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TKKG: Der Hörspiel-Dauerläufer

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Hörspielserie TKKG wird 40 Jahre alt Warum ich Klößchen sein wollte

Eine mysteriöse Nachricht, ein schwieriges Rätsel, ein längst vergessener Schatz: Das klingt nach einer TKKG-Folge, ist aber diese Geschichte. Meine Geschichte – und wieso ich mich fürs Filmcasting beworben habe.

Prolog

Dienstag, 30. März 2021, 10:57 Uhr. Eine E-Mail, Betreff »TKKG wird 40, Stichtag Mittwoch«. Eine Kollegin fragt, ob jemand dazu etwas plant. Solche Mails gehen fast täglich an die Ressortleitungen, meist schaue ich kurz drauf und arbeite einfach weiter.

Diesmal nicht. Die Kollegin hat mich getriggert.

13:36 Uhr, das Geschichtsressort winkt ab. Der Kollege schreibt, er sei eigentlich sicher gewesen, »dass wir TKKG mehr als einmal verarztet haben«, stellte aber doch fest, dass es im Archiv nur Artikel zu den »Drei ???« gebe, »von denen es mehr zu erzählen gibt«.

13:38 Uhr, die Kollegin mit der Anfrage dankt und entschuldigt sich, sie habe »das in Unwissenheit verwechselt«.

13:43 Uhr, das Kulturressort winkt ebenfalls ab. Sie hätten vor anderthalb Jahren mal was zu TKKG gemacht, mit eher mauem Publikumsinteresse. »›Die drei ???‹ laufen da immer besser, glaube ich (zu Recht). Liebe Grüße!«

Nun reicht es. Ich beginne eine Antwort und merke, wie sich beim Tippen meine Fäuste ballen – aber ich will professionell bleiben und meine Emotionen aus dem Spiel lassen. Meine Mail um 13.46 Uhr:

»Ich werde auch 40, bin mit den Hörspielen groß geworden und habe mich tatsächlich für die erste Kinoverfilmung beworben. Wenn gewünscht (und wenn ich heute Abend bei einem Glas Wein Zeit und Muße finde), könnte ich ganz tief in meiner Erinnerung kramen und eine Geschichte unter dem Arbeitstitel ›Warum ich Klößchen sein wollte‹ schreiben.«

Tja, jetzt habe ich den Salat – und leider ein denkbar schlechtes Gedächtnis. Aber der Wein hilft.

Der Fall

Es mag komisch klingen, aber bis zur ersten E-Mail mit den vier großen Buchstaben in der Betreffzeile war mir nicht bewusst, wie eng meine Biografie mit der Jugendserie »Ein Fall für TKKG« verbunden ist. Die erste Hörspielfolge am 31. März 1981 erschien genau zwei Wochen vor meiner Geburt.

Ich hatte unsere Beziehung völlig verdrängt, mit einem Schlag kam alles zurück: die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbrachten. Die Buchcover mit den markanten Bleistiftzeichnungen. Die Hörspielkassetten, die ich so oft wieder aufwickelte, wenn der alte viereckige Rekorder Bandsalat verursacht hatte. Die ZDF-Serie aus den Achtzigern: Diese vier schlecht frisierten Gestalten in ihren bunten Buchstabenpullovern erinnerten mich an die Ottifanten-Pullis, die meine Geschwister und ich tragen mussten. Der Name Fabian Harloff.

Mir fiel auch wieder ein, dass ich mich tatsächlich mal für ein Casting angemeldet hatte. Aber warum, und wie hatte ich überhaupt davon erfahren? Gleich der erste Google-Treffer verrät: Im Dezember 1990 erschien in der »Bravo« ein Artikel »Wer will zum Film? Es werden vier Detektive für TKKG-Drachenauge gesucht«. Als damals Neunjähriger war ich kein regelmäßiger »Bravo«-Leser und muss an die Ausgabe wohl über meine älteren Geschwister gekommen sein.

»Wer will zum Film?« Einfache Frage, einfache Antwort: Ich. Ist doch klar.

Also habe ich mich beworben. Die Reihe kannte ich genau: TKKG, das ist ein jugendliches Team aus Hobbyermittlern mit besten Beziehungen zur Polizei, das bislang noch jeden Gangster und Gauner überführt hat.

