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»Titanic«: Mit dem Luxusliner und 1500 Passagieren ging auch die Post unter

Foto: imago/ United Archives International

Untergang der »Titanic« Wie Postbeamte die wertvolle Fracht zu retten versuchten

Neben 2208 Menschen befanden sich auf der »Titanic« auch sieben Millionen Briefe und Postwertsendungen, davon 600.000 aus Deutschland. Sie gingen 1912 mit dem Luxusliner unter. Fünf Männer kämpften bis zuletzt darum.
Von Jens Ostrowski

15. April 1912, kurz nach Mitternacht. Seinen 44. Geburtstag hatte sich Oscar Woody ganz sicher anders vorgestellt. Etwa 20 Minuten nach der Kollision mit dem Eisberg versuchte der amerikanische Postbeamte mit seinen vier Kollegen, unten auf dem Orlop-Deck von der Post zu retten, was zu retten war. Mit vereinten Kräften hievten sie die Säcke mit wertvollen Einschreiben aus dem Postladeraum auf das nächsthöhere Deck, während der Kesselraum 6 eine Etage darunter bereits unter Wasser stand. Eine Frage von Minuten, bis es auch den Postladeraum erreichen würde.

»Nach den Passagieren und der Crew galt die Post als wertvollstes Gut, das im Schadenfall unbedingt gerettet werden musste. So stand es in den Dienstvorschriften der Reederei«, sagt der Schweizer Historiker Günter Bäbler.

3364 Säcke mit insgesamt sieben Millionen Briefen und Postwertsendungen transportierte die »Titanic« auf ihrer Jungfernfahrt, die von Southampton nach New York geplant war. Knapp zehn Prozent davon stammten aus Deutschland, wie jetzt im Bundesarchiv in Berlin aufgetauchte Unterlagen zeigen.

Der Posttransport war sehr lukrativ

»Titanic«-Historiker Bäbler spricht von einer kleinen Sensation: »Bislang galten die Aufzeichnungen über die Verluste der Deutschen Reichspost als verschollen.« Bei den Recherchen zum Buch »Die Titanic war ihr Schicksal«  über die deutschen Passagiere und Besatzungsmitglieder auf dem Schiff wurde ein Aktenbündel aus dem Nachlass der Deutschen Reichspost gefunden.

Demnach befanden sich 318 Postbeutel mit jeweils 2000 Briefen aus den Oberpostdirektionen Düsseldorf, Frankfurt, Bremen, Köln, Stuttgart, Erfurt, Berlin und Straßburg in den Frachträumen des Luxusschiffes. Dazu kommen weitere unbekannte Mengen an Briefen aus Bayern, Pommern, Schlesien und Württemberg.

Dabei handelte es sich um einen Großteil der Überseepost, die zwischen dem 6. und 9. April 1912 im Deutschen Reich aufgegeben worden war – mit Zielen in Nordamerika, Südamerika und Teilen von Asien. Der Weltpostvertrag regelte damals den internationalen Weitertransport zwischen den Ländern. So war es möglich, dass deutsche Post auch mit britischen Schiffen befördert wurde. Und die White Star Line mit ihrer neuen »RMS Titanic« hatte das Privileg, Post zu befördern; das Kürzel steht für Royal Mail Ship. Für die Reederei war das ein äußerst lukratives Geschäft.

Die fünf Beamten von Royal Mail und dem United States Postal Service hatten bei der Reise die Aufgabe, einen Großteil der an Bord des Schiffes gebrachten Post nach den Zielorten zu sortieren. »Sie bearbeiteten aber auch alle Sendungen, die von den Passagieren und der Besatzung während der Reise aufgegeben wurden«, erklärt Günter Bäbler.

