Fotostrecke

Untergang der "Tirpitz": Die letzte Schlacht des Stahlkolosses

Foto: Norbert Russow

Untergang der "Tirpitz" Churchills Sieg über die Bestie

Die "Tirpitz" galt als unbezwingbare Festung aus Stahl, doch dann versenkte das britische Militär das größte deutsche Schlachtschiff im Zweiten Weltkrieg. Albert Russow überlebte den Untergang nur knapp.

Als Albert Russow am Morgen des 12. November 1944 durchs Fernglas blickt, wird ihm sofort klar: Diesmal wollen die Briten die "Tirpitz" mit aller Macht versenken. "Die Flugzeuge waren größer als früher. Und als sie hinter der Bergkette hervorgekommen sind, haben sie sofort Kurs auf unser Schiff genommen", erzählt der frühere Marinesoldat. "Die haben ganz genau gewusst, wo wir liegen."

Und es werden immer mehr: 10, 15, 20, 25 schwere Bomber. Insgesamt 29 viermotorige Lancaster-Maschinen hat die Royal Air Force zur "Operation Catechism" in den Einsatz gegen Deutschlands letztes, größtes Schlachtschiff geschickt. Einige tragen in ihrem Bauch nur eine einzige Bombe - den "Tallboy". Der neue Super-Sprengkörper soll der "Tirpitz" hier im Eismeer vor der norwegischen Stadt Tromsø endgültig den Garaus machen. So hat es Winston Churchill persönlich befohlen.

"The Beast" hat Großbritanniens Premier ehrfürchtig die furchterregendste Kriegsmaschine genannt, welche das Deutsche Reich je gebaut hat. Über 250 Meter lang und 36 Meter breit ist die "Tirpitz", benannt nach Großadmiral Alfred von Tirpitz, dem Begründer der deutschen Hochseeflotte im Kaiserreich. Sie verdrängt weit über 50.000 Tonnen Wasser, mehr als jedes britische Schiff, auch mehr als ihr Schwesterschiff, die Bismarck. Mehr als hundert Geschütze an Bord richten sich gen Himmel, die acht 38-Zentimeter-Kanonen können Projektile verschießen, die so viel wiegen wie ein kleines Auto. Und gegen feindliche Angriffe geschützt ist die schwimmende Festung mit dickem Krupp-Panzerstahl der Marken Wotan hart und Wotan weich.

"Viele Kameraden dachten, die "Tirpitz" ist unzerstörbar", sagt Albert Russow. "Ich selbst habe mich machtlos gefühlt." Der alte Mann nimmt das Modell der "Tirpitz" in die Hand, das seit Langem bei ihm zu Hause steht, in Schwaan bei Rostock. Russow, damals 22 Jahre jung, ist heute 92 - und einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Untergangs. Gut ein Jahr hat der gelernte Fleischer als Signalgast auf ihr gedient, war verantwortlich für die Signalflaggen und Signallampen. Vor allem aber hat er Wache geschoben, denn zu signalisieren gab es am Ende nicht mehr viel. Während seiner letzten Monate lag der einstige Stolz der deutschen Marine fast nur noch vor Anker vor der norwegischen Küste, weit weg vom Kriegsgeschehen.

Abgetaucht im künstlichen Nebel

Im Spätherbst 1943 wird Matrose Russow, der zuvor auf Minensuchbooten im Finnischen Meerbusen eingesetzt wurde, auf die "Tirpitz" beordert. Sie liegt im Kåfjord nahe des Nordkaps, und die Stimmung unter der Besatzung ist bedrückt, erzählt er: "Wir hatten das Gefühl, als wären wir eingesperrt. Wir sind ja nie mehr rausgefahren ins offene Meer." Bereits Anfang 1942, wenige Monate nach dem Untergang ihres Schwesterschiffs "Bismarck", hatte Hitler die "Tirpitz" nach Norwegen geschickt. Sie sollte Geleitzüge der Alliierten in den sowjetischen Hafen Murmansk aufhalten, feindliche Kräfte binden. Doch sie wurde kaum in Seegefechte mit anderen Schlachtschiffen verwickelt, feuerte keinen einzigen Schuss ab. Die Deutschen schonten die "Königin der Meere" aus Angst, sie zu verlieren. Ihre bloße Präsenz schreckte ohnehin viele gegnerische Verbände von einer Konfrontation ab.

Als Russow auf die "Tirpitz" kommt, ist das Schiff schwer beschädigt. Zwei britische Mini-U-Boote sind im September 1943 in den Kåfjord eingedrungen, haben unbemerkt die Schutznetze durchbrochen und Minen unter dem Rumpf gezündet. Ein gutes halbes Jahr lang dauert die Reparatur des Stahlkolosses. Eine eintönige Zeit, so Russow: "Wir hatten kaum Kontakte zu Einheimischen und waren fast nur auf dem Schiff." Als die "Tirpitz" im Frühjahr wieder einsatzbereit ist, folgen die nächsten Angriffe der Royal Air Force. Doch der Besatzung gelingt es immer wieder, das Schiff mit künstlichem Nebel aus Vernebelungsmaschinen für die feindlichen Flieger fast unsichtbar zu machen. Und treffen die Engländer doch mal, so sind die Bomben zunächst nicht stark genug, um das Schiff zu versenken. "Sie haben Soldaten getötet, aber der Außenwand konnten sie nichts antun", erzählt Russow.

