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Geheimes Staatsfernsehen: Video-Spitzel am Alexanderplatz

Foto: Peter Wensierski

Geheimes Staatsfernsehen Video-Spitzel am Alexanderplatz

Die erste flächendeckende Videoüberwachung in Deutschland wurde in Ost-Berlin und Leipzig aufgebaut. Die wenigen erhaltenen Aufnahmen zeigen eine beklemmende Atmosphäre - aber auch den Mut von Demonstranten im Herbst 1989.

Eine meiner Stasiakten ist wegen einer besonderen Schandtat eröffnet worden, die ich als 19-jähriger Schüler zu Besuch in Ost-Berlin beging. Am Ende eines Fußgängertunnels pappte ich im Vorbeigehen auf die Glasscheibe einer Überwachungskamera einen Anti-AKW-Aufkleber. Spontan und unbedacht, aber nichts passierte. Über ein Jahrzehnt später erfuhr ich in der Stasi-Akte den Grund: Die unsichtbaren Überwacher hinter der Kamera konnten zwar nichts mehr auf ihrem Monitor erkennen, aber sie trauten sich nicht aus ihrem Beobachtungsraum heraus. Die beiden Offiziere hätten mich gern auf frischer Tat gestellt, doch sie mochten sich in ihrem Versteck hinter der Kamera "nicht dekonspirieren", wie sie frustriert in der Akte niederschrieben.

An die meisten Kameras in Ost-Berlin kam man nicht so einfach heran. Sie waren an den Dachkanten von Gebäuden montiert oder starrten von eigens errichteten, hohen Masten herab. Ihre dicken Objektive schwenkten und zoomten unaufhörlich und wollten den Eindruck erwecken, sie seien die alles durchdringenden Augen einer Macht, der nichts entgeht.

Kameras unentwegt drauf

Immer mehr Kameras wurden untereinander vernetzt und ihre Bilder permanent ausgewertet. Die Herrschenden in der DDR waren geradezu zwanghaft kontrollbesessen. Demonstrative Aktionen aller Art sollten schon im Keim erstickt werden, vor allem wenn westliche Touristen oder Reporter auf Straßen und Plätzen etwas davon mitbekommen könnten. Nichts fürchtete die SED-Regierung mehr als öffentliche "Zusammenrottungen".

Darum ließ das DDR-Innenministerium zusammen mit dem Ministerium für Staatssicherheit Anfang der Achtzigerjahre das "Operative Fernsehen" aufbauen. Es ging um eine Kombination der fest installierten Außenkameras mit am Boden beweglichen Kamerateams der Stasi. Diese mobilen Überwachungsteams tauchten in der Endphase der DDR bei größeren Widerstandsaktionen und Demonstrationen überall auf. Sie hielten ihre Kameras unentwegt auf die Teilnehmer drauf, ähnlich wie die Polizei im Westen Demonstranten filmte. Aufnahmen eines solchen mobilen Teams von den Unruhen am Brandenburger Tor gibt es in Bye-Bye DDR auch an dieser Stelle zu sehen.

Leider scheinen die meisten Videoaufzeichnungen des "Operativen Fernsehens der DDR" von Demonstrationen (etwa in Leipzig) im Herbst 89' verschollen zu sein. Die hier gezeigten Aufnahmen vom Alexanderplatz gehören zu den wenigen, die erhalten sind.

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Ziel der DDR-Geheimpolizei war, in Kombination mit fest installierten Kameras eine erste flächendeckende Videoüberwachung in Deutschland zumindest in den Zentren von Leipzig und Berlin aufzubauen, jener Städte, die in besonderer Weise Schaufenster zum Westen und in den Achtzigerjahren Schauplatz der meisten Protestaktionen waren. Zur Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse kamen West-Besucher und Journalisten aus aller Welt. Dank des geheimen Staats-Fernsehens konnte sich die SED-Spitze im September und Oktober 1989 in Ost-Berlin sogar Live-Bilder der ersten Montagsdemonstrationen anschauen. Egon Krenz lud am 16. Oktober sogar Stasi-Chef Erich Mielke und Staatschef Erich Honecker dazu ein.

Alexanderplatz zog magisch an

In Berlin konzentrierte sich das "Operative Fernsehen" jahrelang auf die Gegend rund um den Alexanderplatz, den Touristenschwerpunkt der Ost-City. Hier war nicht nur die Weltzeituhr ständiger Ort von Verabredungen, hier lagen verdächtige Bars und Cafés wie die "Tute" (eigentlicher Name "Posthorn"). Dort hingen Punks ab, Kontakte zwischen Ost und West wurden geknüpft. Die "Tute" wurde deswegen später geschlossen und in eine Würstchenbude umgebaut. Bei FDJ-Jugendfestivals flanierten Tausende von Teilnehmern adrett in ihren Blauhemden über den "Alex". Punker und andere "negativ-dekadente" junge Leute waren im Zentrum der Stadt unerwünscht.

Wenn sich zu viele von ihnen etwa am Rand des "Brunnens der Völkerfreundschaft" hinsetzten, wurde dies von den Kameras sofort entdeckt. Kurz darauf kamen, über Funk gerufen, scheinbar zufällig, zwei, drei Volkspolizisten vorbei, die sie kontrollierten und ihnen Platzverbot erteilten.

