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Louis Armstrong: What a wonderful world

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Jazzlegende Louis Armstrong »Ich lebe! Nur Trompete darf ich noch nicht spielen«

Seine Stimme und seine Trompete klangen einzigartig, in den Charts schlug er die Beatles. Louis Armstrong, der vor 50 Jahren starb, strahlte stets beste Laune aus – und kämpfte für die Rechte schwarzer Amerikaner.

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Sein letztes Interview gab Louis Armstrong im Juni 1971. »Ich bin der jüngste 71-Jährige der Welt«, schwärmte er ausgelassen, als er nach zwei Monaten im New Yorker Beth Israel Hospital, wo er wegen Herzproblemen behandelt worden war, gerade in sein Backsteinhaus in Queens zurückgekehrt war. »Ich lebe! Nur Trompete darf ich noch nicht spielen.« Sobald das wieder möglich sei, werde er wieder auf Tournee gehen.

Dazu kam es nicht, Armstrong sollte nie wieder auftreten. Er starb am 6. Juli 1971 an einem Herzinfarkt. Beim Erscheinen der Story im deutschen Klatschblatt »Jasmin« zehn Tage darauf war der in aller Welt beliebte Star bereits begraben.

Er zählte zu den wichtigen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Kaum jemand schaffte es wie Armstrong, den Menschen seine eigene, positive Lebenseinstellung zu vermitteln. Bis heute schmunzeln Leute, wenn sie seinen Namen hören. Die längst vergessene, aber damals populäre Familienpostille »Jasmin, die Zeitschrift für das Leben zu zweit« (Eigenwerbung) hatte mit Jazz so wenig zu tun wie mit Weltraumforschung. Aber der überragende Jazzmusiker Louis Armstrong hatte auch Schlager wie »Hello Dolly« und »What a Wonderful World« aufgenommen – und die kannten Millionen »Jasmin«-Leser.

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Armstrongs Popularität war nicht unumstritten; der Jubel um ihn irritierte radikale Afroamerikaner. Armstrong erinnerte sie an die schwarz geschminkten weißen Darsteller in rassistischen Minstrel-Shows, wenn er auf der Bühne Witze riss und sich mit einem riesigen Tuch den Schweiß aus dem Gesicht wischte. Black-Power-Aktivisten nannten den Trompeter verächtlich einen »Onkel Tom«.

»Satchmo«: Ein Mund, so breit wie ein Schulranzen

Sein jüngerer Kollege Miles Davis verehrte den Musiker, kritisierte aber den Entertainer Armstrong. Davis spielte lieber mit dem Rücken zum Saal, als dass er Publikumswünsche erfüllte. Heute weiß man, dass Armstrong auf seine Herkunft stolz war und auf seine Weise für die Rechte der Afroamerikaner eintrat.

Geboren wurde er am 4. August 1901 und wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Mutter im Rotlichtviertel der pulsierenden Hafenstadt New Orleans auf. Dort hörte Louis die Musik aus Kirchen und Spelunken, wenn er abends per Handwagen Brennmaterial ausfuhr: »Steinkohle, meine Damen, fünf Cents pro Eimer«. In der Silvesternacht 1912 ballerte der Junge mit dem Revolver eines Onkels herum; Polizisten nahmen ihn fest und brachten ihn ins »Colored Waif's Home for Boys«.

In dem Erziehungsheim bekam der Neue den Spitznamen »Satchmo«, eine Verkürzung von satchel mouth, weil sein Mund so groß und breit wirkte, als würde ein ganzer Schulranzen (satchel) hineinpassen. Entscheidend für seine Zukunft war, dass er Trompete lernen und Mitglied der stadtbekannten Heimkapelle werden konnte. Weil Armstrong herausragend spielte, engagierten ihn Profibands, schon als Teenager verdiente er seinen Lebensunterhalt als Musiker.

Trumpfkarte im Kalten Krieg

Als die Regierung nach dem Kriegseintritt der USA 1917 in New Orleans das Vergnügungsviertel Storyville schloss und damit die Jobs wegbrachen, folgte der junge Trompeter seinen Kollegen Mississippi-nordwärts nach Chicago. Armstrong gründete seine eigenen »Hot Five«- und »Hot Seven«-Bands.

Klavier spielte in diesen Bands Lil Hardin Armstrong, die zweite seiner vier Ehefrauen. Die studierte Musikerin trat in Chicagoer Klub als Solopianistin »Hot Miss Lil« auf. Sie prägte die stilbildende Musik von Armstrongs Quintett und Septett mit, die auf Schallplatte erschien und heute als Meilenstein in der Jazzgeschichte gilt. 1932 ging Armstrong erstmals auf Tournee in Europa. Dort begeisterte der Trompeter, der zudem unnachahmlich singen konnte und das Publikum mit Bühnenclownerien unterhielt.

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In den USA hatte sich Armstrong inzwischen in New York niedergelassen, spielte als Stargast in Shows und Bigbands, außerdem Filmrollen in der »Glenn Miller Story«, »Die oberen Zehntausend« und »Hello Dolly«. Mit seiner Version der Titelmelodie des Musicals  und mit der sentimentalen Schnulze »What a Wonderful World« verdrängte Armstrong die Beatles und die Rolling Stones wochenlang von Platz eins der Charts.