Dutzende Briefe und Postkarten, die am ersten Tag und am Morgen des zweiten Tages an Bord geschrieben wurden und für europäische Adressen bestimmt waren, überstanden den Untergang, weil sie bereits bei Zwischenstopps in den Häfen Cherbourg und Queenstown an Land gebracht worden waren. So schrieb der Zweite-Klasse-Passagier August Meyer vom Schiff seinem Vater im hessischen Rhoden: »Sehr schönes Wetter, eine Lust zu reisen. Tausend Grüße, euer August. Fühle mich sehr wohl.«

Die Rettung der Briefe war aussichtslos

Es war das letzte Lebenszeichen, das die Familie von ihm hörte. Der 31-jährige Bäcker ging mit dem Schiff unter. »Es ist das Verdienst der Postmänner, dass viele Familien bis heute diese Erinnerungsstücke an ihre auf der ›Titanic‹ umgekommenen Verwandten haben«, sagt Günter Bäbler. Diese Männer waren:

  • Oscar Scott Woody (44, aus North Carolina), verheiratet mit Leila

  • William Logan Gwinn (37, aus Manhattan), Vater von zwei Kleinkindern

  • John Starr March (51, aus Orange/New York), verwitwet

  • John Richard Smith (35, aus Cornwall)

  • James Williamson (35, aus Dublin), eines von elf Geschwistern

Alle fünf starben beim Unglück. Besonders tragisch: William Gwinn sollte ursprünglich auf der »SS Philadelphia« der American Line fahren, bat aber um eine frühere Reise, als er erfuhr, dass seine Frau Florence zu Hause in Brooklyn schwer erkrankt war. Er wurde auf die »Titanic« versetzt. Florence Gwinn erholte sich, aber ihre Familie hielt die Nachricht von Williams Tod viele Monate lang vor ihr geheim.

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»Titanic«: Mit dem Luxusliner und 1500 Passagieren ging auch die Post unter

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Als wie wichtig die Arbeit der Postbeamten von der Reederei eingeschätzt wurde, zeigt auch ein Blick in die Unterlagen der Schiffsinspektion am 9. April 1912, dem Tag vor Beginn der Jungfernfahrt. Kurzfristig entschied man, die Postbeamten in einem anderen Schiffsteil unterzubringen. Die ursprünglich vorgesehenen Räume befanden sich inmitten eines Blocks Dritter-Klasse-Passagiere, und die – zumeist Auswanderer – waren für lautstarke Unterhaltungen, Musik und Gesang bis tief in die Nacht bekannt.

»Wenn ihre Arbeit tagsüber effizient erledigt werden soll, ist es unerlässlich, dass sie nachts einen anständigen Schlaf genießen«, heißt es in den Dokumenten, die im The Postal Museum in London erhalten geblieben sind.

Die den fünf Männern anvertraute wertvolle Fracht befand sich tief unten in den vorderen Laderäumen der »Titanic« – und damit nach der Kollision in der Nacht vom 14. auf den 15. April in unmittelbarer Nähe zum Leck.

Die Postbeamten schleppten weiter Säcke

Der aus Rheinhessen stammende Kabinensteward Alfred Theissinger half in der Katastrophennacht anfangs dabei, Säcke zu retten. Als der Wassereinbruch nicht nachließ, riet Theissinger den Männern bald, die Arbeit einzustellen und sich lieber selbst in Sicherheit zu bringen – doch er traf auf taube Ohren. Als Theissinger von einem Vorgesetzten aufgefordert wurde, seine Passagiere zu wecken, und den Postraum daraufhin verließ, blieben die pflichtbewussten Postangestellten im kniehohen, eisigen Wasser zurück.

Was keiner ahnen konnte: Alle Rettungsversuche der Fracht ergaben keinen Sinn. Eine überschlägige Rechnung von Schiffskonstrukteur Thomas Andrews – oben auf der Brücke – hatte längst ergeben, dass die »Titanic« in etwa anderthalb Stunden sinken würde. Kapitän Edward John Smith befahl seiner Mannschaft daraufhin, die Passagiere mit angelegten Rettungswesten auf das Bootsdeck zu bringen.

Die meisten Crewmitglieder waren zu diesem Zeitpunkt nicht darüber informiert, dass das Schicksal der »Titanic« besiegelt war. So eilten die Stewards von Kabine zu Kabine, um den Passagieren die Nachricht von dem Zwischenfall zu überbringen; dies sei jedoch nichts weiter als eine belanglose Vorsichtsmaßnahme.

