U-Boot-Offizier Oskar Kusch Der Aufstand des Kommandanten

Im Sommer 1943 ist »U-154« auf Feindfahrt, als Oskar Kusch deutlich wird: Hitler nennt er einen »Idioten«, vergleicht Nazis mit Bandwürmern. Die Mannschaft schätzt ihren jungen Kommandanten. Doch zwei Offiziere nehmen Rache.
»U-154« beim Einlaufen in Lorient

»U-154« beim Einlaufen in Lorient

Foto: Bundesarchiv, Bild 101II-MW-4011-12 / Fotograf: Thomas Stephan

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch »Helden: Die mutigsten Geschichten von See«, unlängst erschienen im Ankerherz Verlag .

Von den Bunkeranlagen in Lorient in der Bretagne ist »U-154« zur Feindfahrt ausgelaufen. Was die Besatzung des deutschen U-Boots im Sommer 1943 erlebt, ist nichts anderes als ein Aufstand ihres jungen Kommandanten. So ziemlich alles, was er unternimmt, kann ihn vor ein Kriegsgericht bringen. Oder alle an Bord? Ihm scheint es egal zu sein.

Oberleutnant zur See Oskar Kusch, 25, blond, blauäugig, riskiert Dinge, die andere sich nicht zu denken trauen. In Gesprächen mit Offizieren beschimpft er Hitler und die NSDAP-Führungsriege: dass sie alle für die falsche Sache unterwegs seien. Dass kein gebildeter Mensch Lügen vom »Weltjudentum« glauben könne. Hitler nennt er einen »Idioten«, lässt das Porträt aus der Offiziersmesse entfernen und erzählt derbe Witze: Was Nationalsozialisten mit Bandwürmern verbindet? Beide haben mit brauner Masse zu tun und sind dem Untergang geweiht.

Dies ist die Geschichte vom Aufbegehren eines Einzelnen in einem monströsen Krieg. Eine Form von Courage, die später nicht mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt wird. Heute ist eine Nebenstraße in einem Kieler Außenbezirk nach Oskar Kusch benannt. Ein schmuckloser Gedenkstein weist auf seinen Mut hin, mehr nicht. Es geht um die Kraft des Gewissens, aber auch um die Frage, wie man in Deutschland lange nach Kriegsende mit bekanntem Unrecht umging. Aus Tagebüchern, Zeugenaussagen und Prozessakten, die der Bonner Historiker Heinrich Walle in akribischer Archivsuche zusammengetragen hat, ergibt sich ein Eindruck vom Widerstand des Oskar Kusch.

Was auf »U-154« geschieht, ist lebensgefährlich. Wer Regimekritik nicht meldet, macht sich nach einer »Verordnung über den Volksmeldedienst« von 1939 schwer strafbar. Kuschs Stellvertreter an Bord ist der sechs Jahre ältere Oberleutnant Ulrich Abel, promovierter Jurist und frustriert, noch kein eigenes Kommando zu haben. Vor seinem Eintritt in die Marine war er Ortsgruppenleiter der NSDAP in Hamburg und bezeichnet sich als bekennenden Verehrer Hitlers, genau wie der Leitende Ingenieur Kurt Druschel, 23.

Die Mannschaft mag ihren jungen Kommandanten. Wegen seiner Fröhlichkeit und herzlichen Art, vor allem aber, weil er das Schiff besonnen führt und kein unnötiges Risiko eingeht. 44 Männer vertrauen darauf, dass er sie nach Hause bringt. »Jeder an Bord hatte eine geheime Achtung vor ihm: nie durchgedreht, kameradschaftlich und verantwortungsbewusst«, schreibt Funkmaat Hanns Jancker in sein Tagebuch.

Aus Jägern wurden Gejagte

Auf dem Atlantik hat sich der Krieg 1943 längst gewendet; immer weniger Boote kehren in die Stützpunkte von Lorient zurück. Von 40.000 U-Boot-Fahrern wird nur jeder vierte überleben. Die Jäger sind jetzt Gejagte. Allein bei der kurzen Passage durch die Biskaya musste das Boot sechs Mal vor feindlichen Flugzeugen wegtauchen, was auch wegen des schnellen Handelns des Kommandanten gelang.

