Theo Sommer über das Kriegsende 1945 »Dass wir Täter waren, ehe wir Opfer wurden, wurde uns erst langsam klar«

Von Theo Sommer
Der langjährige Chefredakteur der Wochenzeitung »Die Zeit«, Theo Sommer, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. 2020 sprach er mit dem SPIEGEL über seine Erinnerungen an das Kriegsende und den Umgang mit der Schuld.
Theo Sommer im Jahr 2015

Theo Sommer im Jahr 2015

Foto: Daniel Reimann / dpa

Die wichtigste Frage in diesem Sommer 1945 war: Was wird aus uns? Ich war ja bis zum Kriegsende Adolf-Hitler-Schüler auf der Ordensburg Sonthofen gewesen. Dort hatte man uns darauf gedrillt, für Führer und Reich zu sterben. Ich war damals zum Partisanenkrieg bereit. Wäre ich schon 17 gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich auch zur SS-Division Großdeutschland gemeldet, das glaubten wir, uns und dem geliebten Führer schuldig zu sein. Aber wir hatten überlebt und waren auch nicht an die Wand gestellt worden.

In den Weihnachtsurlaub 1944 waren wir noch in der Annahme gefahren, dass die Ardennenoffensive in einen großen Sieg münden würde. Als sie fehlschlug und im Januar abgebrochen wurde, da wurde uns nach und nach klar, dass der Krieg wohl nicht mehr zu gewinnen war.

Im Januar und Februar arbeiteten wir vormittags in der Firma Graf Hagenburg, wo wir im Akkord Steuerungsteile nieteten für des Führers Wunderwaffe, die V2-Rakete. Im März wurden wir 14- und 15-Jährigen zum Volkssturm eingezogen. Die Sonthofener Gebirgsjäger bildeten uns am Karabiner 98, am Maschinengewehr und an der Panzerfaust aus. Sie nahmen uns gehörig ran. Das zwölf Kilo schwere MG auf dem Rücken, mussten wir mit offenem Mündungsschoner auf Skiern durchs Gelände robben – wehe, da kam Schnee rein, dann gab’s einen Anschiss.

Ende April sollten wir noch Ulm verteidigen. Wir kamen jedoch zu spät. Daraufhin trennten wir uns den Volkssturm-Streifen vom linken Ärmel und ließen uns als eine Art Kinderlandverschickungslager in einer Almhütte nieder. Im Radio hörten wir dort die letzte Goebbels-Lüge: dass der Führer im Kampf gegen die Bolschewiken auf den Stufen der Reichskanzlei gefallen sei. Wir hielten dann eine kleine Trauerfeier ab.

Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, bin ich mit zwei Kameraden auf die Rotspitze gestiegen. Es war ein herrlich warmer Sonnentag. Als wir abends zurückkamen, war die Almhütte leer. Die anderen waren von den Franzosen abgeholt worden. Sie wurden Richtung Bodensee in Marsch gesetzt und kamen in Lothringen ins Bergwerk.

Ich schlug mich dann nach Sonthofen durch. Einige Wochen lang arbeitete ich noch einmal bei Graf Hagenburg. Die Firma baute inzwischen Bewässerungsanlagen für Gärtnereien.

In der gesamten französischen Zone war den Deutschen das Radfahren untersagt. Ich musste mein Rad also bis Kempten schieben, wo die amerikanische Besatzungszone anfing.

Nach sechs Wochen holte ich mir auf der französischen Ortskommandantur einen Passierschein. Ich wollte zu meiner Familie nach Schwäbisch Gmünd. Auf meinem Passierschein stand: »À pied, avec sa bicyclette«, zu Fuß, mit seinem Fahrrad. In der gesamten französischen Zone war den Deutschen das Radfahren untersagt. Ich musste mein Rad also bis Kempten schieben, wo die amerikanische Besatzungszone anfing. Dort durfte ich endlich aufsteigen.

Hungrige Menschen suchen in Regensburg im April 1945 in zerbombten Güterwagen nach Nahrung und Kleidung

Hungrige Menschen suchen in Regensburg im April 1945 in zerbombten Güterwagen nach Nahrung und Kleidung

Foto: B2013 Ernst Feix/ dpa/dpaweb

Dort sah ich die ersten riesigen Bildtafeln am Straßenrand, Fotos von Leichen aus einem KZ, wahrscheinlich aus Dachau. Ich war überzeugt, dass es sich um Feindpropaganda handelte. Meine Haltung änderte sich allerdings mit dem Beginn der Nürnberger Prozesse im November 1945. Was ich für Feindpropaganda gehalten hatte, entpuppte sich als niederdrückende Realität. 1947 bekam ich dann Eugen Kogons Buch »Der SS-Staat« in die Hand, für mich war das der wohl wichtigste Meilenstein an meinem Weg zu Klarheit und Wahrheit.

