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Turnvater Jahn: Frisch, fromm, fröhlich, deutschnational

Turnvater Jahn Doping fürs Deutschtum

Friedrich Ludwig Jahn, der als "Turnvater" berühmt wurde, war ein früher Nationalist.

Als Kind schaute er gern den Affen zu, die der Herzog von Mecklenburg am Schloss Ludwigslust hielt. Von ihnen, schrieb Friedrich Ludwig Jahn in seinen Erinnerungen, habe er sich das Klettern abgeschaut. Frühzeitig habe er auch das "Fußwandern" geliebt. Dass aus dem sportlichen Jungen einmal der "Turnvater" des Volkes werden sollte, ein Urahn der heutigen Fitnessbewegung, das war gewiss nicht seine Absicht.

Mit seiner Parole "Frisch, fromm, fröhlich, frei" trieb er die Menschen zwar in Scharen auf die Sportplätze, aber es ging ihm um mehr als Leibesübungen und Körperertüchtigung. Um Laktatwerte schon gar nicht. Der Sport war für ihn Doping fürs Deutschtum, er gehörte bei ihm in ein erzieherisches Komplettprogramm - durchaus vergleichbar mit dem Anspruch späterer Staatspädagogen, die "neue Menschen" oder "sozialistische Persönlichkeiten" schaffen wollten.

Schon 1810 hatte Jahn seine Erziehungsziele formuliert und als Buch unter dem Titel "Deutsches Volkstum" unter die Leute gebracht, wofür er in den Zeitungen viel Lob erhielt. Stets das "Wohl des Vaterlandes" vor Augen, entwarf der in der Westprignitz geborene Pfarrerssohn ein Rundumprogramm in Deutschtum - von einer "allgemeinen Ausbildung der Muttersprache" bis zur "allgemeinen Waffenfertigkeit". Sport gehörte natürlich auch dazu, doch sind nur 7 von 300 Seiten in seinem Grundsatztraktat den Leibesübungen gewidmet.

Jahn notierte allerdings nicht nur die Dinge, die er dem Deutschtum für zuträglich hielt, sondern auch alles, was er nun gar nicht mochte. Und sein Tonfall war dabei nicht geschmeidig. Unterhaltungsbücher etwa, "zusammengeschmiert von Hungerleidern", verdammte er, "roh" in der Sprache, "plump" in der Darstellung und "flügellahm" die Einbildungskraft. Stattdessen sollten die Deutschen "mustergültige volkstümliche Schriften" lesen, Goethe, Schiller etwa, Bücher, die zur "Herzensveredlung" beitrügen. Ein Dorn im deutschen Auge war ihm auch die "Ausländerei", die Vorliebe für fremde Sprachen. Seine Forderung: "Keine Sprache eines andern noch lebenden Volks darf Hof- und Staatssprache" sein. Drastisch warnte er vor dem "Selbstmord" der eigenen "Volkstümlichkeit".

Zwei große deutsche Intellektuelle demütigten Jahn

Die Grenze zwischen der Pflege deutscher Traditionen, dem Volkstum also, und der Volkstümelei mit Tendenz zur nationalen Überheblichkeit überschritt Sportsfreund Jahn locker. Er träumte von einem Großdeutschland mit der Hauptstadt "Teutonia" in Thüringen und wollte aus Turnern eine Art Guerillatruppe gegen die napoleonische Herrschaft formieren. Derlei Rigorismus brachte ihm den Ruf eines Nationalisten ein, und deshalb vereinnahmten ihn später die Nationalsozialisten. Selbst schuld.

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2016

Das Reich der Deutschen: 962-1871 - Eine Nation entsteht

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Jahns patriotische Ertüchtigungspläne trugen auch kompensatorische Züge. Obwohl er nie das Abitur schaffte, hing er - teils unter falschem Namen - an verschiedenen Universitäten herum. Über Hauslehrerstellen kam er kaum hinaus, und ihn plagte die Sorge, er müsse seinen 29. Geburtstag als "ein Nichts" begehen. Zwei Jahre später bat er "untertänigst" um eine Stelle an der Universität von Berlin oder als Oberlehrer in Königsberg, aber dann wurde der 9. April 1810 ein Tag großer Enttäuschung. Schriftlich erhielt er die Auskunft, dass er zum Gelehrten nicht tauge - ein Fiasko. Dabei war er sich doch so sicher gewesen, hatte in der Hoffnung auf einen gut dotierten Posten bereits eine Kutsche bestellt. Und nun dieses Urteil: Zu wenige Kenntnisse in Philosophie, zu wenige in Latein, und außerdem seien seine Erziehungsmethoden schwach.

Zwei große deutsche Intellektuelle haben Jahn derart gedemütigt, der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher, der das Zeugnis unterzeichnete, und der Wissenschaftler Wilhelm von Humboldt, der dem Kandidaten riet, sich ein Jahr später noch einmal zu bewerben. Jahn, der sich zu Höherem berufen fühlte, wurde Hilfslehrer, also doch ein "Nichts".

