Augenblick mal Szene einer Ehe

Sind die irre? Dieses Foto sorgte in den Zwanzigerjahren für Aufsehen. Aber was passierte danach? Ein Bild und seine Geschichte.
Foto:

George Rinhart/ Corbis/ Getty Images

Die Frau liegt am Boden, direkt am Abgrund. Da holt der Mann mit seinem Golfschläger weit aus, als wollte er ihren Kopf treffen. Was für eine dramatische Szene!

Nur ein Detail in diesem Foto macht den Unterschied zu einer potenziellen Gewalttat: der Golfball auf ihrer Stirn. Für die meisten Menschen sollte schon der Versuch strafbar sein - der Herr plant den Abschlag. Kann das gut gehen?

Andererseits, wer ließe sich schon dabei fotografieren, wenn er sich seiner Sache nicht ganz sicher ist? Was auch für die Dame gilt. Wer also sind die beiden? Und warum tun sie sich das an?

Zum Zeitpunkt der Aufnahme, im Mai 1926, sind sie ein Paar. Mit ihnen auf dem Dach ist der Fotograf George Rinhart. Die britische Illustrierte "The Sketch" wird Tage später eines der Fotos veröffentlichen, das kurz vor diesem entstand: Sie, liegend mit angewinkelten Knien. Er, wie er gerade einen Ball auf einem kleinen Aufsatz auf ihrem Kopf, dem sogenannten Golf-Tee, platziert. "Vorbereitungen für einen Trickschuss auf dem Dach eines Wolkenkratzers" steht unter dem Bild.

Der Wolkenkratzer ist das 31-stöckige Whitehall Building in Lower Manhattan, New York. Der Herr in Jacquard-Pulli und Tweed-Hose ein Golf-Weltmeister. Am 17. September 1925 war Jack Redmond ein Langstrecken-Weltrekord gelungen: 714 Meter, von der Spitze des Straus Buildings in Chicago bis hinüber zum Grant Park.

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Am Abschlag

Foto: George Rinhart/ Corbis/ Getty Images

Redmond war professioneller Golfer, auch wenn sein Name selten in Wettkampflisten auftauchte. Als Trickshot-Künstler verdiente er ein Vielfaches dessen, was ihm etwa die Teilnahme an den British Open im besten Fall eingebracht hätte.

Redmond brillierte in Broadway-Revuen des Regisseurs Earl Carroll. Er schlug dabei einen Ball von der Stirn eines Komikers, der damit drohte, seinen Kopf anzuheben, um den Trick zu vermasseln. Teil des Programms waren auch die angeblich "schönsten Mädchen der Welt". Die Show hatte den dazu passenden Namen: "Vanities", Eitelkeiten.

"Amor schlägt zu"

Für "Vanities" arbeitete auch Muriel Greer, "Miss Canada" von 1923, "Miss Broadway" von 1925 - und 1926 mit Jack Redmond auf dem Dach des Whitehall Buildings. Kurz nach dem Shooting heirateten die beiden. Für den 34-jährigen Redmond, 1923 geschieden, war es bereits die zweite Ehe. "Amor schlägt zu", titelte eine Zeitung.

Das Foto vom Golfball-Stunt des Paares war seinerzeit eine Sensation: Eine Frau, die ihrem Mann so sehr vertraute, dass sie ihm ihren hübschen Kopf als "Tee" verlieh - das war die Geschichte, die die Medien daraus machten.

Seltsamerweise erwähnte keiner der Berichte den Ausgang des spektakulären Stunts. Wie weit und wohin schlug Redmond den Ball von ihrer Stirn? Schlug er ihn überhaupt?

Das Whitehall Building steht am südlichen Ende von Manhattan, dahinter befindet sich der Battery Park, drumherum Wasser. Der Zusammenfluss von Hudson und East River wäre vom Dach aus gut einsehbar gewesen. Doch Redmond holt Schwung in Richtung Nordosten - dorthin, wo sich der Stadtteil mit weiteren Hochhäusern erstreckt.

Dass er in der Lage war, den Ball auf der Stirn seiner Frau zu treffen - und nur den Ball -, hatte er schon bewiesen. Laut "Daily Journal" zeigten die beiden den Stunt bei einer Golfplatz-Eröffnung auf Long Island. Es sei "eines der wenige Male" gewesen, dass ein solcher Schlag "tatsächlich ausgeführt" wurde, schrieb die Zeitung.

