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Josef Königsberg: Mit Typhus im KZ

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Typhus im Konzentrationslager "Ich fragte mich, ob ich schon gestorben bin"

Als 95-Jähriger ist Josef Königsberg durch das Coronavirus besonders gefährdet. Derzeit geht es ihm nicht so gut, doch etwas nimmt ihm die Angst: Er hat schon eine Epidemie überlebt - 1943, im Konzentrationslager.
Aufgezeichnet von Christoph Gunkel

Die letzte Pandemie ereignete sich kurz vor Josef Königsbergs Geburt. Die Spanische Grippe tötete zwischen 1918 und 1920 bis zu 50 Millionen Menschen - auch weil ihr Ausbruch mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zusammenfiel. Josef Königsberg wurde 1924 im polnischen Kattowitz geboren, eine Generation mit einer nur kurzen unbeschwerten Jugend. Er war Teenager, als die Wehrmacht 1939 Polen überfiel und die Nationalsozialisten Jagd machten auf jüdische Familien - auf Familien wie seine.

Königsberg verlor viele Angehörige und Freunde im Holocaust, auch seine Mutter und seine Schwester. Bis zur Befreiung im Mai 1945 überlebte er mehrere Außenlager des KZ Groß-Rosen. Auschwitz entkam er nur dank der Hilfe eines mutigen deutschen Judenretters. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg hat Königsberg versucht, dessen Familie zu finden - und sie mithilfe des SPIEGEL und ZDF entdeckt.

Mit inzwischen 95 Jahren ist Königsberg durch das Coronavirus besonders gefährdet - und eine Erinnerung lässt ihn nicht los:

In Isolation

Ich folge den Anordnungen der Behörden und bin praktisch in Isolation. Derzeit bin ich stark erkältet, also gehe ich nicht nach draußen. Auch psychisch geht es mir nicht bestens. Mein Sohn und ein Teil meiner Familie leben in Wien, ich in Essen. Zuletzt haben wir uns Weihnachten gesehen und wollten uns eigentlich bald wieder treffen. Zweimal täglich telefonieren wir. Dennoch vermisse ich alle.

Ich kann schlecht begreifen, wie das Coronavirus in so kurzer Zeit die ganze Welt beherrscht. Ich sitze also in meiner Wohnung und gehe in Gedanken oft 77 Jahre zurück, in das Jahr 1943. Damals war ich im Konzentrationslager Gräditz interniert, einer Außenstelle des KZ Groß-Rosen südwestlich von Breslau. Hier war ich als junger Mann jüdischen Glaubens den grausamen SS-Männern ausgeliefert und erlebte etwa, wie ein Häftling mit Peitschenhieben zu Tode geprügelt wurde.

Eines Tages erkrankten einige Häftlinge - sie lagen mit hohem Fieber und kaum noch bei Bewusstsein auf ihren Pritschen. Ein Kapo beurteilte die Situation so: "Es ist nichts Außergewöhnliches. In ein paar Tagen marschieren sie schon wieder zur Arbeit." Das war ein großer Irrtum.

"Mir wurde dunkel vor den Augen, der Kopf brannte"

Denn eine Typhus-Epidemie befiel das gesamte Lager. Immer mehr Gefangene starben an dieser Krankheit und überlebten das hohe Fieber nicht. Tag für Tag wurden Tote aus dem Lager gebracht.

Auch ich bin nicht verschont geblieben. Eines Tages wurde mir dunkel vor den Augen, der Kopf brannte, ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Als ich auf den Boden fiel, hoben mich andere Häftlinge auf und legten mich auf meine Pritsche. Mir wurde außergewöhnlich heiß.

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Josef Königsberg: Mit Typhus im KZ

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In meinen Fieberträumen wähnte ich mich bei meinen Eltern und meiner Schwester. Ich fragte mich, ob ich wohl schon gestorben bin und ob der Tod wohl so aussieht. Ich spürte die Hitze in meinem ganzen Körper, ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit und Ausgeglichenheit vertrieb die Qual und Pein. Ich begann zu fantasieren.

Die Bilder, die ich damals vor Augen hatte, habe ich niemals vergessen. Ich habe von Menschen in bunten Kleidern geträumt, die fröhlich und ausgelassen um eine große Feuerstelle tanzten. Es war warm, angenehm warm.

"In dieser Fieber-Traumwelt fühlte ich mich wohl"

Ich habe mich lange nicht so wohlgefühlt wie damals in dem Fiebertraum. Mein einziger Wunsch war, dass dieser Traum niemals enden sollte. Endlich musste ich nicht mehr die entsetzliche Kälte in dem Lager ertragen, und auch mein furchtbarer Hunger wurde gestillt. Mitgefangene brachten mir Gulasch und Kartoffeln. Wie gut das geschmeckt hat! Wie wunderbar! In dieser Traumwelt fühlte ich mich wohl.

Plötzlich erlangte ich mein Bewusstsein wieder. Ich öffnete die Augen und wusste erst einmal nicht, wo ich war. Ich schaute mich um und erblickte meinen Schulfreund Alexander, der am Rand meiner Pritsche saß. Er leitete im Konzentrationslager eine Krankenstube. "Na, wie geht es dir, mein Lieber?", fragte mich mein Freund lächelnd. "Du warst im Koma. Gott sei Dank, hast du die Krankheit überstanden."

Und es ging mir wirklich viel besser. Ich lag in einem sauberen Bett, ohne Fieber und mit Hoffnung für die Zukunft. In der Mittagszeit besuchte mich überraschend die Cousine meines Freundes Dago. Sie brachte mir eine Hühnersuppe und fütterte mich wie ein Baby. Was für ein Genuss! Ruth lächelte mich an und machte mir Mut mit den Worten: "In ein paar Tagen bist du wieder gesund!"

Sie behielt recht. Ich hatte unglaubliches Glück. Von ungefähr 3000 Häftlingen im KZ sind etwa drei Viertel der Epidemie zum Opfer gefallen. Diese Erlebnisse sind für mich unvergesslich.

Und doch nehmen sie mir jetzt etwas die Furcht: Nach meinen Erlebnissen in der Vergangenheit, wo ich einmal schon vor dem Galgen stand und Auschwitz entkam, kann ich heute keine Angst mehr haben.

Aber der Alltag in der Coronakrise ist monoton. Ich sehne mich danach, wieder normal leben zu können.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, Typhus sei eine durch ein Virus ausgelöste Krankheit. Typhus wird aber durch Bakterien hervorgerufen.

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