Fotostrecke

Fotostrecke: Badespaß mit Killerwels

Foto: Wolfgang Thieme / dpa

Sommerloch-Tiere Die Bestien vom Baggersee

Im Sommer schlägt ihre große Stunde: Sie heißen Sammy, Bruno, Eugen. Sie sind ausgebüxte Krokodile, Problembären und Killer-Schildkröten. einestages erinnert an die absurdesten Tiergeschichten der Reisezeit.
Von Yvonne Schymura

Die Sonne zog über den blauen Himmel, während das Thermometer der 30-Grad-Marke entgegenkletterte. Zwischen Erdbeeren mit Sahne und dem Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft streckte sich dieser Sonntag, der 10. Juli 1994, ein Sonntag, endlos dahin. Die Luft roch nach heißem Asphalt und Sonnenmilch. Wer nicht zu träge war, suchte sich einen Platz am Wasser. Ein Sommersonntag am Baggersee - so ließ es sich leben!

Das dachte sich auch Jörg Zars. Der junge Mann aus dem nordrheinwestfälischen Dormagen packte die Badehose ein, nahm seinen Vierbeiner Sammy an die Leine und verbrachte den Tag am Straberg-Nievenheimer See. Zwischen Familien, Kindern, Teenagern und Senioren suchte Zars Ruhe und Abkühlung. Er drehte mit Sammy ein paar Runden am Wasser. Doch dann, in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit, zog das Haustier den Kopf aus dem Halsband und verschwand.

Kein Grund zur Panik - wäre Sammy ein Hund, eine Katze oder ein Kaninchen gewesen. Doch er war ein 80 Zentimeter großer Brillenkaiman, ein Tier aus der Familie der Alligatoren. Und so endete dieser Sommersonntag nicht nur mit einer Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft, sondern auch mit einem Großalarm am Baggersee.

Das Monster von Loch Ne(u)ss

Das Ordnungsamt räumte den See und warnte per Lautsprecherdurchsagen vor der "Bestie im Baggersee". Brillenkaimane lauern im Verborgenen auf ihre Beute, mit ihrem kräftigen Gebiss packen sie Fische, Eidechsen, Vögel und kleine Säugetiere. Badende Kinder gehören typischerweise nicht zu ihrem Speiseplan - doch das beruhigte die Badegäste am Straberg-Nievenheimer See kaum. Sie wollten es nicht darauf ankommen lassen, beim Schwimmen urplötzlich mit den spitzen Zahnreihen eines aus dem Nichts auftauchenden Reptils Bekanntschaft zu machen. Denn Kaimane schwimmen völlig geräuschlos, strecken nur Nase und Augen über die Wasseroberfläche. Und wie sich zeigen sollte, sind sie dabei ganz und gar nicht leicht zu entdecken.

Fünf Tage dauerte die "Großwildjagd" an. Polizei und Kaiman-Experten suchten den See ab, legten Schleppnetze aus und lockten Sammy mit blutigem Rinderfilet. Doch der Kaiman hatte kein Interesse. Selbst als ein Tierstimmenimitator Sammy mit Kaiman-Brunftrufe anlocken wollte, zeigte sich das Reptil nicht an einem Liebesspiel interessiert. Einmal hatte ein Polizist Sammy vor der Mündung seines Großkalibergewehrs. Er schoss. "Der Kaiman ist zu 99 Prozent tot", ließ der Polizeisprecher verlauten. Am Abend schwamm der Ausreißer wieder fröhlich im See.

Fotostrecke

Fotostrecke: Badespaß mit Killerwels

Foto: Wolfgang Thieme / dpa

Längst hatte "Die ausgebüxte Handtasche" die Herzen der Menschen erobert. "Sammy, bitte melde dich", flehte der "Kölner Express". "Sammy darf nicht sterben" hieß es bei der "Bild"-Zeitung. Eine Lacoste-Niederlassung setzte 10.000 Mark Belohnung aus, für die Rettung eines Verwandten ihres Wappentiers. Ein Sammy-Fanclub formierte sich und forderte die Abschaffung der Todesstrafe für Kaimane. Selbst Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor (SPD) verlangte einen Gnadenerlass. Zwischendurch versicherte Jörg Zars vor den Kameras der "Tagesthemen", das Tier sei "absolut zahm" und habe nachts immer in seinem Bett geschlafen. Schließlich beugte sich der Krisenstab der Stadt Dormagen dem öffentlichen Druck und hob den Schießbefehl auf.

Happy End am See

Die Jagd endete unblutig: Ein Taucher schnappte das Tier mit bloßen Händen. Sammy hatte wegen der niedrigen Temperaturen am Grund des Sees fast bewegungslos verharrt. Halb erfroren, verängstigt und hungrig kam er übergangsweise zum Aufpäppeln in den Kölner Zoo, wo die Besucher ihn am nächsten Tag begeistert begrüßten. Sammy war von dem Ansturm nicht sehr angetan. Er kauerte in einer Ecke und ignorierte die Kinder, die verzückt seinen Namen riefen.

Aber bald verblasste Sammys Berühmtheit wieder - der Kaiman, der eine ganze Region in Angst und Schrecken versetzt hatte, geriet über die Jahre wieder in Vergessenheit. Er lebte im sächsischen Tierpark Falkenstein, bis er aus Sicherheitsgründen an eine "Alligator-Action-Farm" in Hessen weitergegeben wurde. Aus dem kleinen, zahmen Tierchen war längst ein ausgewachsenes Raubtier geworden, eineinhalb Meter lang und äußerst bissig. Sammy starb im August 2013, im Alter von 25 Jahren. Erst zum 20. Jahrestag seiner Flucht erfuhr die Öffentlichkeit von seinem Tod.

So absurd der Fall des entflohenen Reptils im Baggersee auch erscheint - Sammy ist kein Einzelfall: Längst haben zur Sommerzeit in den Boulevardmedien Ausreißer und Sonderlinge aus der Tierwelt ihren festen Platz gefunden. Jahr für Jahr, wenn die Republik sich an den Strand zurückzieht und die Nachrichtenlage dünner wird, rücken sie in die Schlagzeilen vor: ausgebüxte Milchkühe, Dackel fressende Riesenwelse oder Kraken mit prophetischen Fähigkeiten.