In der Nacht des 3. Juli 1943 läuft »U-154« neben »U-126« nordwestlich von Kap Finisterre. Die Nacht ist sternenklar und die See bewegt, als um 2.44 Uhr überraschend ein Flugzeug angreift. Vier Wasserbomben detonieren neben »U-126«. Kusch befiehlt: Alarmtauchen!

Im Kriegstagebuch notiert er: »Hören kurz darauf sechs bis acht dumpfe Geräusche, in der Klangfarbe ähnlich einem entfernten Geschütz.« Vermutlich ist das andere U-Boot nach einem Treffer implodiert. Nach Zeugenaussagen entbrennt ein heftiger Streit.

Wachoffizier Abel schreit Kusch an: »Lassen Sie auftauchen! Wir müssen nach Überlebenden suchen. Sofort!«
»Das kann ich nicht verantworten«, entgegnet Kusch, »wir werden in der Dunkelheit und bei dem Seegang niemanden finden. Außerdem steht der nächste Angriff bevor!«
»Kusch, verflucht, hören Sie: Es sind Freunde von mir an Bord, enge Freunde! Tauchen Sie auf!«
»Nein, Abel, ich werde dieses Boot und die Männer nicht opfern!«

Erst im Morgengrauen beginnt die Suche nach Überlebenden, vergebens. Wachoffizier Abel ist bleich vor Zorn; aus einem Gegner Kuschs ist nun ein Todfeind geworden. Drei Tage später macht »U-154« in Lorient fest. Auf Feindfahrt hatte das Boot vor Kap Roque an der Küste Brasiliens einen Geleitzug angegriffen und zwei Frachter sowie einen Tanker versenkt; die Reise gilt als Erfolg, der Flottillenchef lobt Kusch für sein »bemerkenswertes Geschick«.

Ein belesener Leutnant

Von Kuschs Regimekritik und Vergleichen mit Darmparasiten erfährt zunächst niemand. Die Mannschaft schützt ihren Kommandanten, der den Heimaturlaub mit seiner Verlobten Inge von Foris verbringt, einer hübschen Studentin, ebenfalls Nazigegnerin. Auch Abel und Druschel machen keine Meldung.

Noch nicht.

Seit seiner Kindheit konnte Kusch, Sohn des Berliner Versicherungsdirektors Oskarheinz Kusch, mit dem Nationalsozialismus wenig anfangen. Sein Vater weigerte sich, NSDAP-Mitglied zu werden, die Mutter legte Wert auf eine liberale Erziehung. Mit zehn Jahren kam Kusch zur »Bündnischen Jugend« und trat sofort aus, als sie mit der Hitlerjugend (HJ) zusammengelegt wurde. Fortan wurde er von der Gestapo als »auffällig« eingestuft und überwacht.

Kusch und seine Freunde legten Wert auf Individualität und persönliche Freiheit, statt Teil einer »völkischen Masse« zu sein. Kusch empfand sich als »deutscher Patriot«, aber als einer, der die Welt kennenlernen wollte – und nicht aus dem Sichtfenster eines Schützenpanzers. Er absolvierte im Herbst 1936 sein Abitur und bewarb sich als Seeoffizier der Kriegsmarine. »Vermutlich beruht seine Entscheidung darauf, sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entziehen«, sagt der Militärhistoriker Heinrich Walle. Ein Wehrgesetz verbot allen Soldaten und damit auch Angehörigen der Kriegsmarine, einer politischen Partei anzugehören.

Kusch gehörte zu den Jahrgangsbesten und beendete die Ausbildung mit der Beförderung zum Leutnant. Er las Schriften von Schopenhauer und anderen Philosophen. Nach ersten Feindfahrten als Wachoffizier zeichnete man Kusch mit dem Eisernen Kreuz Zweiter und Erster Klasse aus, vertraute ihm dann das Kommando von »U-154« an.

»Sie sind abgesoffen, ersäuft wie überzählige Katzen im Sack«

Autor Lothar-Günther Buchheim über deutsche U-Boot-Fahrer

Wie mag der junge Offizier sich in einem Krieg gefühlt haben, den er für verbrecherisch hielt? Wie musste es sein, Torpedos auf Schiffe abzuschießen und dies als Unrecht zu empfinden? Wie geht man damit um, an jedem Tag sein Leben für die Diktatur eines »Wahnsinnigen« verlieren zu können?

