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Verschobener Ort: Westernstadt auf Wanderschaft

Foto: Colliers Magazine

Verschobener Ort Westernstadt auf Wanderschaft

Sie machten Immobilien mobil: Um ihren Gläubigern zu entkommen, griffen die Bürger von Ulysses, Kansas, 1909 zu einer radikalen Maßnahme. Sie zogen um - mit ihrer kompletten Stadt. Pferdefuhrwerke schleppten ganze Häuser, Scheunen und sogar ein Hotel mit 35 Zimmern durch die Prärie.

Der Reporter war völlig aus dem Häuschen: Die "sauberste und ordentlichste Stadt in ganz Kansas" habe er 1911 auf einem Hügel entdeckt. "Schon aus 30 Kilometern Entfernung kann man sehen, wie die makellosen Gebäude in der Sonne glänzen", schwärmte er in seinen Aufzeichnungen, die 1982 in dem Buch "Ghost Towns of Kansas" veröffentlicht wurden. Nicht nur, dass die Straßen "perfekt gesäubert" seien und das Brunnenwasser "wie ein Diamant glitzert" - besonders beeindruckte ihn, wie adrett "jedes Haus, jede Scheune der Stadt weiß oder rot gestrichen" war. Es schien ihm, als sei das kleine Ulysses ein leuchtendes Beispiel uramerikanischen Anstands. Doch das stimmte nicht ganz.

Hätte er zwei Jahre früher auf demselben Hügel gestanden, wäre dort nichts gewesen als Präriegras, das sich träge im heißen Wind von Kansas wiegte. In der Ferne allerdings, etwa fünf Kilometer weiter auf einem anderen Hügel, hätte er eine Stadt ausmachen können, die ihn wohl kaum zu Lobeshymnen animiert hätte: heruntergekommene Wohnhäuser und Scheunen, eine Bank, eine Druckerei, eine Handvoll Läden. Immerhin gab es ein Hotel und ein kleines Opernhaus. Doch hätte der Reporter lange und aufmerksam genug hingeschaut, hätte es ihn wie der Blitz getroffen. Denn er hätte gesehen, wie sich die fernen Häuser langsam auf ihn zubewegten - als wäre eine ganze Stadt auf der Flucht.

Die fliehende Stadt hieß Ulysses. Und das absurde Schauspiel war für sie der einzige Weg, der eigenen Vergangenheit zu entkommen - dem Schlamassel, das ihre Gründer angerichtet hatten.

Wahlkampf mit Auftragskillern

Mehr als zwei Jahrzehnte zuvor waren die Stadtväter im Grant County im Südwesten von Kansas mit großen Siedlertrecks angekommen und hatten 1885 Ulysses gegründet. Doch Siedlungen verschwanden damals oft ebenso schnell, wie sie entstanden waren, und so bemühten sich die Gründer, den kleinen Ort von den umliegenden abzuheben und so sein Überleben zu sichern: Sie ließen für 13.500 Dollar ein massives Schulgebäude mauern. Sie bauten ein Gerichtsgebäude für weitere 8000 Dollar. Vor allem aber ließen sie nichts unversucht, um Ulysses noch 1885 zur Kreisstadt zu machen. Selbst wenn sie dafür Gesetze brechen mussten.

Bei der Wahl zum Sitz des Kreisrats konkurrierte Ulysses mit den Orten Surprise und Cincinnati - und zog harte Bandagen auf: Die Stadtväter, so berichtete das "Kansas Magazine" im Juli 1909, heuerten Revolverhelden an, um Sympathisanten der anderen Bewerber "umzustimmen". Uneinsichtige wurden eingesperrt, entführt oder sogar ermordet. Im Laufe des Wahlkampfes wurden die Feindseligkeiten zwischen Cincinnati und Ulysses so groß, dass ihre Bewohner die jeweils andere Stadt nicht mehr betreten durften.

Wahlentscheidend wurden am Ende allerdings nicht gemietete Killer, sondern eine andere Dienstleistergruppe: professionelle Wähler. Diese zogen damals von Landkreis zu Landkreis, um aufstrebende Städte bei der Wahl zur Kreisstadt zu unterstützen - gegen Bezahlung. Eine Wählerstimme konnte Hunderte Dollar kosten. Und Ulysses kaufte sehr, sehr viele davon.

Eine Stadt macht Gefangene

Die Stadt gewann die Wahl, wenn auch zu einem hohen Preis: Für Gebäude, Revolverhelden und Wahlstimmen hatten die Stadtväter 36.000 Dollar Schulden gemacht. Ein durchaus lohnender Schritt, wie es nach der Wahl schien: Während es mit Cincinnati und Surprise bergab ging, boomte Ulysses. Die Bevölkerung stieg sprunghaft an - binnen weniger Jahre wurde aus der kleinen Holzhaussiedlung eine Stadt mit fast 1500 Einwohnern, sechs Saloons, einem Opernhaus, drei Hotels, 15 Geschäften und etlichen Immobilienmaklerbüros. Das geliehene Geld und die Zinsen zurückzuzahlen, schien angesichts dieser Wirtschaftskraft überhaupt kein Problem.

Doch schon bald begannen die Probleme: 1889 ruinierte eine katastrophale Dürre die Ernte, gleichzeitig verlor Vieh rapide an Wert, viele Banken in der Gegend mussten schließen, die Bevölkerung wanderte ab. Binnen weniger Jahre wurde Ulysses fast zur Geisterstadt: 1893 zählte der Ort nur noch 40 Einwohner und konnte seine Schulden nicht mehr abtragen. Immerhin hatte die missliche Lage einen Vorteil: Die winzige Siedlung hatte Stadtrecht und Stadtrat verloren. Daher hatten die Gläubiger niemanden mehr, von dem sie ihr Geld zurückverlangen konnten.