Auf dem Whitehall Building blieb es daher womöglich beim Als-ob. Dafür spricht, dass Redmond laut "Daily News" bei einer PR-Aktion "Woll-Golfbälle" statt echter auf den Herald Square schlug, die die Finder gegen "Vanities"-Karten eintauschen konnten. Offenbar wollte man sicher gehen, dass die Bälle landeten, wo man sie erwartete, und niemanden verletzten.

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Muriel Greer war nicht die Einzige, die ihren Kopf für Fotos mit Redmond hinhielt. Ein noch spektakuläreres Motiv entstand Anfang 1926 auf einem Dach über dem Broadway: Redmond mit Schläger freistehend auf dem Geländer - Model-Partnerin Theol Nelson, den Golfball auf ihrem Hinterkopf balancierend im Handstand.

Doch nicht die akrobatische Theol, sondern die schöne Muriel schaffte es zwölf Jahre später noch einmal als Redmonds "wohlgeformtes Golf-Tee" in die Presse. Jack hatte ihr nun doch Kopfzerbrechen bereitet: Während sie ihre Mutter in Montreal besuchte, so erklärte die frühere Miss Canada im Oktober 1938 einem New Yorker Gericht, habe ihr Gatte telegrafiert, er sei zum Golfen auf dem Weg in den Süden und "nicht so bald zurück". Das sei vor vier Jahren gewesen.

Muriel beantragte die Scheidung und forderte von Redmond Unterhalt sowie die Übernahme der Trennungskosten - was das Gericht allerdings ablehnte.

Redmond seinerseits ließ per Anwalt ausrichten, dass der "Hollywood-Virus ihr Glück ruiniert" habe. Sechs Monate habe seine Frau vergeblich versucht, auf Fotos zu kommen. Als das nicht klappte, verliebte sie sich in einen Richter für Schönheitswettbewerbe in Montreal. Redmond zitierte ein verräterisches Telegramm an seine Frau, das ihm Weihnachten 1933 nach Abreise seiner Gattin in die Hände gefallen war.

Ihr blieb immerhin das schöne Bild von 1926. Und auch für Redmond, der in New York einen Golf-Shop betrieb, dürfte die Verbindung mit der schönen Kanadierin einträglich gewesen sein. Das Foto war denn auch mehr als nur Eigenmarketing: Bei genauem Hinsehen entdeckt man neben Muriels Kopf ein kleines Schild, auf das eine Haarsträhne fällt: "U.S. Royal" steht darauf - der Name eines Golfball-Herstellers.

Redmond fand ein neues Model. Ende der Vierzigerjahre lernte er bei einem Fotoshooting die 19-jährige Jeanne Carmen kennen. Sie erwies sich als gelehrige Schülerin und er bot an, aus ihr eine Trickshot-Künstlerin zu machen. Nach nur sechs Monaten konnte sie drei Bälle aufeinandersetzen, den mittleren 180 Meter weit schlagen, während der obere aufsprang und sie ihn abfing, ohne dass sich der unterste bewegte. Jeanne Carmen wurde die wahrscheinlich erste Trickgolferin überhaupt.

Sie gingen gemeinsam auf Tour. Das Finale ihrer Shows bestand darin, dass die leicht bekleidete Jeanne Carmen einem auf dem Boden liegenden Freiwilligen ein Golf-Tee zwischen die Zähne steckte und einen Ball darauflegte. Mit gespielter Schlampigkeit visierte sie ihn an - um dann passgenau abzuschlagen.

Privat konnte Redmond nicht dauerhaft bei ihr landen. Die lukrative Partnerschaft endete binnen eines Jahres, als Jeanne Carmen, später als Pin-up-Model und Schauspielerin bekannt, einem jungen Mann nach Las Vegas folgte, um mit Golf-Tricks Glücksspieler um ihr Geld zu bringen.

Redmond spielte Golf noch bis ins hohe Alter. 1977 würdigte die "Desert Sun" den 85-Jährigen als wahrscheinlich ältesten aktiven Profisportler der Welt. Der Zeitung sagte er, er jage auch immer noch Damen nach, aber es sei ein überbewerteter Sport, wenn man älter werde.

Augenblick mal!

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