TV-Magier Uri Geller Dieser Mann hat eine Gabe(l)

Seine Kräfte? Angeblich von Aliens. 1974 verbog Uri Geller im deutschen Fernsehen Besteck - und die Republik spielte verrückt. TV-Zuschauer, Wissenschaftler, ja sogar Politiker glaubten plötzlich an Zauberei. Und Norbert Blüm bekam Jahrzehnte später auf magische Weise den DVD-Player repariert.

ZDF

Von Judith Liere


Am 17. Januar 1974 ging ein Knick durch Deutschland. An jenem Donnerstagabend trat in der ZDF-Show "Drei mal Neun" ein 27-jähriger Israeli mit dichten dunklen Locken auf. Der Mann behauptete, Gabeln allein mit der Kraft seiner Gedanken verbiegen oder zerbrechen zu können und stehengebliebene Uhren wieder zum Laufen zu bringen. Der Auftritt des jungen Uri Geller bei Showmaster Wim Thoelke versetzte das Land in Aufregung. Allerdings nicht, weil die Zuschauer sich von einem Scharlatan auf die Schippe genommen fühlten. Zumindest nicht nur.

Fast 13 Millionen Zuschauer sahen die Sendung - und zahlreiche Menschen meldeten sich nach der Ausstrahlung beim Sender. Fassungslos berichteten sie von krummem Besteck in ihren Küchenschubladen, manche verlangten sogar Schadensersatz.

Und der Wahnsinn ging weiter: "Uri Geller verbiegt ganz Deutschland" titelte die "Bild" daraufhin und forderte ihre Leser außerdem zu einem Experiment auf: Pünktlich um 17.30 Uhr sollten sie eine Gabel, einen Löffel oder eine kaputte Uhr auf die Zeitung legen und konzentriert an Uri Geller denken - mehrere hundert Briefe erreichten danach die Redaktion, von Menschen, die schrieben, das Besteck sei "weich wie Butter" geworden. Anscheinend glaubten Massen an das Unglaubliche, das Unerklärliche.

"Gigantische Volksverdummung" - auch im Bundestag

Sogar der SPIEGEL reagierte. Er hob Geller kurz nach der Sendung auf seinen Titel und fragte: "Gibt es den Faktor Psi? Uri Gellers rätselhafte Kraft". Der Artikel listete Zuschauer-Reaktionen nach der "Drei mal Neun"-Sendung auf:

"In Kassel, Schönfelder Straße 8, empfand Irene Grob, eine Erbuhr aus dem Ersten Weltkrieg zwischen den Fingern, plötzlich 'ein Kribbeln in der Hand'. Löffel bogen sich und lagen nun, wie bei der Familie Klarer in Straubing, 'mit einem Rückwärtsknick von etwa 45 Grad' in der Schublade. Bei den Flinks in Nippes bog es sich sogar, obwohl die Schublade mit dem Silber 'zweimal abgeschlossen' war. In München, 'plötzlich hat's puff gemacht', versagte ein Fernsehgerät, bei Adelheid Senning in Augsburg zerknackte ein Nußknacker."

Scharlatanerie, fanden die Kritiker. Der SPIEGEL beauftragte Wissenschaftler mit der Untersuchung einer von Geller zerbrochenen Gabel, die herausfanden, dass Chemikalien im Spiel waren. "Der Fall Uri Geller", schrieb die "Zeit" im Februar 1974, habe "die Dimension einer gigantischen Volksverdummung angenommen", und stellte die Frage: "Warum aber wollen die Leute lieber von Wundern als von Tatsachen lesen? Ist das Leben so reizlos, dass wir nach Sensationen hungern?"

