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Überschalljet Concorde: Wo ist das Vögelchen?

Foto: Mario Tama/ Getty Images

Überflieger Concorde Mit Mach 2 und Schampus nach New York

Schneeweiß, superschnell, spitznasig - die Concorde ist eine Legende der Lüfte. Vor 40 Jahren begannen die Linienflüge von Europa in die USA, ihr Luxus verzückte Passagiere. Kommen die Überschalljets zurück?

Ihre Erscheinung: elegant. Ihre Silhouette: markant. Ihr Tempo: rasant. Ihr Durst: frappant.
Die Kosten: Puh! Die Ökobilanz: eine Ferkelei der Fliegerei.

Für ein Vierteljahrhundert galt die Concorde als "Königin der Lüfte", als Fabelflieger von unerreichter Schnelligkeit und Noblesse. Frühere Passagiere schwärmen bis heute vom schneeweißen, schlanken Überschalljet mit den Deltaflügeln und der spitzen Nase, die sich bei Start und Landung um ein paar Grad erdwärts senkte, damit die Piloten besser aus dem Cockpit sehen konnten. Rein wirtschaftlich jedoch war die Concorde ein Irrtum der Luftfahrt: zu teuer, unfassbar laut, immenser Kerosinverbrauch.

Der Linienbetrieb zwischen Europa und den USA startete vor genau 40 Jahren: Am 22. November 1977 schickten Air France und British Airways die erste Concorde von Paris nach New York, fortan verkehrte sie regelmäßig, ebenso zwischen London und New York. Diese Strecken hielten sich am längsten und begründeten auch die Legende vom Lieblingsflugzeug der Stars. "Nichts dokumentiert so sicher den eigenen Status wie die Concorde-Bordkarte", zitierte die "Wirtschaftswoche" in den Neunzigerjahren einen französischen Manager.

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Überschalljet Concorde: Wo ist das Vögelchen?

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Eine wohlhabende Klientel schätzte den Erste-Klasse-Service mit Silberbesteck. "Der Champagner floss, der Kaviar wurde rausgeholt und der kalte Lachs", erzählte die britische Schauspielerin und Concorde-Vielfliegerin Joan Collins (die Superzicke aus "Denver Clan"). Auf der Website flight-report.com dokumentiert ein Passagier seinen Flug mit Fotos: Die Rezepte stammten an jenem Tag vom französischen Sternekoch Alain Ducasse, zur Vorspeise gab es Hummermedaillons und Geflügel-Confit. "Ich fühlte mich wie ein Filmstar", sagte eine Britin der BBC über ihre Concorde-Reise.

Flieger mit Wow-Effekt

Es war nicht der Luxus allein, es war auch das Flugerlebnis. Die Concorde erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 1700 Stundenkilometern, als Spitzentempo sogar 2400 km/h - was mehr als der doppelten Schallgeschwindigkeit entspricht. Damit brach der Jet alle Rekorde. In dreieinhalb Stunden schaffte er die knapp 6000 Kilometer zwischen Paris oder London und New York, am 7. Februar 1996 die Strecke von New York nach London in zwei Stunden und 53 Minuten: schnellste Atlantiküberquerung in der Geschichte der zivilen Luftfahrt.

Die Concorde flog bis zu 18.000 Meter hoch, dort frei von Turbulenzen: "Man hatte überhaupt kein Gefühl der Geschwindigkeit", erzählte Ex-Kapitän John Hutchinson der BBC. Und sie war mehr als doppelt so schnell wie herkömmliche Flugzeuge. Nach Ortszeit kamen Passagiere früher in New York an, als sie Paris verlassen hatten. Beim Benefizkonzert "Live Aid" 1985 konnte Phil Collins dank Concorde erst in London auftreten und wenige Stunden später in Philadelphia.

"Nach diesem Fluggefühl konnte man süchtig werden", erinnert sich Andreas Spaeth. Der Luftfahrtjournalist und "unverbesserliche Concorde-Fan" beschrieb es 2013 in einem einestages-Beitrag so:

"...von den Nachbrennern beim Start in die Sitze gepresst zu werden wie bei einer Rakete. Durch die nur handgroßen Minifenster zu sehen, wie die Erde immer kleiner wurde, bei klarem Wetter aus der Reiseflughöhe tatsächlich die Erdkrümmung zu erblicken - und direkt über dem Flugzeug der pechschwarze Himmel, der Beginn des Weltalls."