Und die fünf Postbeamten schleppten weiter Säcke. Während sich Theissinger in ein Boot retten konnte, überlebte von ihnen niemand, als die Titanic zwei Stunden und 40 Minuten nach der Kollision durch das einströmende Wasser in zwei Teile brach und im Nordatlantik versank. Von den 2208 Menschen an Bord starben 1496, auch weil es zu wenige Rettungsboote gab.

Lange Verhandlungen um Schadensersatz

Neben den vielen menschlichen Tragödien bedeutete der Untergang der »Titanic« auch eine Katastrophe für die Deutsche Reichspost. Auf dem Schiff befand sich private Korrespondenz, ebenso Tausende Postanweisungen, Wertbriefe und Briefkastenschlüssel aus den Amtsstuben des Kaiserreichs.

Darunter waren zwei Postbeutel, deren Inhalt für die Besatzung des kaiserlichen Kreuzers »HMS Bremen« im Hafen von Newport bestimmt war. Das Marine-Post-Bureau in Berlin hatte sie am 9. April aufgegeben. Besonders schwer wog der Verlust von mindestens 2747 versicherten Einschreibesendungen. Unternehmen und Privatpersonen waren gleichermaßen betroffen, wie lokale Falldokumente aus der Oberpostdirektion in Frankfurt am Main veranschaulichen.

So verschickte die Metallwarenfabrik Rosenauer & Co. GmbH ein Patent an James J. Sheehy & Co. in Washington und bezifferte ihren Schaden durch Zeit- und Geldaufwendungen auf 218,40 Mark. Eugen Mahlau aus Frankfurt sendete seinem Bruder, einem Dekorateur in New York, rund 30 Abzüge von Fotografien – er verlangte von der White Star Line später 60 Mark für diesen Verlust.

Und das Bankhaus Metzler hatte einen Tag vor dem Auslaufen der »Titanic« in Southampton beim Kaiserlichen Postamt 2 in der Frankfurter Bethmannstraße das Einschreiben mit der Nummer 905 aufgegeben, bestimmt für die New Yorker Bank Schulz & Rückgaber. Metzler beantragte den üblichen Ersatz von 42 Mark für den Verlust des Kuverts. Auch Hermann Budenbender aus Speyer, ehemaliger deutscher Vizekonsul in Siam (heute Thailand), forderte Schadensersatz für zwei versicherte Sendungen nach Nordamerika, die mit der »Titanic« untergegangen waren.

Schlüssel bis zuletzt dabei

Fast ein Jahrzehnt zogen sich die Verhandlungen, ob die White Star Line und die Royal Mail für den Verlust der deutschen Einschreibesendungen haftbar gemacht werden konnten. Der Erste Weltkrieg verzögerte das Verfahren. 1921 einigten sich die Parteien schließlich in einem außergerichtlichen Vergleich: Die Royal Mail überwies für jede Einschreibesendung, für die spätestens ein Jahr nach dem Versand Ansprüche angemeldet worden waren, 341 Mark an das Reichspostministerium in Berlin.

Für manche Antragsteller kam der Vergleich zu spät. So war der Diplomat Hermann Budenbender, der Schadensersatz für zwei Einschreiben gefordert hatte, bereits seit acht Jahren tot.

Neun Tage nach dem Untergang der »Titanic« barg die Besatzung des Bergungsschiffs »Mackay-Bennett« die Leiche von Oscar Scott Woody. Er trug noch immer seinen grau gestreiften Anzug, den er zu seinem Geburtstag angezogen hatte. Als die Leiche auf See bestattet wurde, erhielt seine Ehefrau die wenigen Habseligkeiten aus seinen Taschen, darunter Briefe, etwas Bargeld und eine lange Kette mit mehreren Schlüsseln.

Sie gehörten zu Schlössern, die Postsäcke für Einschreibsendungen vor unbefugten Zugriffen schützten. Woody hatte sich bis in den Tod nicht von diesem Schlüsselbund getrennt.