Im Heimaturlaub schlug sein Vater vor zu desertieren, mit seinem Pass und den Offizierspapieren in die sichere Schweiz zu fliehen. »Nein, das kann ich meiner Besatzung nicht antun«, erwiderte der Sohn. Er fühlte sich verpflichtet, das Boot heil zurückzubringen.

Oskar Kusch kehrt zurück. Am 2. Oktober 1943 läuft »U-154« zur sechsten Feindfahrt aus, Kurs Brasilien. Inzwischen sind die Alliierten deutlich überlegen durch neuartige Sichtfunkpeiler, Radargeräte und Schiffe im Einsatz. Zudem hat die Royal Navy den Schlüssel der deutschen Funkcodes geknackt. Eine Hetzjagd beginnt.

287 deutsche U-Boote werden 1943 versenkt, die meisten Feindfahrten sind Selbstmordkommandos. »Eiserne Särge« nennt man die Boote. »Wir hatten 16-Jährige an Bord, in einer Art Schnellbrütverfahren frontreif gemacht, um auf eine der fürchterlichsten Weisen vom Leben zum Tode befördert zu werden«, erinnerte sich Lothar-Günther Buchheim, der als Front­berichterstatter auf »U-96« mitfuhr und die Romanvorlage für den Film »Das Boot« schrieb. »Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass es in Todesnachrichten von U-Boot-Fahrern hieß, sie seien gefallen. Sie sind abgesoffen, ersäuft wie überzählige Katzen im Sack.«

Aus Furcht vor Meutereien gibt Großadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Marine, im Herbst 1943 einen »Erlass gegen Kritiksucht und Meckerei« heraus: »Meckerer, die offen ihre eigene kümmerliche Einstellung auf Kameraden (...) übertragen, sind wegen Zersetzung der Wehrkraft unerbittlich kriegsgerichtlich zur Verantwortung zu ziehen.«

Was Kusch unternimmt, hat mit Meckern nichts zu tun. Es ist eine Serie offener Provokationen.

»Zusatz vom Kommandanten: Das ist natürlich verlogener Nazikohl«

Oskar Kusch an die Besatzung

Tagelang spricht er nur Englisch, auch bei Befehlen zum Auf- oder Abtauchen. Aus den Lautsprechern scheppern BBC-Nachrichten. Fast täglich hebt er zu Wutreden an. Hitler: ein »elender Spinner«, »Wahnsinniger«, »Teppichbeißer«! Der Krieg: ein Verbrechen, alleinige Schuld der Deutschen! Die Lage der U-Boot-Waffe: lachhaft! Als Dönitz per Funk Durchhalteparolen schickt, um die Moral der Mannschaften zu stärken, greift Kusch zum Mikrofon und kommentiert über die Lautsprecher: »Zusatz vom Kommandanten: Das ist natürlich verlogener Nazikohl.«

»Was er sagte, war von selbstmörderischer Offenheit«, schreibt Schiffsarzt Hans Nothdurft später in einer eidesstattlichen Erklärung. Jede Mahlzeit nutzt Kusch für seine »Erziehung zur Wahrheit«. Die glühenden Hitler-Verehrer Abel und Druschel sind überzeugt, dass der Kommandant eine Desertion plant. An Bord gibt es einige Pistolen für Krisensituationen. Druschel verändert eine Liste, damit nur Männer, die er für regimetreu hält, eine Waffe in die Hand bekommen.

Die Bedingungen an Bord werden schwieriger: 48 Männer leben auf dem 76,76 Meter langen und 6,76 Meter breiten Boot zusammen. Wer seine Koje in Maschinennähe hat, findet bei knapp 50 Grad Hitze kaum Schlaf; der Lärm der Dieselmotoren betäubt die Ohren. Wochen ohne Sonnenlicht vergehen, ohne Frischluft, es stinkt nach Öl und Schweiß, in der Luft hängt ein klebriger Dunst. Viele spüren, wenn das Boot tagelang nicht aufgetaucht ist, beim Atmen Schmerzen in der Brust.

Dass niemand die Nerven verliert, liegt auch am Vertrauen in Kommandant Kusch, der die Lage durch das Sehrohr sieht und entscheidet. Am 3. November 1943 entdeckt »U-154« 100 Seemeilen von Kap Sao Roque einen Geleitzug der Alliierten; den Konvoi von etwa 15 Dampfern sichern zwei Fregatten, kleinere Kriegsschiffe und ein Luftschiff. Kusch beschließt, die Verfolgung aufzunehmen und im Schutze der Nacht einen Angriff zu wagen.