Bei aller Fan-Begeisterung ist die Geschichte der Concorde alles andere als die eines Triumphes. Auf dem britisch-französischen Gemeinschaftsprojekt lag schon in den vielen Jahren, die es bis zum Linienverkehr-Start brauchte, kein Segen. Ideen für ein Überschall-Passagierflugzeug gab es, seit die ersten Piloten die Schallmauer durchbrochen hatten. 1962 schlossen die Regierungschefs Harold Macmillan und Charles de Gaulle ihren Überschall-Pakt; Flugzeugspezialisten beider Länder sollten den Jet der Extraklasse entwickeln und später je die Hälfte bauen.

"Sie haben Flammen hinter sich!"

Die ersten Prototypen starteten 1969. Die Briten und Franzosen meldeten mehr als 70 Vorbestellungen und rechneten mit dem Verkauf von gut 200 Flugzeugen. Doch dann kam die Ölkrise, und 1973 verbot die US-Luftfahrtbehörde zunächst Überschallflüge über den USA. Denn die Concorde war höllisch laut und dreckig, der gigantische Treibstoffdurst ihr größtes Problem: Alles an diesem Flugzeug hatten die Konstrukteure auf Tempo getrimmt, in die schmale Röhre passten nur maximal 128 Passagiere. Der Spritverbrauch pro Fluggast betrug das Vierfache eines Jumbos.

Die Zweifel an der Concorde wuchsen, Fluggesellschaften zogen ihre Bestellungen zurück. Dennoch begannen die ersten kommerziellen Flüge am 21. Januar 1976. Als dann der Oberste Gerichtshof das Landeverbot in den USA kassierte, war die Piste frei für die Linienflüge zwischen Europa und Amerika. Großbritannien und Frankreich hielten am Prestigeprojekt fest, die Steuerzahler kamen dafür auf.

Video (2010): SPIEGEL TV über den Concorde-Absturz

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Trotz der enormen Betriebskosten flog die Concorde noch lange weiter. Den Anfang vom Ende bedeutete ein Absturz am 25. Juli 2000: Ein Metallteil auf der Startbahn des Pariser Flughafens zerfetzte einen Reifen einer mit 115.000 Litern Kerosin vollgetankten Air-France-Maschine, ein Gummibrocken beschädigte auch den Tank, der entzündete Treibstoff bildete eine riesige Fackel. "Concorde 4590, Sie haben Flammen hinter sich!", meldete ein Fluglotse dem Piloten.

Das Flugzeug war zu tief und zu langsam, es zerschellte nach zwei Minuten an einem Hotel. Alle 109 Menschen an Bord starben, zudem vier Hotelangestellte. Unter den Opfern waren 96 Deutsche - die meisten auf dem Weg nach New York, um an einer Karibik-Kreuzfahrt teilzunehmen. Eine deutsche Reederei hatte den Flug gechartert.

Comeback der Supersonic-Jets?

Mit verbesserter Sicherheit flogen die Überschalljets danach wieder, aber nicht mehr lange. Auf die Katastrophe von Paris folgte die Luftfahrtkrise nach dem 11. September 2001, die Betriebs- und die Wartungskosten waren ohnehin gigantisch. 2003 war Schluss. Mit der Concorde verschwinde auch "ein Teil der Romantik der Luftfahrt", sagte British-Airways-Chef Rod Eddington damals.

Bei einem der Abschiedsflüge war Concorde-Fan Andreas Spaeth wieder an Bord: als eine Maschine von Paris nach Karlsruhe flog. Ende Juni 2003 landete Nummer 207 zum letzten Mal und ist seitdem im Technikmuseum Sinsheim ausgestellt.

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Die Concorde ist ein faszinierendes Stück Fluggeschichte - aber auch ein Milliardenflop, und der Treibstoffverbrauch ist mehr denn je ein zentraler Faktor für Airlines. Seit dem Ende dieser Ära lassen immer wieder Pläne für einen Überschall-Nachfolger aufhorchen. So kündigte 2013 der britische Milliardär Richard Branson einen superrasanten Kleinflieger an, eine Art Spin-off eines seiner geplanten Raumschiffe für den Flugverkehr. 2015 wollte der "Club Concorde" mit etlichen früheren Piloten ihr Lieblingsflugzeug als Chartermaschine erneut starten lassen.

Inzwischen gibt es in den USA rivalisierende Ideen für ultraschnelle Passagierflugzeuge. Die Nasa arbeitet am "X-plane", das der Rüstungskonzern Lockheed Martin entwickelte und bereits als Miniversion im Windkanal getestet wurde. Und das US-Unternehmen Boom will 2023 einen Überschalljet mit 55 Sitzen in den Linienverkehr schicken, schneller noch als die Concorde und deutlich effizienter.

76 Bestellungen habe man bereits eingesammelt, sagte Firmengründer Blake Scholl im vergangenen Juni. Ein kleinerer Prototyp soll bereits 2018 abheben - sein Name: "Baby-Boom".

Mit Material von dpa
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