Sogar im Deutschen Bundestag wurden Uri Geller und das verbogene Besteck zum Thema. Der Hamburger SPD-Abgeordnete Rolf Meinecke wandte sich am 14. Februar 1974 an das Forschungsministerium und fragte:

"Teilt die Bundesregierung meine Meinung und Befürchtung, dass parapsychische Epidemien, wie sie z.B. durch einen 'gewissen Menschen' in den Massenmedien ausgelöst wurden, wissenschaftlich untersucht und gesellschaftspolitisch erforscht werden müssten, insbesondere im Hinblick auf Massenbeeinflussungen durch Phänomene oder auch durch Tricks?"

Die Antwort des zuständigen Staatssekretärs Volker Hauff fiel eher humorig aus: Er nehme die Frage "gern zum Anlass, um zu erklären, dass die von Ihnen angesprochenen Ereignisse sehr genau untersucht werden müssen". Vor allem jedoch, weil "dadurch zwar die deutsche Besteckindustrie eine erhebliche Absatzförderung erfahren könnte, es aber zugleich im Bereich der Uhrmacher zu erheblichen Beschäftigungseinbrüchen kommen könnte". Insofern hätte eine solche Entscheidung auch beschäftigungspolitische und strukturpolitische Auswirkungen, die mit zu berücksichtigen wären.

Super-Agent oder Außerirdischer?

Die Regierungen anderer Länder setzten offenbar mehr Hoffnung in die Parapsychologie als die Bundesrepublik: 2013 befasste sich die BBC-Dokumentation "Das geheime Leben des Uri Geller: Spion und Medium" mit der Frage, ob Geller für ein CIA-Programm gearbeitet hat, das die Möglichkeiten des Gedankenlesens für die Feindspionage auslotete. Er hat die Vermutung, die keine PR-Abteilung besser hätte in die Welt setzen können, weder dementiert noch bestätigt.

In Deutschland untersuchten nach der Thoelke-Show Wissenschaftler das Mysterium der verbogenen und zerbrochenen Gabeln und Löffel, sie lieferten mehrere Erklärungen: Die Besteckteile könnten mit einer chemischen Lösung präpariert worden sein, oder, simpler, Geller habe sie mit Muskel- statt mit Gedankenkraft in einem unbeobachteten Moment gebogen.

Einer Überprüfung unter streng wissenschaftlichen Bedingungen hat sich Geller stets verweigert. Während eines Auftritts im amerikanischen Fernsehen bei der "Tonight"-Show mit Johnny Carson, wo strikt darauf geachtet wurde, dass Geller vorher keinen Zugang zum Besteck hatte, versagten seine psychokinetischen Fähigkeiten. Sichtlich nervös reagiert er auf die ihm vorgelegten Metallgegenstände: "Das macht mir Angst." Er nannte Carson "argwöhnisch" und sagte: "Sie machen es mir echt schwer." Als sich auf dem Tisch auch nach längerer Zeit nichts verbiegt, ist Gellers Erklärung dafür, dass er sich gerade nicht stark genug fühle und dass man ihn unter Druck setzen würde.

Auf Kritiker reagierte Geller besonders am Anfang seiner Karriere ziemlich humorlos. Den kanadischen Zauberkünstler James Randi, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheint, dem Löffelverbieger Tricks nachzuweisen, verklagte er mehrmals. Mit großer Ernsthaftigkeit behauptete Geller anfänglich außerdem, er habe seine paranormalen Fähigkeiten von Außerirdischen erhalten und als Kind seinen ersten Löffel verbogen. Heute rudert er zurück, wenn man ihn darauf anspricht. Ein Wissenschaftler des CIA habe ihm das damals eingeredet. Er glaube zwar immer noch an Außerirdische, aber "ich präsentiere mich heute vorsichtiger. Ich bin schlicht ein geborener Entertainer".

