen der beiden würden die geschichtsbegeisterten Academy-Mitglieder bestimmt küren. Und der Gewinner war... - "Shakespeare in Love".

"Shakespeare in Love"!

Eine nette Komödie, das schon. Aber doch weit entfernt von Wucht, Wagnis und Wichtigkeit der beiden Meisterwerke. Als auch noch Gwyneth Paltrow für ihre Rolle als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde und mit ihrer Tränenrede alle Fremdschäm-Rekorde brach, war klar: Es musste etwas passieren.

Und es passierte etwas. Genau zehn Tage später, am 31. März 1999, startete "The Matrix" in den USA. Ein Erdbeben in der Filmwelt.

Weltweit zeitgleiche Kinostarts von Blockbustern waren noch unüblich, deutsche Zuschauer mussten bis Mitte Juni auf "Matrix" warten. Was sich herumsprach: ein revolutionärer Science-Fiction-Film mit unglaublichen Kung-Fu-Szenen, Coolness bis zum Abwinken und Actionsequenzen, wie man sie so noch nie gesehen hatte. In die Neugier mischte sich ein wenig Skepsis, denn die Wachowski-Brüder - nach ihrem Transgender-Outing heute Schwestern - hatten zuvor den Krimi "Bound" gedreht. Und nun also eine düstere Dystopie.

Mensch gegen Maschine

Dann der Kinobesuch. Das Studiologo grün eingefärbt. Eindringliche Musik. Undefinierbare Schriftzeichen laufen die Leinwand hinunter. Die erste Szene in einer düsteren Kulisse: Eine Frau in Latex setzt ein paar Polizisten außer Gefecht. Steht zwei Sekunden in der Luft, bevor sie den entscheidenden Tritt setzt. Flieht vor den "Agenten" über Häuserdächer und springt wie Spiderman über Häuserschluchten. Schraubt sich per Korkenzieher-Sturzflug durch Fenster. Verschwindet per Telefonanruf in eine andere Welt.

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Filmereignis "The Matrix": Die blaue oder die rote Pille

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Denn das hier, das war die Matrix. Vielen Zuschauern stand gleich der Mund offen. Und so blieb es.

Das lag auch an der Geschichte des Films: Die künstliche Intelligenz ist aus dem Ruder gelaufen, Maschinen haben die Menschen unterworfen und züchten sie in riesigen Anlagen als Energielieferanten. Den Menschen wird eine Simulation als echtes Leben vorgespielt - die Matrix. Daraus konnten sich nur wenige befreien. Als Neo, gespielt von Keanu Reeves, zu ihnen stößt, halten sie ihn für den Auserwählten, der den Kampf gegen die Maschinen gewinnen kann.

Hört sich an wie klassischer Science-Fiction-Stoff, verbunden mit ein wenig Erlöser-Mythologie, mit Einflüssen aus der Philosophie, aus der Literatur- und Comicgeschichte. All das in einen einzigen Film zu stopfen, kann leicht scheitern. Aber den Wachowskis ist ein Kunststück gelungen: Sie haben all ihre Ideen hineingepackt, mit einem Design der Extraklasse versehen und eine klassische Geschichte erzählt - trotz aller Düsternis sogar am Ende mit Liebe. Heraus kam ein außergewöhnliches Kinoerlebnis.

In jüngeren Jahren waren die Wachowski-Geschwister begeisterte Comiczeichner und Anime-Fans. Sie hatten schon früh die Idee zu "The Matrix", wollten aber unbedingt selbst die Regie übernehmen. Gerade war ihr Drehbuch zu "Assasins" mit Sylvester Stallone 1995 verfilmt worden, da bot ihnen Produzent Joel Silver an: Zeigt mir, dass ihr Regie führen könnt, dann könnt ihr "The Matrix" machen. Sie schrieben und drehten "Bound", einen erfolgreichen Thriller. Also gab Silver ihnen im wahrsten Wortsinne grünes Licht für "The Matrix".

Menschen können auch mal in der Luft schweben!

Die Wachowskis taten alles, um die besten Talente um sich zu scharen. Als Actionchoreografen verpflichteten sie Yuen Woo-Ping, der in den Achtzigerjahren als Regisseur den Kung-Fu-Film revolutioniert und einen gewissen Chan Sing-Lung - viel besser bekannt als Jackie Chan - zum Weltstar gemacht hatte. Markenzeichen von Yuens Filmen waren unglaubliche sportliche Gewandtheit, brillantes Timing und gefährliche Stunts. Genau diesen Stil wollten die Wachowskis auch für die "Matrix"-Kampfszenen.