Zu jung, um Täter zu sein

In diesem Sommer lebte ich in einem Zwiespalt: Ich war zu jung, um Täter zu sein. Ich trug keine persönliche Schuld, deshalb lebte ich nicht im Unfrieden mit mir. Aber trotzdem überkam mich bald eine tiefe Scham für das, was von Deutschen an Entsetzlichem verbrochen worden war. Manchmal bin ich nachts schweißgebadet aus dem Schlaf hochgeschreckt, erwacht aus dem Traum, das »Dritte Reich« habe den Krieg doch noch gewonnen. Der Alltag widerlegte den Traum.

Auf meinem Weg nach Hause kam ich durch das total zerstörte Ulm. Am Hohenstaufen gab es ein Lager für russische Zwangsarbeiter. Kurz vorher war dort ein Junge meines Alters, der mir offenbar ähnlich gesehen hatte, umgebracht worden. Meine Mutter erfuhr davon. Tagelang war sie mit meinem fünf Jahre jüngeren Bruder unterwegs, um nach mir zu suchen. Sie kehrte nach Hause zurück in der Überzeugung, dass ich nicht mehr lebte.

Als ich wenig später in Gmünd ankam, spielte meine kleine Schwester auf dem Rasen. Als ich die Gartentür aufstieß, guckte sie mich entgeistert an, drehte sich um und rief in Haus: »Mutti, der Theo ist gar nicht tot!«

Irgendwann in diesem Sommer kam auch mein Vater heim. Er hatte als Kriegsgefangener auf den Rheinwiesen gelegen, wo Hunderttausende deutscher Soldaten im Schlamm oder am Hunger krepierten. (Anmerkung der Redaktion: Fachleute schätzen die Zahl der Toten auf 8000 bis 40.000 .) Als Offizier hatte er in Rommels Afrikakorps gedient und war auf dem Rückzug bei Tunis in einen Luftangriff geraten: Bauchschuss. Mit dem letzten Lazarettschiff war er über Italien ins Hospital in Altötting gekommen. Niemand glaubte 1945, dass er das Jahresende erleben würde. Er schaffte noch 24 Jahre, aber ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem er keine Schmerzen hatte.

Habe ich mit meinem Vater je über den Krieg gesprochen? Nie. Man stellt keinem Menschen Fragen, der sich vor Schmerzen krümmt.

Vater war 36, als er nach Hause kam. Alle waren froh, dass er wieder da war. Vor allem: dass er nicht in russische Gefangenschaft geraten war, vor dem Afrikaeinsatz war er ja ein paar Monate lang an der Ostfront gewesen. Habe ich mit ihm je über den Krieg gesprochen, über das, was er erlebt hatte? Ich habe ihn nie danach gefragt. Man stellt keinem Menschen Fragen, der sich vor Schmerzen krümmt. Hätte ich mehr gefragt, wenn er unverwundet gewesen wäre? Ich bin mir nicht sicher. Man musste damals ja vor allem den Alltag bewältigen. Die Vergangenheitsbewältigung fing viel später an. Zu essen und zu heizen zu haben, überhaupt halbwegs durch die Zeit zu kommen, darum ging es.

Vaters Uniformen wurden umgefärbt; aus ihnen schneiderte Mutter Joppen und Mäntel. Mit ihr und meinem Bruder fuhr ich in die Wälder, jede Familie durfte eine bestimmte Menge Holz einschlagen; damit konnten wir heizen. Bei den Bauern sind wir Hamstern gegangen. Beim einen gab es zwei Eier, beim anderen ein Netz voller Kartoffeln. Viele Wege haben wir zu Fuß erledigt, nur manche mit dem Fahrrad, man musste ja die Schläuche und die Reifen schonen.

Ich fand sogar einen Job – und verlor die Kuppe meines Zeigefingers

Ich fand in diesem ersten Nachkriegssommer sogar einen Job. Schwäbisch Gmünd ist eine Gold- und Silberstadt. Die Firma Rettenmaier produzierte nun keinen Schmuck, sondern Abzeichen, wie sie die Amerikaner als Kennzeichen ihrer Einheiten am Revers oder am Kragenspiegel tragen; diese badges waren aus Aluminium oder Tombak, einer Legierung aus Kupfer und Zink. Ich saß an einer Presse, punzte, stempelte und stanzte, es war eine ziemlich monotone Tätigkeit: Werkstück einlegen, Tritt auf den Fußschalter, der Stempel saust herunter auf die Punze, Werkstück herausholen, dann das Ganze von vorn, acht Stunden am Tag. Neben mir stand ein hübsches Mädchen an einer ähnlichen Maschine. Einmal schielte ich zu ihr hinüber und betätigte dabei aus Versehen den Fußschalter – so verlor ich einen Teil der Kuppe meines Zeigefingers.

Ein andermal wurde ich mit einem amerikanischen Jeep nach Pforzheim geschickt, um neues Material zu holen. Pforzheim hatte 80.000 Einwohner, 20.000 waren bei den Bombenangriffen umgekommen. Etwa 89 Prozent des Stadtgebiets lagen in Schutt und Asche. Es war das erste Mal, dass ich massenhaft Ruinen gesehen habe. Da erst begriff ich, was totaler Krieg war.