Um mit dem Begleitzug mitzuhalten, fährt »U-154« an der Oberfläche. Um 17.57 Uhr stößt plötzlich ein Flugboot vom Typ »Catalina« durch die Wolken und feuert aus Maschinengewehren, Wasserbomben schlagen ein. Kusch gelingt ein Ausweichmanöver. Das Boot erzittert stark, es knirscht und knallt, an einigen Nähten dringt zischend Wasser ein.

Der Stellvertreter bebt vor Wut

Der Kommandant aber behält die Ruhe. Statt zu tauchen, lässt er mit der Flak bis zur letzten Sekunde zurückschießen – was vermutlich allen das Leben rettet. Die nächsten Bomben des Flugboots treffen nicht zielgenau. Als »U-154« abtaucht, verliert der Flieger den Kontakt, zieht aber wie ein Raubvogel seine Kreise am Himmel.

Kusch entscheidet, ins vorgesehene Einsatzgebiet zu laufen, weil sie nach der Entdeckung kaum noch eine Angriffschance haben und dicht an der Küste ins Visier der Luftüberwachung geraten würden. »Die Verfolgung erscheint aussichtslos«, schreibt er ins Kriegstagebuch und gibt Order, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu tauchen. »Wir waren alle froh darüber, denn ein Auftauchen wäre das sichere Verderben gewesen«, schrieb der Funkmaat Kurt Isensee nach Kriegsende in einem Brief an Kuschs Vater.

Der überzeugte Nationalsozialist Abel jedoch verlangt, nach Augenzeugenberichten vor Wut zitternd, einen weiteren Angriff. Das gebiete der Stolz eines deutschen Marineoffiziers. Trotz des Flugzeugs am Himmel, trotz Tageslichts und obwohl ihre Präsenz nun bekannt ist. Man verfüge, so argumentiert er, über neuartige Torpedos, die sich selbstständig an den Schiffsschraubengeräuschen ausrichten – man müsse also nicht mal genau zielen.

»Das größte Kriegsschiff im Geleit wird unsere Beute sein«, sagt Abel scharf, »verstehen Sie das nicht?«
»Und die kleineren stürzen sich auf uns, und aus der Ferne werden wir von der Artillerie versenkt«, erwidert Kusch.

Obwohl Abel und Druschel auf ihn einreden, lässt sich Kusch nicht umstimmen. »U-154« läuft nach Norden und kreuzt in den nächsten Wochen vor der Küste Brasiliens, ohne ein Handelsschiff zu sichten. Am 29. September gibt Kusch Befehl zur Heimreise. Vier Tage vor Weihnachten 1943 läuft das Boot in Lorient ein.

Bei der Rückkehr verhaftet

Auf drei Schreibmaschinenseiten, eng getippt und aufgeteilt in elf Schuldvorwürfe, denunziert Abel seinen Kommandanten am 12. Januar 1944. Das Abhängen des Hitler-Porträts aus der Messe, die Hitler-Beleidigungen, die Bandwürmer, die Warnungen vor der NS-Propaganda und die Bemerkung über »Nazikohl« – Abel schreibt: »Ich halte ihn für unfähig, ein U-Bootskommandant zu sein.«

Das Flottillenkommando leitet Ermittlungen wegen »Zersetzung der Wehrkraft, Beschimpfen des Reichs und sogenannter Gräuel-Propaganda« ein. Kusch ist im Fronturlaub mit seiner Verlobten im österreichischen Zürs. Er wird telefonisch zurück nach Lorient beordert; er ahnt nichts vom Verrat, sondern vermutet, dass sein Boot schneller als erwartet seefertig geworden ist.

Am 20. Januar verhaften ihn Polizisten am Bahnhof von Lorient; Kusch wird ins Gefängnis von Angers eingeliefert und dann nach Kiel transportiert, ins Marinegefängnis im Stadtteil Wik. Der Mannschaft von »U-154« erzählt Druschel, ihr Kommandant sei ernstlich erkrankt.