Fotostrecke

Untergang der "Tirpitz": Die letzte Schlacht des Stahlkolosses

Foto: Norbert Russow

Er kramt ein Foto hervor; auf der Rückseite steht ein Propagandagedicht von damals:

Bomber sind's im großen Verband
Sie kommen direkt aus Engeland
Und zwischen den Orgeln unserer Granaten
Krachen des Feindes eiserne Saaten
Hochauf spritzen Gischt und Dreck
auf Mann und Geschütz im Oberdeck
Pausenlos feuern unsre Kanonen
John Bull, Dein Angriff wird nicht lohnen.

Aber am 15. September 1944 lohnt er doch. Da treffen die Briten erstmals die "Tirpitz" mit einem "Tallboy". Fünfeinhalb Tonnen schwer ist die neue Bombe, größer als eine Litfaßsäule und ungeheuer zielgenau. Schwer beschädigt wird die "Tirpitz" gen Süden gebracht: in die Meerenge Sandnessund nahe der Stadt Tromsö. Hier legt sie Kommandant Wolf Junge vor der Insel Hakoya auf Grund. Alle ahnen: die "Tirpitz" wird nie wieder ins Gefecht ziehen. "Wir dachten: das war's", sagt Russow. "Jetzt ist für uns der Krieg vorbei."

"Die Menschen haben nach Vater und Mutter geschrien"

Aber die Briten wollen ihr Werk zu Ende bringen. Es ist kurz nach neun am 12. November 1944, einem strahlend schönen Sonntagmorgen, als die Sirenen heulen und Russow durch das Fernglas blickt. Die Engländer kommen, von der deutschen Luftwaffe keine Spur, und die Nebelgeneratoren sind nicht in Betrieb. Die Besatzung stürmt an die Geschütze, ballert los, ohrenbetäubender Lärm bricht aus. Bald schlagen die ersten Bomben ein, zunächst neben dem Schiff. "Da haben sich Wände aus Wasser aufgetürmt und sind auf uns runtergekracht", erzählt Russow. "Ein Matrose ist durch die Druckwelle Dutzende Meter vom anderen Deck zu uns rübergeflogen und neben uns eingeschlagen." Die Briten treffen, reihenweise sterben die Soldaten, Russow wird selbst zum Nachladen an die Flak beordert.

Dann merkt er plötzlich: die "Tirpitz" neigt sich zur Seite. Die "Tallboys" haben die Seitenwand aufgerissen. "In dem Moment ist mir klar gewesen: es ist aus mit dem Schiff." Jetzt geht es um sein Leben. Als die "Tirpitz" immer mehr Schlagseite kriegt, seilt sich Russow nach eigener Schilderung ab auf einen der Dutzende Meter hohen Schornsteine, der nun fast waagerecht zur Wasseroberfläche liegt. "Ich musste vom Schiff weg, ich hatte Angst, dass es explodiert." Er springt ins eiskalte Meer, klammert sich an eine Boje, an der die Anti-U-Boot-Netze befestigt sind. Und sieht Schreckliches: "Die Menschen im Wasser haben geschrien nach Vater und Mutter, einigen waren die Füße oder Arme abgeschossen." Die britischen Flugzeuge sind zu diesem Zeitpunkt schon wieder abgezogen.

Dann sieht Russow die "Tirpitz" untergehen. "Der Kasten kippte immer weiter um, bis der Kiel oben lag." Im Schiffsrumpf sterben in diesen Momenten Hunderte eingeschlossene Menschen; insgesamt verlieren mehr als 900 Menschen ihr Leben. Doch Russow bekommt davon nichts mit: Er hat gerade selbst Todesangst. Denn plötzlich kreist wieder ein englisches Flugzeug am Himmel. Doch es feuert kein einziges Mal. "Wahrscheinlich hat es nur den Untergang gefilmt." Die "Bestie" ist besiegt.

Flucht vor dem Himmelfahrtskommando

Albert Russow wird von einem deutschen Bergungsschiff aufgefischt. Man drückt ihm eine Flasche Cognac in die Hände, dann kommt er ins Lazarett. Er überlebt. Vielleicht eine halbe Stunde hat er im zwei oder drei Grad kalten Eismeer verbracht, Langzeitschäden wird er jedoch keine davontragen. Sie schicken ihn auf Heimaturlaub.

Anfang 1945 wird er wieder einberufen; in den letzten Kriegswochen soll er die Hauptstadt verteidigen. Doch dieses Himmelfahrtskommando tut er sich nicht an. Auf dem Weg nach Berlin setzt sich Russow ab, gemeinsam mit einem Kameraden, bei einem Zwischenstopp in Güstrow, nur ein paar Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Schwaan. Die Männer schlagen sich in den Mecklenburger Wäldern durch. Als sie sich wieder nach Schwaan trauen, sind die Russen schon da. Den beiden deutschen Soldaten bleibt durch glückliche Zufälle die Kriegsgefangenschaft erspart.

Albert Russow hält das "Tirpitz"-Modell noch immer in der Hand. Er hat einen historischen Moment miterlebt, er kann seinen Nachkommen die Geschichte des letzten Gefechts des letzten deutschen großen Schlachtschiffs erzählen. Aber am liebsten hätte er auf all das verzichtet, sagt er. "Wenn die mir damals in Norwegen gesagt hätten: 'Du kannst zu Fuß nach Deutschland zurück', dann wäre ich sofort losgelaufen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.