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Gejagt, verehrt, benutzt: Tiere im Nationalsozialismus

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Tiere im Nationalsozialismus Kamerad und Kanonenfutter

Tiere spielten im Nationalsozialismus eine entscheidende Rolle. So wäre ohne Pferde der verheerende Ostfeldzug nicht möglich gewesen. Die Erinnerungen daran wirken bis heute nach.
Von Jan Mohnhaupt

Siegfried scheint zu grinsen, während er schwimmt. Er hat die Nüstern hochgezogen und sein Gebiss entblößt - als hätte er für die gefährliche Lage nur Verachtung übrig. Doch das ist eine rein menschliche Sichtweise. Er tut dies, wie alle Pferde, instinktiv, damit kein Wasser in seine Nasenlöcher läuft.

Siegfried ist ein etwa sieben Jahre alter fuchsfarbener Trakehner. Sein Reiter, der Dresdner Max Kuhnert, ist Kundschafter im Reiterzug des Infanterie-Regiments 432, das im Juni 1941 ans Ufer des Westlichen Bug kommandiert worden ist. Der Fluss bildet die Grenze zwischen den von den Deutschen besetzten Gebieten und denen der Sowjetunion. Bis hierhin und nicht weiter, hatten Adolf Hitler und Josef Stalin vereinbart, als sie 1939 ihren Nichtangriffspakt schlossen.

Doch schon am 22. Juni 1941 lässt Hitler das lange geplante "Unternehmen Barbarossa"  beginnen, den Überfall auf die Sowjetunion. Drei Millionen Soldaten stehen bereit, die ausgerüstet sind mit 1800 Flugzeugen, 3600 Panzern, 7000 Geschützen, 600.000 Kraftfahrzeugen - und 750.000 Pferden.

Das Regiment 432 ist eines der ersten, das über den Bug muss. Da die eilig errichtete Pontonbrücke längst unter Dauerbeschuss steht, bleibt Kuhnert nichts anderes übrig, als mit Siegfried hinüber zu schwimmen.

Die NS-Propaganda versucht, den Angriffskrieg als motorisiertes, hochtechnologisches Unterfangen darzustellen. Doch die Realität sieht anders aus: An jeder Front, ob im Westen oder Osten, sind Pferde dabei gewesen. Doch vor allem an der Ostfront geht ohne Pferde nichts voran. Denn es gibt nicht genügend motorisierte Fahrzeuge und Treibstoff, um Waffen und Proviant so zuverlässig und schnell an die Front zu bringen, wie dies mit Pferden möglich ist. Insgesamt werden knapp drei Millionen Pferde, Esel und Maultiere auf deutscher Seite in den Krieg geschickt.

Hitlers Hippophilie

Wohl niemals zuvor und nie mehr danach haben Tiere in der deutschen Geschichte eine solch entscheidende Rolle gespielt wie im "Dritten Reich". In allen Lebensbereichen, ob im Kriegswesen, Alltagsleben oder in der Propaganda, sind sie von Bedeutung gewesen. Und das Pferd nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Denn während die Nationalsozialisten sich selbst gern mit Wölfen vergleichen und ihren Panzern die Namen von Großkatzen geben, ist es der einzige Pflanzenfresser, das einzige Fluchttier, das neben all diesen Raubtieren verehrt wird.

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Gejagt, verehrt, benutzt: Tiere im Nationalsozialismus

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Das zeigt sich nicht zuletzt in der NS-Kunst, die reich an Pferdemotiven ist - seien es nun hochbeinige Reittiere, die ihre Soldaten über alle Hindernisse hinweg tragen, oder wuchtige Ackergäule, die gleichmütig die heimische Scholle umpflügen. In der Ikonografie der Nationalsozialisten steht das Pferd für Stärke und Opferbereitschaft, ohne unterwürfig zu erscheinen.

Auch wenn Adolf Hitler vernarrt in Hunde ist und den Wolf verehrt, so kann er sich an Pferden dennoch kaum sattsehen. Er hat sich eigens von einem seiner Lieblingsbildhauer, Josef Thorak, zwei überlebensgroße Pferdestatuen im klassischen Stil schaffen lassen, die im Garten der Neuen Reichskanzlei in Berlin stehen. Doch Hitlers Hippophilie beschränkt sich nur auf Kunstwerke.

Er meidet jeden direkten Kontakt mit lebenden Exemplaren; er verabscheut sie geradezu und hält sie für dumm. Wie "der Russe", schwadroniert Hitler, würde auch das Pferd "im Nu alle Erziehung von sich" werfen, wenn es nicht ständig im Zaum gehalten werde. Auch von der Kavallerie hält er nichts.