Der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtkern von Pforzheim im Frühjahr 1949

Der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtkern von Pforzheim im Frühjahr 1949

Foto: DPA

Allerdings begann auch der Wiederaufbau des Landes praktisch sofort. Ehemalige Parteimitglieder mussten dabei extra Aufräumstunden leisten. Auch bei der Kleidersammlung im Herbst wurde von ihnen erwartet, dass sie zwei Stücke mehr abgaben als die anderen, darunter einen Mantel. Die Entnazifizierung hing bald wie ein Damoklesschwert über vielen. Sie fragten sich: Habe ich eine Zukunft? Darf ich überhaupt je wieder arbeiten?

Bemerkenswert ist, dass es so gut wie keine Trauer über Hitlers Tod gab. Gleichsam über Nacht gab es keine Nazis mehr. Es war, als hätte jemand an einer elektrischen Herdplatte den Strom ausgeschaltet. Dennoch wurde das Kriegsende nicht als Befreiung empfunden, dafür war der Alltag zu beschwerlich. Man war froh, dass es vorbei war. In Kategorien von Tätern oder Opfern wurde noch nicht gedacht. Dass wir Täter waren, ehe wir Opfer wurden, wurde uns erst langsam klar. Dies bestimmte mich, Geschichte zu studieren. Ich wollte wissen: Wie konnte unser Volk diesem Verführer auf den Leim gehen?

Bald sprach ich besser Englisch als unser Lehrer

Damals wohnten wir in Schwäbisch Gmünd nur eine Straße entfernt vom US-Quartier. Die Soldaten brachten ihre Hemden zu meiner Mutter, zum Bügeln. Manchmal gab’s dann eine Dose Ananas. Mitunter brachten sie auch große Töpfe zum Spülen, in denen noch ausreichend Essen für eine Mahlzeit war. Ich sammelte auch die ausgelesenen Taschenbücher der G.I.s., die diese nach der Lektüre wegwarfen. Sie hatten ein besonderes Format und passten in Hosen- oder Jackentaschen. Ich lernte Englisch, indem ich Hunderte mir unbekannter Wörter nachschlug. Bald sprachen wir Jungen besseres Englisch als unsere Englischlehrer, wiewohl mit starkem amerikanischem Akzent.

Neben den pocket books sah ich zum ersten Mal auch gebrauchte Kondome, mit denen die G.I.s die Gehwege reichlich bepflasterten. So schützten sich die Soldaten vor Geschlechtskrankheiten, venereal disease auf Englisch, abgekürzt VD. Im Volksmund wurde daraus bald »Veronika Dankeschön«.

Es gab auch ein Amerika-Haus in Schwäbisch Gmünd. Die Amerikaner hatten in einer requirierten Fabrikantenvilla eine kleine Bibliothek eingerichtet, drei- oder viertausend Bände. Da habe ich all die amerikanischen Autoren entdeckt, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gab: Hemingway, Faulkner, F. Scott Fitzgerald, Dos Passos. Die Lektüre stieß mir das Fenster auf zu einer Welt, die mir bis dahin verschlossen gewesen war.

Bis heute verbinde ich den Sommer 1945 mit einem bestimmten Geruch: dem Frühmorgensgeruch nach frisch gebrühtem amerikanischem Kaffee. Und dem süßlichen Geruch von Chesterfield-Zigaretten – amerikanische Gerüche, die ich später in den USA in den Greyhound-Busstationen wiederfand.

Der Klang des Sommers? Das Röhren der Jeeps, AFN, Jazz

Ab und an gab es auch Hungergerüche. Man riecht ja nicht sehr gut, wenn man hungert. Irgendwie faulig, wie Mundgeruch. Und manchmal haben die Menschen sicherlich auch ungewaschen gerochen. Damals war es üblich, dass die Männer ein Hemd eine Woche lang trugen. Viele Hemden hatten anknöpfbare Kragen, dann hat man alle zwei Tage einen frischen Kragen umgebunden. Es gab weder Deo noch Waschpulver, kaum jemand besaß eine Waschmaschine oder einen Trockner. Büstenhalter und Höschen und Hemden hingen zum Trocknen in der Sonne an der Leine.

Und der Klang dieses Sommers? Das Röhren der Jeeps. Und AFN, American Forces Network, der amerikanische Soldatensender. AFN war ein sehr prägendes Medium. Der Sender brachte uns Bing Crosby und Frank Sinatra nahe, Glenn Millers »Chattanooga Choo Choo« und Tommy Dorseys »Swing Low, Sweet Chariot«. Überhaupt Jazz.

In gewisser Hinsicht reichte dieser erste Nachkriegssommer bis 1989/90. Währungsreform, Gründung der Bundesrepublik und der DDR, Kalter Krieg bestimmten die neue Realität. Nach der Berlinblockade 1948/49 und dem Beginn des Koreakonflikts rückten die Deutschen langsam in die Kohorte der Gastsieger. Von Pariahs wurden sie zu Partnern, in Ost wie West. Doch vier Jahrzehnte lang blieben die Grenzen in Deutschland und Europa, wie sie sich im Sommer 1945 eingeschliffen hatten. So gesehen, endete der Sommer 1945 erst 1990.

Aufgezeichnet von Hauke Goos

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