Der Alexanderplatz zog in seiner langen Geschichte traditionell viele von der Obrigkeit unerwünschte Akteure an. Hier fanden sogar Aktionen von DDR-kritischen politischen Gruppen aus dem Westen statt. Ob Greenpeace, Maoisten, Trotzkisten, die Grünen oder verzweifelte Ausreisewillige - es existierte kein anderes Zentrum in der Hauptstadt, das besser geeignet gewesen wäre, Flugblätter zu verteilen oder Transparente hochzuhalten.

Stützpunktsystem wurde ständig erweitert

Für alle Passanten sichtbar wurden darum immer mehr Kameras auf alle "operativ" interessanten Punkte gerichtet. In Leipzig gab es einzelne Kameras sogar im Szenekiez Connewitz, in Berlin standen einige im Prenzlauer Berg. Allein am Bahnhof Friedrichstraße wuchs ihre Zahl auf 400. Dort häuften sich die versteckten "operativen Leitstützpunkte", die Spitzel gab diesen Namen wie "Kammer", "Verlag", "Bogen" oder "Handel".

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Auch die Eingänge wichtiger Hotels waren so stets im Blickfeld. Im "Metropol" hatte die MfS-Hauptabteilung VIII im Zimmer 307 gar eine ganze Monitorwand fest eingebaut.

Die einzelnen Stützpunkte waren Teil eines ganzen Netzes geheimer Standorte. Kameras überwachten auch jenseits des Zentrums Orte, egal ob "Außenstelle des Walzlagerwerkes", "Keramische Werke Hermsdorf", "VEB Chemianlagenbaukombinat" oder das "Ingenieurbüro für Rationalisierung". Das "Stützpunktsystem" wurde ständig erweitert. Ein interner Stasikatalog schwärmt von der Besonderheit bei jeder Kamera: "Fensterblick auf die Schönhauser Allee - Passanten!" oder "Gute Sicht bis Kreuzung Ecke Holzmarktstraße" und "Fenstereinsicht Schliemannstraße" oder "Fenstersicht Invaliden und Ackerstraße".

Volkspolizei und MfS arbeiteten Hand in Hand

Durch Heranzoomen konnten sogar Portraitaufnahmen gemacht werden. Nichts sollte Volkspolizei und Staatssicherheit entgehen. In einem 100 Meter langen ehemaligen Straßenbahntunnel lag eine Schaltzentrale des "Operativen Fernsehens". Zu dem verborgenen Raum führten verschiedene Eingänge, etwa eine Stahlluke am Bebelplatz. Der unterirdische Eingang war elektronisch gesichert und von außen kaum erkennbar. Ein weiterer Überwachungsraum war in der Liebknechtstraße, dort kamen auf den Monitoren sämtliche Bilder aus Berlin und Leipzig an. Von hier aus gingen weitere direkte Leitungen zur Zentrale der Volkspolizei in der Wadzekstraße, zum MfS in der Normannenstraße und zum DDR-Innenministerium.

Die komplette Technik hatte man über Tarnfirmen im Westen beschafft, die Kameras von Grundig, die digitale Steuerung, Bildverstärker und Leitungen von der dänischen Firma "Video Technik APS".

Trotz der offensichtlichen Video-Überwachung kamen nach der Wahlfälschung vom 7. Mai 1989 regelmäßig Demonstranten auf den Alexanderplatz, um dagegen zu protestieren. Überwachungsvideos zeigen, wie Volkspolizei und MfS Hand in Hand arbeiteten, um auf dem Platz Menschen zu verhaften, Demonstrationen zu verhindern und Westjournalisten fernzuhalten.

Die alten Anlagen funktionierten Anfang 1990 noch immer, sie wurden sogar weiter genutzt, um politische Kundgebungen zu beobachten, von denen es von August 1989 bis April 1990 immerhin 3115 in der gesamten DDR gab. Weil sich die Beobachtungskameras immer noch bewegten, kam es zu Nachfragen am "Zentralen Runden Tisch". Sowohl DDR-Innenminister Lothar Ahrendt als auch sein Vorgänger Friedrich Dickel täuschten ganz bewusst die Öffentlichkeit, als sie dort erklärten, die Videokameras würden "nur zur Verkehrsüberwachung" benutzt.

Nur "Verkehrsüberwachung"

Ich erhielt die hier gezeigten Videos bei einem Besuch in der Schaltzentrale des "Operativen Fernsehen" kurz nach dem Mauerfall. Oberleutnant Jörg Bachmann, den ich als Leiter des "Operativen Fernsehens der DDR" im versteckten Schaltraum nach dem Durchqueren endlos scheinender Gänge antraf, wich Nachfragen aus und sprach erneut nur von "Verkehrsbeobachtungen". An der Wand war eine beleuchtete Übersichtskarte, die aktuell überwachte Stadtgebiete anzeigte. Dicke Kabelstränge und beeindruckende Verteilerschränke waren zu sehen, dahinter flimmerten etwa 40 Monitore. Der ebenfalls anwesende Oberstleutnant Günther Singer, Leiter der Volkspolizei-Abteilung "Nachrichten" gab immerhin zu, dass die Stasi "zeitweiliger Mitbenutzer" der Videobilder war.

Am Steuerpult des Schaltraums fiel mir ein altgedienter Uniformierter auf. Er saß stoisch vor den Beobachtungsmonitoren, mit der einen Hand bewegte er den Joystick zur Steuerung des Kameras rund um den Alex, in der anderen hielt er ein Pausenbutterbrot. Ein Henkelmann stand in seiner Reichweite. "Eine Arbeit", sagte er zu mir, "wie jede andere."

Mitarbeit: Nicola Kuhrt

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