Mehrere Vorgesetzte Kuschs versuchen, Abel unter Druck zu setzen, seine Meldung zurückzunehmen oder zu mildern. Doch der ergänzt sie um drei weitere Punkte, darunter »Mangel an An­griffsgeist aus Feigheit« – ein Vorwurf, um Kusch die Ehre zu nehmen. Nun ist die Zeit seiner Rache gekommen.

26. Januar 1944, Niemannsweg in Kiel: In der Villa Forsteck beginnt um neun Uhr die Verhandlung des Kriegsgerichts. Vorsitzender ist Marineoberkriegsgerichtsrat Karl-Heinrich Hagemann, bekannt als fanatischer Anhänger des »Dritten Reichs«. Mehrere Rechtsanwälte haben sich geweigert, Kusch zu vertreten, aus Furcht vor Repressalien. Doch Kuschs Freunde gewinnen den Kieler Gerhard Meyer-Grieben als Rechtsbeistand. Der heimliche Sozialdemokrat hat kaum 24 Stunden Zeit, sich in die Akten einzulesen.

Zumindest den Vorwurf der Feigheit entkräftet ein Gutachten. Dem Geleitzug nachzusetzen, wäre zwar wünschenswert gewesen, befindet der Sachverständige, hält es aber für nicht gerechtfertigt, aus Kuschs Handlungen einen Mangel an Mut und Einsatzbereitschaft abzuleiten.

Kommandant vor dem Tribunal

Die Beweisaufnahme eröffnen die Aussagen des Zeugen Abel. Was in den folgenden Stunden geschieht, ist nicht ganz so widerlich wie ein Prozess an Roland Freislers »Volksgerichtshof«, hat jedoch mit der Sprechung von Recht nichts zu tun. Abel und Druschel bestäti­gen ihre Aussagen und beschuldigen Kusch – so erinnern sich Beobachter – genüsslich und ausführlich in allen Anklagepunkten; Druschel will sogar erfahren haben, dass Kusch plane, sich an einem Umsturzversuch in Berlin aktiv zu beteiligen.

Schiffsarzt Nothdurft hingegen windet sich »wie ein Regenwurm«; offenbar fürchtet er, wegen regimekritischer Äußerungen selbst angeklagt zu werden. Der Doktor gibt an, es könne sich aus ärztlicher Sicht um eine »zwanghafte Handlung« durch die extremen Lebensumstände an Bord handeln. Soll sein Versuch, Kusch in die Nähe eines Geisteskranken zu rücken, dem Angeklagten einen Notausgang öffnen? Möchte er damit die eigene Rolle relativieren?

Kaum zu Wort kommen zwei Entlastungszeugen, die als hochrangige Marineoffiziere die moralische Integrität des Angeklagten herausstellen sollen. Der Richter fällt Meyer-Grieben so oft ins Wort, dass der Anwalt kaum einen zusammenhängenden Satz vorbringen kann. Kusch belastet auch ein Fernschreiben der Gestapo-Leitstelle in Berlin, dass er wegen regimefeindlicher Tendenzen bereits vor seiner Marinezeit überwacht wurde.

Es ist kein Verfahren, sondern ein Tribunal. Kusch macht selbst dann einen gefassten Eindruck, als der Anklagevertreter auf eine Gesamtstrafe von »zehn Jahren und sechs Monaten Zuchthaus sowie Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte« plädiert. Der ehemalige Kommandant macht einige Aussagen, um seinen Widerstand zu relativieren; es handele sich um »Missverständnisse«. Aber oft schweigt er.

Kusch entschuldigt sich nicht, bedauert nicht, sagt nichts zur »Diagnose« des Schiffsarztes. Er verzichtet auf das letzte Wort, das ihm zusteht. Sein Anwalt stellt keinen eigenen Antrag auf ein Strafmaß. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Nach kaum einer halben Stunde, kurz nach 18 Uhr, verliest Richter Hagemann das Urteil:

»Im Namen des Deutschen Volkes: Der Angeklagte wird wegen fortgesetzter Zersetzung der Wehrkraft und wegen Abhörens von Auslandssendern zum Tode und zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Daneben wird auf Verlust der Wehrwürdigkeit und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit erkannt.«

Briefe an die Mannschaft von »U-Sonnenschein«

Ein Todesurteil? Selbst der Anklagevertreter wirkt perplex. Der schriftlichen Begründung zufolge soll Kusch sterben, weil er nicht an den »Endsieg« glaube, »Hochverrat am Führer« begangen habe und seine »liberalen Tendenzen« nicht hinnehmbar seien.