Auch sein Volkstum hatte es nicht ganz leicht, schließlich hatte ein anderes Völkchen in deutschen Landen das Sagen, die napoleonischen Truppen hielten Preußen besetzt, ein einheitliches Deutschland war noch nicht in Sicht. Jahn suchte Gleichgesinnte für einen Männerbund, der selbstverständlich im Geheimen agieren musste. In einem Berliner Lokal mit dem passenden Namen "Dusterer Keller" begoss man die Gründung eines "Deutschen Bundes". Das Tagebuch dieses Bundes wurde in Geheimschrift geführt.

En passant wurde die deutsche Gesinnung trainiert

Unweit des Lokals, in der Berliner Hasenheide, entstand 1811 der erste öffentliche Turnplatz. Jahn erwies sich dabei als guter Organisator. Er begeisterte, er gewann Anhänger, die schon bald "Jünger" genannt wurden. Selbstverständlich gab es Mitgliedsausweise und einheitliche Turnkleidung. Die französischen Besatzer hielten die plötzlich ausgebrochene Liebe zum Sport für einen deutschen Spleen. Dass en passant die deutsche Gesinnung trainiert wurde, das blieb ihnen verborgen.

1813 kam nun die Bewährungsprobe. Jahn und viele andere Geheimbündler schlossen sich dem Freikorps des legendären Majors Ludwig Adolf von Lützow an.

In der Völkerschlacht bei Leipzig, im Oktober des Jahres, wurde Napoleon entscheidend geschlagen.

Nach Ende der französischen Besatzung war Sportsfreund Jahn ein gefeierter Patriot, er bekam einen Ehrensold zugesprochen, er wurde Berater des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg. 1814, bei den Festen zur Erinnerung an die Völkerschlacht, waren die Turner wieder dabei. Große Reden wurden landauf, landab gehalten. Bislang unbekannte Sportgeräte wurden auf Namen wie Reck oder Barren getauft.

Doch die Freude währte nur kurz. Der preußischen Obrigkeit dämmerte allmählich, dass die athletischen jungen Männer nach Napoleon auch ihnen das Leben schwer machen könnten. Schließlich wollten Jahns Leute ein großes Deutschland - nicht ein stolzes Preußen.

Sein Einfluss auf studentische Burschenschaften wurde den Preußen nach und nach zum Ärgernis, seine Vorträge über deutsches Volkstum waren gut besucht, so gut, dass bald Spitzel geschickt wurden, Staatskanzler Hardenberg entzog Jahn das Vertrauen. Plötzlich stand die Turnerei im Verdacht der Aufwiegelei, Turner wurden geheimer Umtriebe verdächtigt, Jahn selbst als Jugendverderber und Staatsfeind verunglimpft.

E.T.A. Hoffmann als kluger Untersuchungsrichter

Dann schlug die Staatsmacht zu. Erst wurde der Turnbetrieb eingestellt. In der Nacht zum 14. Juli 1819 folgte Jahns Verhaftung, den Vorwand dafür lieferte die Tat eines Theologiestudenten, der einen Schriftsteller und Konsul Russlands erstochen hatte. Zuvor hatte der Täter Jahn in Berlin besucht, das reichte, um den populären Sportsmann aus dem Verkehr zu ziehen. Die Demagogenverfolgung, so die offizielle Bezeichnung, lief auf Hochtouren.

Doch in Preußen gab es durchaus schon preußische Tugenden, etwa rechtsstaatliches Bewusstsein. Und Jahn geriet zu seinem großen Glück an einen klugen Untersuchungsrichter: Es war der vor allem als Dichter bekannte E.T.A. Hoffmann. Dieser vernahm Jahn, studierte Berichte, hörte Zeugen und kam zu dem Schluss, dass die Vorwürfe gegen Jahn konstruiert waren. Energisch forderte Hoffmann die Freilassung Jahns, dessen Thesen zu Deutschland er keineswegs mochte und dessen Anhänger er "junge Strudelköpfe" schalt. Hoffmann warnte seine Vorgesetzten vor "heilloser Willkür" und der "Nichtachtung aller Gesetze". Letztlich wurde Jahn von allen Vorwürfen freigesprochen - im Jahr 1825.

Es sollten noch Jahre vergehen, bis sich ein Traum Jahns erfüllte, die Wiederzulassung des Turnens und die Einführung als Schulfach. Sein 70. Geburtstag wurde im Jahr 1848 - in Berlin auf der Hasenheide - und auf vielen anderen Sportplätzen gefeiert. Stolz trug er das Eiserne Kreuz. Im Alter von 74 starb er.

In der etwas monströs ausgefallenen Ruhmeshalle der Deutschen, der Walhalla über der Donau bei Regensburg, hat der "Turnvater" einen Platz gefunden, den er im Leben nicht erreichte. Seine Büste steht in der Nähe der Abbilder des Komponisten Franz Schubert und des Publizisten Johann Josef von Görres, der den "Rheinischen Merkur" gegründet hatte.

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