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13. Januar 2011, 12:32 Uhr

Udo Lindenberg in der DDR

Ein kleiner Riss in der Mauer

Acht Jahre hatte er gebaggert, dann durfte Udo Lindenberg im Oktober 1983 endlich in der DDR auftreten. TV-Moderator Reinhold Beckmann begleitete den Rocker damals als Kameraassistent, und erlebte die Propagandainszenierung der SED hautnah mit. Auf einestages erinnert er sich an den bizarren Trip in den Osten.

Am 25. Oktober 1983 erlebte ich einen historischen Augenblick: Udo Lindenberg trat das erste Mal in der DDR auf. Ich war damals Kamera-Assistent eines freien TV-Teams aus Köln und wir sollten im Auftrag des WDR über Lindenbergs Konzert im Palast der Republik berichten. Richtig durchschaut habe ich die Zusammenhänge dieses denkwürdigen Abends erst jetzt bei unseren Recherchen für die ARD-Dokumentation „Die Akte Lindenberg: Udo und die DDR“.

Udo Lindenberg hatte Hunderte Menschen auf die Beine gebracht, die vor dem Palast der Republik auf ihn warteten: seine wahren Fans. Doch von ihnen durfte keiner in den Veranstaltungssaal, sie gehörten nicht zu dem gezielt ausgewählten Publikum. Trotzdem ließen es sich nicht nehmen, ihr Idol zu feiern. Nur mit Mühe konnte die Staatsmacht einen Sturm auf den Palast der Republik verhindern.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Stasi offenbar schon, sie war mit einem riesigen Aufgebot vor Ort. Heute weiß ich: Mehr als 1600 von Mielkes Männern waren zur Stelle. Sie interessierten sich offenbar für alles. Auf den Überwachungsfotos der Staatssicherheit konnte ich Jahre später sogar mich, den Kameraassistenten Reinhold Beckmann erkennen.

"Ein mäßiger Schlagerstar aus der BRD"

Udo Lindenberg hatte lange von so einem Auftritt geträumt. Doch die DDR-Funktionäre hielten ihn und sein Panikorchester für ein Sicherheitsrisiko. Schon 1976 war die Stasi mit ihrem Urteil über ihn sehr deutlich. In einem Aktenvermerk heißt es, "dass Lindenberg ein mittelmäßiger Schlagersänger der BRD ist". An solch einer Figur hatte man von Seiten der Partei angeblich kein Interesse.

In Wahrheit fürchteten die Funktionäre seine lockere, frech rotzige Art, die so gar nicht sozialistisch staatstragend wirkte. Aber sie kam unter den Jugendlichen in der DDR bedrohlich gut an. Das wusste die Stasi ziemlich genau wie so beinahe alles, was sich in der Musikszene allgemein abspielte. Udos Schallplatten gehörten im Osten zur begehrten "Bückware". Offiziell waren sie verboten bis Anfang der achtziger Jahre, doch gerade das machte sie noch attraktiver.

Als wir im Oktober 1983 gemeinsam im Auto zum Konzert nach Ostberlin fuhren, hatte sich der politische Wind seit einiger Zeit gedreht. Udo galt längst nicht mehr nur als der populäre Rocker, sondern als eines der prominenten Gesichter der westdeutschen Friedensbewegung. Protestveranstaltungen gegen den Nato-Doppelbeschluss mobilisierten in der Bundesrepublik hunderttausende Demonstranten. Offen sprach sich Lindenberg gegen die Atomrüstung aus und warnte vor der nuklearen Katastrophe. Das machte ihn für die SED-Führung interessant.

Zustimmung von "Honni"

Udo kam dieses unerwartete Interesse entgegen. Er wollte für seine Fans unbedingt eine Tournee durch die DDR ermöglichen und sein erster Auftritt am 25. Oktober sollte dafür die Türen öffnen. Den meisten Genossen bereitete der Gedanke an ein Konzert mit Lindenberg aber Bauchschmerzen. Immerhin hatte er gerade mal ein halbes Jahr zuvor seinen musikalischen "Sonderzug nach Pankow" fahren lassen. Die SED-Oberen fanden den Song wenig schmeichelhaft und waren misstrauisch.

Es bedurfte einer taktisch geschickten Inszenierung, um Udo doch noch als "Friedensengel" den Weg in den Palast der Republik zu öffnen. Großen Anteil daran hatte Michel Gaißmayer, selbst Mitglied der SED in Westberlin und mit besten Kontakten ins Zentralkomitee ausgestattet. Ihm gelang es, den Funktionären die Idee schmackhaft zu machen. Und als Erich Honecker persönlich zustimmte, war alles klar. Offenbar war "Honni" weit weniger über seine Rolle im "Sonderzug nach Pankow" verärgert als manche seiner Parteigenossen.