Pferde ziehen den Karren aus dem Dreck

Die klassische Reiterei hat zwar allmählich ausgedient. Als Lastenträger, Zugpferd sowie Reittier für Boten und Späher bleibt das Pferd jedoch unverzichtbar. Bereits Anfang September 1941 hat es zu regnen begonnen. So heftig und andauernd, dass die Pfützen nicht mehr trocknen, immer weiter anwachsen und der Boden metertief aufweicht.

Motorräder und Kraftwagen bleiben reihenweise im Schlamm stecken, der Vormarsch gerät ins Stocken. Nur die Pferde ziehen weiter unbeirrt die Karren aus dem Dreck, obwohl sie selbst längst bis zum Bauch im Morast versinken. Auf den Schlamm folgt die Kälte. Flüsse frieren zu, die Motoren versagen endgültig, und Siegfrieds warmer Atem gefriert in der Luft augenblicklich zu Eiskristallen.

Der gemeinsame Weg von Max Kuhnert und Siegfried endet im Frühjahr 1942 irgendwo in der westrussischen Einöde. Bei einem Angriff wird Siegfried von einem Granatsplitter schwer verletzt. Kuhnert muss hilflos mitansehen, wie er verblutet. "Für mich war er nicht nur ein Pferd", schreibt er später in seinen auf Englisch erschienenen Memoiren "Will We See Tomorrow? A German Cavalryman at War (1939.1942)". "Er war mein bester Freund."

"Die Augen aus leeren roten Höhlen herausgekugelt"

Das Schicksal der Pferde beschäftigt viele Soldaten. In zahlreichen Feldpostbriefen schildern sie deren Leiden und Sterben: "Zerrissen von Granaten, aufgetrieben, die Augen aus leeren roten Höhlen herausgekugelt, stehend und zitternd, aus einem kleinen Loch in der Brust langsam, aber unaufhörlich blutend, auslaufend - so sehen wir sie nun seit Monaten", schreibt einer. "Fast ist das schlimmer noch als die weggerissenen Gesichter der Menschen."

Doch je länger der Krieg andauert, desto häufiger werden dem "Kamerad Pferd" die eigenen Kombattanten zum Verhängnis. Nirgendwo zeigt sich das wohl so deutlich wie in Stalingrad. Die 6. deutsche Armee, die die Industriestadt an der Wolga einnehmen soll, ist hoffnungslos unterversorgt. Im November 1942 gelingt es der Roten Armee, sie einzukesseln. Eine Viertelmillion Soldaten sitzt nun in der Falle - mit ihnen 52.000 Pferde und Maultiere.

Mit fortdauernder Isolation wandern immer mehr Tiere in die eigenen Kochtöpfe. "Solange wir noch Pferde haben, geht es, und außerdem wird uns der Führer nicht verlassen", schreibt ein deutscher Soldat noch voller Hoffnung kurz vor Weihnachten 1942.

Der lange Schatten von Stalingrad

Doch Hitler fordert von den Soldaten durchzuhalten und aus eigener Kraft die Umzingelung zu durchbrechen, was misslingt. Um die Soldaten am Leben zu erhalten, werden kurzerhand 4000 Pferde der verbündeten rumänischen Kavallerie geschlachtet und zu Fleischsuppe verarbeitet. "Das letzte Pferd ist schon lange aufgefressen und keine Ahnung wann die Scheiße ein Ende hat", schreibt ein Soldat Mitte Januar 1943.

Als sich die halb erfrorene und verhungerte 6. Armee zwei Wochen später in den Trümmern Stalingrads ergibt, sind von den ursprünglich 250.000 eingeschlossenen deutschen Soldaten noch 90.000 am Leben. Von ihren 52.000 Pferden kommt keines lebend heraus. Sie sind allesamt erfroren, auf dem Schlachtfeld verendet oder aufgegessen worden.

Wie weit der Schatten von Stalingrad noch reicht und wie emotional wir noch immer mit dem Pferd verbunden sind, hat sich zuletzt im Frühjahr 2013 gezeigt: In mehreren europäischen Ländern tauchten damals in den Supermärkten vermeintliche Rindfleischprodukte auf, die tatsächlich zu großen Teilen aus Pferdefleisch bestanden. Ein Aufschrei ging durchs Land.

Dahinter stecke jedoch keine "Kleinmädchenhysterie", sondern historische Erfahrung, schrieb die Tageszeitung "Die Welt": "Nirgendwo ist der Ekel vor Pferdefleisch so ausgeprägt wie in der Generation, die noch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsjahre erlebt haben." Auch der Kulturhistoriker Peter Peter sah darin "eine unangenehme Erinnerung, vor allen Dingen bei älteren Leuten" - an "Notschlachtungen von Pferden, an Stalingrad-Bilder".

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