Geller ist auch ein geborener Selbstvermarkter. Seit über vierzig Jahren nutzt er die mediale Aufmerksamkeit und inszeniert sich als schillernde Persönlichkeit mit übernatürlichen Fähigkeiten. Selbst beim britischen Dschungelcamp machte Geller mit - allerdings wurde er als erstes rausgewählt. Immer wieder taucht der selbsternannte Telepath auch im deutschen Fernsehen auf. In einer RTL-Show mit Günther Jauch im Jahr 2004 "reparierte" er die kaputte Uhr von Ex-Minister Norbert Blüm und auch gleich noch dessen DVD-Player daheim, wie seine Frau per Telefon berichtete. Rund 13.000 weitere Zuschauer riefen beim Sender an und berichteten von ähnlichen Phänomenen.

Die Aufregung um die verbogenen Löffel hat den heute 67-Jährigen, der in einer Villa in England wohnt, zum reichen Mann gemacht. 2008 sagte er in einem Interview mit dem "Tagesspiegel": "Mit jeder Attacke kamen mehr Leute zu meinen Shows." Da habe er gemerkt, dass es nichts Besseres gäbe als schlechte Publicity. "Die Skeptiker waren dumm", resümierte er. "Wenn sie meine Karriere hätten zerstören wollen, hätten sie den Mund halten müssen."



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Oliver Hering, 20.01.2014
1.
Man suche mal nach James Randi..
Michael Wolf, 20.01.2014
2.
Einem solchen Scharlatan ein derartiges Forum zu bieten, grenzt schon an eine Straftat. Gibt es wirklich nichts interessanteres zu berichten? Welchem Zeitgeist wird denn mit solchen Artikeln gehuldigt - und warum? Für Geld, vermutlich, dem Schönsten, Besten und Großartigsten, was die Menschheit ersonnen hat... Spiegel, wohin driftest Du?? In der verzweifelten Hoffnung auf Besserung: Michael Wolf
Kevin Behrendt, 20.01.2014
3.
Nein, die Skeptiker waren nicht dumm, denn wenn sie nichts gesagt oder getan hätten, dann hätte der Mann seine Show vorführen können und das ohne, dass irgendjemandes Zweifel einen Wiederhall gefunden hätten. Skeptiker konnten aufzeigen, wie Uri Geller betrügt. Kein Mensch hat ein Problem mit Zauberern, bei Leuten die von sich behaupten echte Kräfte zu haben sieht es anders aus. Es ist ein Irrglaube zu denken, die schlechte Publicity hätte genützt, er war mit seinen Betrügereien erfolgreich, nicht damit, dass sie aufgedeckt wurden.
Andreas Kehrwald, 20.01.2014
4.
Naja, mittlerweile ein alter Hut, das Internet, vor allem YT ist voll mit der Entlarvung seiner Tricks, einfach mal googeln. Seit Jahren ist übrigens von dem Show Magier James Randi und auch noch von anderen Organisationen 1 Million Dollar ausgesetzt für denjenigen, der unter streng wissenschaftlicher Beobachtung beweist, dass er irgendwelche übernatürlichen Kräfte hat. Diese Million wurde bis heute nicht abgeholt.
Timm Reinisch, 20.01.2014
5.
Gerade vor dem Hintergrund solcher paraphysikalischen Massenepidemien erscheint es mir besonders bedenklich, dass die hobbymäßige Beschäftigung mit technischen Fragestellungen zunehmend ? unabhängig von tatsächlichen Gefährdungen ? durch aus dem Boden sprießende Gesetze verboten wird. Viele Bürger bekommen das nicht mit, ihre Hobbys sind Musik hören oder Wandern, aber vom Modellbauer bis zur Naturwissenschaftlichen Vereinigung wird das private Interesse an Natur und Technik immer weiter verboten, damit gehen natürlich auch Verständnis und Kompetenz auf diesen Gebieten verloren und Sachverstand ist dann immer mehr nur in Industrie und Behörden vorhanden, eine Art kafkaeske Wissenautokratie entsteht. Beispiele? Der Erwerb von Wasserstoffperoxid in der Apotheke genügt als Grund für eine Hausdurchsuchung, ab 2015 steht der Besitz von Essigsäure(!)anhydrid unter Strafe (!) und und und ....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.