Retrospektiv erkenne ich, dass die Idee zur Reihe wenig Originelles hatte und eher eine Kombination aus bekannten erfolgreichen Jugendformaten war. Enid Blyton hatte bereits in den Fünfzigerjahren »Die fünf Freunde« vorgelegt, die erfolgreich verfilmt worden waren. Aus den USA eroberten die »Drei ???« ab 1979 das deutsche Hörspielpublikum. Gegen ihre großen Abenteuer im kalifornischen Rocky Beach wirkten die TKKG-Geschichten wie ein provinzieller Abklatsch. Aber es war mein Abklatsch.

Und die Figuren wurden Teil meines Lebens: Der sportliche Überflieger und unumstrittene Anführer Tarzan (der später aus markenrechtlichen Gründen in Tim umbenannt wurde, für mich aber immer Tarzan bleibt); der blitzgescheite Nerd Karl; der pummelige Sidekick Klößchen; und Quotenmädchen Gabi (»die Pfote«) als Frau an Tarzans Seite.

Ich weiß nicht mehr viel über den Neunjährigen, der ich war. Aber mir war sofort klar, welche der vier Rollen ich spielen wollte: Nur Klößchen kam infrage.

Das Rätsel

Aber warum ausgerechnet Klößchen? Ist Protagonist Tarzan nicht der natürlichere Rollenwunsch für ein Kind, das kurz zuvor noch von einer Karriere als HSV-Profi geträumt hatte?

Manou Lubowski, der seit 40 Jahren in mittlerweile 217 Hörspielfolgen Klößchen spricht, sagte der dpa im Jubiläumsinterview, dass sogar er eigentlich Tarzan werden wollte. Wieso ging es mir anders?

Mein heutiges Ich kennt die Antwort: Tarzan spielt sich viel zu sehr in den Mittelpunkt. Er ist zu perfekt, zu glatt, weiß alles, kann und macht alles. Höher, schneller, weiter, besser. Keine Ecken, Kanten nur an den Händen – um jeden noch so starken Verbrecher mit asiatischer Kampfkunst außer Gefecht zu setzen. In der Charakterbeschreibung auf einer Fanseite  heißt es: »Weil er am liebsten draußen an der frischen Luft ist, ist er fast immer braun gebrannt, was gut zu seinen braunen Locken passt.« Ekelhafte, nie erreichbare Perfektion. Nein, danke. Außerdem spielte ihn Fabian Harloff in der ZDF-Serie aus den Achtzigern. Und wer will schon sein wie Fabian Harloff?

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Karl, »der Computer«, war für mich auch keine Option. Ihn zeichnen zwar sympathische Unzulänglichkeiten aus wie etwa sein »Windhundgesicht«, insgesamt ist er aber zu verkopft. Ein kühler Zahlenmensch, bieder und langweilig, vom Professorenvater für alle Zeiten versaut. Was er sagt, ist meist richtig, aber selten kreativ oder lustig. Und sein aus heutiger Sicht visionäres Interesse für Informationstechnik hat sich mir damals einfach nicht erschlossen. Vielleicht war er seiner Zeit weit voraus. Ich war es nicht.

Gabi kam 1990 aus offensichtlichen Gründen nicht infrage. Heute sähe das vielleicht anders aus, damals war es schlicht zu früh, um für einen Jugendfilm aus dem Geschlechterkorsett auszubrechen. Und selbst wenn ich ein Mädchen gewesen wäre, hätte ich mich kaum auf die Gabi-Rolle beworben. Ich habe nie verstanden, warum es bei Gabi immer nur um ihren Hund Oscar und ihren Polizistenvater ging.

Also Klößchen, das sympathische Dickerchen, das für die blöden Sprüche zuständig ist, zu seinen Fehlern steht und en passant zur Lösung der schwierigsten Fälle beiträgt. Zunächst merkt er das oft gar nicht, betont es aber am Ende noch mal und sorgt so für die klassischen Lacher, die jede Folge abrunden.