Eine scheinbar rettende Wendung wurde schließlich zum Todesstoß für die Stadt: Die Landeigentümer begannen, ihre Parzellen in und um Ulysses zu Schleuderpreisen zu verkaufen und lockten so neue Einwohner an, die nichts von der Vorgeschichte des Ortes ahnten. 1908 war die Bevölkerung von Ulysses wieder auf über 100 gestiegen. Der Ort erhielt sein Stadtrecht und den Sitz des Kreisrats zurück. Jetzt sahen die Gläubiger ihre Chance gekommen, die seit Jahren ausgebliebenen Zahlungen einzutreiben: inklusive Zinsen mittlerweile stolze 84.000 Dollar.

Eines Tages im Jahr 1908 - so dokumentierte es Daniel Fitzgerald 1982 in "Ghost Towns of Kansas" - erschien ein Mann namens E.F. Foote in Ulysses. Er war Anwalt, und die Gläubiger hatten ihn angeheuert, um ein Gerichtsverfahren vorzubereiten und zu prüfen, welche Besitztümer man pfänden könnte. Die Bürger fackelten nicht lange: Sie nahmen Foote gefangen und sperrten ihn ein. Und um ganz sicherzugehen, taten sie das Gleiche auch mit allen weiteren Fremden, die das Unglück hatten, sich zur gleichen Zeit in der Stadt aufzuhalten. Das Problem war damit allerdings nicht gelöst: Angesichts der Schulden blieb dem Stadtrat nichts anderes übrig, als die Steuern radikal zu erhöhen. Als die Grundbesitzsteuer um 600 Prozent und die Steuer auf Privateigentum um 362 Prozent stiegen, sahen die Einwohner ihrem Bankrott ins Auge. Es musste etwas geschehen.

Häuser auf großer Fahrt

Bob Wilson war es, der den entscheidenden Vorschlag machte. Wilson hatte mehr Eigentum im Stadtgebiet als jeder andere, und seine Idee, wie man es vor den Gläubigern retten könnte, war so simpel wie absurd: "Ich schlug vor, die Stadt umzusetzen", so Wilson 1970 in den "Ulysses News". Würde die ganze Stadt samt Häusern aus dem Stadtgebiet herausziehen, würde man den Gläubigern zwar den Grund und Boden von Ulysses überlassen - allerdings wäre außer dem Boden selbst dann nichts mehr zum Pfänden dort. Der Plan schien aberwitzig. Aber welche Wahl blieb ihnen schon?

Am 1. Februar 1909 begann der unglaubliche Umzug. "Wir benutzten Gleitkufen und luden die Häuser auf Wagen", erinnert sich Wilson. Die kleineren Häuser wurden komplett verladen, und unter jeder Ecke des Gebäudes wurde ein Pferdefuhrwerk positioniert. Die größeren Häuser wurden zerteilt - das örtliche Hotel mit seinen 35 Zimmern etwa zersägten Helfer in drei Segmente, die nacheinander transportiert wurden. Der Aufwand, die Bauwerke zu bewegen, war gigantisch: Alleine 60 Pferde wurden benötigt, um eine einzelne Sektion des Hotels zu bewegen - einen Hang hinab, durch eine große Mulde und schließlich, rund fünf Kilometer westlich, einen Hügel hinauf zu dem Stückchen Land, das die Einwohner als neuen Standort ihrer Stadt gekauft hatten.

Im Schneckentempo bewegte Ulysses sich Haus um Haus, Stall um Stall, auf sein Ziel zu. Wochen vergingen so, und immer wieder barsten Räder, brachen Kufen, scheuten Pferde und bröckelten Häuser beim Transport auseinander. Der spektakuläre Umzug erregte Aufmerksamkeit: Schaulustige aus dem Umland kamen, um die wandernden Gebäude zu sehen. Bald hieß es, auch die Gläubiger hätten von der Aktion Wind bekommen und bereiteten eine Unterlassungsklage vor. Männer aus dem ganzen Landkreis wurden zur Hilfe gerufen, um den Umzug in größter Eile abzuschließen.

Ein sonderbarer Zwischenfall

Nach drei Monaten war es endlich vollbracht: Entlang einer kleinen Straße standen die Häuser aufgereiht wie zuvor - nur an einem völlig anderen Ort. Die Bürger strichen ihre lädierten Behausungen frisch weiß und rot an und tauften ihre neue Siedlung "New Ulysses". Noch im gleichen Sommer wählte Grant County das neue Ulysses zur neuen Kreisstadt. Eine zweite Blütezeit brach an.

Die Gläubiger hatten weniger Glück: Im alten Stadtgebiet war nichts zurückgeblieben als Trümmer, die Schule und das Kreisamt - auf dem noch immer Dokumente der verschuldeten Gemeinde lagerten. Mit ihnen hätte man möglicherweise doch noch einen Rechtsstreit gegen die Bürger von Ulysses starten können - wäre da nicht dieser merkwürdige Zufall gewesen, wie Bob Wilson erzählt: "Eines Nachts stand das Büro des städtischen Urkundsbeamten plötzlich in Flammen. Alle seine Unterlagen gingen dabei in Rauch auf."

Schien so, als hätten die Bewohner der "ordentlichsten Stadt von Kansas" ihre Sache tatsächlich ganz besonders ordentlich gemacht.

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