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Gut getroffen: Kölsch-Art - Schumacher meets Warhol

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Archiv Schumacher

Toni Schumacher und Andy Warhol Wie der Torwart zum Pop-Art-Model wurde

Sie waren Stars aus Paralleluniversen. 1983 porträtierte der berühmte New Yorker Künstler Andy Warhol den kölschen Fußballer Toni Schumacher - die Geschichte einer unwahrscheinlichen Begegnung.

Das Dokument, das die seltene Begegnung zwischen Kunstadel und Fußballgeschäft festhält, ist eine Honorarrechnung. "Herr Andy Warhol malt ein Porträt von Harald Schumacher. Königswinter, den 26.5.1983", steht dort im Duktus einer buchhalterischen Formalie. Unter einem Stempel ist die Vergütung angegeben - 50.437,50 Mark. Überwiesen wurde der Betrag für ein Bild, das einen Bundesliga-Profi mit Lockenmähne und Schnauzbart zu einer Ikone stilisierte. Der Dienstleister: der Wegbereiter der Pop Art, ein Genius des Kulturbetriebs.

In einer Galerie in Königswinter, einer Kleinstadt südlich von Bonn, war Andy Warhol zuvor eingekehrt. Dort lichtete er sein Modell mit der obligatorischen Polaroid ab, als Vorlage für das Kunstwerk. Vor der Kamera: Toni Schumacher, ein rheinischer Chuck Norris. Der Torwart des 1. FC Köln, Spitzname "dä Tünn", hütete seit einigen Jahren das Tor der Nationalelf.

Durchs EM-Finale 1980 zwischen Deutschland und Belgien (Endstand 2:1) kämpfte er sich mit gebrochener Mittelhand. Zwei Jahre darauf mähte der Draufgänger in der 57. Minute des WM-Halbfinals den französischen Spieler Patrick Battiston mit viel Anlauf ins Krankenhaus – wie ein irrlichternder Kampfsportler. Es war eines der fiesesten Fouls der Fußballgeschichte, schmerzhaft sogar für die Zuschauer. Battistons Unfallakte: verletzter Halswirbel, Gehirnerschütterung, ausgeschlagene Zähne.

Video: "Ich habe mich entschuldigt" (Schumacher, WM 2014)

kicker.tv

Mit "der rechten Hüfte" sei er dem heranstürmenden Spieler ins Haupt gesprungen, erzählt er im Rückblick, "es war definitiv nicht meine Motivation, ihn zu verletzen". Als der ausgeknockte Battiston auf dem Platz verarztet wurde, lehnte der Übeltäter wie unbeteiligt am Pfosten, kaute Kaugummi und hielt nach Verlängerung noch zweimal beim Elfmeterschießen. Nach dem Spiel sagte er einem Reporter: "Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich ihm gerne" - was es nicht besser machte. "Toni Schumacher, Beruf Unmensch", zürnte die Sportzeitung "L'Équipe". Später entschuldigte sich Schumacher bei Battiston.

Dieser vermeintliche Brutalo posierte vor dem feinsinnigen Andy Warhol. Wie konnte denn das geschehen?

Suppendosen, Brandt, Beckenbauer, Schumacher

Schumacher sammelte Anfang der Achtziger bereits Kunst, darunter auch Warhol-Werke. Knallige Drucke des Pop-Art-Innovators bildeten sein kleines, privates Guggenheim. Sein Mentor war der Galerist, der Warhol in Westdeutschland vertrat: Hermann Wünsche, ein Freund und Geschäftspartner des scheuen New Yorkers. Dieser Netzwerker hatte Schumacher gefragt, ob er von Warhol porträtiert werden wolle.

Wünsche hatte Warhol immer wieder im Rheinland empfangen. Im Herzland der alten BRD, wo Bonn das politische Zentrum war, fand der Künstler manchmal Motive für seine exzessive Bilderproduktion. 1976 etwa verfremdete er den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt zur glamourösen Celebrity-Figur.

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In Königswinter betrieb Wünsche seine Galerie in einem historischen Gutshaus, dort lief auch das Fotoshooting. Offizieller Auftraggeber und Finanzier des Bildes war der FC-Präsident, der väterliche Peter Weiand, ebenfalls Kunstfreund und Eigentümer von Warhol-Werken. Kulturelles Trendbewusstsein könnte sein Motiv gewesen sein, so umstandslos in die Schatulle zu greifen: Schon 1977 hatte Warhol einen anderen deutschen Fußballer porträtiert, den gefeierten Franz Beckenbauer.

"Warhol meinte, dass er sich eigentlich nicht besonders für Fußball interessiert", erzählt Schumacher über das Tête-à-Tête. Zwei Welten trafen aufeinander: urbane Avantgarde und Volkssport, Factory und Geißbockheim, Studio 54 und Kölsch-Kneipe. "Ich hatte eine gewisse Ehrfurcht vor ihm und habe ihn mehr als Star gesehen als er mich."