Gleich zu Beginn des ersten Falls (»Die Jagd nach den Millionendieben«) lehnt er es ab, sich mit Tarzan aus dem Internat abzuseilen, um sich zum Schützenfest zu schleichen. Warum? Weil Klößchen weiß, dass er nicht wieder hochklettern kann. So viel Chuzpe und Weitsicht muss man erst mal haben, dieses Problem zu erkennen und zugleich der Versuchung zu widerstehen, mit dem cooleren Freund mitzuhalten.

Über das ständige Mobbing der anderen drei, er sei zu dick und müsse weniger essen, geht er nonchalant hinweg und macht sich trotzdem bei jeder Gelegenheit eine neue Tafel Schokolade auf. Es ist schwer, Klößchen nicht zu mögen.

Sicher, mit meinem heutigen kritischen Blick auf den Kapitalismus stellt sich die Frage, ob er nicht noch größere Distanz zu seinem Vater, als Schokomillionär ein potenzieller Ausbeuter, suchen müsste. Andererseits lebt Klößchen nur deswegen mit Tarzan in einem Internatszimmer, weil er bewusst aus dem heimischen goldenen Käfig ausgebrochen ist. Ein weiterer Pluspunkt für den runden Sympathieträger.

War mir all das schon damals bewusst? Ich kann es nicht sicher sagen. Aber es gibt Anhaltspunkte, warum ich mich auf die Rolle beworben habe.

Der Schatz

Auf der Spurensuche bin ich auf ein Tagebuch gestoßen: Meine Patentante schenkte mir 1990 einen schweren A4-Hardcover-Band, auf dem blauen Deckel ist »Malte MM« eingestanzt, dazu eine »1«. Sie dachte (oder hoffte), ich würde viele dieser Bücher vollschreiben. Tatsächlich gibt es nur das eine, und es ist auch nur zur Hälfte gefüllt. Der letzte handschriftliche Eintrag stammt vom April 1996.

Weil ich so selten Tagebuch schrieb, gibt es keinen direkten Bezug zu meiner Bewerbung, nicht einmal unmittelbar zu TKKG. Aber zumindest Hinweise auf das Klößchen in mir. Schon im ersten Eintrag vom 25. März 1990 stelle ich mich dem Tagebuch freundlich vor: »Ich bin etwas rundlich gebaut.«

Im Mai 1990 schreibe ich zur Geburtstagsfeier meines Freundes Stefan W.: »Zum Abendbrot durften wir uns Hamburger und Hotdogs selbst belegen. Das war für mich eine besondere Freude.« Klößchen hätte es nicht besser formulieren können.

Auch wenn das Tagebuch meine Fragen nicht hinlänglich beantworten kann, bin ich sehr froh, dass ich es nach Jahrzehnten wiedergefunden habe. Der Deckel hat unübersehbare Schimmelspuren, es riecht auch modrig, weil es über Jahre in einem feuchten Keller lagerte. Aber ich liebe es und bin stolz, dass es so viele Jahre und Umzüge überlebt hat.

Der Eintrag, der meiner Bewerbung zum Casting zeitlich am nächsten liegen müsste, beginnt übrigens mit den Worten: »Ein Tag, der nicht nur in mein Tagebuch, sondern auch in die Geschichte eingehen wird« – es war der 3. Oktober 1990.

Epilog

TKKG. Vier Buchstaben, ein Teil meines Lebens. Ich danke den vieren dafür, dass sie mich zurück in meine Kindheit geführt haben. Zu längst vergessenen Momenten. In den nächsten Tagen werde ich viel lesen. Und dabei Schokolade essen.

Und was wurde aus der Bewerbung? Ich kann es nicht genau sagen. Zum Casting wurde ich nicht eingeladen, daran würde ich mich dann doch erinnern. Mit neun war ich wohl schlicht zu jung. Die Rolle bekam Steffen Raddatz, mit damals zwölf Jahren schon der jüngste im Team. Er soll sich sechs Kilogramm angefuttert haben, um Klößchen glaubhaft spielen zu können, drehte nur diesen einen Film und ist seitdem nicht mehr in Erscheinung getreten.

Ich habe kurz überlegt, ob ich für diesen Artikel versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber bestimmt hat er die Entscheidung, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, bewusst getroffen. Außerdem weiß ich gar nicht, was ich ihm hätte sagen oder ihn fragen sollen. Er war Klößchen. Ich nicht.

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