Reichsmarschall Hermann Göring bestätigt das Urteil. Kusch wartet in einer Kieler Zelle auf die Vollstreckung. Er schreibt kein Gnadengesuch, dafür einige Briefe an Freunde und Untergebene von »U-Sonnenschein«, wie er sein Boot wegen der guten Stimmung nennt. Seine Briefe werden wegen »bedenklichen Inhalts« nicht zugestellt.

Kusch zeichnet, auch einen Sensenmann, gegen den ein Verzweifelter Schach spielt. Er nennt das Bild: »Schachmatt«. Die Bitte, seine Verlobte ein letztes Mal sehen zu können, erfüllen die Behörden. Inge von Foris besucht ihn für wenige Minuten in der Zelle, obwohl sie Repressalien durch die Gestapo fürchten muss. Ein Brief, den ihr Bruder, Leutnant Henning von Foris, an Kusch schreibt, kommt mit einer Warnung zurück, jeden Kontakt zu vermeiden. Andernfalls werde man »weitere Maßnahmen« ergreifen.

Ehemalige Vorgesetzte Kuschs versuchen, Großadmiral Dönitz zu einem milderen Strafmaß zu bewegen; einer erschleicht sich dafür sogar eine Begleitung bei einer Autofahrt von Frankreich nach Berlin. Dönitz aber verlangt, dass ein Exempel statuiert wird.

Am Morgen des 12. Mai 1944, um exakt 6.30 Uhr, wie im Hinrichtungsprotokoll vermerkt ist, führt man Oskar Kusch, der einen Drillichanzug trägt, auf den Richtplatz des Schießstandes in Kiel-Holtenau und bindet ihn an einen Pfahl. Zehn Soldaten treten an, fünf Schritte entfernt. »Gewehr über!«, befiehlt der leitende Offizier. Ein Richter verliest die Urteilsformel und die Bestätigung.

»Verurteilter, wollen Sie noch etwas sagen?«, fragt er.
»Nein«, antwortet Oskar Kusch.

Ein Marinepfarrer segnet den Verurteilten. Das Exekutionskommando hebt die Gewehre. Um 6.32 Uhr hallen zehn Schüsse über den Hof.

»Man kann sagen: Oskar Kusch wurde ein zweites Mal zum Tode verurteilt«

Historiker Heinrich Walle

Am Tag darauf wird Oskarheinz Kusch per Formschreiben die Vollstreckung des Todesurteils mitgeteilt. Ihm wird untersagt, eine Todesanzeige oder einen Nachruf für seinen Sohn zu veröffentlichen. Ein Jahr nach Kriegsende erstattet er Anzeige wegen Mordes, unter anderem gegen Marineoberkriegsgerichtsrat Hagemann, den Führer des Exekutionskommandos sowie Großadmiral Dönitz.

Denunziant Abel wurde bei einem Luftangriff auf sein U-Boot getötet. Druschel starb an Bord von »U-154«, am 3. Juli 1944 nahe Madeira durch Wasserbomben amerikanischer Zerstörer.

Die Staatsanwaltschaft Kiel erhebt gegen Hagemann Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in zwei Fällen; neben Kusch hatte er einen weiteren Kapitänleutnant zum Tode verurteilt. Vor dem Landgericht sagt Hagemann aus, er stehe zu seiner Entscheidung – und wird im September 1950 freigesprochen.

Politische Motive seien nicht zu erkennen, heißt es im Urteil, dafür aber ein militärisches Versagen Kuschs. »Ein unglaublicher Vorgang«, sagt der Historiker Walle, »Kusch wurde noch einmal kriminalisiert. Man kann sagen: Er wurde ein zweites Mal zum Tode verurteilt.«

Heinrich Walle stieß zufällig auf den Fall Kusch. Er forschte jahrelang intensiv in Archiven, suchte Zeitzeugen auf, trug Akten zusammen. Was der ehemalige Fregattenkapitän wissenschaftlich publizierte, veranlasste eine FDP-Abgeordnete im Kieler Landtag, die Aufhebung des Todesurteils zu beantragen. Im September 1996 rehabilitierte die Kieler Staatsanwaltschaft den Kommandanten Oskar Kusch.

Endlich. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Hinrichtung.