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Schleichfahrt mit explosivem WC – das Schicksal der »U 1206«

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U-Boot nach WC-Defekt versenkt Oh Shit, Herr Schlitt

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs soll Kommandant Karl-Adolf Schlitt mittels Bordtoilette ein U-Boot versenkt haben – das eigene. Hinter dem historischen Fäkalwitz könnte eine weit ernstere Geschichte stecken.

Es waren die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, als sich am 14. April 1945 im Atlantik vor dem schottischen Fischerörtchen Peterhead dramatische Szenen abspielten: Die See war rau an diesem Tag, unermüdlich schlugen die Wellen an die felsige Küste dieses östlichsten Zipfels Schottlands. Da tauchte plötzlich zwischen schaumbedeckten Wellenkronen etwas Unerwartetes auf – der Turm eines deutschen U-Boots.

An sich war ein deutsches U-Boot vor dem Vereinigten Königreich nicht ungewöhnlich. Obwohl Hitlers Regime die Hoffnung an einen Erfolg im U-Boot-Krieg gegen die Briten längst hatte aufgeben müssen, schickte man bis zuletzt Unterseeboote in britische Gewässer, um feindliche Streitkräfte zu binden. Doch als »U 1206« sich vor Peterhead zeigte, waren ringsum keine feindlichen Schiffe zu sehen. Und statt zum Angriff überzugehen und Ziele zu torpedieren, öffnete das U-Boot seine Luken. Heraus stiegen uniformierte Gestalten.

Aus der Luft mag es wie ein Landungsversuch ausgesehen haben, mit tragischen Folgen. »Inzwischen«, so hielt Kommandant Karl-Adolf Schlitt später in seinen Aufzeichnungen fest, »hatten uns jedoch britische Flugzeuge und Patrouillenboote entdeckt.« Sie nahmen »U 1206« umgehend unter Beschuss.

Verzweifelt versuchte die Besatzung, sich in Schlauchbooten in Sicherheit zu bringen – nicht jeder schaffte es durch die Brandung. Schlitt protokollierte: »Als wir versuchten, bei starkem Seegang entlang der Steilküste zu navigieren, kamen drei Mitglieder der Mannschaft auf tragische Weise zu Tode.«

Todesfalle Toilettenspülung

Tatsächlich steckten hinter dem plötzlichen Auftauchen der Deutschen vor der Küste keinerlei Angriffspläne, ihre Landung war kein verdeckter Invasionsversuch Hitlers. Nicht einmal Torpedos zum Beschuss hätten sie noch an Bord gehabt. Doch welche Erklärung sie für all das später erhalten sollten – darauf wären die britischen Flieger wohl nie gekommen.

Denn »U 1206« verfügte über ein besonderes technisches Ausstattungsstück. Eine Hightech-Toilette sollte zum taktischen Vorteil im U-Boot-Krieg werden. Bei der Konstruktion des U-Boots vom Typ VII C hatte man versucht, heikle Probleme zu lösen, die das Fahren unter Wasser zuvor aufgeworfen hatte: Die Besatzungen mussten ihre Hinterlassenschaften nämlich in speziellen Fäkaltanks lagern – die naturgemäß irgendwann voll waren.

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Schleichfahrt mit explosivem WC – das Schicksal der »U 1206«

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Wollte man sich nun dieser Zusatzlast entledigen, verriet dies leicht den Standort des U-Boots. Zudem musste das U-Boot dafür nah an die Oberfläche kommen, weil in der Tiefe der Wasserdruck zu hoch für die Entladung war. So oberflächennah wurde man jedoch leicht ein Ziel für feindliche Flieger.

Mit »U 1206« gehörten solche Probleme der Vergangenheit an: Sein fortschrittlicher Abort transportierte die verräterischen Exkremente über ein ausgetüfteltes System aus Leitungen ab bis in eine Druckkammer, von dort aus wurden sie dann mit Pressluft ins Meer hinaus torpediert.

Der Vorteil: Das Verfahren funktionierte auch in großer Tiefe. Der Nachteil: Es war so komplex, dass ein Mannschaftsmitglied extra dafür geschult werden musste. Dieser – und wirklich nur dieser – Fachmann durfte fortan die Toilettenspülung bedienen.

»Schwerarbeit« am Abort

Der Spülvorgang hatte nicht nur technische Tücken: »Mit einer Hebelpumpe«, erinnert sich Zeitzeuge Martin Beisheim im Gespräch mit dem Deutschen U-Boot-Museum , »mussten die Fäkalien nach außenbords gepumpt werden«. Das sei, vor allem gegen den Wasserdruck in größerer Tiefe und in der sauerstoffarmen Luft, die bei längeren Tauchfahrten vorherrschte, »Schwerarbeit« gewesen.