Kein Wunder, dass die US-Regierung den Weltstar als Kulturbotschafter in den Ostblock und die »Dritte Welt« schickte. 1956 reiste Armstrong nach Afrika. Zu einem triumphalen Konzert im Stadion von Accra an der Goldküste kamen 100.000 Menschen, darunter Kwame Nkrumah, der die britische Kolonie unter dem Namen Ghana in die Unabhängigkeit führte. »Satchmo is a Smash on the Gold Coast«, berichtete die Illustrierte »Life«.

»Schicken wir den Außenminister oder Satchmo?«

Folgen sollte eine Wiederholung dieses Riesenerfolgs in Moskau, doch die Tour in die Sowjetunion 1957 drohte zu scheitern. In Washington war die Schulintegration beschlossen worden, doch dann verwehrten der Gouverneur und die Nationalgarde im US-Südstaat Arkansas schwarzen Schülerinnen und Schülern den Zutritt zu einer Schule in Little Rock. Bis dahin war Armstrong politisch nie aufgefallen, nun protestierte er und weigerte sich zu reisen. Nach Moskau flog er erst, nachdem Präsident Eisenhower den Schulbesuch der »Little Rock Nine« mithilfe von 1000 Soldaten durchgesetzt hatte.

»Musiker wie Louis Armstrong nutzten die Tourneen, um für Afroamerikaner Menschen- und Bürgerrechte einzufordern«, schreibt Penny von Eschen, Professorin für Geschichte und Afroamerikanische Studien, in ihrem Buch »Satchmo Blows up the World«. Was die Jazzbotschafter für ihr Land bedeuteten, brachte ein Cartoon im Magazin »New Yorker« auf den Punkt. Bei einer Krisensitzung im Weißen Haus zu einer »äußerst delikaten diplomatischen Mission« fragt ein Teilnehmer: »Sollen wir (Außenminister) John Foster Dulles schicken – oder Satchmo?«

Einen besonderen Eindruck vom Kalten Krieg bekam Armstrong bei seiner einzigen DDR-Tournee 1965, knapp vier Jahre nach dem Mauerbau. Nach dem bejubelten Auftakt im alten Friedrichstadt-Palast musste der Tourbus von Ost-Berlin über holprige Landstraßen zum Konzertort Magdeburg zuckeln. Die Autobahn war wegen Manövern von Sowjet- und DDR-Truppen gesperrt. Der Bundestag sollte am nächsten Tag in West-Berlin zusammentreten, um den bundesdeutschen Anspruch auf die alte Hauptstadt zu demonstrieren, was die sowjetische Regierung als Provokation sah.

Bockwurst und Bier in der »Grünen Kachel«

Schockiert beobachteten Armstrong und seine Musiker, wie russische und ostdeutsche Soldaten an den Straßen aufmarschierten und Hubschrauber den Himmel verfinsterten. Umso herzlicher wurde ein Stopp wegen eines Motorschadens 60 Kilometer vor Magdeburg: Binnen Minuten lief der ganze Ort zusammen, der Wirt des Gasthofs Grüne Kachel servierte Bockwurst und Bier. »Immer, wenn ich an diese Tage zurückdenke, empfinde ich unsägliche Freude«, erinnerte sich die Sängerin Jewel Brown, die mit den Armstrong All Stars auftrat. »Die Liebe und Achtung, die uns zuteilwurde, ist unbeschreiblich.«

Die Amerikaner wurden offiziell wie Staatsgäste geehrt. Denn die DDR fühlte sich aufgewertet durch Armstrongs Besuch, der nicht risikofrei war. In Leipzig mobilisierte die Stasi ihre Zuträger: »Da damit zu rechnen ist, dass der Auftritt Armstrongs zu Provokationen ausgenutzt wird, ist es erforderlich, das gesamte Netz der Inoffiziellen Mitarbeiter auf diese Veranstaltungen hinzuweisen.« Besonderer Wert sei auf Jugendliche zu legen, »die in der Vergangenheit bei Tanzveranstaltungen negativ aufgefallen sind«.

Es gab keine »Provokationen«. Und weil die DDR nicht genug Dollar für die Gage hatte, heckte Armstrongs Manager mit einem Schweizer Konzertagenten und dem Ost-Berliner Kultusministerium einen sonderbaren Deal aus: Anstelle von Devisen erhielt der Konzertagent Teleskope von Carl Zeiss, angeblich auch Waffen und Antiquitäten, und machte sie dann zu Geld.

»Für Louis Armstrong war die Welt schön«, schreibt Wolfram Knauer, »insbesondere dann, wenn er sie anderen Menschen verschönern konnte.« Knauer leitet das Jazzinstitut Darmstadt, hat eine Louis-Armstrong-Professur in New York und gerade die Biografie »Black and Blue«  veröffentlicht. Wenn er das Leben und Werk des Musikers erforscht, findet er auch skurrile Anekdoten.

So fragte Papst Pius XII. seinen Besucher und dessen vierte Ehefrau Lucille bei einer Audienz im Jahre 1949: »Mr Armstrong und Mrs Armstrong, haben Sie Kinder?« Während die Diplomaten in der Sixtinischen Kapelle vor Schreck erstarrten, lachte der Papst schallend über »Satchmos« Antwort: »Nein, aber wir haben jede Menge Spaß beim Versuch.«

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