Yuen lehnte zunächst ab. Dann verlangte er eine sehr hohe Gage, die komplette Hoheit bei den Kampfszenen und Stunts sowie ein viermonatiges Training der Hauptdarsteller. Die Wachowskis spielten mit. Nur die Verantwortlichen bei den Warner-Studios bekamen Stresspickel, als die Schauspieler viele Stunts und Kampfszenen selbst übernehmen sollten.

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Das Training war für alle hart, den Darstellern fehlten die akrobatischen Grundlagen ihrer asiatischen Kollegen. Als Yuen, der kaum Englisch sprach, die Szenen choreografierte, war das Ergebnis verblüffend: So, Leute, filmt man Kampfszenen! Lasst die Schauspieler ran. Und Menschen können auch mal in der Luft schweben! Verkrümmte Körper, die Kugeln ausweichen? Der "Bullet Time"-Zeitlupeneffekt? Ebenfalls kein Problem. Wer sich Kampf- und Actionszenen der vergangenen 20 Jahre anschaut, der sieht: "The Matrix" setzt noch immer Maßstäbe. Immer hektischere Schnitte ersetzen keine starke Choreografie.

Kein anderes Werk konnte es damals in Sachen Coolness mit "The Matrix" aufnehmen. Weil ein guter Film erst ein guter Film ist, wenn er auch gut aussieht, scharten die Wachowskis herausragende Designer um sich. Zeichner waren sie schon selbst, dazu holten sie sich als "Conceptual Designer" Geof Darrow, der sich in der Comicszene vor allem durch "Hard Boiled" von Frank Miller einen Namen gemacht hatte.

Vom Außenseiter zum Helden

Die Kostüme, all die schwarzen Trenchcoats, Leder- und Latexklamotten entwarf die Australierin Kym Barrett, zuvor Ausstatterin bei "Romeo und Julia". In der "realen" Welt an Bord ihres Schiffs läuft die Gruppe um Neo und Trinity immer in Lumpen herum und würgt Haferbrei zum Frühstück herunter. Erst in der Matrix verwandeln sie sich zu tollkühnen Helden mit schicken Klamotten, Sonnenbrillen, Limousinen.

Denn Neo ist als "Mister Anderson", wie ihn Agent Smith gern bezeichnet, ein Allerweltstyp, der gut mit Computern kann, aber trotzdem von seinem Chef im Büro runtergemacht wird. Auch wenn die Wachowskis eigentlich Johnny Depp wollten (und noch einige andere Kandidaten, siehe Fotostrecke), war Keanu Reeves eine tolle Wahl für die Rolle: Neo ist nicht zu hübsch, nicht zu stark und hatte schon immer das Gefühl, dass etwas mit dieser Welt nicht stimmt. Er findet in Morpheus jemanden, der ihm sagt: Ja, so ist es. Und genau du bist der, der uns aus diesem Dilemma herausholen kann! So wird Neo vom Nerd und Außenseiter zum Helden.

All die Fragen, die Morpheus stellt, sind zeitlos: Identität, Wahrnehmung, der Charakter der Wirklichkeit. Der Film lässt viele Fragen offen und bietet immensen Interpretationsspielraum. Vor 20 Jahren waren Mobiltelefone gerade in Mode gekommen, in einer Szene wird ein schönes Nokia-Klapphandy weggeworfen. Heute läuft fast niemand mehr ohne Smartphone durch die Gegend, Digitalisierung und künstliche Intelligenz schreiten immer weiter voran. Vielleicht war "The Matrix" seiner Zeit einfach voraus.

Am Ende gibt es selbst in "The Matrix" noch den "Shakespeare in Love"-Moment. Der Film kam so lange ohne Liebesszene aus, dann küsst Trinity Neo nach seinem vermeintlichen Ableben und sagt: "Du kannst nicht tot sein, weil ich dich liebe." Das würde man in der Realität vielleicht einer Fünfjährigen durchgehen lassen, die gerade ihr Zwergkaninchen verloren hat. Aber hier erhebt sich Neo nach Trinitys Kuss und versohlt allen Bösen derbe den Hintern.

Das mag sich albern anhören. Aber wer da nicht zuckt, lebt wahrscheinlich in seiner ganz eigenen Scheinwelt.