Lebensgefährlich konnte es auch werden, wie der damals ebenfalls auf einem U-Boot des Typs VII C dienende Beisheim erläutert: »Wenn sich unter dem Kolben der Pumpe ein Luftpolster bildete, kam es zu hässlichen und lauten Knarrgeräuschen, welche auch in den Horchgeräten der Gegner gut zu hören waren.«

Bei der Bedienung war also höchste Vorsicht geboten. Das allerdings konnte bei wochenlangen Fahrten unter Wasser und unter dem plötzlichen Druck natürlicher Bedürfnisse schon mal in Vergessenheit geraten – wie Karl-Adolf Schlitt am 14. April 1945 auf schmerzliche Weise erfahren haben soll.

Eine Frage von Leben und Tod

Die Überlieferung besagt: Der junge Kommandant verrichtete an diesem schicksalhaften Tag ein dringendes Geschäft, während sich sein U-Boot gerade 70 Meter unter den Wellen vor Schottlands Küste befand. Doch anschließend beschloss er angeblich, für die Betätigung der Toilettenspülung keinen Spezialisten zu benötigen; schließlich befehligte er ein ganzes U-Boot. Also habe er selbst gespült. Woraufhin Chaos ausgebrochen sei.

Ein eilig herbeigerufener Techniker konnte die Katastrophe demnach nicht mehr verhindern: Die Ausscheidungen des Kommandanten seien mit Hochdruck zurück ins Bootsinnere geschossen – und Nordseewasser hinterher. Schlimmer noch: Unter dem Spülmechanismus befanden sich die Bordbatterien. Und als die mit dem hereinspritzenden Salzwasser reagierten, sei lebensgefährliches Chlorgas entstanden.

Schlitt musste demzufolge handeln, und zwar schnell. Zur Rettung seiner Mannschaft habe er befohlen, sofort alle Ballasttanks und Torpedos abzuwerfen, um schnellstmöglich aufzutauchen. An der Oberfläche wurde die Mannschaft in Schlauchboote gesetzt – und das U-Boot eilig versenkt, um die Militärtechnologie vor den Augen der unmittelbar angreifenden Briten zu sichern.

Wrack in 86 Meter Tiefe

Schottische Zivilisten halfen, die Schiffbrüchigen mit einem Segelboot einzusammeln. Doch drei von Schlitts Männern – Hans Berkhauer, Karl Koren und Emil Kupfer – überlebten die Rettungsaktion nicht. Die anderen kamen in Kriegsgefangenschaft.

So jedenfalls wurde das Schicksal der Toilettentieftaucher des »U 1206« vielfach beschrieben. Die Quellenlage ist allerdings recht dünn. Und womöglich verbarg sich hinter dem kuriosen Malheur eine weit ernstere Geschichte.

Lange blieb das schmutzige Geheimnis von »U 1206« am Grund der Nordsee. Jahrzehnte später, im Mai 2012, drangen schottische Taucher zum verrosteten und überwucherten Wrack in 86 Meter Tiefe vor.

Karl-Adolf Schlitt selbst war zu dieser Zeit bereits seit drei Jahren tot. Er hatte nach dem Krieg eine erfolgreiche Karriere verfolgt: zunächst als Landrat des damaligen Kreises Oldenburg in Holstein, später journalistisch als Verlagsleiter der »Kieler Nachrichten«.

Oder war es doch ganz anders?

Die auf Schiffswracks spezialisierten Taucher von »Buchan Shipwrecks« fanden Schlitts Boot auf dem Meeresgrund. Bei ihren Nachforschungen stießen sie auf eine interessante andere Deutung der gängigen Überlieferungen des Geschehens. Offizielle Papiere hätten stets die Toilettenfehlfunktion als Grund für das Sinken aufgeführt. Dann aber habe sie bei ihrer Arbeit der Sohn eines damaligen Crewmitglieds kontaktiert, so erklärt die Tauchergruppe auf ihrer Website .

Der behauptete, Schlitt selbst habe seinem Vater lange nach Ende des Krieges erklärt, was wirklich hinter der Toilettengeschichte stecke: »Die Offiziere hatten beschlossen, sich zu ergeben. Sie erfanden das Leck als Verschleierungsmaßnahme, um sich vor den Repressalien zu schützen, die sie im Kriegsgefangenenlager erwartet hätten, wenn die Wahrheit herausgekommen wäre.« Als Deserteure hätten sie unter den anderen Gefangenen wohl um ihre Unversehrtheit fürchten müssen.

Dass es sich bei der kuriosen Geschichte um die mittels Bordtoilette versenkte »U 1206« möglicherweise eher um einen historischen Griff ins Klo handelt, tut dem anrüchigen Ruf von Karl-Adolf Schlitt jedoch offenbar keinen Abbruch mehr: So feierte eine Fachschaftszeitschrift an der Technischen Universität München das Scheitern des Kommandanten an der überkomplizierten Klospülung noch im Jahr 2020 – als Beispiel für »klassisches German overengineering«.

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