"Ich bin eigentlich ein musischer Typ"

Mit seiner Familie lebt Schumacher mittlerweile in einem beschaulichen Vorort im Kölner Süden, mit Blick auf den ewigen Rhein. In der Coronakrise hat sich der 66-jährige Privatier zurückgezogen; am Telefon spricht er leise, fast bedächtig: "Meine Spielerkollegen gaben ihr Geld für große Autos aus, ich bin auf Pop Art abgefahren", erinnert er sich. Sein Lebensmittelpunkt Köln war zu dieser Zeit Hotspot der internationalen Kunstszene und die Messe Art Cologne Taktgeber für Trends, im noch jungen Museum Ludwig wuchs eine sensationelle Sammlung für moderne Kunst. Ein Geist, der inspirierte.

"Ich bin eigentlich ein musischer Typ. Dafür hat sich in der Fußballszene nur damals niemand so sehr interessiert", sagt Schumacher. Als Jugendlicher hat er eine Lehre als Kupferschmied gemacht, "fast eine Art Kunsthandwerk". Nach der Fußballkarriere hätte er gern Gitarre gelernt, doch mehr als zehn Knochenbrüche haben seine Finger krumm und schief gemacht.

Sind so krumme Hände: Schumachers Arbeitsgerät, gezeichnet von Jahrzehnten im Tor

Sind so krumme Hände: Schumachers Arbeitsgerät, gezeichnet von Jahrzehnten im Tor

Foto: Uli Grohs

Zu Schumachers Kunstbesitz gehören mittlerweile neben Werken von Warhol himself auch Bilder des Pop-Art-Künstlers Romero Britto sowie Werke australischer Maler mit Aboriginal-Wurzeln.

Sein Hang zum Schöngeistigen ist die Extravaganz einer verwegenen Biografie. 1987 sorgte er mit dem Enthüllungsbuch "Anpfiff" für ein öffentliches Erdbeben. Der provokative Inhalt stark gerafft: der DFB ein Verein behäbiger Bürokraten, die halbe Bundesliga mit Ephedrin und anderen Aufputschmitteln gedopt. Der Bestseller machte ihn zur persona non grata und führte zum Rauswurf aus dem Kader des 1. FC Köln wie auch der Nationalelf. "Alles, was ich in meinem Buch schrieb, war die Wahrheit. So wie ich sie damals jeden Tag erlebte", sagt Schumacher. "Ich bekam keine einzige einstweilige Verfügung, auch keine Verleumdungsklage."

Nach einem Intermezzo beim FC Schalke und harmonischen Jahren im türkischen Exil, als Volkstribun bei Fehnerbahçe Istanbul, folgte in den Neunzigerjahren die Resozialisierung in der Bundesliga. So war er beim FC Bayern Ersatzmann für die verletzten Raimond Aumann und Sven Scheuer, später Torwart-Trainer. Danach schulte er auch die Goalies von Borussia Dortmund. Erfahrungen als Funktionär sammelte Schumacher ebenso, als Vizepräsident beim FC Köln von 2012 bis 2019.

Gerettet aus der Abstellkammer

Und wie hat Warhol diesen Fußball-Maniac dargestellt?

Anhand der Polaroid-Aufnahmen schuf er in der Factory vier Siebdrucke auf Papier – und zwei Originale auf Leinwand, das Fußball-Idol mal vor blauem, mal vor weinrotem Hintergrund. Das rote Bildnis gehörte zum Nachlass von Hermann Wünsche. Nachdem der Galerist in den frühen Neunzigern starb, kaufte es der Nürnberger Kunsthändler Jens Hafenrichter einer Erbin für 60.000 Euro ab.

Im Auktionshaus Sotheby's ließ Hafenrichter die Wertanlage am 22. Juni 2006 für 72.000 Pfund versteigern (umgerechnet gut 100.000 Euro). Es ist die letzte Spur des Kunstwerks. "Ich vermute, dass der Käufer aus dem europäischen Raum kommt", sagt Hafenrichter. In Europa spiele Fußball eine große Rolle, dort sei Toni Schumacher sehr bekannt.

Das blaue Schwesterbild war über Jahrzehnte hinweg Hingucker im Präsidentenzimmer des Geißbockheims, bei Peter Weiand und seinen Nachfolgern. Irgendwann muss es in eine Abstellkammer verfrachtet worden sein. Zwischen Stadionzeitungen und Gerümpel hat Schumacher, ein Archäologe der eigenen Vergangenheit, es dort später gefunden - jenes Kuriosum, das den 1. FC Köln einst exakt 50.437,50 Mark kostete.

Schumacher erhielt das Werk zunächst als Leihgabe und kaufte es dann vor einigen Jahren dem Verein ab. Beim Anblick empfindet er das Glück des Connaisseurs, der die Hinterlassenschaft eines Jahrhundertkünstlers besitzt. "Wenn ich auf mein Porträt schaue, dann sehe ich da in erster Linie Andy Warhols Brillanz, weniger mich selbst", sagt Toni Schumacher. "Er war für mich schon damals ein Rockstar der Pop Art."

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