Wir waren als freies Kamerateam von der ARD gebucht, um Udo nach Ostberlin zu begleiten und ihn nicht aus den Augen zu lassen. Es sollte ein FDJ-Friedenskonzert werden, bei dem Lindenberg nach dem Willen von Egon Krenz mit dem weltweit beliebten Friedensaktivisten Harry Belafonte auftrat. In der damals politisch bewegten Zeit eine Traumbesetzung für die DDR-Führung, die der Konzertmanager Fritz Rau für diesen 25. Oktober auf die Bühne brachte. Später erfuhr ich, dass auch der DDR-Unterhändler Reinhard Heinemann, selbst mehr oder weniger heimlich Udo-Fan, seine Finger im Spiel hatte. Der politische Mensch Lindenberg sollte beim Friedenskonzert auftreten und dafür wurde ihm eine DDR-Tournee 1984 versprochen. Das war der Deal. Aber es sollte ganz anders kommen.

Im Visier der Stasi

Am Tag vor dem Auftritt wirkte der sonst so lässige Lindenberg sichtlich nervös. Durch meinen Job erlebte ich ihn 48 Stunden aus nächster Nähe, nicht nur am Abend des 25. Oktobers. Natürlich gab er sich cool, aber ich spürte, irgendetwas war anders. Die westdeutschen Medien fragten sich: Wie souverän würde er mit der Situation umgehen? Nach acht Jahren intensiver Bemühungen war er endlich am Ziel, aber gleichzeitig auch ein großes Politikum. Er stand im Visier der Stasi, die ihn keinen Schritt unbeobachtet ließ. Das konnten wir damals nur vermuten. Jahre danach bestätigten Akten, wie peinlich genau jede seiner Bewegungen dokumentiert wurde.

Am Nachmittag traf er mit Egon Krenz zusammen, wir waren mit unserer Kamera bei diesem Gespräch unerwünscht. Später berichtete Reinhard Heinemann: "Udo ließ sich auf Smalltalk ein und gewann die Sympathie seines Gesprächspartners." Oder wollte er Egon Krenz und seine Aufpasser nur einlullen? Kurz darauf jedenfalls erlebten wir einen unvergesslichen Moment: Udo entwischte seinen Aufpassern und stand vor dem Palast der Republik inmitten seiner Fans. Auch wir waren kurz unbeobachtet und konnten mit unserer Kamera drehen: Udo, wie er auf den Schultern einer begeisterten Menge gefeiert wird. Er verkündete seinen Fans seinen Tourneevertrag und sie bejubelten Lindenbergs Botschaft: "Leute! Es geht los."

Kurz danach musste Udo auf die angesetzte Pressekonferenz in die Akademie der Künste. Auf dem Gelände vor dem Palast der Republik blieben einige Hundert Menschen zurück, die trotz Absperrungen die Staatsmacht offensichtlich ausgetrickst hatten. Wir drehten weiter, denn die Lage beruhigte sich nicht. Die Kamera wurde uns weggerissen und wir wurden Zeugen einer Situation, die ich so nicht erwartet hatte. Immer mehr Sicherheitskräfte trafen ein. Als die Menge später oben am Fenster der Garderobe die Silhouette von Udo Lindenberg entdeckte, übertönte ihr Geschrei alles: "Wir wollen Udo!"

Opfer der SED-Propaganda?

Es sollte ein bizarrer Abend werden. Draußen legten sich die Lindenberg-Fans mit den Sicherheitskräften an, und im Großen Saal des Palastes der Republik applaudierte artig ein Publikum in Blauhemden. Vor den versammelten FDJlern wurde unter unseren Augen eine Friedensshow inszeniert, während die teilweise brutalen Übergriffe der Staatsmacht vor dem Gebäude nicht festgehalten werden durften. Aus den Akten geht heute hervor, dass 44 Menschen an diesem Abend verhaftet wurden.

Für mich war offensichtlich: Lindenberg und seine Musiker fürchteten jetzt, womöglich für eine Propaganda-Veranstaltung der FDJ benutzt worden zu sein. Vielleicht waren sie zu naiv, jedenfalls hatten sie damit in dieser Form wohl nicht gerechnet. Die Band hatte extra auf Songs wie "Das Mädchen aus Ostberlin" und "Sonderzug nach Pankow" verzichtet. Als Udo sich im Anschluss öffentlich auch für die Abschaffung der SS-20-Raketen aussprach, wurde mir klar, dass er sich nicht verbiegen lassen wollte - immerhin riskierte er mit dieser Äußerung seine in Aussicht gestellte Tournee.

Das Finale des Abends erlebte Udo Lindenberg nicht als Star im Rampenlicht. Ich sah ihn ganz still und in sich gekehrt hinter dem Schlagzeug sitzen. Er hatte sich dort versteckt, während Harry Belafonte mit den anderen Künstlern "We Shall Overcome" sang. Fritz Rau wird später sagen: "Er war in diesem Moment der einsamste Schlagzeuger der Welt."

Als wir an diesem Abend unsere Technik einpackten, wussten wir nicht, dass die versprochene Tournee von Udo in der DDR nie stattfinden würde. Erst nach dem Fall der Mauer wird der Panikrocker in Ostberlin auftreten.

Ich hatte etwas erlebt, was ich erst viel später richtig verstehen konnte. Udo Lindenbergs Musik hatte im geteilten Deutschland 1983 womöglich einen kleinen Riss in der Mauer entstehen lassen.

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